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Massimo Livi Bacci: Planet und Mensch. Bevölkerungs­wachstum im 21. Jahrhundert

Cover Massimo Livi Bacci: Planet und Mensch. Bevölkerungswachstum im 21. Jahrhundert. Wagenbach Verlag (Berlin) 2017. 208 Seiten. ISBN 978-3-8031-2782-2. D: 14,90 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Das Buch erörtert einige entscheidende Fragen dieses Jahrhunderts zur Demographie auf unserem Planeten und zu den erheblichen großräumigen Unterschieden im Bevölkerungswachstum. Es arbeitet komplexe Beziehungen zwischen Demographie, Entwicklung und Politik heraus. Anstoß hierfür ist die Bedrohung der ökologischen Nachhaltigkeit und die Befürchtung des Autors, dass die Bevölkerungsfrage still und heimlich aus der internationalen Agenda verschwinden könnte. Livi Bacci wirft die alte Frage der Tragfähigkeit auf (wie viele Menschen kann die Erde ernähren?), mündet dabei aber erfreulicherweise – und im Gegensatz zu einigen seiner Vordenker – nicht in einem Katastrophenszenario. Vielmehr vertraut er in die Qualität des Humankapitals, in Freiheit, Aufklärung und Selbstbestimmung der Menschen bei ihrer Lebensplanung. Dabei verfällt er keineswegs in naive Wunschvorstellungen. Sein unmissverständlicher Appell lautet: „Der verfügbare Platz auf dem Planeten ist auf ein Tausendstel zusammen geschrumpft, gehen wir verantwortungsvoll und weise mit ihm um.“

Autor

Massimo Livi Bacci (geboren 1936) ist Historiker, Professor für Demographie an der Universität Florenz. Neben dem Wissenschaftler ist er zugleich ein politischer Mensch, Mitglied des Partito Democratico, war auch eine Zeit lang Senator der Republik. Er genießt hohes Ansehen im wissenschaftlichen Bereich und besitzt die Gabe, komplexe demographische Zusammenhänge für interessierte Laien allgemein verständlich zu machen. Lesenswert ist auch seine ‚Kurze Geschichte der Migration‘.

Aufbau und Inhalt

Der Band umfasst acht Kapitel und einen Epilog.

Kap. I Wachsen und schrumpfen liefert demographische Basisinformationen, die für das Verständnis des Buches vonnöten sind. Gezeigt werden die demographischen Kräfte, die über Jahrhunderte gewirkt haben und es noch immer tun, wie wohl das alte demographische Gleichgewicht verloren ging und der Prozess des demographischen Übergangs zu einer Phase starken Bevölkerungswachstums führte. Die Menschen reagierten in ihren individuellen Verhaltensweisen auf die zunehmende Enge. Ihnen ist damit (noch) die Wahlfreiheit gegeben, die künftige Entwicklung zu lenken und zu gestalten.

Kap. II Erde, Wasser, Luft befasst sich mit Umweltfragen, mit den physischen Rahmenbedingungen der Bevölkerung, mit deren Eingriffen in die Natur und dem hinterlassenen ökologischen Fußabdruck. Als die drei kritischsten Auswirkungen auf Umwelt und Klima werden gesehen (1) das massive Abholzen der Regenwälder, (2) die Siedlungsverdichtung in ökologisch gefährdeten Zonen entlang von Küsten und (3) der sprunghafte Anstieg der Urbanisierung. Geworben wird für einen ethischen Imperativ, um die Ökosysteme zu schützen.

Kap. III Anpassung und Selbstregulierung befasst sich mit den Beziehungen und wechselseitigen Abhängigkeiten der demographischen Phänomene. Innerhalb dieser demographischen Systeme gibt es keine selbstregulierende unsichtbare Hand. Indes besitzen Bevölkerungen Möglichkeiten, über ihr individuelles Verhalten Anpassungen und Regulierungen selbst zu gestalten. Historisch werden eine alte (historische, vorindustrielle) und eine moderne Ordnung unterschieden, die sich vor allem in der hinzu gewonnenen Wahlfreiheit des Einzelnen bei seiner Lebensplanung unterscheiden.

Kap. IV Nachhaltig … für wen? zeigt den Zusammenhang zwischen Umwelt und Entwicklung. Nachhaltigkeit wird hier eher als ein ethisches Prinzip oder als ein moralischer Imperativ statt einer scharf umrissenen Leitlinie für menschliches und politisches Handeln gesehen. Die aktuellen und künftigen demographischen Trends stehen nach der Einschätzung des Autors nicht im Einklang mit einer nachhaltigen Entwicklung, ihr Gefährdungspotenzial wird teilweise übersehen und führt zu diversen Fehleinschätzungen. Livi Baccis zentrale Forderung lautet deshalb: Die demographische Frage muss mit Blick auf die Nachhaltigkeit ein zentrales Thema bleiben.

Kap. V Geodemographie und Geopolitik zeigt, dass die Bevölkerungsgröße einen hohen politischen Stellenwert hatte und auch weiterhin hat. Im internationalen Vergleich wird aus ihnen eine Rangfolge der Stärke konstruiert. Die Spaltung der Welt in einen demographisch wachsenden und einen schrumpfenden Teil sind allerdings keineswegs kongruent mit der Aufteilung nach der ökonomischen Leistungsstärke.

Kap. VI Homo sapiens, homo movens befasst sich mit der Migration als einem der Mechanismen, die zu einem tendenziellen Ausgleich der Bevölkerungsdynamik führen. Demographische und ökonomische Triebfedern führen dazu, dass internationale Migrationsströme weiter anschwellen werden. Schon immer war Emigration ein wesentlicher Bestandteil des Globalisierungsprozesses. Kontrolle und Lenkung von Wanderungsströmen wurden indes niemals an supranationale Einrichtungen übertragen. Der Autor erwartet dies auch weiterhin nicht, denkt aber darüber nach, ob eine internationale Behörde gleichwohl nützliche Aufgaben übernehmen könnte, um Einreise, Integration und Ausweisung immerhin in einem international transparenten Rahmen zu regeln.

Kap. VII Langlebigkeit hat ihren Preis befasst sich mit der steigenden Lebenserwartung der Menschen. Der Trend zur Langlebigkeit basiert auf individuellem Verhalten, hängt zusätzlich ab von biologischen, sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren, die gemeinsam ein labiles Gleichgewicht bilden. Die Auswirkungen sind vielfältig, teilweise auch noch strittig und nicht immer wünschenswert.

Kap. VIII Wenige Rezepte gegen viele Übel ist der programmatische Teil des Buches. Es greift die Millenniumsziele der Vereinten Nationen auf, kritisiert, dass diese zu einem Sammelsurium an Wünschen verkommen sind, wobei insbesondere die demographisch relevanten Themen wie Familienplanung nur noch indirekt erwähnt werden. Der Autor setzt dieser Verwässerung der Problemerkennung recht konkrete Strategien gegenüber, mit denen man in den Entwicklungsländern den verhängnisvollen Kreislauf der Armut verlassen kann, mit denen man der Malthusianischen Falle entkommen könnte.

Epilog – Enge auf dem Planeten ist zwei Überlegungen gewidmet:

  1. Welche politischen Strategien können bewirken, dass die demographische Entwicklung kontrolliert werden kann, dass negative Auswirkungen vermieden oder zumindest abgemildert werden können?
  2. Wie reagiert die Menschheit auf die zunehmende Enge des Planeten?

Dieses Szenario der Verknappung wirft sieben Kategorien von Problemen auf, die teils eng verflochten sind und für die (bzw. manche von ihnen) bereits bewährte Rezepte existieren. Allerdings vermisst der Autor einen hinreichenden politischen Willen, sieht er vielmehr einen Mangel an Fähigkeiten und an Bereitschaft, solche Maßnahmen zu finanzieren und umzusetzen. Als Optimist vertraut Livi Bacci darauf, dass im Rahmen der Globalisierung auf die räumliche Enge mit einem Zusammenrücken im wirtschaftlichen und sozialen Bereich, mit erhöhter Kommunikation und wohl auch mit mehr Empathie und Mitmenschlichkeit reagiert wird.

Diskussion

Die Fürsten der Düsternis, die Prediger des Hasses, die Eigenbrötler und die Gnadenlosen haben eine lange Tradition bei der Diskussion von demographischen Entwicklungen und deren Auswirkungen auf unsere natürliche und soziale Umwelt. Wer deren Katastrophenszenarien nicht folgen mag und hierfür sachliche Argumente sucht, der wird in diesem Buch fündig. Und dafür sollten wir dem großen alten Mann der italienischen Demographie dankbar sein.

Fazit

Unser Planet ist eng geworden für seine mehr als sieben Milliarden Bewohner. Ein großer Teil der Menschheit hat auf die Verknappungen bereits reagiert mit einer „demographischen Revolution“, dem Absinken der Fertilität unter das langfristige Bestandserhaltungsniveau. Obwohl die Weltbevölkerung noch weiterhin – wenn auch langsamer – wächst, gilt die „Bevölkerungsexplosion“ als entschärft. Demographische Ziele und Maßnahmen rücken so in den internationalen Agenden der Weltgemeinschaft an den Rand oder gehen ganz verloren. Dieser Fehleinschätzung der Problemlage stellt sich Livi Bacci entgegen mit einem Plädoyer für weitere, ungebrochene Anstrengungen beim Durchbrechen des Teufelskreises der Armut, beim Entkommen aus der Malthusianischen Falle. Seine Vorschläge erscheinen sachlich und keineswegs weltfremd. Die Optimisten unter den Lesern dieses Buches werden sich seinen Argumentationen anschließen.


Rezensent
Dr. rer. pol. Hansjörg Bucher
Jg. 1946, Diplom-Volkswirt (Universität Mannheim), Dr. rer. pol. (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) war bis 2011 mehr als dreißig Jahre lang in der Politikberatung tätig als Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bzw. dessen Vorgängerinstitutionen BfLR und BBR in Bonn-Bad Godesberg. Er war dort verantwortlich für den Aufbau des Prognosesystems ‚Raumordnungsprognose‘ zur Einschätzung von Eckwerten der künftigen räumlichen Entwicklung – als prospektiver Teil des räumlichen Beobachtungssystems ‚Laufende Raumbeobachtung‘. Seine inhaltlichen Schwerpunkte lagen im regionaldemographischen Bereich, betrafen aber auch die Wohnungsmärkte und die Arbeitsmärkte. Er war langjähriges Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Demographie und auch deren Vorgängerin Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft
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Zitiervorschlag
Hansjörg Bucher. Rezension vom 22.01.2018 zu: Massimo Livi Bacci: Planet und Mensch. Bevölkerungswachstum im 21. Jahrhundert. Wagenbach Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-8031-2782-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22826.php, Datum des Zugriffs 22.02.2018.


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