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Bettina Lohmann: Effiziente Supervision. Praxisorientierter Leitfaden [...]

Cover Bettina Lohmann: Effiziente Supervision. Praxisorientierter Leitfaden für Einzel- und Gruppensupervision. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2004. 2., unveränderte Auflage. 82 Seiten. ISBN 978-3-89676-877-3. 13,00 EUR, CH: 23,60 sFr.
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Einführung in das Thema, Hintergrund und Autorin

Als Theseus sich auf den Weg macht, ein schwerwiegendes Problem der Athener Außenbeziehungen (wenn auch mit Gewalt) zu lösen, kommt er nicht ohne die Wegweisung der kretischen Königstochter Ariadne aus. Die verliebt sich in ihn und schenkt ihm einen Faden, den er am Eingang des Labyrinthes festknüpfen soll, damit er aus den Irrwegen wieder herausfindet. Das ist, soweit ich sehe, der erste literarisch greifbare "Leitfaden".

Bettina Lohmann legt nun einen weiteren vor: einen Leitfaden, praxisorientiert, der die Effizienz von Supervision gewährleisten soll. Der Akzent liegt auf "konkreten Anregungen für die tägliche Arbeit" von Praktikern (Vorwort). Bettina Lohmann ist freiberufliche psychologische Psychotherapeutin mit Erfahrungen in der stationären Arbeit. Zugleich arbeitet sie als Supervisorin und Dozentin. Sie ist Leiterin der Supervisorenausbildung des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München. Insofern hat dieser Leitfaden die Praxis nicht nur zum Ziel, sondern auch zum Ausgangspunkt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch befasst sich im ersten Teil mit Einzelsupervision, im zweiten mit Gruppensupervision und, als Spezialfall des Gruppensettings, mit Teamsupervision. In der Einführung diagnostiziert Lohmann als Grund für die häufige Unzufriedenheit von Supervisions"kunden" mit dem Beratungsverlauf die Struktur- und Konzeptlosigkeit supervisorischer Arbeit. Sie will mit ihrem Leitfaden beides vorlegen: ein transparentes Konzept und eine nachvollziehbare Struktur. Beides gewinnt sie aus dem "Problemlöseansatz" von D'Zurilla und Goldfried.

Lohmanns Darstellung folgt den Phasen des Supervisionsprozesses, deren erste die "Orientierungsphase" darstellt. Drei Punkte müssen in dieser Phase geklärt werden:

  1. Welches Anliegen hat der Supervisand/die Supervisandin?
  2. Was ist sein/ihr Ziel in dem Beratungsprozess?
  3. Wie lautet sein/ihr Auftrag an den Supervisor?

Dieser Auftrag wird vom Supervisor ausdrücklich (möglichst schriftlich) "quittiert".

Der Orientierungsphase folgt die Problemanalyse - während der sich sowohl das formulierte Ziel als auch der Auftrag an den Supervisor noch ändern können! (Gelegentlich lösen sich sogar die Probleme schon durch die Analyse auf: vgl. S. 35f)

Besteht Konsens zwischen Supervisand und Supervisor dahingehend, dass das Problem hinreichend analysiert ist, geht die Beratung in die Phase der Zielanalyse über. Ist der Zielzustand hinreichend definiert, werden die Mittel erwogen, mit denen das Ziel erreicht werden kann. Seinen Abschluss findet der Prozess in der Rückmeldung des Supervisanden, ob das Ziel auch tatsächlich erreicht worden ist.

Im zweiten Teil des Bandes wird dieses Ablaufschema auf das Gruppensetting übertragen. Gruppensupervision läuft danach so ab:

  • Bericht über Erfahrungen mit den SV-Ergebnissen -
  • Anliegensammlungen -
  • Anliegenauswahl -
  • Erste SV-Sequenz (Orientierungsphase, IST-Zustand, ZIEL-Zustand, Mittelanalyse) -
  • Zweite SV-Sequenz (dto.) -
  • ggf. weitere Sequenzen -
  • Abschluss.

Das Thema Evaluation wird nicht ausgespart, ein "Rückmeldebogen" sichert das Feedback über den Supervisionsprozess. Kollegiale Beratung oder Intervision folgt eigenen Regeln - auch hierfür bietet Lohmann ein Ablaufschema an.

Ein weiteres Setting ist die Teamsupervision, die wieder eine eigene Sensibilität erfordert - das ist Gegenstand des letzten Abschnitts.

Zielgruppen

Die Zielgruppen werden im Vorwort genannt: "Dieses Buch richtet sich in Form eines Leitfadens an Supervisoren, die ihre Tätigkeit durch ein strukturiertes Vorgehen effizienter gestalten möchten. Das am Problemlösemodell orientierte Konzept kann auch eine Hilfestellung für alle therapeutisch und pädagogisch Tätigen bieten, die ihr berufliches Handeln im Austausch mit Kollegen reflektieren." (S. IX)

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Es ist deutlich zu spüren, dass die Autorin über umfangreiche Praxis in Sachen Supervision verfügt. Die zahlreichen Beispiele belegen das ebenso wie die praxisnahe Darstellung des Stoffes. Insofern werden Praktiker hier manche eine Anregung für die eigene Arbeit finden. Andererseits erweist sich die enge Verknüpfung mit der Praxis in diesem Band auch als Problem. Es mag sein, dass ich mich täusche: mein Eindruck ist, dass Lohmann hier viel Material verarbeitet, das in Fort- und Weiterbildungskursen entwickelt wurde und dort auch einen guten Ort hat, weil der Kontext seine eigenen Beiträge zum Thema leistet. Wenn aber dieser Kontext fehlt, liefert sich das Buch einer (auch wissenschaftlichen) Fachöffentlichkeit aus. Die jedoch aber liest das Material anders als Kursteilnehmer/innen. Anders gesagt: Lernprozesse in Ausbildungskursen lassen sich nur schwer in Fachpublikationen abbilden, ohne dass man dabei einem etwas merkwürdigen narrativen Stil erliegt.

Mir fallen die vagen, allgemeinen Formulierungen auf, die sich durch die gesamte Publikation ziehen, ich zitiere einige wenige:

  • "Eines der Hauptprobleme für Supervisoren stellt der Wunsch von Supervisanden dar, Bewertungen zu erhalten." (S. 18) So stimmt das einfach nicht!
  • Oder: "Supervisoren zeichnen sich oft durch die dysfunktionale Kognition aus, alles wissen zu müssen" (S19) - wie "oft"?
  • "Supervisanden antworten häufig auf die Frage..." - wie "häufig"?

Mit solchen allgemeinen Angaben versehene Aussagen sind nicht wirklich verifizierbar und sagen eben wenig aus!

Mich stört auch, wenn das Buch schon mit einer Karikatur beginnt - die aber nicht als Karikatur markiert wird: in der Einführung soll sich der Leser eine Supervisionsgruppe vorstellen, die aber mehr Merkmale eine Kaffeekränzchens als einer Supervisionsgruppe trägt. Auf dieser Negativfolie werden dann die Vorteile eines strukturierten Vorgehens vorgestellt. Ich frage mich, welche Supervisoren Frau Lohmann erlebt, die dermaßen unstrukturiert arbeiten. Wer je eine Supervisionsausbildung genossen hat...

Die Struktur, die Lohmann dann anbietet, finde ich vergleichsweise mager. Der "lösungsorientierte Ansatz", wie er eben noch von Bürgi/Eberhart (vgl. die Rezension) ausführlich und hilfreich dargestellt wurde, wird hier in einer arg "abgespeckten" Version präsentiert - und wirkt dadurch gelegentlich banal: "Auf eine einfache Formel gebracht bedeutet somit Problemlösen, die Analyse des IST- und ZIEL-Zustandes vorzunehmen und die Barrieren aufzuspüren, die ein Individuum oder eine Gruppe daran hindern, den IST-Zustand in den gewünschten ZIEL-Zustand zu transformieren". (S. 5) Ich teile Lohmanns Anliegen sehr, dem Beratungsprozess eine -auch für Supervisanden - nachvollziehbare Struktur zu geben, nur: das, was hier vorgelegt wird, ist zu wenig! Und da es andere, ausführlichere und bessere Arbeiten zu dem Thema gibt, die ebenfalls aus der Praxis stammen und in der Praxis wirken sollen, ist die Frage, welche Bedarf es für eine weitere gab.

Fazit

Die Sache mit Theseus und Ariadne ist schief gegangen. Sie sind nicht glücklich geworden miteinander. Ob es am Leitfaden lag? War er zu dünn?


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 01.02.2005 zu: Bettina Lohmann: Effiziente Supervision. Praxisorientierter Leitfaden für Einzel- und Gruppensupervision. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2004. 2., unveränderte Auflage. ISBN 978-3-89676-877-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2279.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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