socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ulrike Hartmann, Marcus Hasselhorn u.a. (Hrsg.): Entwicklungs­verläufe verstehen - Kinder mit Bildungsrisiken wirksam fördern

Cover Ulrike Hartmann, Marcus Hasselhorn, Andreas Gold (Hrsg.): Entwicklungsverläufe verstehen - Kinder mit Bildungsrisiken wirksam fördern. Forschungsergebnisse des Frankfurter IDeA-Zentrums. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 513 Seiten. ISBN 978-3-17-029855-2. 59,00 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


HerausgeberInnen

  • Dr. Ulrike Hartmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Leiterin der Koordinationsstelle des IDeA-Forschungszentrums.
  • Prof. Dr. Marcus Hasselhorn ist Professor für Psychologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Entwicklung, Geschäftsführender Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Sprecher des IDeA-Zentrums.
  • Prof. Dr. Andreas Gold ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt und war von 2008 bis 2014 stellvertretender wissenschaftlicher Leiter des IDeA-Zentrums.

Thema

Wie können Kinder in ihrer Entwicklung wirkungsvoll gefördert werden? Welche Faktoren beeinflussen den Bildungserfolg von Kindern? Wie gehen pädagogische Fachkräfte mit der wachsenden Heterogenität in den Kindertageseinrichtungen und Schulen um?

Diese Fragen zur individuellen Entwicklung von Kindern mit bildungsrelevanten Risiken in den ersten zwölf Lebensjahren werden in diesem Buch aufgegriffen.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band zieht eine Zwischenbilanz nach sechs Jahren intensiver Forschung am IDeA-Zentrum Frankfurt am Main. Das IDeA-Zentrum ist seit 2008 ein gemeinsames interdisziplinäres Zentrum des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), der Goethe-Universität und des Sigmund-Freud-Instituts. IDeA ist das Akronym für „Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk“. Das Zentrum erforscht kindliche Lernprozesse mit dem besonderen Augenmerk auf Kinder in den ersten zwölf Lebensjahren, bei denen ein erhöhtes Risiko für schulische Minderleistungen vorliegt.

Aufbau

Nach der ausführlichen Darstellung des IDeA-Zentrums sind die thematischen Beiträge des Buches zu vier Teilen zusammengefasst, die jeweils den gleichen Aufbau haben.

Nach einer umfassenden Einführung wird in mehreren Fachkapiteln die jeweilige Thematik fortgeführt. Diese geben jeweils eine grundlegende ausführliche Diskussion des Themenbereichs sowie die Darstellung von Ergebnissen aus relevanten Forschungsprojekten des IDeA-Zentrums. Aus diesen Ergebnissen werden pädagogische Implikationen abgeleitet. Abschließend werden die Kapitel jedes Teils durch eine externe Wissenschaftlerin oder externen Wissenschaftler diskutiert und eine erweiterte Perspektive eröffnet.

Zu I: Bildungsrelevante Risiken

Dieser Teil umfasst nach einer Einführung von Hasselhorn et al. vier Kapitel. Es werden die Einflüsse des sozioökonomischen Status und des Migrationshintergrunds (Becker) sowie Auswirkungen von Familienarmut (Andresen) dargestellt. Anschließend erläutern Hasselhorn und Büttner kritisch die Definition von Lernstörungen und gehen auf Lernstörungen im Bereich der Schriftsprache und des Rechnens ein. Fiebach et al. beleuchten neurobiologische Hintergründe, vor allem der Lese-Rechtschreibstörung. In der kritischen Reflexion stellt Walper (München) auch heraus, dass bildungs- und sozialpolitische Anstrengungen nicht nur auf Kindergarten und Schule fokussieren dürfen sondern und vor allem auch familiäre Lernumwelten fördern müssen.

Zu II: Bildungsrelevante Prozesse individueller Entwicklung

In der Einführung weisen Hasselhorn und Gold auf die zentrale Bedeutung einer differentiellen Entwicklungspsychologie hin und verdeutlichen, dass Entwicklung unter den drei Aspekten Voraussetzung, Ziel und Ergebnis von Bildung betrachtet werden kann. Alle folgenden acht Beiträge betonen mindestens eine dieser Perspektiven.

Leuzinger-Bohleber et al. betonen die Bedeutung der Bindungsstile für das Sozialverhalten und stellen Ergebnisse zur Evaluation zweier Präventionsprogramme („Frühe Schritte“, „Faustlos“) vor. Im Folgenden wird die Bedeutung der Funktion des Arbeitsgedächtnisses bei Lernstörungen und intellektuellen Beeinträchtigungen (Büttner et al.) sowie der Selbstregulation und der exekutiven Funktionen als weitere wichtige Voraussetzungen für den Schulerfolg (mit Schwerpunkt ADHS, Gawrilow und Rauch) herausgearbeitet. Auch die täglichen Schwankungen in der Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses sind von Bedeutung (Dirk und Schmiedek).

Eine wichtige Determinante für den Bildungserfolg ist die Beherrschung der Sprache. Schulz et al. vergleichen Kinder mit Deutsch als Muttersprache und Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. Der Spracherwerb bei letzteren erfolgt im Wesentlichen in einem ähnlichen Verlauf wie der Erstspracherwerb, zu berücksichtigen ist die Kontaktdauer zur Zweitsprache. Schulz et al. formulieren auch Kriterien, die die oft fehlerbehaftete Entscheidung, ob nur Förderbedarf im Deutschen oder eine behandlungsbedürftige Sprachentwicklungsstörung vorliegt, verbessen helfen.

Anschließend thematisieren Brandt und Vogel die mathematische Denkentwicklung und den Erwerb mathematischer Konzepte sowie Lonnemann et al. Vorläuferfertigkeiten für Lesen und Rechnen einschließlich neuronaler Korrelate. Bedeutsam für den Bildungserfolg ist das schulische Selbstkonzept (Arens).

Im Kommentar reflektiert Schneider (Würzburg) die vorgestellten Untersuchungen zu bildungsrelevanten Prozessen im Vorschulalter, im Übergang vom Kindergarten zur Schule und im Grundschulalter, bringt sie mit einer erweiterten Wissensbasis in Verbindung und generiert zusätzliche Forschungsideen.

Zu III: Individuelle Förderung von Lernprozessen

Hardy führt in die Thematik der individuellen Förderung ein. In den acht Kapiteln werden Projekte beschrieben, die Prozesse fördern, die im Teil II herausgearbeitet worden sind.

Die ersten beiden Beiträge stellen Ergebnisse von Projekten vor, die im Kindergartenalter begannen. Die Prävention antisozialen Verhaltens im Vorschulalter ist Ziel von Leuzinger-Bohleber et al., wobei die Verbesserung der Mentalisierungsfähigkeit und die Veränderung eines desorganisierten Bindungsstils von besonderer Bedeutung sind. Ein Projekt zur sekundären Prävention ist die von Ehm und Hasselhorn besprochene kompensatorische Zusatzförderung im Kindergarten, z.B. auch mit Einbeziehung der Frühförderstelle.

Im schulischen Alltag ist die Schaffung von adaptiven Lerngelegenheiten wichtig. Decristan et al. diskutieren Konzepte individueller Förderung und stellen eine Untersuchung verschiedener differenziert ausgestalteter methodisch-didaktischer Lehr-Lernarrangements vor. Im Anschluss besprechen Fingerle und Röder Studien zur Wirksamkeit von Präventionsprogrammen unter besonderer Berücksichtigung der Akzeptanz durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Leseflüssigkeit ist eine wichtige Determinante für den Schulerfolg: Zur Verbesserung der Leseflüssigkeit in dritten Grundschulklassen berichten Gold und Rosebruck über die Wirksamkeit zweier Lautleseverfahren und Nagler und Lindberg über computerbasierte individuelle Förderung. Eine weitere wichtige Determinante sind selbstregulative Kompetenzen: Otto et al. stellen ein Projekt zur Förderung selbstregulativer Kompetenzen im Mathematikunterricht der ersten Klasse und Schmid et al. Trainings zur Selbstregulation bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS vor.

Im Kommentar greifen Deiglmayr und Stern (Zürich) die Aspekte kompensatorische Förderung, Lernprozessunterstützung und Förderung der Adaptionsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern auf und verweisen auf das Problem der Nachhaltigkeit.

Zu IV: Professionalisierung von pädagogischen Fachkräften

In der Einführung differenziert Kunter Professionalisierung von Berufsgruppen und Professionalisierung als Merkmal einzelner Personen und gibt damit den Rahmen für die Forschungsaktivitäten des IDeA-Zentrums und der drei folgenden Kapitel vor.

Betz analysiert die Verbindung externer politischer Anforderungen an die Kindertagesstätten mit dem Selbstverständnis der pädagogischen Fachkräfte. Diese sehen sich in deutlichen Kontrast zur defizitbezogenen politischen Diskussion als kompetent und selbstwirksam. Wünsche nach Fortbildung und tatsächliches Fortbildungsverhalten differieren deutlich.

Müller et al. berichten über Projekte zur Professionalisierung der Sprachförderung im Elementarbereich, stellen eine hohe Heterogenität der Förderkompetenzen der pädagogischen Fachkräfte fest und sprechen sich nicht nur für Fortbildungen zur Wissensvermittlung aus, sondern besonders für eine gezielte Stärkung der Handlungskompetenz.

Da die professionellen Überzeugungen von Lehrkräften wichtig für die konkrete Umsetzung des Wissens aus Fortbildungen sind, untersuchten Seitz et al. diese in zwei Bereichen (kooperatives Lernen, Klassenführung) sowie deren Auswirkungen auf die Gestaltung des Unterrichts.

In seinem kurzen Kommentar geht Terhart (Münster) auf die Ergebnisse der dargestellten Studien ein und stellt die Bedeutung von Fort- und Weiterbildung heraus, die konkret und handlungsorientiert sein muss.

In zwei abschließenden Kapiteln diskutieren die Herausgeber das Verhältnis zwischen Bildungspraxis und Bildungsforschung. Sie unterscheiden Beschreibungswissen, Erklärungswissen und Veränderungswissen und stellen dar, wo die Themenbereiche der Forschung des Zentrums zu einer Erweiterung des Wissens beitragen, sowie die Verzahnung einzelner Projekte an den Beispielen „Deutsch als Zweitsprache“, „Lernstörungen“ und „Prävention sozialer Auffälligkeiten“. Es werden auch Aktivitäten zur Verbreitung des wissenschaftlichen Wissens berichtet. Das Buch endet mit einer Zwischenbilanz der Arbeit des IDeA-Zentrums, verbunden mit einem Ausblick.

Diskussion

Das Buch zieht eine Zwischenbilanz der Forschungsaktivitäten des Frankfurter IDeA-Zentrums. In 23 Kapiteln werden wichtige Ergebnisse der interdisziplinären Forschungsprojekte vorgestellt. Die Komplexität der Forschungsfragen beeindruckt, es können zahlreiche innovative Befunde vorgelegt werden, die durch versierte methodische Vorgehensweisen gefunden wurden.

Es werden aber nicht nur Ergebnisse präsentiert, jedes Kapitel bietet eine gute und meist umfassende Einführung in den jeweiligen Themenbereich. Zudem werden immer die Implikationen für die pädagogische Praxis reflektiert.

Es wäre wichtig, dass dieses Wissen eine umfassende Verbreitung findet und tatsächlich auch Personen angesprochen werden, die als Multiplikatoren für die Praxis fungieren. Das Buch kann hierzu nur ein Anfang sein.

Zielgruppen

Expertinnen und Experten der Bildungsforschung. Die Herausgeber wollen aber auch Leserinnen und Leser mit Interesse an pädagogischen und psychologischen Themen erreichen sowie Personen, die in der täglichen Arbeit mit kindlichen Entwicklungsverläufen konfrontiert sind.

Fazit

In dem vorliegenden umfangreichen Buch wird eine Zwischenbilanz nach sechs Jahren der Forschungsaktivitäten des Frankfurter IDeA-Zentrums gezogen. Das interdisziplinäre Zentrum erforscht kindliche Lernprozesse mit dem besonderen Augenmerk auf Kinder in den ersten zwölf Lebensjahren, bei denen ein erhöhtes Risiko für schulische Minderleistungen vorliegt. Die Forschung lässt sich vier Themengebieten zuordnen, der Forschung zu bildungsrelevanten Risiken (personenbedingte oder soziale Risikofaktoren), zu Prozessen der individuellen Entwicklung und zur individuellen Förderung von Lernprozessen sowie zur Professionalisierung der Fachkräfte. Es wird jeweils in die Forschung eingeführt, Ergebnisse dargestellt und pädagogische Implikationen gezogen. Das Buch beeindruckt durch die Vielfalt der innovativen Ergebnisse. Es sollte dazu beitragen, diese Ergebnisse sowohl der weiteren Forschung wie der Praxis zur Kenntnis zu bringen.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
E-Mail Mailformular


Alle 141 Rezensionen von Lothar Unzner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 05.12.2017 zu: Ulrike Hartmann, Marcus Hasselhorn, Andreas Gold (Hrsg.): Entwicklungsverläufe verstehen - Kinder mit Bildungsrisiken wirksam fördern. Forschungsergebnisse des Frankfurter IDeA-Zentrums. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-029855-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22811.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!