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Judith Anna Czepek: Wohlverdienter Ruhestand für alle – eine Illusion?

Cover Judith Anna Czepek: Wohlverdienter Ruhestand für alle – eine Illusion? Duncker & Humblot (Berlin) 2017. 324 Seiten. ISBN 978-3-428-15123-3. D: 99,90 EUR, A: 102,80 EUR.

Sozialpolitische Schriften, Band 95.
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Entstehungshintergrund

Das Buch stellt die veröffentlichte Dissertation der Autorin dar, die an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg im WS 2014/15 promovierte.

Thema

Die brandaktuelle Studie Judith Anna Czepeks widmet sich einem der zentralen Themen (post-)moderner Wohlfahrtsstaaten am Beispiel Deutschlands: den Renten- oder Pensionssystemen.

Im Fokus der Arbeit steht der Pension Gap oder Pensionslücke in drei Ausprägungen:

  1. der „potentiellen“ Lücke in der Rentenanwartschaft, die aus der zunehmenden Diversifikation und Stratifizierung der Beitragszeiten resultiert;
  2. der Pension Gap, der sich aus der Inkaufnahme von Abschlägen für den Antritt der Frühverrentung ergibt; und
  3. der Pension Gap als Ergebnis der „(zunehmenden) Diskrepanz von Berufsausstieg und Renteneintritt“ (Kapitel H, S. 248 ff.).

Als Fazit der umfangreichen Arbeit bleibt insbesondere die Erkenntnis, dass das Ideal des „Eckrentners“ mit 45 Jahren Beitragszeit und einer durchgängigen Vollzeit-Erwerbskarriere schlichtweg nicht viel mehr ist als ein Ideal. In Realität wird es nur von wenigen ‚erreicht‘.

Autor

Judith Anna Czepek ist Akademische Rätin am Lehrstuhl für Politische Soziologie und Sozialpolitik der Georg-August-Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Alterssicherungssysteme und Rentenpolitik, Arbeitsmarktpolitik, sowie Methoden der empirischen Sozialforschung, insbesondere quantitative multivariate Verfahren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist folgendermaßen aufgebaut:

  1. Mind the Gap: Einführung

  2. Die institutionen- und sozialstaatstheoretischen Grundlagen

  3. Das Modell zur Komplementarität von Arbeitsmarkt und Alterssicherung: Ausgestaltung und Wirkung

  4. Die Methoden, die Operationalisierung und die Datengrundlage

  5. Die Abweichungen von der Normalerwerbsbiographie auf dem Arbeitsmarkt

  6. Der Pension Gap I: Über potenzielle Lücken in den Rentenanwartschaften

  7. Der Pension Gap II: Über (staatliche) Leistungen und (private) Kosten der Frühverrentung in Form der Inkaufnahme von Abschlägen

  8. Der Pension Gap III: Über eine (zunehmende) Diskrepanz von Berufsausstieg und Renteneintritt

  9. Mind The Gap: Fazit

In der Einführung legt die Autorin ihr Forschungsinteresse fest: „Anhand historischer Daten abgeschlossener Versichertenbiographien aus der gesetzlichen Rentenversicherung wird in dieser Arbeit daher für Deutschland untersucht, wie die individuellen Folgen der Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt und der Ent-Flexibilisierung in der gesetzlichen Rentenversicherung für die Versicherten aussehen und inwiefern dadurch das Leistungsversprechen der gesetzlichen Rentenversicherung in Frage gestellt wird. Die potenziellen Belastungen werden daraufhin analysiert, ob sie sich auf individuelle Merkmale, auf strukturelle Bedingungen des Arbeitsmarktes oder auf veränderte institutionelle Regelungen zurückführen lassen.“ (S. 20)

Der Kohortenvergleich der Rentenzugänge von 2005, 2007 und 2010 bildet dabei die Datengrundlage, die 80.000 repräsentative vollendete Versicherungsleben umfasst. Als Grund für die Auswahl dieser Jahrgänge führt Czepek an, dass dadurch, „der Paradigmenwechsel von der Frühverrentung zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit beobachtet werden [kann]“. (S. 23) Denn wenngleich sich in den Köpfen aller aufgrund der zahlreichen Diskussionen über die Leistungsfähigkeit der Alterssicherungssysteme gegenwärtig die Überzeugung festgesetzt hat, dass ein hohes Lebensstandard-Niveau nur durch möglichst lange Beitragszeiten möglichst vieler BeitragszahlerInnen gewährleistet werden kann, war historisch die Frühverrentung die Norm. 64,5 % gingen 1960 über die Erwerbsminderungsrente in Ruhestand. 2015 waren dies nur noch 17 %. Die Regelaltersrente stieg dafür von 14,6 % im Jahr 1980 auf 30 % aller Rentenzugänge. (S. 119) Das neue Leitbild, das dem „wohlverdienten Ruhestand“ zugrunde liegt, ist nunmehr jenes, dass sich stark „aus den Konstrukten des Eckrentners oder auf dem Arbeitsmarkt der Normalerwerbsbiographie ableite[t]“. (S. 31) Die Rentenanwartschaften, die zum Zeitpunkt des Rentenantritts bestehen können insofern auch als Prämierungen oder Sanktionierungen im Hinblick auf eine Entsprechung oder eben auch Nicht-Entsprechung dieser Leitbilder gesehen werden.

Als Zwischenfazit der detaillierten Analysen betreffend des Pension Gaps I, den potenziellen Lücken in den Rentenanwartschaften, konstatiert Czepek, dass institutionelle Regelungen und strukturelle Bedingungen während der Erwerbsphase entscheidend sind für den (Nicht-)Erwerb von Rentenanwartschaften. Zwischen Erwerbs- und Rentenphase besteht eine enge Komplementarität, die – unter anderem – anhand folgender Sachverhalten deutlich wird:

  1. Die Erwerbsminderungsrente wird vor allem von jenen Personen in Anspruch genommen, die es sich leisten können, sprich von Personen mit den durchschnittlich höchsten Anwartschaften. Dies erfolgt vor allem in Form der Altersteilzeit und des Überganges von Arbeitslosigkeit vor Rentenantritt in die Erwerbsminderungsrente.
  2. Im Alter sind vor allem jene Personen mit guten Beschäftigungschancen am Arbeitsmarkt erwerbstätig, jene hingegen, die als Niedrigeinkommensbezieher besonders davon abhängig wären am Arbeitsmarkt zu verbleiben, sind im geringeren Ausmaß erwerbsfähig aufgrund geringerer Beschäftigungschancen.
  3. Analog zum Gender Pay Gap, der Lücke zwischen dem niedrigeren Erwerbseinkommen von Frauen gegenüber dem höheren Einkommen von Männern, besteht ein Gender Pension Gap, der sich im Wesentlichen auf den Gender Pay Gap zurückführen lässt. „Die Reproduktion der Lohnungleichheit auf dem Arbeitsmarkt begründet somit den Gender Pension Gap und belegt die direkte Komplementarität des Arbeitsmarktes und des Alterssicherungssystems.“ (S. 134). Diese Lücke ist zudem in Westdeutschland aufgrund des dort nach wie vor vorherrschenden Male-Breadwinner-Modells, demgemäß Männer im Haushaltskontext einer Vollzeiterwerbstätigkeit nachgehen, während Frauen als Zuverdienerinnen verstärkt in Teilzeit erwerbstätig sind, stärker verbreitet als in Ostdeutschland, wo dies weniger der Fall ist.

Generell zeigen die regionalspezifischen Analysen zu den Pension Gaps I bis III in einigen Bereichen gewichtige Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland auf. So ist die ‚Regelaltersrente‘ – wenn überhaupt – nur im Westen die Regel, während hingegen im Osten die Rente für Frauen und die Rente wegen Arbeitslosigkeit die wichtigsten Eintrittswege in den Ruhestand darstellen (S. 280). Insgesamt sind Frauen in Ostdeutschland – so wie auch ostdeutsche Männer – länger erwerbstätig als in Westdeutschland und falls sie in Teilzeit beschäftigt sind, so in einem höheren Stundenausmaß. „Die Untersuchung zeigt, dass in Ostdeutschland insgesamt stärker materielle Gründe wirken, Kinder sowie die Ehe haben hingegen nur einen geringen Einfluss auf die Rentenanwartschaften, die Inkaufnahme von Abschlägen oder den Erwerbsstatus vor dem Renteneintritt. Demgegenüber besteht in Westdeutschland eine höhere Abhängigkeit der Frauen von der Gewährung familialer Leistungen (…) – sei es in der Versorgungsgemeinschaft der Ehe oder durch die gesetzliche Rentenversicherung in Form der verstärkten Anerkennung von Kindererziehungszeiten.“ (S. 284) Die schlechten Arbeitsmarktbedingungen in Ostdeutschland geben jedoch Grund zur Annahme, dass sich dies künftig in Richtung geringerer Anwartschaften gegenüber jener in Westdeutschland auswirken wird und somit die Angleichung der Systeme in weite(re) Ferne rückt (S. 290).

Insbesondere mit Blick auf die jüngsten Veränderungen des Arbeitsmarktes – Stichwort: Zunahme von Prekarisierung und atypischer Beschäftigungsverhältnisse, Anstieg von (Langzeit-)Arbeitslosigkeit – verweist die Autorin auf Bereiche, in denen sich verstärkter Handlungs- als auch Forschungsbedarf zeigt: So sind vor allem Langzeitarbeitslose in der letzten Lebenserwerbsphase vor dem Renteneintritt durch zunehmende Ent-Flexibilisierung der Zugänge zur Rente und stärkere Fokussierung auf die Normalerwerbsbiographie und den „Eckrentner“ von der Entwertung ihrer vormaligen Erwerbsbiographie betroffen. Vormals staatliche Regelungen der Frühverrentung werden zum individuellen Risiko umgewandelt. „Die häufigere Diskrepanz zwischen Berufsaus- und Renteneintritt wird zudem zu einem individuellen und betrieblichen Risiko der Frühverrentung.“ (S. 294) Die zentrale Bedeutung höherer Qualifikation führt zudem zu verstärkten Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt für jene Personen, die lediglich über niedrige Qualifikationen und damit schlechte Beschäftigungschancen verfügen. Auch hier zeigt sich eine zunehmende Individualisierung struktureller Risiken, bei der eine hinreichende politische Antwort ausständig ist. Die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen lässt darauf schließen, dass diese künftig im höheren Maße eigene Rentenanwartschaften erwerben. Daraus könnte sich à la longue der „Abschied vom Male-Breadwinner-Modell“ ergeben, wobei dies auch von anderen Komponenten, wie insbesondere der Ausgestaltung eines „Unterstützungssystem[s] zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ abhängen wird (S. 295).

Diskussion

Die Analyse von Judith Anna Czepek offenbart die blinden Flecken der Reformen im Alterssicherungssystem der jüngsten Vergangenheit: Während sich der Staat auf der einen Seite zunehmend aus der umfassenden Verantwortung für die Alterssicherung schrittweise zurückzog und darauf setzte, dass dies durch private Vorsorge kompensiert würde, wurden die Altersgrenzen für den Übergang in die gesetzliche Rentenversicherung erhöht und auch an vielen anderen Schrauben gedreht, sodass die Abhängigkeit des/der Einzelnen vom Arbeitsmarkt stärker wurde. Aufgrund der Fortschreibung der Ungleichheiten am Arbeitsmarkt in das Rentensicherungssystem durch die Komplementarität der beiden Systeme zeigt sich nun, dass insbesondere jene zu den Reformverlierern und -verliererinnen gehören, die bereits zuvor schon zu den am Arbeitsmarkt benachteiligten Gruppen zähl(t)en. Eine stärkere Fokussierung auf „armutsvermeidende Altersvorsorge“ müsste daher (wieder) stärker auf gezielte De-Kommodifizierung ebendieser strukturell benachteiligten Gruppen setzen. Doch dies zeichnet sich derzeit in den aktuellen Reformdiskussionen nicht ab. Vielmehr konstatiert Czepek eine „administrative Re-Kommodifizierung“, bei der der Staat die Verantwortung an den Arbeitsmarkt abgibt und dadurch die Einzelnen und die Betriebe stärker in die Verantwortung nimmt. Als Fazit bleibt: „Die Norm [Anm.: der Normalarbeitsbiographie und des Eckrentners] wird zum Privileg.“ (S. 302)

Fazit

Die Studie Czepeks leistet in ihrer Breite und Tiefe einen gewichtigen Beitrag, um auf fundierter empirischer Grundlage zentrale Aspekte des gegenwärtigen und künftigen Alterssicherungssystem im Hinblick auf bereits durchgeführte Reformen zu beurteilen und Entscheidungen darüber zu treffen, wie entsprechende weiterführende Reformen zu formulieren wären. Klarerweise verbleibt es den zuständigen PolitikerInnen zu entscheiden, welches Ausmaß an Altersarmut dabei in Kauf genommen wird. Ob bei den aktuellen Befunden noch von einem „wohlverdienten Ruhestand“ die Rede sein kann, steht auf einem anderen Blatt.


Rezensentin
Laura Sturzeis
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Zitiervorschlag
Laura Sturzeis. Rezension vom 29.08.2017 zu: Judith Anna Czepek: Wohlverdienter Ruhestand für alle – eine Illusion? Duncker & Humblot (Berlin) 2017. ISBN 978-3-428-15123-3. Sozialpolitische Schriften, Band 95. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22802.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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