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Ursula Christen: Schwule Söhne – lesbische Töchter

Cover Ursula Christen: Schwule Söhne – lesbische Töchter. Wie Eltern den Wertewandel zu Homosexualität erlebt und mitgestaltet haben. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2017. 182 Seiten. ISBN 978-3-906036-24-3. 32,00 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema

Thematisch behandelt das Buch den allgemeinen Werte- und Normenwandel im Bereich Homosexualität. Hier spielt insbesondere die persönliche Sichtweise von Eltern mit homosexuellen Kindern eine große Rolle: diese schildern, wie sie von der Homosexualität Ihrer Kinder erfahren haben, welche Herausforderungen sich daraus ergaben und wie sich diese schließlich lösten. Darüber hinaus vermittelt das Werk einige theoretische Hintergründe zum Bereich Gender, aber auch zu juristischen Aspekten. Im Weiteren gibt es historische Rückblicke und die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexualität heute wird beleuchtet.

Autorin

Ursula Christen ist seit 2005 an der HES-SO Wallis, Hochschule für Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Gender, Sexualität, soziale Ungleichheit, sozialer Wandel und kritisches Denken als Dozentin tätig.

Aufbau

Das Buch ist in drei verschiedene Bereiche unterteilt:

  1. Stimmen der Eltern (Teil 1)
  2. Ein umfassender Wertewandel (theoretische Hintergründe)
  3. Stimmen der Eltern (Teil 2)

In den beiden Bereichen „Stimmen der Eltern“ wird mithilfe von Zitaten aus Interviews mit den Eltern erwachsener homosexueller Kinder die gesellschaftliche Veränderung der Homosexualität für diese erläutert und jeweils zum Ende des Abschnitts ein Zwischenfazit gezogen. Der Theoriebaustein gibt dann einen Überblick über die theoretischen Hintergründe zu Genderrollen und rechtlichen Fragen sowie gesellschaftlichen Normen früher und heute.

Inhalt

Zu Beginn des Buches werden zunächst die in der Studie verwendeten Forschungsmethoden vorgestellt: So konzentrieren sich die mithilfe der Grounded Theory durchgeführten Interviews auf die Eltern erwachsener homosexueller Kinder. Da diese i.d.R. heterosexuell sind und bis zum Coming-Out des Kindes oft nur wenig Berührungspunkte mit Homosexualität hatten, haben sie den Wertewandel miterlebt bzw. sich mit der Thematik „zwangsweise“ auseinandergesetzt sowie den Umgang damit gegenüber Dritten für sich definiert.

In „Stimmen der Eltern – Teil 1“ werden die Eltern zu Beginn bezüglich verschiedener Bereichen mit dem Leben mit ihren homosexuellen Kindern befragt. Dies beginnt mit dem Erfahren der Eltern von der Homosexualität ihrer Kinder, das von Schock und Trauer über Angst und Wut bis hin zu Stolz und Liebe viele verschiedene Reaktionen ausgelöst hat. Anschließend wird der Blick auf Herausforderungen und Diskriminierungen der Kinder, aber auch der eigenen Person als Elternteil geworfen. Hier wird deutlich, dass fast alle Personen bereits Diskriminierungserfahrungen haben, die sich sowohl in physischer als auch psychischer Gewalt, aber auch in subtiler Art und Weise ihnen gegenüber ausdrücken.

Im Theorieteil wird zunächst die rechtliche Situation von Homosexuellen in verschiedenen Ländern (vornehmlich Europa) bezüglich ihrer zivilgesetzlichen Regelungen zu Partnerschaftsgesetzen und Ehen sowie hinsichtlich des Strafrechtes (Redeverbot, Todesstrafe, mildernde Umstände) dargestellt. Eine besondere Beachtung erfährt die Situation in der Schweiz, da die Autorin selbst in der Schweiz lebt und arbeitet. Unterschiede zwischen der Schweiz und Deutschland werden nur am Rande erkennbar, wenn die Autorin von der Situation in anderen europäischen Ländern spricht. Weitere Themen sind die Kinder homosexueller Menschen, der Meinungsumschwung in der Bevölkerung oder das gesellschaftliche Ringen um einen angemessenen Status. Insbesondere im letzten Bereich wird deutlich die Politik, aber auch die Kirche in die Pflicht genommen, (vorhandene) Stigmata abzubauen und diesen Abbau, insbesondere in den eigenen Reihen, sichtbar zu machen.

Zuletzt werden noch einmal die Eltern bezüglich verschiedener Strategien, mit der Homosexualität ihrer Kinder umzugehen, befragt. Auch hier ergibt sich von Abwehren und Hadern über Kämpfen bis hin zu Frieden finden erneut ein breites Feld angewendeter Verhaltensmuster seitens der Eltern. Deutlich wird, dass sich insbesondere Eltern, die für ihre Kinder „kämpfen“, für die Teilnahme an der Studie bereit erklärt haben; hingegen wirken an der Studie keine Eltern mit, die keine Akzeptanz für die Homosexualität des eigenen Kindes aufbringen konnten. Auffällig ist die Veränderung der Forschungsfrage im Verlauf der Studie: So lautete die Frage bei den ersten geführten Elterngesprächen noch, wie sich der gesellschaftliche Wertewandel der letzten Jahrzehnte auf die Eltern homosexueller Kinder ausgewirkt hatte. Nach und nach setzte sich jedoch die Erkenntnis durch, dass viele dieser Eltern selbst viel zu diesem Wandel beigetragen hatten. In einem abschließenden Fazit durch die Eltern wird noch einmal betont, dass sich die Gesellschaft bis heute in Bezug auf die Homosexualität zum Positiven verändert und diese Veränderungen nicht isoliert, sondern als Teil eines umfassenden gesellschaftlichen Wertewandels stattfinden.

Diskussion

Insgesamt gesehen handelt es sich um ein gelungenes Werk für alle, die sich soziologisch mit dem Thema Homosexualität bzw. mit aktuellen Veränderungsprozessen im Bereich Gender auseinander setzen möchten. Aufgrund der immer wiederkehrenden Diskussionen rund um diese Themen in Gesellschaft oder Politik eignet sich die Lektüre für eine breite Leserschaft mit fachlichem Hintergrund.

Wie die Autorin schon zu Beginn des Werkes deutlich macht, ist die Sichtweise „stolzer“ Eltern in einem größeren Maße vertreten, als die ablehnender oder distanzierter Eltern. Obwohl sich dem Leser die Gründe hierfür durchaus erschließen, bleiben die Hintergründe für die ablehnenden Haltungen eher unklar und werden weniger stark beleuchtet, als die positiv gestimmter Elternteile.

Dennoch ist die Studie durch Einbeziehung wichtiger Aspekte von namenhaften Vertreterinnen und Vertretern wie Rauchfleisch, Butler oder Kraushaar theoretisch fundiert erstellt und es gelingt der Autorin, trotz der leichten „Verzerrung“ durch die interviewten Elternteile, eine recht vielfältige Herangehensweise an die Thematik. Insofern ist es für eine interessierte Leserschaft eine empfehlenswerte Lektüre.

Fazit

Ursula Christen hat in ihrer Arbeit Interviews mit Eltern erwachsener homosexueller Kinder durchgeführt. Dabei wurden die Reaktionen der Eltern auf das Coming-Out ihrer Kinder sowie der Umgang mit deren Homosexualität intensiv diskutiert. Darüber hinaus erörtert die Autorin im Theorieabschnitt durch die Einbeziehung aktueller relevanter soziologischer und juristischer Aspekte den umfassenden Wertewandel im Bereich Gender und Sexualität. Im Weiteren werden die weitreichenden Veränderungen in Gesellschaft, Politik und Justiz detailliert aufgezeigt. Deutlich wird, dass, trotz der dynamischen Entwicklungen, die Homosexualität des eigenen Kindes für die meisten Eltern immer noch als Wendepunkt im Leben wahrgenommen wird. Des Weiteren spielen gesellschaftliche oder juristische Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität nach wie vor eine große Rolle.

Durch die Interviews wird der für die Eltern anfänglich schwierige Spagat zwischen gesellschaftlichen Normvorstellungen und eigenen Einstellungen sowie der Liebe zu ihren Kindern sehr anschaulich dargestellt. Im Laufe der Gespräche wird jedoch immer deutlicher, dass viele Eltern sich trotz anfänglicher Schwierigkeiten mittlerweile immer mehr für die Akzeptanz homosexueller Menschen einsetzen und damit aktiv zu dem sich vollziehenden Wertewandel beigetragen haben.


Rezensentin
Sina Rade
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Zitiervorschlag
Sina Rade. Rezension vom 05.12.2017 zu: Ursula Christen: Schwule Söhne – lesbische Töchter. Wie Eltern den Wertewandel zu Homosexualität erlebt und mitgestaltet haben. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2017. ISBN 978-3-906036-24-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22808.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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