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Sarina Ahmed, Florian Baier u.a. (Hrsg.): Schulsozialarbeit an Grundschulen

Cover Sarina Ahmed, Florian Baier, Martina Fischer (Hrsg.): Schulsozialarbeit an Grundschulen. Konzepte und Methoden für eine kooperative Praxis mit Kindern, Eltern und Schule. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 370 Seiten. ISBN 978-3-8474-0548-1. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Der Sammelband, herausgegeben von Sarina Ahmed, Florian Baier und Martina Fischer, thematisiert Begründungen und Besonderheiten der Schulsozialarbeit an Grundschulen. Das Themenspektrum ist breit aufgestellt und betrifft eine vernachlässigte Praxis im Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Schule. Autorinnen und Autoren der 17 Beiträge kommen sowohl aus der Schweiz als auch aus Deutschland. Sie vertreten unterschiedliche Hochschulbereiche in den genannten Ländern, aber auch Beiträge aus der Praxis sind vorhanden.

Aufbau

Der Band gliedert sich nach einer Einleitung in vier Teile:

  1. Normative Orientierungen im Kontext der Gegenwart (Themen: Lebenslagen, Grundschulentwicklung, Kinderrechte).

  2. Arbeitsbereich Beratung in der Schulsozialarbeit mit Kindern (Themen: Gesprächsführung, Zusammenarbeit mit Eltern und Schule, multiprofessionelle Zusammenarbeit, Kindeswohlgefährdung).

  3. Projekte, gruppen- und strukturbezogene Aktivitäten (Projekte realisieren, Partizipation, Spiel, Gruppenarbeit, Konfliktbearbeitung, Lebenswelt und Sozialraum)

  4. Praxisbeispiele (Beispiele aus: Basel, Emmertsgrund, Graz).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im Folgenden werden zu den genannten Teilen einige Beiträge vertiefend dargestellt.

Zur Einleitung

Die „Einleitung: Begründungen und Besonderheiten von Schulsozialarbeit an Grundschulen“ von Florian Baier und Martina Fischer ist den Teilen bzw. Kapiteln vorangestellt und gibt einen guten Einblick in das Thema. Das häufig anzutreffenden Argument, Schulsozialarbeit an Grundschulen verhindere rechtzeitig eine Problemverstetigung, beinhaltet eine defizitorientierte Begründung. Deshalb werden vier eher befähigungsorientierte Begründungen und Argumentationslinien diskutiert:

  1. Die bildungstheoretische Argumentation verweist auf notwendigen sozialen Kompetenzerwerb bereits in der angesprochenen Altersphase.
  2. Die gerechtigkeitstheoretische Argumentation verweist auf die UN-Kinderrechts- und die UN-Behindertenrechtskonvention.
  3. Die anerkennungstheoretische Argumentation zeigt, dass Kinder ganzheitlich wahrgenommen werden müssen und nicht nur in der Schülerinnen- und Schülerrolle.
  4. Die lebensweltorientierte Argumentation legt Wert darauf, dass Normalität als konstruierte Wirklichkeit für alle Kinder erfahrbar wird.

Der Beitrag schließt mit der empirisch unterlegten Erörterung des Schulklimas für das individuelle Wohlbefinden. So wird z.B. gezeigt, dass die Bedeutung der Schulsozialarbeit in der Primarstufe von befragten Schülerinnen und Schüler höher eingeschätzt als in der Sekundarstufe. Obwohl in dieser Stufe der Leistungsdruck steigt und das Selbstwertgefühl reduziert ist.

Zu Teil I

Der Beitrag „Lebenslagen und Lebensweisen von Kindern in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ von Olivier Steiner und Rahel Heeg beschreibt zunächst die materielle Lage in den genannten Ländern. Dabei wird u.a. gezeigt, dass in Deutschland eine höheres Armutsrisiko bei Einelternfamilien vorhanden ist. Bei dieser Feststellung ist auch zu bedenken das frühe Armut im Zusammenhang steht steht mit geringerem Schulerfolg sowie reduzierter Teilhabe an sozialen und kulturellen Aktivitäten.

Bei der Darstellung der Chancengerechtigkeit wird auf neuere PISA-Daten verwiesen wobei die Schweiz knapp über dem Durchschnitt der 64 beteiligten Länder liegt; Deutschland und Österreich knapp darunter. In allen drei Länder führt ein Migrationshintergrund zu niedrigen Schulleistungen. Dafür verantwortlich ist u.a. eine institutionelle Diskriminierung.

Der Beitrag geht des Weiteren auf Offline- und Onlinewelten und ihre Bedeutung für Kinder ein. Dazu wird festgestellt: „Das Ausmaß organisierter Freizeitaktivitäten ist schichtabhängig“ (S. 26). Letztlich führt die gesamte Situation dazu, dass Lebenswelten wie auch Lernwelten der Kinder auseinander laufen. Für die Soziale Arbeit/Schulsozialarbeit geht es deshalb darum, die Konstitutionsbedingungen subjektiver Autonomie und Handlungsbefähigung zu unterstützen und zu fördern.

Zu Teil II

„Kooperation mit Lehrpersonen und multiprofessionelle Zusammenarbeit“ von Sabrina Volk, Christin Haude und Melanie Fabel-Lamla ist ein Beitrag, der die recht neue Kooperationsform der Multiprofessionalität analysiert. Im Schulsystem erfordern sowohl Ganztagsschulen als auch die Einführung der inklusiven Schule entsprechende Konzeptionen für eine multiprofessionelle Praxis. Professionstheoretisch lässt sich formulieren: „Im Zuge aktueller gesellschaftlicher Wandlungsprozesse steigt die Komplexität der Herausforderung, Bildungs-, Lern- und Entwicklungsprozesse […] zu gestalten“ (S. 114). Erreicht werden soll u.a. eine Optimierung von Handlungsabläufen sowie eine Erhöhung von Problemlösungskompetenz. Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf Studien zu asymmetrischen Kooperationsbeziehungen in der Grundschule. Notwendige „professionelle Grenzarbeit“ muss kontinuierlich geleistet werden, um Kooperationssymmetrie zu erreichen. Demonstriert wird dies an dem Fallbeispiel einer multiprofessionell ausgerichteten inklusiven Grundschule.

Aus diesem Fallbeispiel werden folgende Handlungskonsequenzen für multiprofessionelle Teams abgeleitet:

  • Gemeinsame Verständigungsprozesse.
  • Regelmäßige und verpflichtende Teambesprechungen.
  • Kontinuierlicher Informationsaustausch.
  • Klare Aufgabendefinition.
  • Integration unterschiedlicher Sichtweisen.
  • Gemeinsame Bearbeitungsstrategie.

Schulsozialarbeit kann in solchen Prozessen eine moderierende Rolle übernehmen.

Zu Teil III

In der Darstellung „Wenn die Spielleute kommen – Sozialpädagogische Gruppenarbeit aus Kindersicht“ von Kathrin Aghamiri werden Kompetenz- und Verhaltensprogramme sehr kritisch gesehen. Zu wenig sind dort die eigensinnigen Interessen der Grundschulkinder berücksichtigt. Soziale Gruppenarbeit in der Grundschule hat aber u.a. die Aufgabe, Kinder als Menschen mit Rechten, Interessen und Bedürfnissen anzuerkennen. Das schließt die Frage mit ein, was die Lebenswelt Grundschule für Kinder bedeutet. Zunächst ist die Schule ein Teil der alltäglichen und von Erwachsenen bestimmten Lernwelt, die damit die schulische Ordnung als Bedeutungsrahmen festlegen. Der Beitrag schildert nun am Beispiel einer untersuchten Gruppenarbeit wie die Ordnungen des Schulalltags durch diese Arbeitsform entlastet oder auch umgewidmet werden können. Das geschieht durch Spiel und Spaß, die die Motivation hervorrufen, andere Pfade der Wirklichkeitsaneignung einzuschlagen. Spiel wird so zu einer außeralltäglichen Wirklichkeitsenklave. Dort sind auch die Spielleute Stefan und Anja, wie es das Schulkind Max formuliert. Beschrieben wird ein Wettkampfspiel im Klassenraum, der dadurch ein anderes Handlungssetting erhält: Laufen, Schreien, Suchen und Finden als eine gemeinschaftliche Erfahrung. Gruppenarbeit wird dann zur Bühne auf der Bedürfnisse und Interessen interaktiv handelnd thematisiert werden. Ein solches Bedürfnis ist z.B. den Umgang mit Freundschaften zu bewältigen – z.B. Nähe und Distanz zu erfahren. Dadurch, so Aghamiri, wird auch Teilhabe mit eigenen Entscheidungsbefugnissen erfahrbar als eine Form der Demokratiebildung.

Der Aufsatz von Ulrich Deinet und Heike Gumz „Kindliche Lebenswelten und schulische Sozialräume erkunden“ rückt die Grundschule als Lebensort in den Mittelpunkt. In der Analyse stellt sich heraus, dass Schülerinnen und Schüler als Mitgestalter ihres Schulalltags viel zu wenig wahrgenommen werden. Die Beteiligungs- und Aneignungsperspektive wird eben vernachlässigt. Dieser unbefriedigenden Situation widmet sich ein Forschungsprojekt an sechs Düsseldorfer offenen Ganztagsgrundschulen. Methodisch wird in diesem Projekt u.a. mit der Nadelmethode, der subjektiven Schul- und der subjektiven Landkarte gearbeitet. Insgesamt waren 362 Schülerinnen und Schüler in die Erhebung eingebunden.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Freundschaften/Peers und die spielerische Interaktion eine überragende Bedeutung haben. Es folgen sportliche Aktivitäten einschließlich der notwendigen Ausrüstung mit Spielgeräten (z.B. Schaukeln, Klettergerüste) im Außengelände und weiteren geeigneten Räumen und Räumlichkeiten. Drei Viertel der befragten Kinder sagen, sie hätten draußen genügend Platz zum Spielen. Befragt auf Spielmöglichkeiten im Schulgebäude sagt mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler, sie hätten „drinnen“ nicht genügend Platz für Spiel, Rückzug und Entspannung. Ebenso untersucht wird die Situation des Mittagsessens, sowie Formen der Beteiligung. Bei Beteiligungsmöglichkeiten in der Schule ist die Mitbestimmung bei der Sitzordnung in der Klasse hoch (63,7 Prozent) und bei der Mitbestimmung im Unterricht niedrig, 34,1 Prozent würden gerne mitbestimmen. Autor und Autorin kommen zu dem Ergebnis, dass der Handlungsraum in offenen Ganztagsschulen dringlicher Erweiterung bedarf ebenso wie die Beteiligung an der Mitgestaltung des Lebensortes Schule.

Zu Teil IV

Der Beitrag „Schweiz: Schulsozialarbeit an Primarstufen im Kanton Basel-Stadt“ von Daniel Ruesch schildert zunächst die Entstehung und flächendeckende Entwicklung der Schulsozialarbeit an den sechsjährigen Schweizer Primarschulen. Von Bedeutung sind dabei die bildungspolitischen Entscheidungen der zuständigen Gremien im Kanton Basel. Zu den Aufgaben des Handlungsfeldes gehören:

  • Bewältigung von Alltags- und sozialen Problem der Schülerinnen und Schüler.
  • Konfliktlösung in den jeweiligen Schulklassen.
  • Beratung und Unterstützung der Lehr- und Fachpersonen.
  • Beratung der Erziehungsberechtigten.
  • Mitwirkung in Schul- und Klassenprojekten.
  • Zusammenarbeit mit psychologischen und sozialen Diensten.

Unter methodischen Aspekten wird in den Schulen eine spezielle Krisenberatung durchgeführt, die dem Ansatz einer systemischen Beratung folgt. Da im Kanton Basel Primarschulen Quartierschulen sind, fördert die gegebene Nähe die Zusammenarbeit mit den Erziehungsberechtigten. Beim Zugang zur Schulsozialarbeit in der Schule hat das Lehrpersonal die Möglichkeit, den Erstkontakt für ein Schulkind verpflichtend zu initiieren. Im Vergleich zu Deutschland ist dies ein ungewöhnliches Verfahren, da Freiwilligkeit und Vertrauensaufbau belastet werden.

Großen Wert wird auf eine Kooperation auf Augenhöhe verbunden mit wechselseitiger Wertschätzung zur Lehrerschaft und der Schulleitung gelegt. Es gilt, unterschiedliche Sichtweisen und Perspektiven zu respektieren. Supervision, Intervision sowie Fort- und Weiterbildung gehören zum professionellen Selbstverständnis der Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter. Ein weiterer Vergleich zu Deutschland zeigt, dass die Schulsozialarbeit an Primarstufen in der Schweiz eine starke Problemorientierung besitzt und weniger eine Befähigungsorientierung (vgl. dazu die o.g. Einleitung zu diesem Rezensionstext).

Diskussion

Der Band stellt eine wichtige Veröffentlichung zur Schulsozialarbeit dar, da die Grundschule bisher nicht sonderlich berücksichtigt wurde. Die einzelnen Beiträge beleuchten in ihrer Vielfalt die sozialarbeiterische Praxis in der Schule. Einige Beiträge beinhalten Forschungsprojekte zum Thema und rechtliche Aspekte werden entsprechend verhandelt.

Der Blick in die Nachbarstaaten Österreich und die Schweiz ist interessant, erfolgt allerdings nicht systematisch. Die Veröffentlichung ist empfehlenswert sowohl für die Praxis in Grundschulen als auch für die Lehre an Hochschulen.

Ein Mangel zeigt sich trotz der hier vorgenommenen positiven Einschätzung: Das Thema der Sozialen Arbeit mit Flüchtlingskindern wird nicht bearbeitet. Das, obwohl in den Bundesländern in Deutschland eine Einstellungswelle von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern für dieses Handlungssegment in Grundschulen beobachtbar ist.

Fazit

Eine notwendige Veröffentlichung zur Theorie und Praxis der Schulsozialarbeit in Grundschulen. Das breite Themenspektrum umfasst u.a. Lebenslagen, Kinderrechte, Schulentwicklung, Zusammenarbeit mit Eltern, multiprofessionelle Teams, Partizipation, Konfliktbearbeitung, Sozialraum. Drei Praxisbeispiele aus der Schweiz, Deutschland und Österreich schließen den Band ab. Empfehlenswert für die Praxis an Grundschulen und das Studium an entsprechenden Hochschulen.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 28.11.2018 zu: Sarina Ahmed, Florian Baier, Martina Fischer (Hrsg.): Schulsozialarbeit an Grundschulen. Konzepte und Methoden für eine kooperative Praxis mit Kindern, Eltern und Schule. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-0548-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22827.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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ISSN 2190-9245

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