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Christof Beckmann, Hans-Uwe Otto u.a. (Hrsg.): Qualität in der sozialen Arbeit

Cover Christof Beckmann, Hans-Uwe Otto, Martina Richter, Mark Schrödter (Hrsg.): Qualität in der sozialen Arbeit. Zwischen Nutzerinteresse und Kostenkontrolle. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 384 Seiten. ISBN 978-3-8100-3869-2. 29,90 EUR.
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Hintergrund und Funktion des Buches

Schon wieder ein Reader aus Bielefeldt! Hans-Uwe Otto und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der 'Arbeitsgruppe 8 Sozialarbeit/Sozialpädagogik' an der Uni Bielefeldt, die auch dem dortigen 'Zentrum für Qualitätsforschung im Bildungs- und Sozialbereich' angehören, haben es nur ein halbes Jahr nach 'Empirische Forschung und Soziale Arbeit' (vgl. die Rezension des Buchs) geschafft, ein weiteres grundlegendes Herausgeberwerk zu veröffentlichen - wieder zu einem zentralen Thema, das Praxis, Profession und Disziplin Sozialer Arbeit gleichermaßen beschäftigt. Immerhin 28 - überwiegend im Wissenschaftsbereich ausgewiesene - Autorinnen und Autoren sind beteiligt bei der Entfaltung einer enormen Palette an verschiedenen Perspektiven auf diese Debatte um die Qualität personenbezogener Dienstleistungen in Deutschland.

Im Zentrum stehen dabei nach eigenen Angaben der HerausgeberInnen drei Fragen, nämlich

  1. die nach der Legitimation des Umfangs sozialstaatlicher Versorgung,
  2. die nach dem Verhältnis von Qualität und Markt als Wettbewerbselement sozialer Dienste
  3. und die nach dem Spannungsverhältnis zwischen Effizienzsteigerung, professionellem Handeln und Nutzerinteresse.

Wie ein erneuter Versuch der Quadratur eines Kreises mutet es da fast an, wenn eine Antwort auf die Frage angekündigt wird, wie es möglich sein kann, bei drohender öffentlicher Kosteneinsparung und angesichts des Einzugs betriebswirtschaftlicher Rationalitäten die Qualität sozialer Dienste so zu entwickeln, dass die Interessen der NutzerInnen gewahrt bleiben. Zumindest als möglichen neuen Ansatzpunkt stellen die HerausgeberInnen das Konzept der diskursiven Aushandlung einer sozialen Dienstleistung in ihrem Einleitungskapitel vor: "Ist Qualität eine Verhandlungssache?" fragen sie da zu Recht, bleiben aber insgesamt und wohl auch notwendiger Weise ein eindeutiges und klares 'ja' oder 'nein' schuldig.

Weil aber das Buch diese kontroverse und komplexe Diskussion versucht möglichst umfassend abzubilden, werden alle diejenigen enttäuscht sein, die - seinem Titel entsprechend - eher eine Einführung in Begriffe und Grundlagen zum Thema Qualität in der Sozialen Arbeit erwarten. Dies wird bei seiner Lektüre schon weitgehend vorausgesetzt.

Inhaltliche Einblicke in das Buch

Auf fünf verschiedenen Ebenen versucht dieses Buch, die inzwischen wohl nicht mehr überschaubare Debatte um den Begriff der Qualität in der Sozialen Arbeit zu beleuchten und auf diesen Aspekt der Aushandlung unter den Betroffenen und Beteiligten zu beziehen:

  1. Im ersten Teil geht es um die internationale Perspektive auf die Frage, wie in verschiedenen Ländern (Großbritannien, Italien, Australien und Finnland) durch eine je eigene 'Qualitätspolitik' die Hilfesysteme und die Verhandlungsstrategien über sie neu definiert werden und wie die verschiedenen Dienstleister vor Ort unter den jeweiligen Bedingungen weiterhin in der Lage sein könnten, ihre Interessen dabei geltend zu machen. Vor allem Walter Lorenz macht deutlich, dass dabei eine wirkliche, kommunikativ angelegte Aushandlung von Qualitätskriterien unter Beteiligung der Betroffenen immer häufiger systematisch vermieden wird bzw. zunehmend nicht mehr möglich erscheint.
  2. Die nationale Qualitätspolitik steht im zweiten Teil des Buches im Vordergrund: Unter den Aspekten von Wettbewerb und Fachlichkeit, der grundlegenden Umstrukturierung der Dienstleistungslandschaft in Deutschland und der Adressatenbeteiligung unter zunehmenden Wettbewerbsbedingungen werden Strategien in verschiedenen organisatorischen Zusammenhängen diskutiert. Auch unter dieser deutschen Perspektive ergibt sich das gleiche Bild: ein Mangel an systematischem empirischem Bezug und an ebenso systematisch angelegter Beteiligung der Betroffenen im Hinblick auf Begriffe, Indikatoren und Standards von Qualität sozialer Dienstleistungen wird durchgängig konstatiert und problematisiert.
  3. Im dritten Teil geht es, wiederum eine Stufe konkreter betrachtet, um die Frage, wie es unter diesen Bedingungen gelingt, zur Herstellung von Qualität auf der institutionellen und Managementebene die richtigen Beiträge zu leisten. Besonders erhellend wirkt da die von Burkhard Müller entwickelte 'Typologie von Verwaltungsleistungen', die sich vor allem im Hinblick auf die verschiedenen Logiken, die bei der Aushandlung von Qualität zugrunde gelegt werden, unterscheiden. Wohl nicht ganz zufällig ans Ende dieses Abschnittes gestellt, steht da die eher pessimistisch anmutende Frage im Vordergrund, ob Soziale Arbeit überhaupt noch anders denn als 'Sozialtechnologie' gedacht werden kann.
  4. Der vierte Abschnitt nimmt - weiter konkretisierend - nun das Verhältnis zwischen Qualität und Profession und damit die Rolle der Fachkräfte vor dem Hintergrund dieser - aus der Sicht der Betroffenen - problematischen Situation in den Blick: Konsequenterweise wird in diesen Beiträgen neben den Analysen in erster Linie mit Plädoyers gearbeitet, etwa für eine (Re-)Pädagogisierung von Qualität neben der übermächtigen betriebswirtschaftlichen Logik, für eine stärker rekonstruktiv verfahrende Evaluationspraxis als Qualitätsentwicklungsstrategie und für Formen nicht-standardisierter Selbstkontrolle durch die Professionellen als Gegengewicht zu den vordergründigen und formalistischen Logiken von außen. Ob gerade an diesem Punkt Aussichten auf Erfolg bei dem eingangs erwähnten Versuch der 'Quadratur dieses Kreises' bestehen, wird sich wohl in Zukunft zuerst an den hier skizzierten Konfliktlinien entscheiden.
  5. Und worin die konkreten Herausforderungen für alle Akteure dabei bestehen könnten, wird nun im abschließenden Teil des Buches diskutiert und zumindest angedeutet: Mit Blick auf die Perspektiven der Nutzerinnen und Nutzer Sozialer Arbeit geht es im Kern um die Frage, wie die Berücksichtigung der Interessen der Betroffenen und ihre Beteiligung an der 'Produktion' der entsprechenden Dienstleistungen konkret aussehen können: Die Möglichkeiten der Demokratisierung von Aushandlungsprozessen, der Öffnung von Evaluationsdesigns für die Perspektiven der Adressaten oder auch der Erhöhung von Glaubwürdigkeit, Legitimation und Akzeptanz sozialer Dienste werden hier verhandelt.

Fazit

Alles in allem: Dieses Buch bereitet eine komplexe Problemlage differenziert und auf hohem Niveau auf und formuliert dabei gleichzeitig hochgesteckte Ziele und enorme Herausforderungen für alle beteiligten Akteure! Der Aufbau der Argumentation ist klar und übersichtlich, ihr Niveau hoch. Dafür garantieren die AutorInnen, die ja - wie schon erwähnt - ausschließlich aus der Wissenschaftsszene stammen.

Wenn es gelungen wäre (ob es beabsichtigt war, bleibt offen!), die zusätzliche Sichtweise derjenigen, die für die Herstellung und das Management von Qualität sozialer Dienste täglich Verantwortung tragen, mit in dieses Buch einzubeziehen, hätte es wohl noch mehr Aussicht gehabt, eine breite (und dringend notwendige!) Diskussion dieser Fragen in der Praxis der Sozialen Arbeit anzuregen und zu befördern.

Und es wäre unter Umständen möglich gewesen, Richtung weisende und konkrete Handlungsansätze für Praxis und Management gleich mitzuliefern. Denn genau dies erscheint besonders notwendig in dieser schwierigen Situation, in der sich die Praxis zwischen Fachlichkeit, Wirtschaftlichkeit und Ethik neu verorten muss: Vorbilder und Ermutigungen für Konzepte der Qualitätsentwicklung in den Sozialen Organisationen, die den Interesse derjenigen, für die sie eigentlich Verantwortung tragen, auch gerecht werden.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg
Allgemeine Pädagogik & Empirische Sozialforschung
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation
Homepage www.evhn.de/hochschule/organisation/personenverzeic ...
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 11.01.2005 zu: Christof Beckmann, Hans-Uwe Otto, Martina Richter, Mark Schrödter (Hrsg.): Qualität in der sozialen Arbeit. Zwischen Nutzerinteresse und Kostenkontrolle. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-8100-3869-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2280.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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