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Hans Hopf: Aggression in psychodynamischen Therapien mit Kindern und Jugendlichen

Cover Hans Hopf: Aggression in psychodynamischen Therapien mit Kindern und Jugendlichen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2017. 2. Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-86321-342-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 25,30 sFr.
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Autor

Hans Hopf ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut, Dozent und Kontrollanalytiker an Psychoanalytischen Instituten sowie Gutachter für ambulante tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus ist er Autor mehrerer wissenschaftlicher Veröffentlichungen.

Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist eine aktualisierte und überarbeitete Fassung einer vor zwanzig Jahren erschienenen Veröffentlichung gleichen Inhalts. Hauptanliegen des Verfassers ist es aufzuzeigen, dass besonders aggressive Affekte in therapeutischen Beziehungen schwer zu balancieren sind und große Probleme mit Gegenübertragung und Behandlungstechnik bereiten.

Aufbau und Inhalt

Das Werk umfasst 216 Seiten und beinhaltet, neben Geleit- und Vorwort sowie Literaturverzeichnis, sechs Kapitel. Diese tragen folgende Überschriften:

  1. „Die Entwicklung des Aggressionsbegriffs in der Psychoanalyse“
  2. „Die Bedeutung der Geschlechtsunterschiede für die Entstehung von aggressiven und destruktiven Tendenzen“
  3. „Zur psychoanalytischen Diagnostik von Störungsbildern mit überwiegend aggressivem Verhalten“
  4. „ADHS – zwanzig Jahre später!“
  5. „Behandlungstechnische Probleme beim Umgang mit der Aggression – theoretische Überlegungen und Fallstudien“
  6. „Manifestationen von Aggression und Destruktivität in der Gesellschaft“

Im ersten Kapitel erörtert Hans Hopf den Aggressionsbegriff aus psychoanalytischer Sicht. Er geht auf Entwicklungen der Freud´schen Position, das Konzept des Todestriebes bei Melanie Klein, den Ansatz der Ich-Psychologie und seine Ausformung zur Ich-psychologischen Objektbeziehungstheorie sowie auf die Selbstpsychologie ein und beschäftigt sich mit Langzeituntersuchungen zur Aggression.

Der Autor zeigt auf, dass die Psychoanalyse mittlerweile zwischen einer angeborenen Tendenz nicht-destruktiver Aggression, im Sinne einer (reifen) Form des In-Angriff-Nehmens und Selbstbehauptung, und einer erfahrungsabhängigen feindseligen Destruktivität unterscheidet.

Mit Verweis auf Helmut Thomä und Horst Kächele stellt er fest, dass die Bösartigkeit und Unerschöpflichkeit menschlicher Aggressivität darin begründet zu sein scheint, dass sie an bewusste und unbewusste Phantasiesysteme gebunden ist. Denken und Phantasien können Aggressionen bremsen aber auch antreiben.

Im zweiten Kapitel bearbeitet der Verfasser auf Grundlage verschiedener empirischer Studien geschlechtsspezifische Unterschieden aggressiver und destruktiver Tendenzen. Im alloplastischen Agieren sieht er eine eher männliche Option zur Lösung innerer und äußerer Konflikte, während das weibliche Geschlecht eher zu autoplastischen Konfliktlösungen und subjektivem Leidempfinden neige.

Eine nahezu ausschließlich durch Mütter geleistete Erziehung und Versorgung des Nachwuchses wird kritisch gesehen, denn „somit sind schon die frühesten Beziehungserfahrungen für Mädchen andere als für Jungen.“ (50) Dieser Unterschied würde erklären, dass Mädchen ihre Aggression eher unterdrücken und gegen das eigene Selbst richten. Die Abwesenheit väterlichen Einflusses könne bei Jungen dazu führen, dass diese illusionäre Phantasien männlicher Größe entwickeln.

Im dritten Kapitel geht es um die psychoanalytische Diagnostik von Störungsbildern mit überwiegend aggressiver Charakteristik. Klassifikationssysteme, wie das DSM und ICD-10, welche das Erscheinungsbild einer psychischen Erkrankung unabhängig von ihren Ursachen beschreiben, sind nach Ansicht des Autors nicht in der Lage, über psychodynamische Zusammenhänge Aussagen zu treffen. Rein deskriptiv ansetzende diagnostische Systeme sollten daher mit einem psychodynamischen Ansatz verbunden werden.

Der Verfasser unterstreicht die Notwendigkeit einer gründlich ausgearbeiteten Diagnose, welche die Begründung für ein geeignetes psychotherapeutisches Verfahren liefert und eine prognostische Einschätzung möglich macht.

Unter Rückgriff auf Arbeiten von Anna Freud sowie Ansätze von Stavros Mentzos und Annette Steeck-Fischer entwickelt er diagnostische Überlegungen.

Im vierten Kapitel setzt sich der Autor mit dem Störungsbild ADHS auseinander. Er weist darauf hin, dass es schon zu anderen Zeiten (z.B. während und nach dem II.Weltkrieg) eine auffällig hohe Zahl an „bewegungsunruhigen Kindern“ (83) gab und dass enge Zusammenhänge zwischen ADHS, der Posttraumatischen Belastungsstörung sowie Bindungsstörungen festzustellen sind.

Der Verfasser hinterfragt die Sinnhaftigkeit und Möglichkeit, das Krankheitsbild ADHS, welches mit einem „Kometenschweif“ (86) von Begleiterkrankungen einhergeht, exakt zu diagnostizieren. Die seit den 90er Jahren enorm angestiegene Diagnose ADHS bewertet er vielmehr als eine Sammlung verschiedener Störungsbilder mit unterschiedlichen Hintergründen. Eine ausschließlich hirnorganische Ursache sei nicht anzunehmen.

ADHS begreift der Autor als ein Syndrom, welches „auch eine spezifische Problematik männlicher Identitätsbildung unter der Bedingung eines sozial oder emotional abwesenden Vaters beinhaltet.“ (94) Hans Hopf thematisiert ein „Scheitern des Containments“ (99) in der frühen Kindheit, verursacht durch eine missglückte Mutter-Kind-Beziehung, abrupte Beziehungsabbrüche sowie eine misslungene oder ausgefallene Triangulierung durch den Vater.

Aber auch sich rasch ändernde kulturelle und gesellschaftliche Veränderungen werden mit einbezogen. Diesbezüglich nennt der Verfasser u.a. veränderte Familienstrukturen, eine „Gesellschaft des Spektakels“ (Christoph Türcke), beschleunigtes Leben, Mangel an Spielräumen, fehlende private und öffentlich Väter und die „Missachtung von Generationsunterschieden“ (105).

Dieses Kapitel endet mit der Vorstellung einer Diagnosesystematik, welche Ansatzpunkte der vier psychoanalytischen Ansätze (Triebpsychologie, Ich-Psychologie, Objektbeziehung und Psychologie des Selbst) integriert.

Das fünfte Kapitel ist das seitenstärkste und befasst sich mit behandlungstechnischen Problemen. In ihm arbeitet der Autor anhand unterschiedlich gelagerter Fallstudien theoriegestützte Überlegungen für die therapeutische Behandlung aggressiver Kindern heraus.

Einführend diskutiert der Verfasser zwei wichtige, „innerhalb eines psychoanalytischen Prozesses unveränderliche Größen“ (109): die Handhabung des Rahmens und die Persönlichkeit der therapeutischen Fachkraft.

Er macht darauf aufmerksam, dass ein inkonsistenter Umgang mit dem „analytischen Milieu“ kontraproduktive Effekte auszulösen vermag und durch das Verhalten oder die unterschwelligen Gefühle der Analytikerin / des Analytikers destruktive Phänomene evoziert werden können.

Das sechste Kapitel handelt von Amokläufern, Attentätern und Fremdenhass. Bezugspunkte bilden Phänomene des s.g „School Shooting“ in Deutschland, das durch Anders Breivik angerichtete Massaker und das Attentat im Münchener Olympia-Einkaufszentrum im Juli 2016. Auf islamistisch motivierte Gewalttaten wird nicht eingegangen.

Hans Hopf erkennt in einer (chronischen) narzisstischen Wut das Kernstück dieser Taten. Er zeigt mit Peter Langman auf, dass bei Amokläufern immer das Zusammenspiel von Persönlichkeit, Lebenswelt und Tatmedium zu beachten ist. Diese Menschen haben in der Regel in ihrer Kindheit innerhalb eines problematischen Umfeldes schwere psychische Störungen entwickelt. Unsicher-vermeidende Bindungsstörungen, ausgeprägter Narzissmus, geringes Selbstwertgefühl, Hoffnungslosigkeit sowie nicht selten Depressionen, leidvolle Mobbingerfahrungen, exzessives Spielen von s.g. Killerspielen und der Zugang zu Waffen werden als gemeinsame Merkmale genannt.

Mit allgemeinen Überlegungen zu Fremdenfeindlichkeit und Fremdenhass beendet der Verfasser sein Werk. Er erwähnt, dass fremdenfeindliche Phantasien menschliche Phänomene sind, die im Normalfall durch Realitätsprüfung bewältigt werden können. Pathologischer Fremdenhass und Gewalt gegen Fremde bauen auf Persönlichkeitsstörungen auf und entstehen im Kontext spezifischer sozialkultureller, sozialstruktureller und politischer Konstellationen.

Diskussion

Mit den für die Neuauflage dieses Buches vorgenommenen Überarbeitungen und Ergänzungen reagiert der Autor auf den gesellschaftlichen und globalen Wandel der letzten Jahrzehnte, auf Veränderungen des Erziehungsstils sowie geschlechtsspezifischer Rollen und Muster, die Prekarisierung sozialer Lebensverhältnisse als auch auf den Trend, Störungen von Kindern und Jugendlichen zunehmend neurobiologisch zu erklären.

Das Kapitel über ADHS ist hierfür ein beredtes Beispiel. Hans Hopf argumentiert für meine Begriffe überzeugend und mit Verve. Er kritisiert den Anspruch der Neurowissenschaften und beklagt den damit einhergehenden Rückzug verschiedener psychologischer Ansätze und der Pädagogik. Der Verfasser weist darauf hin, dass diese Diagnose als ein geschlossenes System zu begreifen ist und vermutet, dass es hier weniger um Wahrheiten denn um Geld geht. Im Eifer des Gefechts vergisst er allerdings zu erwähnen, dass die modernen Neurowissenschaften auch wichtige Bereicherungen und Anstöße für die Psychoanalyse anbieten können.

Absolut notwendig ist der Hinweis des Autors auf die Folgen einer sich über viele Jahre erstreckenden Medikamentengabe an junge Menschen für deren Identitätsbildung. Auch seine Bemerkung, dass eine Verabreichung von Arzneien, welche „direkten Einfluss auf Neurotransmitter“ nehmen und „betäubungsmittelrechtlichen Vorschriften“ (93) unterliegen, besonders in Bezug auf Kinder eine ethische Implikation aufweist, ist absolut notwendig.

Dabei sperrt er sich keineswegs grundsätzlich gegen eine indizierte Medikation, wenn diese signifikant dazu beiträgt, mit den betroffenen jungen Menschen besser psychotherapeutisch arbeiten zu können.

Das Ausgangsmotiv des Verfassers für dieses Buch ist sehr berechtigt. Nicht nur für therapeutische Professionals, sondern auch für Lehrerinnen und Lehrer sowie das sozialpädagogische Fachpersonal ist der angemessene Umgang mit aggressivem Verhalten besonders unter dem Aspekt der Gegenübertragung eine Herausforderung. Gefordert ist das Geschick, „die positive und die negative Übertragung verstehen und übermitteln“ (121) zu können. Das Buch vermag diesbezüglich viele Anregungen zu geben und eine nützliche Reflexionshilfe zu sein.

Auch die Feststellung, dass destruktive Affekte der Klienten durch mehr oder weniger absichtlich zugefügte oder unbewusst-subtile Kränkungen vonseiten der Therapeuten hervorgerufen werden können, gilt auch für die Gestaltung der pädagogischen Beziehung schlechthin (man denke hier z.B. an schulische Interaktionen und an einschlägige Anti-Aggressivitäts-Trainings).

Fazit

In Anbetracht der bedauernswerten Tatsache, dass psychoanalytische Denkfiguren zurzeit in fachlichen Diskussionszusammenhängen an Einfluss verlieren, ist dieses Buch eine Bereicherung.

Hans Hopf bietet seiner Leserschaft einen gut geschriebenen, verständlichen und klar strukturierten Überblick über verschiedene psychoanalytische Aggressionskonzepte und eröffnet gelungene Einblicke in die Fachdiskussion und den analytischen Behandlungsprozess. Die vielen Fallbeispiele und -geschichten machen den Text lebendig und anschaulich.

Die Ausführungen zur Behandlungstechnik und Diagnostik sind naturgemäß stark auf die psychoanalytische Praxis bezogen. Aber auch soziale und pädagogische Berufe können hieraus wertvolle Anregungen gewinnen, müssen aber eine Übertragung auf die eigene Professionalität und Praxis selbst leisten.

Das Werk ist sehr geeignet für die akademische Seminararbeit, für die Aus- und Fortbildung, den kollegialen Diskurs und die professionelle Selbstreflexion. Es unterscheidet sich wohltuend vom neurobiologischen und psychologischen Mainstream.


Rezensent
Prof. Dr. Gerd Krüger
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Fakultät Wirtschaft und Soziales
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Zitiervorschlag
Gerd Krüger. Rezension vom 21.08.2017 zu: Hans Hopf: Aggression in psychodynamischen Therapien mit Kindern und Jugendlichen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2017. 2. Auflage. ISBN 978-3-86321-342-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22795.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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