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Anja Mensching, Stefanie Kessler (Hrsg.): Bildung und Prävention

Cover Anja Mensching, Stefanie Kessler (Hrsg.): Bildung und Prävention. Reflexionen aus Theorie und Praxis zu einem viel diskutierten Zusammenhang. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 112 Seiten. ISBN 978-3-7799-3487-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Der Zusammenhang von Bildung und sozialer Herkunft auf der einen und Kriminalität bzw. Kriminalprävention auf der anderen Seite wird von den Autorinnen und Autoren des Sammelbandes vor deren Hintergrund als Wissenschaftler oder Praktiker reflektiert. Der an sich weiter gefasste Präventionsbegriff wird hier auf Kriminalprävention fokussiert und in der Perspektive der Sozialpädagogik/Sozialarbeit elaboriert. Erfahrungen aus exemplarischen Anwendungsfeldern, wie Jugendbewährungshilfe, Intervention bei Mobbing in der Schule, Sicherheit im ländlichen Raum oder Kompetenzentwicklung durch polizeiliche Präventionsprojekte werden dargestellt. Eine Einordnung ergibt sich durch theoretische Einführungsbeiträge, zu „Bildung und Kriminalität“ sowie zu „Erziehung als Prävention?“ und durch das Fazit der Herausgeberinnen am Schluss des Bandes.

Herausgeberinnen

Bei den beiden Herausgeberinnen handelt es sich um eine Professorin für Bildungssoziologie in der sozialen Arbeit an der „Ostfalia“ Hochschule für angewandte Wissenschaften mit einer Doppelqualifikation als Sozialpädagogin (FH) und als Dipl.-Kriminologin (Anja Mensching) sowie um eine wissenschaftliche Mitarbeiterin an derselben Professur (Stefanie Kessler), zudem Doktorandin in der Politikdidaktik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um eine Tagungsdokumentation des Uelzener Forums „Bildung als/statt Prävention?“, das im Jahre 2015 stattfand.

Aufbau

Auf drei Grußworte, in welchen u.a. die Relevanz der Tagung für die Region und die Strategie des Niedersächsischen Landespräventionsrates zum Ausdruck gebracht wird, folgen

  1. eine thematische Einführung der Herausgeberinnen,
  2. drei Theoriebeiträge,
  3. fünf Beiträge der Workshopleiter,
  4. einem Fazit der Herausgeberinnen.

Zu 1.

Die allgemeine Relevanz des Themas und die Bedeutung der Bildung für die Region und die unternommenen Anstrengungen (z.B. Einrichtung eines „Bildungsbüros“ zur Steuerung aller diesbezüglichen Aktivitäten) werden darin betont. Bildung sei ein ganz wesentlicher Faktor für die regionale und die individuelle Entwicklung. Aber: Weder sei Bildung eine Garantie für selbstbestimmtes Leben, noch sei sie entscheidend dafür, ob jemand kriminell oder gewalttätig werde. Des Weiteren finden sich Hinweise auf die Ziele des Uelzener Forums und den Aufbau des Bandes sowie die Autoren und Inhalte der einzelnen Beiträge.

Zu 2.

Theoriebeiträge:

Anja Mensching thematisiert den Zusammenhang von Bildung und Kriminalität und liefert Argumente dafür, dass es sich um keinen linearen Zusammenhang handelt. Sie unterscheidet dabei zwischen Bildungsgrad und erworbenen Bildungstiteln und führt die Leser zu Ihrer These hin, „geringe Bildungstitel bzw. weniger Bildung“ mache die entsprechende Gruppe „leichter kriminalisierbar“. Außerdem stellt sie die These auf, dass die schulische Selektion mit den Selektionspraktiken der Justiz korrespondiere.

Bernd Dollinger (Professor für Sozialpädagogik an der Universität Siegen) setzt sich mit dem „nicht ganz einfachen Zusammenhang“ von Erziehung und Kriminalität auseinander und wirft die Frage auf, ob „Erziehung als Prävention?“ verstanden werden könne. Er geht von einer Differenz dieser beiden zentralen Begriffe aus, die unterschiedlichen Maximen folgen würden, und benennt immanente Widersprüchlichkeiten. Insbesondere wendet er sich gegen das mit der Prävention verbundene „Nicht“, das darin bestehe, die Formen devianten Verhaltens mit normativen Etiketten zu versehen. Sozialpädagogisches Handeln müsse sich dagegen darauf einlassen, die „Weltdeutungen und Perspektiven sowie ihre jeweils besonderen Lebensumstände“ der Adressaten zu verstehen – das bedeute aber nicht, z.B. Gewalttaten zu billigen. Mit Blick auf die Geschichte und die Empirie zeichnet er ein differenziertes Bild des Verhältnisses von Erziehung und Kriminalität. Man müsse davon ausgehen, dass Normabweichungen jugendtypisch seien. Wenn man einen direkten Zusammenhang von Erziehung und Kriminalität unterstellen würde, hieße das, dass die Erziehung generell versagt habe. Delinquentes Verhalten bei Jugendlichen sei in der Regel aber ein vorübergehendes Phänomen, längerfristige Kriminalitätskarrieren seien – auch ohne Intervention – daraus nicht prognostizierbar. Umso wichtiger sei es, strafrechtliche Interventionen mit Zurückhaltung zu betreiben und Maßnahmen der Hilfe und Resozialisierung auf den Einzelfall zuzuschneiden.

Frank Eger (Professor für Kinder und Jugendhilfe an der Ostfalia) problematisiert, wie sein Kollege Dollinger, den Präventionsbegriff, da dieser mit der Intention einer „Abwesenheit vom Problem“ verbunden sei. Dem setzt er ein Konzept „Lösungsorientierter sozialer Arbeit“ gegenüber: Bildung und Erziehung in einer lösungsorientierten Dimension ermöglichten eine Ziel- und Ressourcenorientierung von Anfang an. Mit dieser konzeptionellen Rahmung beleuchtet er das nicht nur im Straffvollzug mit Jugendlichen verbreitete Konzept der Konfrontativen Pädagogik bzw. des Anti-Aggressions-Trainings (AAT) kritisch, sowohl in Bezug auf Inhalte als auch auf die Methoden. Untersuchungen zu Rückfallraten und Verweise auf lerntheoretische und neurobiologische Zusammenhänge werden als Argumente gegen AAT herangezogen. Als Kontrast dazu plädiert der Autor für eine lösungsorientierte Arbeit mit Gruppen von straffällig gewordenen Jugendlichen und benennt die zentralen Ziele und Methoden sowie die Rolle des Sozialarbeiters/der Sozialarbeiterin in diesem Prozess.

Zu 3.

Es handelt sich insgesamt um fünf Beiträge, die sich mit den Anwendungsfeldern der Präventionsarbeit befassen.

Auf der Ebene der Bildungspolitik setzt sich Stefanie Kessler mit der Präventionsorientierung und dem Störungsparadigma auseinander.

Sarah Jesse und Tobias Schöck beleuchten Möglichkeiten und Grenzen der tertiären Prävention in der Jugendbewährungshilfe.

Intervention bei Mobbing in der Schule mit der Darstellung des „No Blame Approach“ ist Thema des Beitrages von Sigrid Salomo und Tobias Schöck.

Es schließt sich ein Projektbericht von Marlene Tietz mit theoretischen Überlegungen und Ergebnissen von Gruppendiskussionen zur Sicherheit und zum sozialen Zusammenhalt im ländlichen Raum an.

Ein letzter Beitrag in diesem Praxisteil befasst sich mit der Prävention von Jugendkriminalität und der Kompetenzentwicklung Jugendlicher durch polizeiliche Präventionsprojekte. Die Autoren, Silke Munstermann und Dieter Klingforth, sind beide als Polizeibeamte in diesem Handlungsfeld tätig.

Zu 4.

Im Fazit mustern die Herausgeberinnen die einzelnen Beiträge noch einmal durch und versuchen einen gemeinsamen Nenner zu finden. Konsens aller Beiträge scheint zu sein, dass keine einfache Kausalität von Bildung und Kriminalität besteht und somit auch im Umkehrschluss die Formel Kriminalitätsprävention durch eine bessere Erziehung in dieser Allgemeinheit in eine Sackgasse führen würde. Bei der Suche nach differenzierten Lösungen gehen die Herausgeberinnen auf die Vielschichtigkeit der Jugendphase und die sozialstrukturellen Unterschiede der Gruppe der Jugendlichen ein. Abweichendes Verhalten komme in allen Schichten vor, werde jedoch bei marginalisierten und exkludierten Personen sichtbarer und daher leichter sanktioniert „als Handlungen von jenen Jugendlichen, die aufgrund ihres sozialen und kulturellen Kapitals (…) eher in der geschützten Privatsphäre stattfinden“ (S. 107). In diesem Sinne kritisieren sie das „Störungsparadigma“, das „Präventionswarenhaus“ habe viel Positives zu bieten, und plädieren dafür, dieses mit der bekannten Doppelstrategie von Verhaltens- und Verhältnisprävention nutzbar zu machen.

Diskussion

In der vorliegenden Veröffentlichung verbinden sich die Vor- und Nachteile von Sammelbänden, die im Nachgang von Tagungen veröffentlicht werden. In dem Spektrum der Beiträge steckt einerseits viel Potenzial für die Präventionsarbeit, unterschiedliche, interessante und jeweils für den Themenkreis relevante Überlegungen, Ansätze und Projekte werden vorgestellt. Auf der anderen Seite fehlt eine klare Systematik und bei der Unterschiedlichkeit der einzelnen Anwendungsfelder auch die Breite und Tiefe, mit der diese bereits untersucht worden sind. Für Präventionsprojekte aller Art, die ohne institutionellen Rahmen dauerhaft nicht vorstellbar sind, stellt sich die zentrale Frage der Nachhaltigkeit. So bleiben Projekte, die beispielsweise in der Schule dem „No Blame Approach“ verpflichtet sind oder dort im Rahmen der polizeilichen Präventionsarbeit angesiedelt sind, episodenhaft und können keine Nachhaltigkeit entwickeln, wenn sie nicht in eine Infrastruktur eingebunden und beispielsweise im Schulprogramm verankert werden. Gleiches gilt für Ansätze und Einrichtungen der Sozialarbeit. Die Gelingensbedingungen der einzelnen in den Workshops vorgestellten Ansätze und Projekte – auch im Nachhinein gemeinsam mit den Autoren unter dem Stichwort „Bildung und Prävention“ zu untersuchen – hätte eine Möglichkeit der Systematisierung darstellen können.

Fazit

Bei der vorliegenden Veröffentlichung handelt es sich um einen Sammelband, in dem Theoretiker und Praktiker ihre unterschiedlichen Erfahrungen zum Thema „Bildung und (Kriminal-)Prävention“ vorstellen. Auf drei Grußworte folgen eine thematische Einführung der Herausgeberinnen sowie drei Theoriebeiträge, in denen die Konzepte von Erziehung, Bildung und Prävention einzeln und in ihren Zusammenhängen kritisch hinterfragt werden. Daran schließen sich fünf Beiträge zu Anwendungsfeldern der Kriminalprävention (Jugendbewährungshilfe, Mobbing in der Schule, Sicherheit im ländlichen Raum, Polizeiliche Präventionsprojekte) an. Der Band endet mit einem Fazit der Herausgeberinnen.

Wegen seines Anregungs- und Reflexionspotenzials empfiehlt sich der Band für Personen, die in der Kriminalpräventionsarbeit als Sozialarbeiter oder Ehrenamtliche tätig sind; auch für Studierende der Sozialpädagogik/Sozialarbeit ist das kompakte Werk mit etwas mehr als 100 Seiten als Einführungslektüre in Module im Bereich der Prävention/Kriminalitätsvorbeugung geeignet.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Melzer
Homepage tu-dresden.de/gsw/ew/iew/spsf
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Zitiervorschlag
Wolfgang Melzer. Rezension vom 15.12.2017 zu: Anja Mensching, Stefanie Kessler (Hrsg.): Bildung und Prävention. Reflexionen aus Theorie und Praxis zu einem viel diskutierten Zusammenhang. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3487-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22796.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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