socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Erhard Brunn: Über alle Grenzen hinweg - Flucht und Hilfe

Cover Erhard Brunn: Über alle Grenzen hinweg - Flucht und Hilfe. Dehm Verlag (Limburg) 2017. 244 Seiten. ISBN 978-3-943302-39-4. 14,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


„Die Flüchtlinge mahnen Europa an seine Verantwortung“

In der vergesslich-schnelllebigen, oberflächlich-postfaktischen und ego-first-populistischen Welt gibt es zum Glück auch Menschen, die sich der Tatsache bewusst sind, dass jeder Mensch, wo er auch ist, wie er auch existiert, alltäglich die Herausforderung und Verantwortung mit sich trägt, sich dafür einzusetzen und mit zu verwirklichen, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“ (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948). Zwar ist nicht jeder Mensch intellektuell, emotional oder existentiell in der Lage, diese Verantwortung im Alltagsleben auch zu praktizieren und sich politisch, haupt- oder ehrenamtlich, karitativ oder altruistisch aktiv zu betätigen – aber rational ist jeder Mensch herausgefordert, empathisch, human und menschenwürdig dafür einzutreten, dass eine friedliche, gerechte Eine Welt möglich wird.

Entstehungshintergrund

Eine der großen Herausforderungen in der krisenbewegten Welt sind die Migrations- und Fluchtbewegungen, die Menschen zwingen, ihre angestammten Lebensräume zu verlassen, um anderswo ein menschenwürdiges Leben führen zu können. Die Gründe dafür sind menschengemacht – durch Klimawandel, Umweltkatastrophen, Kriege, ethnische und religiöse Konflikte, Hungersnöte und ökonomische Ungerechtigkeiten. Die Auseinandersetzungen damit werden in vielfältiger Weise geführt, rational, emotional, ideologisch, fachlich, interdisziplinär und wissenschaftlich. Das im 19. Jahrhundert durch die bürgerlich-revolutionäre Erschütterung des ‚monarchischen Prinzips‘ eingeleitete „Jahrhundert der Flüchtlinge“ (Franz Nuscheler) ist längst nicht vorbei; vielmehr hat es sich durch die sich immer interdependenter, entgrenzender und globaler entwickelnden Welt potenziert. Die Frage, ob es in diesen Situationen noch möglich und verantwortbar ist, dass sich Völker, Länder und Nationen ab- und eingrenzen, ist längst obsolet geworden, auch wenn sich Tendenzen entwickeln, (wieder) nationalistisch, ego- und ethnozentriert, fundamentalistisch, populistisch und rassistisch zu denken und zu handeln.

Autor

Der Frankfurter Historiker, Menschenrechtler, Entwicklungsexperte und Journalist Erhard Brunn hat Erfahrungen beim Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen und Herkünften (vgl. z.B. auch: Erhard Brunn, Christentum und Islam – ein neuer Dialog des Handelns. Begegnungen in Europa und Afrika, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4294.php). Er gibt sich nicht zufrieden mit der Aussage eines Verlagsvertreters, dass das Thema „Flüchtlinge“ verlegerisch und durch den Buchmarkt gesättigt sei; er erkennt vielmehr, dass Migration in allen Formen nicht nur als ein permanenter Menschheitsprozess verstanden werden muss, sondern auch eine stetige, verantwortungsbewusste Herausforderung für humanes Denken und Tun darstellt. Gegen die tatsachenverdrehenden Kakophonien, menschenfeindlichen Parolen und Angstmachereien, dass sich die derzeit rund 65 Millionen Menschen, die sich weltweit auf der Flucht befinden, auf den Weg nach Deutschland und Europa machten, argumentiert er mit den Wirklichkeiten, dass die meisten Flüchtlinge Schutz in ihren unsicheren und prekären Heimatländern und den benachbarten Staaten suchten und weniger als ein Zehntel tatsächlich die lebensgefährlichen Wege über das Meer und Schleuserrouten nach Europa suchten. Für diejenigen, die ankommen, stellt er die Bereitschaft von Menschen entgegen, Flüchtlinge aufzunehmen, mit zahlreichen Aktivitäten zu unterstützen und ihnen die Integration in ihrem neuen Heimatland zu erleichtern. „Wir schaffen das“, es ist das ermunternde, motivierende und aktivierende Motiv, wie es die deutsche Bundeskanzlerin zum Erstaunen der einheimischen Gesellschaft und der internationalen Gemeinschaft zum Ausdruck brachte, das viele Menschen in Deutschland bewegte, aktiv in der Flüchtlingsthematik zu werden.

Mit seinem Buch will der Autor Kontrapunkte in zweierlei Hinsicht setzen: Zum einen gegen die ego- und ethnozentrierten Parolen wie „Das Boot ist voll“, „Deutschland den Deutschen“ und „Ausländer raus!“, zum anderen aber auch gegen die falschen und diskriminierenden „Streicheleinheiten“, lächerlichen und herabwürdigenden Versuche, „Gutmenschen“ als verschrobene Vertreter der Tugend der „Nächstenliebe“ darzustellen. Er lässt, in Interviews und Beiträgen „möglichst viele Akteure möglichst unverfälscht… zu Wort kommen“, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, oft ohne großen Aufhebens, sondern selbstverständlich. Als Grundlage seiner Gespräche und Kommentare mit ihnen lassen sich zwei Motivationen ergründen: Die eine, die er als weltanschauliche (christliche) Nächstenliebe identifiziert, und die andere, auf dem humanistischen, rationalen Bewusstsein basierenden Überzeugungen vom Mehrwert des Teilens beruhend (vgl. dazu auch: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).

Aufbau und Inhalt

Brunn gliedert das Buch „Über die Grenzen hinweg – Flucht und Hilfe“ in die folgenden Kapitel. Während er im ersten Kapitel erläutert, welche Motive und Zielsetzungen seiner Arbeit zugrunde liegen, setzt er sich (im evangelischen Kontext) im zweiten Teil mit den „Engagements für Geflüchtete und Erinnerung an Flucht- und Eingliederungsgeschichten nach dem Zweiten Weltkrieg“ auseinander. Im dritten Kapitel erweitert er die Fragestellung, indem er (im Kontext der Diakonie Frankfurt/M.) Engagierte „vor Ort“ zu Wort kommen lässt. Das vierte Kapitel nimmt weitere Stimmen aus der Evangelischen Kirche auf. Das fünfte Kapitel stellt Beispiele aus der katholischen Flüchtlingshilfe dar. Im sechsten Teil wird das Engagement von „Flüchtlingshelfer(n) mit Migrationshintergrund“ vorgestellt. Im siebten lernen wir mit der Überschrift „Auf dem Weg“ weitere zivilgesellschaftliche Initiativen kennen. Und im achten Kapitel informiert der Autor über Medienaktivitäten von Flüchtlingen als Identitäts- und Integrationsbeiträge. Mit der Überzeugung, dass Migrations- und Flüchtlingspolitik Menschenpolitik ist, und humanes Engagement mit Geben und Nehmen verbunden ist, resümiert der Autor seine Arbeit über ehrenamtliche Tätigkeiten und Aktivitäten. Der Islamwissenschaftler Udo Steinbach plädiert in seinem Vorwort für, „eine zukunftsträchtige Allianz zwischen Europa und seiner muslimischen Nachbarschaft“. Und mit einem Querverweis auf die Studie des Kulturwissenschaftlers Werner Schiffauer u.a.: „ So schaffen wir das – eine Zivilgesellschaft im Aufbruch“ (2017), stimmt Erhard Brunn ein in den positiven und optimistischen Befund, dass in Deutschland zwischen 2015 und 2016 rund 15.000 Projekte entstanden sind, die kreative Antworten auf die vielfältigen Herausforderungen auf die Migrationssituationen geben (vgl. auch: Werner Schiffauer / Meryem Uçan / Susanne Schwalgin / Neslihan Kurt, Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20047.php).

Die Interviews, Erzählungen, Schilderungen und Berichte über die zahlreichen, namentlich und institutionell genannten Beispiele für engagierte Flüchtlingsarbeit, die Erinnerungen an Vertreibung und Flucht, und die Reflexionen und Begründungen zu den eigenen und familiären Fluchterfahrungen, wie auch die religiösen, ethischen und zivilgesellschaftlichen Motive, ergeben ein Gesamtbild von individueller und kollektiver Verantwortlichkeit. Es zeigt sich, dass die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement von dem Bewusstsein getragen wird: „Ich bin in jedem Fall ein politischer Mensch. Ich war in der Friedensbewegung…, also ich habe mich schon politisch engagiert“; ebenso ist bedeutsam, welche Anstöße von außen kommen, im persönlichen, nahen und beruflichen Umfeld, in der Gemeinde, in den Medien und bei gesellschaftspolitischen Prozessen. Die Einübung in den „Blick über den Tellerrand“, also die Fähigkeit und Bereitschaft, unvoreingenommen und objektiv in die Welt zu schauen und empathisch zu leben, ist eine bedeutsame Spurung, um einerseits sich beim Engagement nicht zu überfordern, andererseits bei aller Zuwendung auch die notwendige Distanz zu wahren, um auf die vielfältigen, kontroversen Wertungen und Lösungsansätze objektiv reagieren zu können; etwa mit der Frage, ob die Aufnahme von Flüchtlingen in einem „entwickelten“ Land nicht gleichzeitig die „Unterentwicklung“ in der Herkunftsregion fördert: „Ein Flüchtling zu sein ist nichts, was wir planen oder wählen können in unserem Leben, manchmal kommt es über uns in einem Moment, den wir nicht erwartet haben und wirkt sich auf unser Wohlbefinden aus…“. Die Erkenntnis, dass ein Einwanderer, ob als Flüchtling oder Migrant, immer auch Sonne und Schatten sein kann, Dialogpartner und Störenfried, erfordert die Fähigkeit zur Differenzierung, und macht Integration meist nicht einfach. Einer, der sich als Flüchtling auf den steinigen, gefährlichen und nicht selten hoffnungslosen Weg macht, unternimmt dies nicht ohne existentiellen Grund; er würde im allgemeinen viel lieber zu Hause sein und eine Lebensperspektive haben. So wird auch in den Interviews deutlich: Es sind die Ungerechtigkeiten in der Welt, die Menschen zu Flüchtlingen machen. Daraus ergibt sich die Herausforderung, den Menschen dort, wo sie leben und bleiben möchten, ein ökonomisches, ethisches, humanes gutes Leben zu ermöglichen.

Fazit

Wie kann es gelingen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie aufgeklärt sein wollen? Diese Frage steht hinter jeden individuellen und gesellschaftlichen Konflikt. Dort, wo es nicht gelingt, über den eigenen Tellerrand zu schauen und sich aufzumachen, im Anderen sich selbst zu erkennen, werden Altruismus und Empathie für andere Menschen keine Chance haben. Wo aber verantwortungsvolle haupt- und ehrenamtliche Tätigkeiten gelingen, gelingt auch Integration: „Danke Deutschland!“, diese in den Interviews oft gehörte Reaktion von Flüchtlingen, die durch ehrenamtliches Engagement von Eingesessenen und Angekommenen in der Mehrheitsgesellschaft angekommen sind, sollte ein Hinweis darauf sein, dass die „Fremden“ willkommen sind und die Chance verdienen, anzukommen.

Die Interviews, Berichte und Analysen über Flucht und Hilfe stellen ausgezeichnete Möglichkeiten dar, den notwendigen, gesellschaftlichen Dialog einzuüben, beginnend in der Familie, in der Kita, der Schule, der Universität, im beruflichen Umfeld und in der Freizeit. Sie können Exempel sein für ein interkulturelles Verständnis in einer demokratischen Einwanderungsgesellschaft!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1292 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.06.2017 zu: Erhard Brunn: Über alle Grenzen hinweg - Flucht und Hilfe. Dehm Verlag (Limburg) 2017. ISBN 978-3-943302-39-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22801.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung