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Helga Simchen: ADS. Unkonzentriert, verträumt, zu langsam (...)

Cover Helga Simchen: ADS. Unkonzentriert, verträumt, zu langsam und viele Fehler im Diktat. Diagnostik, Therapie und Hilfen für das hypoaktive Kind. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 9., aktualisierte Auflage. 167 Seiten. ISBN 978-3-17-031216-6. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR.
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Thema

Ausführlich und für jeden verständlich werden Symptomatik, Ursachen, Diagnostik und Therapie dieser hypoaktiven Form des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms beschrieben. Das Buch behandelt, wie ein ADS-Gehirn funktioniert, weshalb diese besondere Art der neuronalen Vernetzung eine ADS – bedingte Leserechtschreib- und Rechenschwäche verursacht und welche therapeutischen Strategien sich ergeben sollten. Praxiserprobte therapeutische Lern- und Verhaltensstrategien werden eingehend beschrieben und sind so aufbereitet, dass sie zur eigenen aktiven Mitarbeit anregen.

Autorin

Helga Simchen ist vielseitig ausgebildet. Sie ist Kinderärztin und Neuropädiaterin, Kinder- und Jugendpsychiaterin, Verhaltenstherapeutin sowie systemische Familientherapeutin. Sie führte eine Spezialpraxis für ADS und Teilleistungsstörungen und arbeitete als Dozentin am Institut für Rehabilitationspädagogik. Jahrelang war sie im Vorstand der Gesellschaft für Rehabilitation. Simchen hat zahlreiche weitere Bücher zum Thema AD(H)S veröffentlicht. Zu dem Buch aus dem Jahr 2015 „AD(H)S – Hilfe zur Selbsthilfe. Lern- und Verhaltensstrategien für Schule, Studium und Beruf“ ebenso beim Kohlhammer Verlag erschienen liegt ebenfalls eine Rezension vor (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/18901.php).

Entstehungshintergrund

Das hier vorgelegte Buch ist in der neunten aktualisierten Auflage erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcoverformat erschienen und hat einen Umfang von 167 Seiten. Diese gliedern sich in zwölf Kapitel und zahlreiche Unterkapitel. Am oberen linken Seitenrand ist die Kapitelüberschrift abgedruckt, am rechten oberen Seitenrand findet man die Überschrift des jeweiligen Unterkapitels. Wichtige Inhalte werden in Textboxen hervorgehoben, 26 Abbildungen darunter Schriftproben und Zeichnungen betroffener Kinder ergänzen die theoretischen Ausführungen. Der Fließtext ist übersichtlich strukturiert, das Icon „Ausrufezeichen“ in Form eines Straßenschildes am Textrand weist zudem auf wichtige Textstellen hin.

  1. Das hypoaktive Kind – was ist das für ein Kind?
  2. Das ADS ohne Hyperaktivität – Informationen auf einen Blick über Ursachen, Diagnose und Therapie
  3. Beispiele aus der Praxis
  4. Wie kann ich erkennen, ob mein Kind hypoaktiv ist?
  5. Neurobiologische Ursache des ADS
  6. Die Diagnostik des hypoaktiven Kindes
  7. ADS und Teilleistungsstörungen
  8. Die Therapie des ADS bei Hypoaktivität
  9. Trainingsprogramme
  10. So kommt Ihr Kind voran
  11. Was sind die Folgen einer unzureichenden oder fehlenden Behandlung von ADS mit Hypoaktivität?
  12. Therapiebegleitende Maßnahmen

Das Buch beginnt in Kapitel eins das hypoaktive Kind – was ist das für ein Kind? mit der Definition, was man unter einem hypoaktiven Kind versteht.

Das zweite Kapitel mit dem Titel das ADS ohne Hyperaktivität – Informationen auf einen Blick über Ursachen, Diagnose und Therapie handelt von den Ursachen und Diagnosen des ADS sowie von therapeutischen Ansätzen des ADS.

Daran schließt sich das dritte Kapitel an, in dem 11 Beispiele aus der Praxis vorgestellt werden. Dabei handelt es sich um verschiedene Fallvignetten aus unterschiedlichen Altersstufen und mit verschiedenen Problembeschreibungen, die die Spannbreite des Erscheinungsbildes ADS deutlich machen. Dabei geht es um das Schulversagen bei Lese-Rechtschreibschwäche, Sprachprobleme und Regression, Schulangst, Konzentrations- und Rechtschreibschwäche, Probleme in der Fein- und Grobmotorik, im Arbeitstempo und in der sozialen Reife, um Alpträume, Bauchschmerzen und beginnendes Stottern, um depressive Verstimmungen, einer Rechtschreibschwäche und Rechenschwäche, um das Einnässen, Kopf- und Bauchschmerzen und gelegentliches Stehlen. Es gibt Kinder, die mit überdurchschnittlicher Intelligenz eine Lernbehindertenschule besuchen, andere sind auf dem Gymnasium. Das Kapitel endet mit der Diskussion dieser Beispiele.

Das vierte Kapitel bespricht aus Sicht der Eltern, wie ich erkennen kann, ob mein Kind hypoaktiv ist? Vorgestellt werden die wichtigsten Symptome eines hypoaktiven Kindes.

Das fünfte Kapitel handelt von neurobiologischen Ursachen des ADS.

Die Diagnostik des hypoaktiven Kindes steht im Fokus des sechsten Kapitels. Einstieg bilden die Säulen der Diagnostik und das Verständnis, was unter den Begriff Lernstörungen fällt. Eine psychopathologische Befunderhebung nimmt auf, wie das Kind leidet und wie auffällig es ist. Besprochen werden zudem die Entwicklungsdiagnostik und das gestörte beidäugiges Sehen. Vermittelt werden zudem Fakten über das EEG und seine Besonderheiten beim ADS – Kind.

Um ADS und Teilleistungsstörungen geht es im siebten Kapitel. Es gibt einen Zusammenhang zwischen ADS, Lese – Rechtschreibschwäche und Rechenschwäche sowie Zusammenhänge in der Vererbung des ADS, auch ADS und Allergie sind Thema.

Von der Therapie des ADS bei Hypoaktivität handelt das achte Kapitel. Entscheidend ist die Aufklärung der Eltern. Aus Sicht der Autorin sind die Eltern Go-Therapeuten. In diesem Kapitel werden verschiedene therapeutische Interventionen wie die Verhaltenstherapie und die medikamentöse Therapie vorgestellt. Auch Entspannungsverfahren sind von Bedeutung. Ebenso behandelt wird die Therapie von Jugendlichen und Erwachsenen sowie die Familientherapie und die Gruppentherapie. Manchmal bleibt die Behandlung eines hypoaktiven Kindes erfolglos z.B. dann, weil die alleinige Einnahme von Tabletten keine ausreichende Therapie ist.

Das neunte Kapitel Trainingsprogramme befasst sich mit dem Training der Daueraufmerksamkeit und Konzentration, dem Training der Grob- und Feinmotorik, dem Training bei Wahrnehmungsstörungen und dem Training schulischer Fertigkeiten – mit dem Fokus des erfolgreichen Lernens trotz ADS. Dazu gehört auch die Verbesserung des Selbstwertgefühls und der sozialen Kompetenzen – zwei wichtige Ziele jeder ADS – Therapie.

So kommt Ihr Kind voran ist der Titel des zehnten Kapitels. Es gibt allgemeine Hinweise, Tipps und Anregungen im Umgang mit hypoaktiven Kindern und erläutert, wie die Schule erfolgreich in die Behandlung mit einbezogen wird.

Das vorletzte Kapitel behandelt die Folgen einer unzureichenden oder fehlenden Behandlung von ADS mit Hypoaktivität wie Angststörungen, Zwangsstörungen, Impulshandlungen, Selbstwertkrisen, Depressionen, Essstörungen sowie das Einnässen und Einkoten.

Das Buch endet mit dem zwölften Kapitel von therapiebegleitenden Maßnahmen.

Es folgen ein Ausblick, Literatur für Eltern und Therapeuten sowie hilfreiche (Internet-)Adressen, Zudem ist im Buch ein Verhaltenstagebuch, also eine Hilfe für Kinder und Jugendliche zum alltäglichen Umgang mit ADS mit Hyper- oder Hypoaktivität abgedruckt, die als Druckvorlage für ein persönliches Tagebuch verwendet werden kann.

Diskussion

Diese Auflage wurde überarbeitet und an den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand angepasst. In zwölf Kapiteln wird dieses wenig behandelte Thema sehr gut bearbeitet. Schon die Formulierung der Überschriften macht deutlich, dass die Eltern einbezogen sind, Eltern werden direkt angesprochen, zudem werden vertiefende Informationen zu Handlungsansätzen für Fachleute kompakt zusammengestellt. Nach der Definition was unter „hypoaktiv“ verstanden wird und was das für ein Kind ist, dem das Merkmal „hyperaktiv“ fehlt, werden Informationen über Ursachen, Diagnose und Therapien gegeben. Neben neurobiologischen Ursachen des ADS wird die Diagnostik des hypoaktiven Kindes vertiefend erläutert. Eine Diagnostik ist nicht trivial, sie kann nur von Fachleuten gestellt werden. Sie setzt sich aus acht Säulen wie z.B. jeweils einer körperlichen und neurologischen Untersuchung mit EEG, einer Entwicklungs- und Leistungsdiagnostik, der Aufnahme der Familiendynamik und des sozialen Umfeldes sowie einer Erhebung der Stärken und besonderen Fähigkeiten des Kindes zusammen (S. 22).

Anhand von elf Fallvignetten aus der Praxis werden verschiedene Beispiele aus unterschiedlichen Altersstufen und mit unterschiedlichen problematischen Ausprägungen vorgestellt, sie beschreiben, wie groß die Spannbreite dieses Erscheinungsbildes ist. Dabei geht es um das Schulversagen bei Lese – Rechtschreibschwäche, um Sprachprobleme und Regression, Schulangst, Konzentrations- und Rechtschreib- sowie Rechenschwächen, Probleme in der Fein- und Grobmotorik, im Arbeitstempo und in der sozialen Reife, um Alpträume, Bauchschmerzen und beginnendes Stottern, um depressive Verstimmungen, um das Einnässen, Kopf- und Bauchschmerzen und gelegentliches Stehlen. Es gibt Kinder, die mit überdurchschnittlicher Intelligenz eine Lernbehindertenschule besuchen, andere sind auf dem Gymnasium. Das Kapitel endet mit der Diskussion dieser Beispiele.

Die letzten vier Kapitel widmen sich der Therapie des ADS bei Hypoaktivität, therapiebegleitenden Maßnahmen (wie beispielsweise Ergotherapie, Logopädie, Sport und Bewegungstherapie und Neurofeedback) sowie Trainingsprogrammen und Tipps, wie das eigene Kind vorankommt. Entscheidend ist die Aufklärung und Einbeziehung der Eltern, sie sind „Go-Therapeuten“, die Mitarbeit des sozialen Umfeldes und der Wunsch des Kindes, etwas aktiv zu verändern. Wichtig ist zudem, dass nicht die Einzelförderung des Kindes das Ziel ist, sondern seine Eingliederung in die Gruppe gleichaltriger Kinder.

Vorgestellt werden verschiedene therapeutische Interventionen wie z.B. die Verhaltenstherapie und die medikamentöse Therapie. Auch Entspannungsverfahren sind von Bedeutung. Neben Therapien für Kinder behandelt die Autorin an dieser Stelle auch die Therapie von Jugendlichen und Erwachsenen sowie die Familientherapie und die Gruppentherapie.

Betroffene mit ADS lernen anders, Ursachen liegen in der besonderen Art der neuronalen Vernetzungen im Gehirn. Darauf ist bei der Unterstützung Rücksicht zu nehmen, um erfolgreich zu sein. Die Intelligenz ist durch ADS nicht gemindert, Probleme liegen in der gezielten Ausrichtung der Aufmerksamkeit und einer Reizfilterschwäche sowie einem verlangsamtem Arbeitstempo.

Simchen spricht einen wichtigen Punkt an: Manchmal bleibt die Behandlung eines hypoaktiven Kindes erfolglos. Das könnte an der weit verbreitenden falschen Annahme liegen, dass allein die Einnahme von Tabletten eine ausreichende Therapie sei. Dieser Trugschluss hat weitreichende Folgen. Eine unzureichende oder fehlende Behandlung von ADS mit Hypoaktivität kann zu Angststörungen, Zwangsstörungen, Impulshandlungen, Selbstwertkrisen, Depressionen, Essstörungen sowie dem Einnässen und Einkoten führen, Folgen, die vermeidbar sein können!

Fazit

Das Buch ist ein Standardwerk über das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) von Kindern. Mit dieser Bezeichnung werden Betroffene vom unaufmerksamen Typus, der nach wie vor viel zu selten diagnostiziert und behandelt wird, charakterisiert. Die Autorin wendet sich direkt an die Eltern. Ausführlich und für jeden verständlich werden Symptomatik, Ursachen, Diagnostik und Therapie dieser hypoaktiven Form des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms beschrieben. Die Autorin informiert darüber, wie ein ADS – Gehirn funktioniert, weshalb diese besondere Art der neuronalen Vernetzung eine ADS – bedingte Leserechtschreib- und Rechenschwäche verursacht und welche therapeutischen Strategien sich ergeben sollten. Eingehend beschrieben werden praxiserprobte therapeutische Lern- und Verhaltensstrategien. Sie sind so aufbereitet, dass sie zur eigenen aktiven Mitarbeit des Kindes und vor allem der Eltern und der Umgebung anregen. Im Vordergrund stehen nicht mehr die Verhaltensauffälligkeiten, sondern die Schwierigkeiten beim Lernen. Das Buch beschreibt, wie man mit gezielten Therapien langfristige Erfolge erlangen kann. Dabei geht es nicht nur um die Beseitigung von Symptomen, sondern um die auf Dauer angelegte Verbesserung des Selbstwertgefühls und des Sozialverhaltens.

Die Autorin möchte Hoffnung und Mut machen, das gelingt! Es ist nicht verwunderlich, dass das Buch mittlerweile in der 9. Auflage erschienen ist.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 29.09.2017 zu: Helga Simchen: ADS. Unkonzentriert, verträumt, zu langsam und viele Fehler im Diktat. Diagnostik, Therapie und Hilfen für das hypoaktive Kind. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 9., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-17-031216-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22812.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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