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Andreas Kruse: Lebensphase „hohes Alter“

Cover Andreas Kruse: Lebensphase „hohes Alter“. Reife und Verletzlichkeit. Springer (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-662-50414-7. D: 24,99 EUR, A: 25,69 EUR, CH: 31,50 sFr.
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Thema

Die vorliegende Publikation verfolgt das Ziel, das hohe Alter aus zwei Perspektiven zu betrachten – einer Verletzlichkeits- und einer Reife- oder Potenzialperspektive. Es gäbe Belege für das gleichzeitige Auftreten von Verletzlichkeit im körperlichen Bereich einerseits und andererseits in seelischer und geistiger Hinsicht. Es soll ein wissenschaftlich fundiertes Fachbuch sein, was Bezug auf diverse gerontologische Disziplinen nimmt und einen größeren Kreis von LeserInnen erreichen soll.

Autor

Der Autor des Bandes ist Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist neben einem Vorwort in neun Kapitel mit Unterkapiteln unterschiedlicher Länge gegliedert.

In der „Einführung“ wird Altern als ein Prozess beschrieben, der sich im Verlaufe des neunten Lebensjahrzehnts im Übergang vom höheren zum hohen Alter allmählich, fließend und kontinuierlich zeige. Die Zunahme an Beeinträchtigungen auf verschiedenen Ebenen könnten als erhöhte Verletzlichkeit gedeutet werden, was aber nicht gleichbedeutend mit Gebrechlichkeit sei, denn letztere sei Folge ersterer. Verletzlichkeit meint hier die erhöhte Anfälligkeit und Verwundbarkeit sowie das deutliche Hervortreten von Schwächen bei verringertem Potenzial zur Abwehr und Kompensation.

Kapitel zwei „Was ist Alter(n)?“ setzt sich zunächst mit der Gestaltbarkeit des Alternsprozesses auseinander, die von genetischen Grundlagen, der Gesundheit, Offenheit und den sozialen Bedingungen des Individuums beeinflusst werde. Würden die drei häufigsten Todesursachen im Alter (Herz- Kreislauferkrankungen, Tumore, Schlaganfall) reduziert werden, könnte die Lebenserwartung um 15 Jahre verlängert werden (S. 34).

Potenziale des hohen Alters bei der Verarbeitung und Bewältigung von Verletzlichkeit: Introversion mit Introspektion, Offenheit, Sorge, Wissensweitergabe“ ist der Titel des folgenden Kapitels. Die genannten vier Begriffe – Introversion mit Introspektion, Offenheit, Sorge, Wissensweitergabe – sind vier psychologische Konstrukte, die zunächst anhand von verschiedenen – auch künstlerischen Quellen – näher ausgeführt und wissenschaftlich fundiert werden.

Im Kapitel vier „Weltgestaltung im hohen Alter als Ausdruck von Sorge um und Sorge für Andere“ wird das Engagement alter Menschen für andere, das mitverantwortliche Leben im Alter und die Sorge Älterer für andere auf der Grundlage von fünf empirischen Studien thematisiert. So gäbe es neben dem Engagement in Vereinen auch ein sogenanntes „stilles Engagement“ zum Beispiel in der Nachbarschaft, in der Familie etc., das oft unberücksichtigt bliebe. Ein im Alter „gutes“ Leben sei an die Möglichkeit der Teilhabe, also der Zugänglichkeit und aktiven Mitgestaltung des Raumes gebunden (S. 118 ff). Die Angst, aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen zu werden und damit die Bindung zur Welt allmählich zu verlieren, sei im Alter besonders stark, werde das Engagement doch von vielen Älteren als Quelle subjektiv erlebter Zugehörigkeit und Wohlbefinden gedeutet.

Das fünfte Kapitel „Selbst- und Weltgestaltung bei erhöhter Vulnerabilität – Verletzlichkeit, Resilienz, Reifungsmöglichkeiten, Reifungsgrenzen“ setzt sich mit der im Alter primären Aufgabe auseinander, die Verletzlichkeits- mit der Potenzialperspektive zu verbinden. Objektiv gegebene Lebensbedingungen (Bildungsstand, Gesundheitsbildung, Netzwerke, Dienstleistungen etc.) könnten die Verarbeitung und Bewältigung von Verletzlichkeit erschweren oder erleichtern. Dabei komme der Resilienz, der psychischen Widerstandsfähigkeit, besondere Bedeutung zu. Weitere Ausführungen beziehen sich auf die körperliche, kognitive und emotionale Verletzlichkeit (S. 194 ff).

Mit dem Titel „Rahmenbedingungen der gelingenden Verarbeitung und Bewältigung von Verletzlichkeit“ ist das folgende Kapitel überschrieben. Hier werden Rahmenbedingungen angesprochen, die bei der Verarbeitung und Bewältigung von Verletzlichkeiten helfen, das Individuum zu fördern, anzuregen, zu unterstützen und nicht zuletzt zu entlasten (S. 274 ff). Zu berücksichtigen seien auch materielle Ressourcen (Einkommen, Vermögen, Berufstätigkeit) und immaterielle (Bildung, Netzwerke), die sich das Individuum im Laufe seiner Entwicklung angeeignet hat. Weitere Ausführungen beziehen sich auf die Prävention im Sinne von sowohl Verhaltens- als auch Verhältnisprävention, die eine lebenslange Aufgabe darstelle sowie auf soziale Ungleichheiten.

Mit „Demenz“ setzt sich das siebende Kapitel auseinander. Mit hinreichendem hohem Alter sei Demenz ein realistisches Szenario, denn statistisch erkrankt jeder dritte Mann und jede zweite Frau daran, wobei ca. 70 % auf Frauen und 30 % auf Männer entfallen. Demenz wird hier als Oberbegriff für viele, teilweise sehr unterschiedlich verlaufende Erkrankungen, verstanden. Es wird die Hoffnung geäußert, dass die nachfolgenden Kohorten weniger von Demenz betroffen sein werden.

Das vorletzte Kapitel ist der „Verletzlichkeit im hohen Alter – die Sicht der Angehörigen“ gewidmet. Pflege von Angehörigen würde nicht nur als Belastung, sondern als Bereicherung und Erfüllung empfunden. Zentral sei es, einerseits die filiale Krise zu überwinden und andererseits die filiale Reife zu entwickeln (S. 365). Hierbei geht es um die Rollenumkehr zwischen Eltern und Kindern, die in der Regel mit der Bewusstwerdung der eigenen Verletzlichkeit, des Älterwerdens und einer veränderten Rolle des Partners einhergehe.

Das letzte und damit neunte Kapitel beschäftigt sich mit der Thematik „Die Würde im Alter erkennen, anerkennen, lebendig werden lassen – eine Aufgabe von Individuum, Gesellschaft und Kultur“. Zu Beginn des Kapitels wird noch einmal auf die Ziele der Publikation verwiesen – einen Beitrag zur Integration von Verletzlichkeits- und Potenzialperspektive zu leisten, wobei Ältere die Möglichkeit gehabt haben müssen, entsprechende Ressourcen aufzubauen, die eine Entwicklung auch im hohen Alter ermöglichten. Erhöhte Verletzlichkeit sei nicht nur auf personale Prozesse zurückzuführen, sondern auch auf Umwelt und Lebenslage. Im Weiteren wird verdeutlicht, weshalb Reife in differenzierten Bereichen trotz Verletzlichkeit möglich ist. Abschließend wird auf ein Bild Rembrandts (ein Selbstbildnis kurz vor seinem Tod), mit dem das Buch zu Beginn eingeleitet wurde, verwiesen. Es zeigt neben der Verletzlichkeit seines Körpers die tiefe Humanität, die innere Einkehr zu zunehmender Verdichtung von Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen in Lebenswissen und -weisheit.

Fazit

Mit vorliegender Publikation ist Kruse ein unübertreffliches (Lebens-)Werk gelungen, das durch wissenschaftliche Tiefgründigkeit, künstlerische Hervorhebung und Präzision sowie empirische Fundiertheit einfach nur besticht. Es ist von Anfang bis zum Ende anregend, theoretisch höchst begründet, dass es den Leser mitnehmen und begeistern muss. Das Ziel dieses Fachbuches sollte es sein, die Verletzlichkeit mit zunehmendem Alter zu verdeutlichen und gleichzeitig eine weitere mögliche Entwicklung und Reife aufzuzeigen. Dieses Anliegen wurde vollkommen eingelöst genauso wie es gelungen ist, ein weiterer Wunsch des Autors, die theoretischen und empirischen Befunde in einer allgemein verständlichen Form darzustellen. Zudem ist es eine äußerst wertvolle Publikation, die das bisherige Wissen über das Altern und speziell des hohen Alters in differenzierten Facetten interdisziplinär zusammenfasst. Nicht zuletzt entwickelt Kruse eine neue Alternstheorie, in der das bisherige Verständnis dieser Altersphase spezifisch differenziert und verdichtet wird.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Gisela Thiele
Hochschule Zittau/Görlitz (FH)
Berufungsgebiete Soziologie, Empirische Sozialforschung und Gerontologie
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Zitiervorschlag
Gisela Thiele. Rezension vom 08.09.2017 zu: Andreas Kruse: Lebensphase „hohes Alter“. Reife und Verletzlichkeit. Springer (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-662-50414-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22791.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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