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Hans-Joachim Maaz: Das falsche Leben

Cover Hans-Joachim Maaz: Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. C.H.Beck Verlag (München) 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-406-70555-7. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

„Das Falsche Leben“. Der Titel des neuen Buches des bekannten und auch publizistisch sehr erfolgreichen Psychoanalytikers Hans-Joachim Maaz trägt die Diagnose schon in sich. Diesmal aber liegt kein gestresster Manager oder Leiharbeiter auf der Coach und auch kein ratsuchendes Paar mit Beziehungsproblemen, sondern: die ganze bundesdeutsche Gesellschaft im Jahr 2017 n.Chr. Wer lebt hier falsch und wieso? Inwiefern kann ein Leben – das des einzelnen oder der Gesellschaft – überhaupt falsch sein? Und wie sähe dann ein richtiges Leben aus? Obwohl die Definition der psychischen Störung qua Logik ihr Gegenteil, die psychische Gesundheit, voraussetzt, ist der psychische gesunde Mensch ein Thema, das von der Mehrzahl der Psychologen und Psychiater selten thematisiert wird. Die Behandlung in Praxen und Psychiatrien beruht meist auf Negativfilmen, die, bildlich gesprochen, nicht ins Labor gebracht werden.

Maaz hingegen kann man in seiner Analyse diesen blinden Fleck nicht vorwerfen: er hat, wenn er das Land mit seinen Bürgern (deren Prototyp für ihn der überangepasste Workoholic oder Konsument ist) unter die Lupe nimmt, immer die Blaupause eines halbwegs ausgeglichenen, genußfähigen, verantwortungsbewußten Menschen – mit stabiler und zugleich flexibler Gefühls- und Gedankenwelt – im Blick. In einer anderen, besseren Gesellschaft. Vor dem Hintergrund falscher und richtiger Verhältnisse, politisch, wie privat, ordnet Maaz auch aktuelle, polarisierende Phänomene – und die sie umkreisenden, deftig geführten Auseinandersetzungen wie Einwanderung, Demokratie und Eliten, Billiglohn oder Gewalt – in einen neuen, größeren Zusammenhang. Ein Zusammenhang, der Produktions- und Vermögensverhältnisse ebenso einschließt wie die Hand an der Wiege (die ja angeblich die Welt regiert). Denn nur so lassen sich, gemäß des Untertitels, die Ursachen und Folgen unserer normo-pathischen Gesellschaft beschreiben: einer Gesellschaft, in welcher der prototypische Bürger überangepasst, konformistisch, ängstlich und strebsam ist und als Produzent, Angestellter, Konsument und Denkender das Hamsterrad mit festem Tritt in die Pedale am Laufen hält.

Autor

Hans-Joachim Maaz hat viele Menschen kennengelernt, die nach außen angepasst und erfolgreich sind, innerlich aber leiden – oft ohne zu wissen warum. Er arbeitet seit 40 Jahren als Psychiater und Psychoanalytiker. Jahrelang war er Chefarzt der psychosomatischen Klinik im Diakoniekrankenhaus in Halle. Maaz reflektierte seine langjährigen beruflichen Erfahrungen mit unterschiedlichsten Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, ihre Seelenlagen und Lebensgeschichten in zahlreichen Büchern. Im „LilithKomplex“

beispielsweise untersuchte er die „dunklen Seiten der Mütterlichkeit“ und beleuchtete den extrem großen Einfluss, den Mütter auf die psychische Entwicklung ihrer Kinder und ihr späteres Lebensglück oder -unglück haben. Und damit auf die Genese und Struktur der Gesellschaft und umgekehrt.

Bekannt wurde Maaz v.a. durch seine soziologisch-psychoanalytischen Studien zu

DDR- spezifischen, typischen psychischen Mustern und Störungen und ihren Pendants in der BRD: „Gefühlsstau“, so der Titels seines berühmtesten Buchs, sei die Art, mit der die Psyche der Menschen auf gesellschaftliche Zwänge, Repressionen und leistungsfixierte Maximen wie Organisationen reagiere.

Belastungen, Neurosen und Krankheiten unterschiedlicher Couleur resultierten Maaz zufolge aus diesem Gefühlsstau und wirkten zugleich als Rückverstärker für die familiären, freundschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen Strukturen und Abläufe, wie sie für disziplinierte, leistungsorientierte Systeme typisch und erforderlich sind.

Entstehungshintergrund

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Diesen berühmten Ausspruch kennen auch viele, die weder etwas mit dem Namen von Adorno anfangen können geschweige denn seine „Dialektik der Aufklärung“ gelesen haben: Es avancierte zum Motto der 68er Emanzipationsbewegungen. Bei Adorno und Horkheimer und der Frankfurter Schule wird die klassische Psychonanalyse quasi vom Kopf auf die Füße gestellt: Die Neurosen, das Leid des einzelnen werden nicht mehr wie bei den klassischen Eleven von Sigmund Freud (fast) ausschließlich auf Fehlleistungen des einzelnen bzw. Erziehungsdefizite der Eltern reduziert, sondern im gesamtgesellschaftlichen Kontext betrachtet. Die Spaltungen und Kämpfe auf der Mikroebene der Seele erscheinen nun als ein Spiegelbild makroskopischer Kriege und Widersprüche, als Folge struktureller – und manchmal auch direkter – Gewalt in Familie, Nachbarschaft, Schule, Wirtschaftsbeziehungen, regionaler und internationaler Politik und Handelsverhältnissen. Adorno und Horkheimer prangern die „Absurdität des Zustandes“ an, „in dem die Gewalt des Systems über die Menschen mit jedem Schritt wächst, der sie aus der Gewalt der Natur herausführt“.

Bereits mit dem Titel „Das falsche Leben“ reiht Maaz sich in die Tradition der Soziologen, Psychologen, Philosophen, Schriftsteller der Frankfurter Schule. Deren Anliegen war es, die Entfremdung (ein von Marx übernommener Terminus) des modernen Menschen der industriell entwickelten Länder aufzudecken, zu beschreiben und zu analysieren, in wieweit die – sich in Depressionen, zunehmender psychiatrischer Behandlungen, destruktiven Familien, individuellen und kollektiven Aggressionen – z.B. Antisemitismus bis hin zum Faschismus – äußernden Entfremdungserfahrungen auf gesellschaftlich-soziale Strukturen zurückzuführen sind. Zu den von Maaz ins Auge gefaßten, gesellschaftlichen Parametern und Tendenzen gehören soziale Ungerechtigkeit großer Teile der Bevölkerung, das Auseinanderdriften von arm und reich, Arbeitslosigkeit und finanzielle Not, ungerechte Herrschaftsformen, die Machtstrukturen und Mentalitäten bestimmter Institutionen (Militär, Bildungswesen, Psychiatrien, Arbeitsverträge), sozioökonomischer Status der Herkunftsfamilie, Perspektiven vs. Perspektivlosigkeit etc.

Das, was Maaz mit dem ungewöhnlichen Begriff der Normopathischen Gesellschaft beschreibt, meint eine Gesellschaft, die sich resignativ mit den anskizzierten Problemfeldern abgefunden hat und sich konformistisch weiter im beruflichen und privaten Hamsterrad der Leistung, Effizienz und Gewinnoptimierung und Selbst- wie Fremdausbeutung dreht. Ebenso wie die stark marxistisch beeinflusste Frankfurter Schule sieht er ein starkes Komplementär- und Abhängigkeitsverhältnis zwischen wirtschaftlichen Organisationsformen einerseits und den gesellschaftlichen, sozialen, familiären und innerseelischen Verhältnissen andererseits. „Die Menschen machen ihre Geschichte, aber sie machen sie nicht auch freien Stücken“ brachte es vor gut 150 Jahren Marx auf den Punkt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Teile gegliedert.

  1. Der erste Teil beschäftigt sich mit dem falschen Ich und seiner Entstehung, der individuellen, familiären Ebene. Wie entsteht die Fälschung, also eine tendenziell unausgewogene kranke und neurotische Persönlichkeit? Die Störungen des Selbst bzw. des Selbstwertgefühles werden in verschiedene Kategorien unterteilt und unterteilt. Hierbei werden prototypische familiäre Muster und Erziehungsformen dargestellt, die, neben anderen Faktoren, nach der Analyse und Erfahrung von Maaz eine solche Störung hervorrufen können bzw. das Risiko einer solchen erhöhen.
  2. Der 2. Teil benennt die Grundbedürfnisse des Selbst und stellt die Idee „eines richtigen Lebens auf der Basis eines authentischen Selbst“ vor. Es werden Möglichkeiten erörtert, die verkehrten Pfade zu verlassen und sich in Richtung einer Art psychischer Heilung zu bewegen.
  3. Der 3. Teil bringt die gesellschaftliche Dimension ins Spiel- gesellschaftliche Fehlentwicklungen werden thematisiert, die sowohl Ergebnis als auch Ursache persönlicher psychischer Störungen sind.
  4. Im 4. Teil werden Haltungen und Strategien vorgestellt, die Maaz geeignet scheinen, die beschriebenen Probleme von Individuum und Gesellschaft zu reduzieren und zu einem weniger falschen Leben zu gelangen.

Wie in seinen früheren Büchern legt Maaz den Fokus darauf, zu untersuchen, welche Rolle familiäre Konstellation und Lebensweise und das dortige Klima bei der Entstehung

psychischer und gesellschaftlicher Störungen spielen. Hierbei kommt den „dunklen Seiten der Mütterlichkeit“- so der bereits erwähnte Untertitel seines früheren Buches – und natürlich auch den dunklen Seiten der Väterlichkeit – eine besonderer Bedeutung zu. Maaz´ Behauptung, daß „der Mensch ein soziales Wesen [sei] und Beziehungen über seine Entwicklung und Beziehungskultur über Lebensqualität bestimmen“, wurde von allen soziologischen, psycho-logischen, neurobiologischen, ethnologischen und sonstigen Studien der letzten Jahr-zehnte bestätigt. Schon vor Jahrzehnten, als sich unter den Forschungen von Winnipeg, Bowlby und anderen die Bindungsforschung etablierte, erkannte man, dass Bindungs- und Beziehungsstörungen am Anfang von vielen psychischen oder auch körperlichen Fehlentwicklungen stehen. Ein ständiger, willkürlicher Wechsel zwischen zärtlicher Zuwendung und brüsker Abweisung oder Gleichgültigkeit der Mutter und / oder des Vater z.B. stürzt das Kind in Verwirrung und einen Kreislauf aus Hoffnung und Angst. Häufig macht das Kind hier die Erfahrung, daß ein und dasselbe Verhalten seinerseits – z.B. wenn das Kind Geige übt – heute belohnt und morgen, wenn die Mutter von der Geräuschkulisse genervt ist – mit Schelte bestraft wird. Liebevolle, stabile Zuwendung und eine sowohl halbwegs kohärente als auch organisch-spontane Erziehung gelten der Bindungsforschung als die nötigen Zutaten für die Ausbildung eines weder zu festen noch zu flüssigen Bildes von den eigenen Eltern, von sicherer Bindung, Autonomie und emotionaler Ausgeglichenheit. Maaz ist sich sicher: Das Kind spürt: Bin ich gewollt (oder nicht)?? Bin ich wirklich geliebt? Darf ich so sein, wie ich bin etc. Das Kind fühlt sich von der Mutter angenommen oder bedroht, wird geprägt durch Mutterliebe oder – den gesellschaftlich so fatalen – Muttermangel. Von Muttermangel oder Mutterbedrohung sind keineswegs nur Kinder betroffen, deren Mutter in Schichten arbeitet, kaum Zeit für sie hat oder es regelmäßig schlägt. Genauso wichtig wie die Quantität der mit Mutter bzw. Eltern verbrachten Zeit ist laut Maaz die Qualität. Das vorhandene oder fehl-ende Gefühl des Geliebt-Werdens und Angenommen-Seins ist ein ganzheitliches, instinktives, organisches Gefühl.

Was das Baby nicht lernt…

Atmosphäre und Körpersprache haben ein großes Gewicht und können, da sie eher unbewusst sind, auch in völligem Widerspruch zu den verbalen Äußerungen und Regeln der Eltern steh-en- meist ohne daß den Eltern dies je bewusst würde. Was das Kind für die Ausbildung eines positiven Selbstwertgefühls und um sich sicher und geborgen zu fühlen braucht, ist, wie man so schön sagt, das Leuchten in den Augen der Mutter. Maaz betont: „Die für eine gesunde Entwicklung des Kindes so wichtige frühe Bindung lässt sich deshalb nie durch Bildung er-setzen“. Maaz kritisiert hier den Fokus, den viele Politiker, soziale Bewegungen oder Femi-nisten auf Ball-, Zähl-,Wortspiele u.ä. im Kindergarten und eine möglichst frühe

Fremdbetreuung legen, so als käme es allein auf die vorschulische Förderung des Intellekts und der Motorik an. Diese sind zwar wichtig, aber eine fehlende oder gestörte Bindung an Eltern und andere Vertrauenspersonen kann zu lebenslangen Depressionen, narzißtischer Leistungsbesessenheit, Essstörungen oder sich perpetuierender Beziehungsunfähigkeit, ständigen Trennungen u.ä. im Erwachsenenalter führen. Heute weiß man, dass die von Maaz besonders kritisierte längere Trennungen von Kleinkindern von der Mutter, sei es nach der Geburt-wie es in der DDR in den Kliniken üblich war – oder bei Heim-und Krankenhausaufenthalten nicht nur kurzfristig zu seelischen Qualen und stark erhöhten Cortisolwerten führen, sondern sogar die hormonell- hirnphysiologische Stressachse unwiderruflich schädigen und Krankheiten auslösen können. Bereits in „Lilith-Komplex“ plädierte Maaz dafür, die gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingen von Mutterschaft und Elternschaft so zu verbessern, dass Eltern sich nicht wie im Hamsterrad fühlen und sich zwischen 50-Stundenjobs, Kind, Haushalt und Freizeit abhetzen müssen, sondern ohne Angst vor finanzieller Not und ohne Dauerüberlastung entspannte Eltern sein können.

Gestresste, strenge, lieblose, gleichgütige oder leistungsfixierte Haltungen und

Verhaltensweisen der Eltern führen laut Maaz zu verschiedenen Störungen des Selbst, wobei er im Falschen Leben verschiedene Klassifikationen einführt: Mütter z.B., die ihr Kind – bewusst oder unbewusst – ablehnen, vielleicht ungewollt schwanger geworden sind oder in finanzielle oder psychische Not geraten sind, die auf offene oder subtile Weise Gewalt ausüben, wirken auf das Kind als „Mutterbedrohung“ und führen dazu, dass das Kind sich ungeliebt fühlt und auf einer unbewussten Ebene geradezu Angst um sein Leben haben kann: das sich entwickeln-de Selbst bleibt, auch im Erwachsenenaltern, labil, fragmentiert. Maaz nennt dies das „Bedrohte Selbst“. Glaubenssätze der Art, dass das Leben schwer sei, dass alles sinnlos sei, können daraus resultieren und die Lebensqualität massiv einschränken.

Während Menschen, die im Elternhaus rohe Gewalt erfahren haben, ihre Depression oder Aggressionen leichter auf ihre Kindheit zurückführen können, führen subtilere Arten liebloser Erziehung oft dazu, dass Menschen leiden und sich dies nicht erklären können: sie haben doch alles, sind vielleicht sogar Abteilungsleiter oder Gewinner von Tennispokalen. Eltern, die ihr Kind permanent zu Leistungen antreiben, um mit ihnen angeben zu können oder den nicht erfüllten eigenen Traum von einer musikalischen, wissenschaftlichen Karriere an den Kindern verwirklicht zu sehen, bestrafen oft mit Tadel und Liebesentzug, wenn das Kind schlechte Noten nach Hause bringt oder nicht übt: „Das entspricht einer regelrechte Dressur, und die Mutter weiß gar nicht, was sie anrichtet. Sie formt das Kind nach ihrem Geschmack. Die Entwicklung des Kindes wird von Mutters Befinden abhängig. Es verliert die Innenorientierung des Seins und lernt als Außenorientierung, wie es der Mutter geht.“ „Muttervergiftung“ und „Mutterbesetzung“ nennt Maaz die Muster, bei denen das Projekt Kind zur Aufwertung der Mutter (bzw. der Eltern) benutzt wird. Derart aufgewachsene Bürger sind beruflich oft sehr erfolgreich, ohne indes daraus richtigen Genuss ziehen zu können: das Motto kann „höher schneller weiter“ sein. Häufig wissen die Betroffen gar nicht, was sie selber fühlen und wollen, weil sie ihr Verhalten immer danach ausgerichtet haben, der strafenden Mutter/Vater zu entkommen. Neben Leistungsbereitschaft und Selbstausbeutung bis zum Burn-Out, Betäubung durch Alkohol, Depressionen u.ä. rutscht das abhängige, das überforderte oder ungeliebte Selbst auch in Beziehungs- und soziale Probleme. Bindungsangst kann z. B jede Liebesbeziehung im Keim ersticken. „Erfahrungsgemäß haben ungeliebte Menschen größte Angst davor, von jemandem wirklich geliebt zu werden. So wundern sich Menschen, die liebevolle Zuwendung schenken, dass ihnen das oft nicht gedankt wird“ Im Extremfall reagiert der Mensch ohne Nestwärme sogar regelrecht aggressiv auf Zuneigung und Fürsorge.

Auch gesamtgesellschaftlich entstehen Teufelskreisläufe, welche die Gier und aggressive Beschleunigung des kapitalistischen Systems stabilisieren und noch weiter anfeuern, denn der innere Schmerz und das Gefühl der Unzulänglichkeit werden typischerweise betäubt und verdrängt- vor allem mit Konsum, TV- und Internetberieselung, immer neuen Projekten für Karriere und Selbstoptimierung. Auch ist der natürliche Rhythmus von Anspannung und Entspannung gestört, die erreichten Ziele verschaffen nicht das gewünschte Gefühle von Glück oder Zufriedenheit. „Da auf diese Weise kein natürlicher, das das Grundbedürfnis erfüllende Befriedigung möglich ist, muß im Grunde das Ersatzmittel gesteigert werden. Damit ist der Weg in jede Form von Sucht gebahnt, von Essen, Trinken, arbeiten und leisten. Sexualität, Anerkennungsstreben werden zur Droge“

Die Gefahr für Demokratie und Co

Im 3.Teil widmet Maaz sich der gesellschaftlich-politischen Dimension der geschilderten Problematik: Diese Sucht, das Streben nach immer mehr vom gleichen oder ganz anderen ist einer der Motoren, der das System Kapitalismus am Laufen hält. Freilich sind Systeme

komplex. Neben den jeweiligen Produktionsverhältnissen, der Technik, der Verteilung materieller und immaterieller Ressourcen, makroökonomischen Gesetzen und Zusammenhängen, politischen und sozialen Institutionen, herrschenden Denkmustern, selektiver Information durch Medien, der Struktur von Klassen und Milieus. spielen Gefühle und Einstellungen der einzelnen durchaus eine große Rolle. Denn Menschen, die am Tropf der permanenten Reizüberflutung und des Konsums hängen, konsumieren eben mehr und anderes, als Menschen, die still mit sich allein sein können. Maaz glaubt: „Das falsche Leben ist im Grunde an Ablenkung gebunden. Ein Energieausfall würde unsere zivilisierte Welt in kürzester Zeit in ein Tollhaus mit Mord und Totschlag verwandeln: Die Ablenkung dient vor allem der Beruhigung, dem Betäuben der aufgestauten Aggressivität!“ Das ständige Bedürfnis nach Fernsehen, Chatten, Facebook und Co macht dabei auch empfänglich für geschickte Propaganda aller Art.

Wer den Fernseher ausschaltet, kann weniger durch Werbung manipuliert werden.

Unbewusste Impulse und Handlungsweisen schaffen, verstärkt durch Resonanz und Mitläufer-effekte, bauen langfristig an einer Gesellschaft mit, die an diese Impulse und Handlungen angepasst ist. So entsteht durch individuelle und familiäre Störungen schließlich ein gesellschaftlicher Zustand, den Maaz als „Normopathie“ begreift. Dieser betrifft sowohl die herrsch-enden Eliten als auch das sogenannte Volk. Zur Zeit manifestiert sich die Normopathie laut Maaz u.a. in einer latenten Krise der Demokratie und den polemischen Auseinandersetzungen um die Einwanderung von Flüchtlingen. Einerseits präsentieren unzufriedene Bürger bei Pegida, AfD und Co Flüchtlinge als bequeme Sündenböcke für all dies, was im politisch-ökonomischen System wie im privaten schiefläuft. Andererseits benutzen engagierte Flüchtlingshelfer z.T. ihren Einsatz auch, um ein unbewusstes Vakuum zu füllen oder sich moralisch aufzuwerten. Die tonangebenden Eliten und die ihre Anliegen in der Einwanderungsdebatte unterstützenden Medien und linksalternativen Gruppen wiederum reagierten, so Maaz, verachtungsvoll auf Protestbewegungen à la Pegida und maßregeln Bürger in diesen Bewegungen wie ein ungezogenes Kind. Im Zug der sich zuspitzenden Polaritäten werden Anstandsregeln außer Kraft gesetzt und durch Diffamieren und Ausgrenzung ersetzt. „Ein mediale Manipulation“, schreibt Maaz, „wird bereits tendenziös, wenn eine politische Gruppierung festgelegt wird mit Bezeichnungen wie linksextrem oder rechts-populistisch (.…) Die Auflösung demokratischer Strukturen beginnt, wenn jeder substanzielle Protest mit einer Schlagwortkeule z.B. populistisch, rechtsextrem, rassistisch oder sexistisch moralische abgewertet und zum Schweigen gebracht werden soll!“ Angst und Schubladendenken verunmöglichen jeden Diskurs. Dabei führte laut Maaz der verständliche Wunsch nach Zugehörigkeit, die Furcht, ausgestoßen zu werden, zu unreflektierten Übernahme von den Positionen, die in Freundeskreis, Familie oder den medialen Vorbilder als die einzig richtigen gelten. Normopathie sei die „Anpassung an mehrheitliche Meinungen und Positionen“. In Zeiten des Internetprangers werden Stigmatisierungen, die als mittelalterlich und überwunden galten, wieder aktuelle und hochriskant. In Zeiten, wo Menschen sich über soziale Netzwerke in Hysterie hineinsteigern, kann ein falsches Wort, eine falsches Foto; das einen mit der falschen Person zeigt, zu Beschuldigungen, Beleidigungen bis hin zum Jobverlust führen. Dabei wird, wie sich im Umgang mit Pegida, aber mehr noch mit einem zum Satan dämonisierten Trump zeigte, Sachlichkeit und nüchterner faktenbasierter Journalismus zunehmend durch Hysterie und Schmährufe ersetzt. Zu groß scheint die Sorge vor einer echten Opposition. „Und zum Tabu wird mit wachsender Gesellschaftskrise alles erklärte, was nicht mehr dem Willen und den Interessen der Machteliten entspricht“. Bezeichnend ist dabei, dass abweichende Meinung aller Art mit dem neudeutschen Begriff Populismus etikettiert werden, dabei sollte in einer Demokratie, was ja Herrschaft des Volkes bedeutet, das Volk, „populistisch“ nicht als Schimpfwort dienen.

Diskussion und Ausblick

Was aber empfiehlt Maaz nun gegen die persönliche wie gesamtgesellschaftliche Misere? Er plädiert vor allem für eine neue Gefühlskultur. Menschen würden ihre Gefühle unterdrücken, um ihre Seele zu schützen – ein logsicher, aber verhängnisvoller Mechanismus: „Die

anerzogene Gefühlsunterdrückung mit der Akzeptanz der Gefühlsbeherrschung ist als Wegbereiter für viele Erkrankungen verhängnisvoll“, betont Maaz. Mit einer Renaissance des Gefühlsausdrucks einhergehen sollte eine Beziehungskultur, die durch Selbstreflexion und Akzeptanz des anderen Schuldzuweisungen vermeiden hilft. Erkennen der eigenen emotional-familiären Verstrickungen würde verhindern, dass Aggressionen weitergereicht werden. Beziehungserfahrungen beginnen bereits im Mutterleib, wobei das Kind eigenen Anlagen mitbringt.

Der Bedeutsamkeit fürsorglicher, entspannter Eltern-Kind-Beziehungen, fordert Maaz, müsste endlich auch politisch Rechnung getragen werden. Allerdings gehen die Tendenzen trotz neu-er Kinder-Yoga-Kurse wahrscheinlich eher in die andere Richtung: In einer neoliberalen, globalisierten Welt wird vom einzelnen immer mehr Leistung, Anspannung und ständige Erreichbarkeit verlangt. Mütterlichkeit wird wenig anerkannt, schon gar nicht finanziell. In einer immer stärker digitalisierten, roboterisierten Welt ohne technische, nationale oder ethische Grenzen wird der Kampf um die letzten verbleibenden Arbeitsplätze vermutlich immer gnadenloser werden. Der Autor Ilja Trojanow befürchtet in seinem klugen Essay „Der überflüssige Mensch“, dass dieser Kampf schon in naher Zukunft in einem Bürgerkrieg enden kann. In Städten wie Detroit ist dieser Krieg schon Realität. Das erste, was im gewaltsamen Kampf um Ressourcen zum Überleben auf der Strecke bleibt, ist Empathie – besonders die für Kinder und Schwache.

Doch vielleicht ist eine bessere Welt ja langfristig doch möglich. Wenn es stimmt, wie Maaz behauptet, dass „alle individuellen und kollektiven Verbrechen krankheitswertige Folgen eines falschen Selbst sind“, dann hieße das ja im Umkehrschluss: dass eine psychische Genesung des größten Teils der Bevölkerung – vor allem derer, die Kriege planen und anzetteln – nach und nach alle Kriege der Welt, Morde, Hunger, Ausbeutung beenden und verhindern würde- bis selbst die Kinder in Afrika diese Dinge nur noch, wie den Eisbären am Pol, aus ihrer Fibel und ihren Märchenbüchern kennen.

Denn es ist auch klar, dass die Aufrechterhaltung des gewinnorientierten Wirtschaftssystems nur mit einer darauf abgestimmten Erziehung gelingt, die halb bewusst und halb unbewusst in Schulen, Unis und der Familie die Kinder auf Fleiß, Disziplin, Unterordnung, Rationalität etc. einschwört – mal mit Drill, mal mit Selbständigkeit. Legendär sind die überlieferten Anekdoten von Unternehmern, die im Rahmen von Kolonialisierung oder Geschäftsbeziehungen eine Firma in einem anderen Land mit einer anderen, „nicht-westlichen“ Kultur aufbauten: Sie mußten oft feststellen, dass die eingestellten Einheimischen ein paar Tage fleißig auf dem Bau schufteten und dann wegblieben: sie kamen erst wieder, wenn der Lohn alle war und sie neue Lebensmittel brauchten. Es zeigte sich hier, dass ein kapitalistisches System mit mental gänzlich anders veranlagten, ganz anders erzogenen Menschen nur schwer und mühsam oder gar nicht funktioniert. Wenn ein genügend großer Teil der Eltern ihren Kinder so erziehen würde, dass ihre Werte, Fähigkeiten und Verhaltensweisen gar nicht mehr mit dem herrschenden System kompatibel sind, könnte es der Theorie nach irgendwann erodieren. Allerdings wäre ein Gelingen einer solchen subversiven Umerziehung aus mindestens zwei Gründen recht unwahrscheinlich: zu einen tendieren alle kybernetischen, physikalische wie politische, Systeme dazu, sich stabil zu halten und zu reproduzieren. Künstler mit Che-Guevara-Attitüde und rockigen Partisanenliedern bringen den Plattenfirmen mehr Umsatz als andere, bravere. Bücher, welche Amazon als ausbeuterische Geißel der Menschheit anprangern, verkaufen sich sehr gut auf Amazon. Der zweite Grund ist die Tatsache, dass die herrschenden Eliten nicht nur über ungleich höhere Mengen an Kapital verfügen, sondern auch über ThinkTanks, Stiftungen, Anteile an Medien- und anderen Konzernen hervorragend organisiert und vernetzt sind. „Die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden“ konstatierte Karl Marx in seinen Feuerbach-Thesen.

Schnelle Antworten kann ein 250-Seiten Buch wie das von Maaz nicht liefern. Sein Hauptanliegen ist die Diagnose, die jeder Kurempfehlung vorangehen muß. Ob das falsche Leben heilbar ist – wer weiß?

Fazit

Das entfremdete, ungeliebte, heimatlose Selbst reibt sich auf zwischen dem angestrengten Wunsch, es zu etwas zu bringen, und der stets drohenden Depression und Resignation. Ein großer Teil der Menschen hat in seiner Kindheit nicht den Grad an Mutter- und Vaterliebe erfahren, den er zu seiner gesunden Entwicklung benötigt hätte. Maaz hat die in seinem

Berufsleben gewonnenen Erfahrungen reflektierend und aufbauend auf den Erkenntnissen von Psychoanalyse, Bindungstheorie und kritischer Theorie zu einer eigenen Theorie über

gesundes und gestörtes Selbst verdichtet. Das Buch ist prägnant geschrieben und leicht lesbar.

Leser, die einen typisch psychologischen Denkstil und Terminus nicht mögen, könnten sich etwas schwer tun. Das Buch dürfte bei vielen Menschen, die sowohl sich selbst als auch ihr Land besser verstehen wollen, auf Interesse stoßen:

Fehlende Geborgenheit und mangelnde Selbstliebe bis hin zum Selbsthass betreffen Tausende, und viele rätseln bei sich selbst über die Ursachen. Der Mangel an liebevoller elterlicher Zuwendung bzw. die Verquickung von Zuwendung mit egoistischen Manipulationen und Machtmissbrauch füllen nicht nur die ausufernden Wartelisten der Psychologen und stürzen viele Menschen in lebenslange Selbstzweifel und Leiden. Der Mangel fordert seinen Tribut auch auf kleiner und größerer sozialer Ebene, sei es, dass Beziehungen und Familien immer schneller zerbrechen oder gar nicht erst entstehen, sei es, dass der Kitt zerbröckelt, der unterschiedliche Klassen und Staat zusammenhält.

Maaz sieht in den neuen, zahlenmäßig recht kleinen kollektiven Bewegungen, auf der Straße oder im Netz, unabhängig von Sympathie oder Antipathie, auch einen zarten basisdemokratischen Protest, der sich gegen die neoliberalen Eliten und das vage verspürte falsche Leben richtet.


Rezensentin
Anna Winter
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Zitiervorschlag
Anna Winter. Rezension vom 30.10.2017 zu: Hans-Joachim Maaz: Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. C.H.Beck Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-406-70555-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22793.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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