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Helga Blum, Christina Zieger: Und immer wieder lockt das Leben

Cover Helga Blum, Christina Zieger: Und immer wieder lockt das Leben. Kurze Geschichten für Senioren zum Lesen und Vorlesen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 2. Auflage. 104 Seiten. ISBN 978-3-497-02581-7. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR.

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Thema und Entstehungshintergrund

Der mit den Pflegestärkungsgesetzen verbundene Einsatz weiterer Betreuungskräfte hat das Ziel, die soziale Betreuung der Bewohner und Bewohnerinnen in stationären und teilstationären Einrichtungen, aber auch in ambulanten Versorgungsarrangements zu verbessern. Personen, die für die Betreuung von Leistungsbezieher:innen nach dem SGB XI eingesetzt werden, erhalten eine Qualifizierung. Das Lesen und Vorlesen von Geschichten, die anregen, sich auszutauschen, ist eine ideale Option, sich kognitiv zu betätigen und bereitet Freude, insbesondere dann, wenn ein intergenerationelles Setting vorhanden ist.

Verfasserinnen

Helga Blum ist freiberufliche Lektorin, Biografin und Seminarleiterin für Schreibseminare. Ihre Inspirationen nimmt sie aus den Begegnungen mit Menschen.

Christina Zieger verfasst als Mitglied in einer Schreibwerkstatt seit ein paar Jahren Kurzgeschichten, 2015 hat sie ihr erstes Buch geschrieben.

Beiden Autorinnen sind Vorlesegeschichten für Senior:innen und junge Menschen ein besonderes Anliegen.

Aufbau und Inhalt

Der Band beinhaltet 18 Geschichten zwischen 4 und 8 Seiten. Thematisch spannen sie einen Bogen von Neujahr („Ein neues Jahr – ein neues Glück“, Seiten 7 bis 12) bis zum Jahresende („Der Weihnachtsengel“, Seiten 99 bis104). Dazwischen werden zumeist nachdenkliche oder humorvolle Geschichten aus dem Alltagsleben eines Jahreszyklus ausgebreitet, die aufgrund kindlicher Naivität und Ausgelassenheit oder aber wegen der Lebensweisheit der älteren oder betagten Protagonist:innen faszinieren und zum Nachdenken anregen.

Jede Geschichte kann einzeln gelesen und verstanden werden, insgesamt beziehen sie sich aber auf ein allen zugrunde liegendes Familienszenario. Die 90-jährige Uroma Agnes Rautenberg ist seit ca. drei Monaten im Altenheim in Erlangen/Franken. Nach einem schweren Sturz kann sie nicht mehr richtig laufen und sitzt im Rollstuhl. Ihr Enkel Andreas Rautenberg, von Beruf Informatiker, hat sie in seine Nähe geholt, um sie mit seiner Familie regelmäßig besuchen zu können. Zu Andreas Familie gehören seine Frau Susanne, die als Zahnarzthelferin arbeitet, und die beiden Kinder Max (9 Jahre) und Paula (5 Jahre). Da die Mutter berufstätig ist, verbringen die Kinder gelegentlich Zeit bei Agnes Rautenberg oder dem netten berenteten Reihenhausnachbarsehepaar Anna und Willi Herold. Deren Haus ist eine Fundgrube, ihr Garten ist liebevoll gepflegt und beherbergt alles, was man braucht. Die Verständigung über Hecke und Zaun scheint genau zu den richtigen Zeitpunkten zu funktionieren und der Schäferhund Hasso lässt den Rautenbergschen Kater Blacky in Ruhe. Zur Familie Herold gehört Tochter Julia, die nach der anstrengenden Arbeit als Altenpflegerin öfters zu den Eltern zum Essen kommt.

Tochter Julia kommt ins Spiel, wenn sich die Herolds an deren Kindheit und Jugend erinnern und den Rautenbergschen Kindern etwas aus ihrer Kindheit zeigen wollen, wie z.B. das Spielen mit „vielen bunten Murmeln“ (Seiten 35 bis 40) oder Julias Buch „Die Häschenschule“ (Seiten 26 bis 29), das auch die Uroma so gut wie auswendig kennt und deshalb auch ohne Brille lesen kann. Der gute ostpreußische Honigkuchen, den Anna Herold und Agnes Rautenberg in der Heroldschen Küche backen („Aber bitte mit Schmalz“, Seiten 94 bis 98) duftet so gut und schmeckt der Vegetarierin Julia vorzüglich, weil die Hobbybäckerinnen die Zutaten nicht verraten.

Von Agnes Rautenbergs besonderen Fähigkeiten erzählen weitere Geschichten, wie z.B. „Geheimschrift“ (Seiten 81 bis 86), in der sie einen in Sütterlinschrift verfassten Zettel aus einem Gebetbuch entziffert und damit das Geheimnis einer Beziehung lüftet. Zufällig wohnen Hans und Gretel Mayer, deren Zettelchen in einem Gebetbuch in der Kirche überlebte, als Paar noch heute in der Nachbarschaft des Ehepaars Herold. Uri Agnes kann aus ihrer Zeit als Telefonistin bei der Post noch so gut Englisch, dass ihr eigener Sohn Kurti aus Böblingen sie am neuen Handy des Urenkels nicht erkennt und auflegt, weil er denkt in Amerika gelandet zu sein („Falsch verbunden“, Seiten 17 bis 21). Diese Sprachkompetenz rettet das sonst für den Urenkel eher fade Geburtstagskaffeekränzchen. Wie flink Agnes Rautenberg ihre langen Haare in den Dutt zwingen konnte, erfährt Frau Distler, die mobile Friseurin, die zu ihr ins Seniorenheim kommt („Wer schön sein will…“, Seiten 64 bis 69).

„Ein neues Jahr – ein neues Glück“ (Seiten 7 bis12) berichtet vom gemeinsamen Bleigießen zu Sylvester im Zimmer der vor kurzem ins Heim eingezogenen Agnes Rautenberg und der Deutung der beim Gießen entstandenen Figuren. Enkel Andreas bereitet seiner Oma in „Tanz in den Mai“ (Seiten 30 bis 34) die größte Freude, als er sie zum Tanzabend des Rollstuhlclubs in die größte Turnhalle der Stadt ausführt und ihr damit über die unlängst eingetretene Bewegungseinschränkung hinweghilft. Der vom Enkel als tierischer Begleiter für Oma Agnes angeschaffte Kanarienvogel („Der kleine Vogel“, Seiten 75 bis 80) hat insofern eine fehlgeleitete Wirkung, weil er aus dem Käfig entweicht, dadurch aber in die Hände des ganz neuen Bewohners und Vogelliebhabers Rudolph Ritter gerät und folglich und folglich samt Ausstattung bei ihm einzieht. Fortan entwickelt sich eine Lebensgefährtenschaft zwischen Agnes Rautenberg und Rudolph Ritter, die nach ihrer beider Engagement für die Aufführung des Theaterstücks des Gymnasiums mit Max als Hauptdarsteller im Seniorenheim offiziell besiegelt wird („Der Pate aus dem Seniorenheim“, Seiten 87 bis 93). Für die Aufführung kam im Seniorenheim eine stolze Summe an Spendengeldern zusammen, von denen die Schüler:innen eine Tischtennisplatte kauften. Herr Ritter und Frau Rautenberg übernehmen die Patenschaft für die Platte und kommen fortan freitags in die Schule.

In ihrer Funktion als Aushilfs-Großeltern sind Anna und Willi Herold sehr nützlich: Im „Weihnachtsengel“ (Seiten 99 bis104) berichtet Anna Herold einer bockigen Paula, die in ihre Strumpfhose ein Loch gebohrt hat, von der Bedeutung einer Strumpfhose beim Krippenspiel in einer kalten Nacht. Beim Ausflug der Herolds mit den Rautenbergkindern in den Zoo („Elefantenbrotzeit“, Seiten 58 bis 63) weigert sich Max den uncoolen Tiergartenrucksack auf den Rücken zu nehmen, bis er von Anna Herold die Geschichte des Rucksacks erfährt. Als ein Besucher ihn auf das Sammlerstück anspricht, trägt er ihn mit stolzer Brust. Willi Herold erzählt Max – nachdem diesem ein Missgeschick mit einer Milchtüte passiert ist – seine Erfahrung mit dem Milchholen beim Bauern „(Milchbuben“, Seiten 41 bis 46) und motiviert Max, Frau Herold beim Auf- und Abdecken zu helfen. Paula hilft in der Geschichte „Der Palmesel“ (Seiten 22 bis 25) Anna Herold beim Palmbuschen-Binden und erfährt als evangelische Christin jede Menge über Jesus und den „Palmesel“ Max. Willi Herold nimmt sich der tief traurigen Paula an, die die Kinderzimmerwand mit Buchstaben beschrieben hat und dafür von ihrer Mutter beschimpft wurde. Im Besitz von Herrn Herolds Schiefertafel sieht die Welt schnell anders aus, weil man Buchstaben abwischen kann („Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“, Seiten 70 bis 74). Und auch Max braucht Zuwendung, weil er seine Mutter verärgert hat: In der Schule hat er Pizza als deutsches Nationalgericht genannt, weil er sie von seiner Mutter belegt, so gerne isst. Sie jedoch meint, er habe sie blamiert. Das Schnitzel mit Kartoffelsalat bei Herolds schmeckt umso besser und Herolds beschließen, demnächst nach Italien zu fahren („Ein Hoch auf die Pizza“, Seiten 52 bis 57). Und ein weiteres Mal trägt das Ehepaar Herold dazu bei, den Haussegen bei den Rautenbergs wieder ins Lot zu bringen. Der Flohmarktbesuch von Vater und Kindern bescherte zum Leidwesen der Mutter üppige unnütze Mitbringsel. Sogar ein Plattenspieler ist dabei. Dieser veranlasst Herrn Herold, eine Tasche voller Singles vom Dachboden zu holen und mit all den Hits in der Garage für Entspannung zu sorgen („Der Schatz vom Flohmarkt“, Seiten 47 bis51). Im „Mützenklau“ (Seiten 13 bis 16) spielt Hasso die Hauptrolle, weil der die uncoole Mütze von Max, die dieser morgens in der Hecke versteckt, findet und zerfetzt. Anna Herold wird von einer Verkäuferin zum Kauf einer geringelten bunten Mütze beraten und macht Max die höchste Freude und warme Ohren.

Diskussion und Fazit

Die Kurzgeschichten eignen sich zweifelsohne zum Vorlesen und Lesen für Senior:innen. Damit werden sicherlich viele Erinnerungen wach gerufen (z.B. mit Murmeln spielen, beim Bauern Milch holen, Telefonieren früher, Schallplatten usw.), die zum wechselseitigen Erzählen über das Gelesene anregen. Christina Ziegers Anliegen, sie als Anlass für intergenerationelle Begegnungen und wechselseitiges Verständnis einzusetzen, nutzt das Potenzial der Texte intensiver. Da geht es dann nicht mehr nur um „wie es damals war als es XX noch nicht gab“ oder „wovon früher die Musik abgespielt wurde“, sondern auch darum, was die Kinder und Jugendlichen heute als cool/uncool finden (farbig geringelte Mütze, Rucksack) oder was ihnen fehlt, womit sie sich beschäftigen. Manche Geschichten beinhalten Themen, anhand derer man darüber diskutieren kann, was die „ältere mit der jüngeren Generation vorhat“ und umgekehrt auch, was die junge Generation von der älteren lernen kann (z.B. die Entzifferung der Sütterlinschrift, Palmbuschenbinden). An einigen Textpassagen ist die Textkonstruktion sehr schemenhaft zu erkennen. Immer dann, wenn die Eltern von Max und Julia keine Zeit haben, ist das Nachbarehepaar zur Stelle oder es schaltet sich als Ablenkungs-Großelternpaar dann ein, wenn es aus dem Haus der Rautenbergs mal wieder laut ist. Haben Julia oder Max einen motivatorischen Tiefpunkt, zeigen trotziges, enttäuschtes oder launisches Verhalten, dann fällt den Herolds bestimmt etwas ein, was ablenkend wirkt, die Situation entkrampft oder auch, was die Zufriedenheit mit der Situation in der Gegenwart wieder herstellt.

Wer die Geschichten als Anregung für eine intergenerationelle Verständigung einsetzen möchte, findet genug Beschreibungen zur traditionellen Rollenverteilung, über die man sich austauschen kann, wie z.B. über die Plätzchen und Kuchen backenden Frauen und den Mann, der für den Transport zuständig ist, sich die Zeit dazwischen aber im Gasthaus vertreibt, weil Backen nicht zu den Tätigkeiten gehört, für die er sich erwärmen kann. Genau darin besteht der Reiz und der Wert der Geschichten, wenn sie nämlich nicht als Wiedergabe eines verklärten Zustandes von Damals betrachtet werden, sondern wenn die Berichte über die Zeit als solche das Gespräch leiten, sie vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten der Zeit gesehen werden, aber eben auch betrachtet wird, was sich geändert hat und wodurch dies initiiert wurde, auf wessen Kosten damals wie heute Versorgungs- und Fürsorgearbeit geregelt ist u.a.m. Die Geschichten beinhalten Stoff genug, um das Vergangene in Erinnerung zu behalten; sie beinhalten aber auch Anregungen, wie das Leben heute zu meistern ist. Die Aufbereitung bleibt denjenigen überlassen, die die Geschichten einsetzen. Es wäre schade, wenn sie nur einem erheiternden Schmunzeln dienen würden. Das Buch ist als Sammlung von Kurzgeschichten ein Medium für die Bildungsarbeit, enthält selbst aber keinerlei didaktische Anregungen.


Rezensentin
Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker
Lehrgebiete Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg
Homepage www.oth-regensburg.de/professoren-profilseiten/prof ...
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Zitiervorschlag
Irmgard Schroll-Decker. Rezension vom 27.06.2017 zu: Helga Blum, Christina Zieger: Und immer wieder lockt das Leben. Kurze Geschichten für Senioren zum Lesen und Vorlesen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 2. Auflage. ISBN 978-3-497-02581-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22821.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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