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Christian Gredig: Was tun. Zuverdienst - Chancen und Perspektiven

Cover Christian Gredig: Was tun. Zuverdienst - Chancen und Perspektiven. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. 224 Seiten. ISBN 978-3-88414-681-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Christian Gredig nimmt mit diesem handlichen Buch das Thema der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen inhaltlich fundiert und praxisorientiert auf. Er legt dabei den Fokus auf Zuverdienstangebote in Deutschland. Die möglichst normalisierte und selbstbestimmte berufliche Teilhabe ist in Deutschland seit 2009 mit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BrK) als Vorgabe verbindlich. Insbesondere der Artikel 27 gibt einen offenen, integrativen und für Menschen mit Behinderungen zugänglichen Arbeitsmarkt und ein Arbeitsumfeld vor, das frei gewählt werden kann (vgl. UN 2006). Mit dieser Setzung wird eine klare Bevorzugung von Arbeitssituationen für Menschen mit Beeinträchtigungen im Allgemeinen Arbeitsmarkt formuliert. Diese Bevorzugung bildet sich in der aktuellen Landschaft der Behindertenhilfe bei Weitem noch nicht ab. Mit dem neuen Bundesteilhabegesetz (BTHG) sind in Deutschland zwar weitere verbindliche Vorgaben hinzugekommen, diese sind allerdings entweder sehr offen gehalten oder dann wenig visionär formuliert. Unter dem Einfluss all dieser unscharfen Rahmenbedingungen müssen sich Anbieter und Anbieterinnen von Angeboten und Leistungen zugunsten von Nachteilsausgleichen von Menschen mit Beeinträchtigungen bewegen und positionieren. Sie alle haben sich der Frage zu stellen, wie sie ihre Einrichtungen künftig an den normativen Vorgaben ausrichten. Christian Gredig leistet mit seiner Publikation für den fokussierten Bereich des Zusatzverdienstes für Menschen mit psychischen Beeinträchtigen einen Beitrag zur Orientierung und Inspiration in diesem Spannungsfeld. Sein Buch kommt zu richtigen Zeit, da es Antworten, Impulse und sogar Anleitungen für anstehende Entwicklungen gibt.

Autor oder Herausgeber

Christian Gredig ist Autor und Herausgeber dieses Buches. Er ist als Fachreferent bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Integrationsfirmen e.V. tätig und ist Fachberater bei der Arbeits- und Firmenprojekte gGmbH. Im Buch kommen für spezifische Themen zudem Gastautorinnen und Gastautoren zu Wort.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einer ausführlichen Einleitung inhaltlich in mehrere Teile.

Zu Beginn wird die IST-Situation des Zusatzverdienstes aufgearbeitet, indem verwendete Begriffe und Konzepte definiert werden und ein geschichtlicher Abriss mit einem Ausblick skizziert werden. Anschliessend werden unter dem Beizug weiterer Autorinnen und Autoren relevante Themen im Zusammenhang mit der Herstellung von beruflicher Teilhaben von Menschen mit psychischen Beeinträchtigen eingeführt. Der Fokus liegt auch hier auf Zuverdienstangeboten. Weiter werden zu beachtende rahmende Gelingensbedingungen für die Umsetzung von Zuverdienstprojekten aufgearbeitet. Dieser Teil wird grösstenteils unter dem Beizug von Gastautorinnen und Gastautoren mit der entsprechenden Expertise bestritten. Zum Schluss werden praktische Beispiele von Angeboten des Zuverdienstes vorgestellt. Ein umfangreicher Anhang mit Arbeitsmaterialien rundet das Buch ab.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Christian Gredig ordnet den Inhalt des Buches rund um die Idee des Zuverdienstes an. Demnach adressieren Zuverdienstangebote derzeit vor allem Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, die sozialstaatliche Leistungen zugunsten eines Nachteilsausgleichs beziehen und ergänzend dazu durch Arbeit ein Zusatzeinkommen in der Form eines Zuverdienstentgeldes erzielen. Dabei sind nach Gredig nicht nur die finanziellen Effekte auf der individuellen und gesellschaftlichen Ebene von Bedeutung, sondern auch der integrierende und im besten Fall inkludierende Charakter von Arbeit. Im Gegensatz zu Angeboten der beruflichen Teilhabe in einer WfbM – so Gredig – wohnt dem System Zuverdienst nicht Förderung als Kern inne, sondern die Beschäftigung möglichst nahe am Allgemeinen Arbeitsmarkt – mit der freiwilligen Option, der eigenen Arbeitssituation einen Trainings- oder Aufbaucharakter zuzufügen.

Nach einer kurzen Einführung zur Herkunft des Zuverdienstes, der seine Ursprünge schon in den 70er Jahren mit der Enthospitalisierungsbewegung hat, geht Gredig auf den aktuellen Stand von Zuverdienstangeboten ein. Seit der Ratifizierung der UN-BrK mit den normativen Setzungen nach einer möglichst normalisierten du selbstbestimmten beruflichen Teilhabe (Artikel 27) erhält die Idee Zuverdienst eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Diese Bedeutung hat zwar noch nicht dazu geführt, dass die nach wie vor zahlreichen institutionalisieren Formen der integrierenden oder gar exkludierenden beruflichen Teilhabeangeboten zugunsten von Arbeitsformen nahe oder im Allgemeinen Arbeitsmarkt merklich erodieren. Der Veränderungsdruck steigt in letzter Zeit aber deutlich. Als zentrales Moment wird von Gredig die Entlastung bezüglich Arbeitspensum und Zeitdruck bei der gleichzeitigen Vermittlung des Gefühls von Gebraucht-Werden und Sinnstiftung nahe am Allgemeinen Arbeitsmarkt herausgestrichen. Das Buch geht anschliessend auf die verschiedenen organisationalen und rechtlichen Formen des Zuverdienstes ein, die derzeit im Allgemeinen und zweiten Arbeitsmarkt zu finden und in naher Zukunft noch zu erwarten sind.

In den nachfolgenden Kapiteln werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln und von verschiedenen Autorinnen und Autoren Informationen zum Thema Zuverdienst aufbereitet. Hervorzuheben ist der Beitrag von Uta Gühne und Steffi G. Riegel-Heller, welche die Chancen und Risiken des Zuverdienstes aus einer evidenzbasierten Perspektive fundiert unterfüttern. Interessant für die Organisationsentwicklung ist das Kapitel des Autors und Herausgebers Gredig zum Thema Qualitätskriterien für Zuverdienstangebote. Dieses stellt eine Operationalisierungsstruktur für künftige Wirkungsbemessungen zur Verfügung, wie sie auch im BTHG gefordert werden (BTHG § 37, Abs. 1). Die Qualitätskriterien für Zuverdienstangebote werden wie folgt definiert:

  • Inklusive Arbeitsgestaltung
  • Unterschiedliche Leistungsniveaus
  • Möglichkeiten der Weiterentwicklung
  • Eindeutige vertragliche Regelungen
  • Reduzierung bürokratischer Hürden
  • Qualitative Abforderungen an den Leistungsträger

Weitere Gastbeiträge thematisieren das Thema Barrierefreiheit anhand der Struktur der Funktionalen Gesundheit (WHO 2008) (Azize Kasberg), die Wirkungsbemessung von Zuverdienstangeboten (Michael Scheer) oder Fragen der Evaluation in der Praxis der Zuverdienstangebote (vom Autor und Herausgeber Christian Gredig).

Von Peter Mrozynski wird anschliessend an die Aufarbeitung des Themas überaus ausführlich und fundiert in die rechtliche Einbettung von Zuverdienstangeboten eingeführt. Insbesondere bezüglich dem neuen BTHG und allgemeinen sozialrechtlichen Fragestellungen und Herausforderungen.

Im zweiten Teil des Buches wird der Praxisbezug immer deutlicher geschärft. Das zeigt sich zum Beispiel am Gastbeitrag von Stefan Burkhardt, der private und supplementäre Finanzierungsmöglichkeiten von Zuverdienstangeboten auffächert.

Als Übergang zu konkreten Praxisbeispielen legt Gredig dar, dass derzeit noch die Mehrzahl der Zuverdienstangebote „komplementäre Angebote im Rahmen einer psychosozialen Versorgungslandschaft“ sind (Gredig: 145). Nur wenige Angebote operieren demnach als eigenständige Unternehmen. Gredig stellt in diesem Kapitel ein eigentliches Handbuch für einen Businessplan zu Verfügung, inklusive diverser Mustervorlagen für die Budgetaufstellung im anschliessenden Kapitel von Rocco Gässler.

Die anschliessenden Praxisbeispiele geben einen anschaulichen Einblick in bereits umgesetzte und laufende Projekte, die einen direkten Übertrag der Herleitungen in eigene Projekte erlauben.

Diskussion

'Was tun. Zuverdienst – Chancen und Perspektiven' von Christinan Gredig leistet für Einrichtungen und Fachpersonen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie, die sich ernsthaft mit Fragen der normalisierten und selbstbestimmten beruflichen Teilhabe und den dringend anstehenden Entwicklungen unter dem Einfluss der UN-BrK und des neuen BTHG befassen, einen wertvollen Beitrag. Nicht nur für Innovationen im Bereich von Zuverdienstangeboten, sondern grundsätzlich für alle Einrichtungen der Behindertenhilfe, die sich mit der beruflichen Teilhabe von Menschen mit dem Anrecht auf Nachteilsausgleich beschäftigen, kann das Buch wichtige Impulse und Anleitungen geben. Und zwar weil der aktuelle Stand dieses Feldes sehr praxisnah und zugleich wissenschaftlich gestützt aufgearbeitet wird.

Als besonders wertvoll für Praktiker erweisen sich die handbuchartigen Anteile in diesem Buch, die zur konkreten Umsetzung von innovativen Ideen einladen und konkrete Hilfen bei der Transformation von der Idee in der Praxis geben. Grosses Potenzial für eine begründete Bewertung, Entwicklung und Legitimation von Angeboten der beruflichen Teilhabe für Menschen mit Beeinträchtigung liegt in den Kapiteln zum Thema Wirkung und Wirkungsbemessung. In diesen legt insbesondere Gredig interessante Grundlagen, die zu Operationalisierungen und zur Entwicklung von Mess- und Monitoringinstrumenten einladen. Auf dieser Ebene könnte sogar an die übergeordneten Wirkungsziele in den normativen Vorgaben der UN-BrK und des BTHG angeschlossen werden.

Fazit

Christan Gredig trifft mit diesem Buch zum Thema Zuverdienst als komplementäre Möglichkeit der beruflichen Teilhabe für Menschen mit (insb.) psychischen Beeinträchtigungen ein relevantes Thema. Dabei arbeitet er den Gegenstand Zuverdienst prägnant und gut verständlich auf. Für die verschiedenen zu berücksichtigenden Kontexte, in welchen Zuverdienstangebote entwickelt werden, stützt sich Gredig auch auf die Expertise von Fachpersonen. Das verleiht dem Buch eine grosse inhaltliche Breite und eine gute fachliche Abstützung. Das ausgesprochen praxistaugliche Buch mit seiner gleichzeitig fachlich guten Unterfütterung erzeugt für Fachpersonen, die sich mit Fragen der Entwicklung, des Aufbaus oder Evaluation von Zuverdienstangeboten oder ähnlich gelagerten Angeboten der beruflichen Teilhabe beschäftigen, einen soliden Wert.

Die Kapitel zum Thema Wirkungsbemessung bieten noch Raum für Weiterentwicklungen, denn vorgestellte Messgrössen bewegen sich noch stark auf der Ebene von Outputzielen. Deren Anbindung an die Wirkungsziele der übergeordneten normativen Vorgaben (UN-BrK und BTHG) muss noch entwickelt werden. Damit befindet sich Gredig et al. aber in guter Gesellschaft. Dieses Thema wird die Fachwelt in den nächsten Jahren noch intensiv beschäftigen. Man darf gespannt sein auf Gredigs Weiterentwicklungen zu diesem Thema.

Das Buch kann Einrichtungen und Fachpersonen, die sich mit der Entwicklung von innovativen Arbeitsmöglichkeiten nahe am Allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigen, sehr empfohlen werden. Wenn man die sozialrechtlich geprägten Kapitel Aussen vorlässt, ist das Buch auch ausserhalb Deutschlands von Bedeutung.

Quellen

  • WHO (2008). ICF. International Classification of Functioning, Disability and Health World Health Organization
  • UN (2006). Convention on the Rights of Persons with Disabilities. United Nations.

Rezensent
Matthias Widmer
MA FH in Sozialer Arbeit, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Matthias Widmer. Rezension vom 27.08.2018 zu: Christian Gredig: Was tun. Zuverdienst - Chancen und Perspektiven. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2017. ISBN 978-3-88414-681-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22809.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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