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Herbert Schubert, Dietrich Oberwittler u.a.: Praxishandbuch zur Sicherheit älterer Menschen im Wohnquartier

Cover Herbert Schubert, Dietrich Oberwittler, Holger Spieckermann, Nina Planer, Lara Schartau, Anna Nutz: Praxishandbuch zur Sicherheit älterer Menschen im Wohnquartier. Verlag Sozial Raum Management (Köln) 2017. 300 Seiten. ISBN 978-3-938038-16-1. D: 19,90 EUR, A: 15,50 EUR.

Bezug über https://www.th-koeln.de/angewandte-sozialwissenschaften/sicherheitsempfinden-aelterer-menschen-im-wohnquartier_43048.php.
Recherche bei DNB KVK GVK.


Thema

In der Gerontologie gewinnen sozialökologische Ansätze vom Zusammenspiel individueller Persönlichkeits- und umgebender Rahmen-Gegebenheiten eine immer stärkere Verbreitung. Mit einem solchen weiten geronto-ökologischen Ansatz legt nun eine Autorengruppe der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln unter Federführung von Herbert Schubert eine Studie mit Interventionsvorschlägen und Handlungsempfehlungen zur Stärkung des Sicherheitsempfindens älterer Menschen im Wohnquartier im Verlag Sozial-Raum-Management Köln vor.

Entstehungshintergrund

Das Praxishandbuch wurde gefördert im Rahmen des Förderschwerpunkts „Urbane Sicherheit“ des Programms „Forschung für die zivile Sicherheit“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Autor

Professor Dr. phil. Dr. rer. hort. habil. Herbert Schubert lehrt Soziologie und Sozialmanagement an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Technischen Hochschule Köln und leitet dort das Institut für Angewandtes Management und Organisation in der Sozialen Arbeit IMOS.

Aufbau und Inhalt

Die Inhalte des Praxishandbuchs für die Soziale Arbeit zur Sicherung älterer Menschen in ihrem Wohnquartier behandeln gerontologische Grundlagen, Befunde zur Sicherheitswahrnehmung im Alter, Ansatzpunkte der Kriminalprävention und stoßen danach zur Partizipation älterer Menschen vor bei der Maßnahmendefinition und bei koordinierenden Sozialraumveranstaltungen.

Die Interventionen wurden mit Senioren und Seniorinnen in den Kölner Stadtteilen Bocklemünd, Deutz, Finkenberg und Vogelsang durchgeführt und dokumentiert. Abschließend werden im Anhang die vorgeschlagenen Maßnahmen zur Selbstbehauptung und Sicherheitsentwicklung nochmals katalogartig resümiert.

Im einzelnen ergeben sich in der typografisch erfrischend belebten Handreichung wichtige Gesichtspunkte zur Erhöhung des Sicherheitsgefühls älterer Menschen in ihrem Umfeld.

Gerontologisch ist auszugehen von dem sogenannten Viktimisierungs-Furcht-Paradoxon, nach welchem ältere Menschen über eine mögliche, eigene Opfersituation stärker verunsichert sind, als es statistisch der realen Gefahr für sie, Opfer zu werden, entspricht. Subjektive Wahrnehmungsprozesse sind bedeutsam. Bei Aktivitäten erhöhen sich die positiven Gestimmtheiten. Rückzüge alter Menschen sind deshalb auch zur Aufrechterhaltung ihres subjektiven Sicherheitsempfindens zu verhindern, aktive Teilhabe ist zu generieren. Der Blick auf die Sicherheit richtet sich zunehmend von staatlichen Organen auch auf die Selbst- und Eigenkontrolleder Akteure. Sicherheit wird in einer solchen, aktivierenden Verantwortungsverteilung erweitert. Umgekehrt erhöht ein ungepflegtes Umfeld das Gefühl von Unsicherheit. Das ist auch der Fall in mit sozialschwacher Bewohnerschaft konzentrierten Wohngebieten. Stadterneuerung hat hier bereits Positives bewirkt, soweit auch Kriminalprävention mit einbezogen wurde.

Eine Befragung des Max-Planck-Instituts Freiburg 2014/15 in Köln und Essen ergab eine hohe Einbindung gerade älterer Bewohner in ihr Wohngebiet. Abendliche Ausgänge erfolgten vermindert. Von Trickbetrügern zeigten sich immerhin zehn Prozent Befragter betroffen. Das Unsicherheitsgefühl ist bei Frauen und geschlechtsneutral bei Dunkelheit besonders ausgeprägt.

Mit seinem ISAN-Modell versucht Schubert, das Sicherheitsempfinden zu erhöhen (über ein Zusammenspiel von Infrastruktur, Sozialmanagement, Architektur und Nachbarlicher Kohäsion). Letztere wird der Gemeinwesenarbeit überantwortet. Den sozialen Einrichtungen im Stadtteil kommt hier eine besondere Bedeutung zu mittels niederschwelliger Ansätze von Sicherheitsräten und Infotagen, z.B.

  • Mobilitätsübungen,
  • Selbstsicherheitstraining mit Coolnes-Ausstrahlung und Deeskalierungs-Fähigkeiten,
  • Beispiele-Aufklärung,
  • Sozialraum-Begehung,
  • gemeinsamen Stadtteil-Wanderungen und Sicherheits-Theater.

Gearbeitet wird nach Bedarf auf der individuellen, der nachbarschaftlichen und der stadtteilbezogenen Ebene. Es empfiehlt sich ein Netzwerkaufbau (mit Bank, Ortspolizei, Nahverkehrsbetrieben, Wohnungswirtschaft, Weißem Ring und Seniorengenossenschaften).

Vorteilhaft ist, dass das Praxishandbuch auch die Grenzen des Leistbaren beim Aufbrechen verfestigter Einstellungs- und Verhaltensweisen aufzeigt. Insoweit muss bei Veranstaltungen auch mit kritischen Einwürfen der Teilnehmenden gerechnet werden.

Abschließend wird mit Bildsymbolen wirksam illustriert der Katalog der Maßnahmen resümiert. Dabei werden in gesonderten Tipp-Box-Abschnitten positive Erfahrungen aus Kölner Stadtteilen vorgetragen und vorgestellt:

  • Gespräche auf dem Wochenmarkt,
  • Aufhängen von Zeitungsartikeln,
  • Einbezug körperlicher Hilfsmittel,
  • Geocoaching als Erkundung mit aufgegebenen Rätseln zu bestimmten Stadtteil-Lokalitäten,
  • intergenerative Nachbarschafts-Feste.

Diskussion

Das Praxishandbuch zur Erhöhung des Sicherheitsempfindens älterer Menschen gewinnt in einer Zeit mit zunehmenden Terroranschlägen eine erhöhte Aktualität. Da sich der Lebensradius älterer Menschen mehr und mehr auf ihr Wohngebiet beschränkt, ist der gewählte Ansatz der Blickrichtung auf das Stadtteilgebiet richtig und naheliegend.

Die Stärkung der Selbstbehauptung, die Erhöhung der Mobilität und der Kenntnis des Nahraums sind jenseits der Erhöhung persönlicher Aktivität auch förderliche Aktionen zum persönlichen Kompetenzgewinn der Bewohnerschaften.

Die mit vielen Übersichten typografisch bunt und freundlich aufbereitete Studie ist erfreulich anwendungsorientiert gehalten. Vermissen kann man eine evaluative Überprüfung der vielen vorgeschlagenen praktischen Maßnahmen anhand von Befragungen der Klientel in den ins Auge gefassten Kölner Stadtteilen. Stattdessen wird eine voraus gegangene Befragung des Max-Planck-Instituts Freiburg in Köln und Essen als Ausgangspunkt benutzt. Als Fremduntersuchung ist diese Arbeit auf Seiten 44 bis 62 dann doch sehr breit referiert.

Zur stadtteilbezogenen Nachbarschaft hätten die Erkenntnisse der Düsseldorfer Hochschule zum Sozialen Raum (van Rießen, Bleck, Knopp Wiesbaden 2015, vgl. die Rezension) stärker heran gezogen werden können.

Erfreulich und brauchbar sind die Service-Handreichungen im Anhang des Praxishandbuchs mit Trainingskonzepten, Verlaufsplänen, Finanzquellen, Ressourcen-Adressen und Glossar. Im Literaturverzeichnis ist der Autor Fred Karl unter Verwechslung von Vor- und Zuname fälschlich als „Fred, Karl“ verzeichnet.

Fazit

Gegenüber dem subjektiven Bedrohungsempfinden älterer Menschen, Kriminalitäts-Opfer zu werden, kann mit stadtteilbezogenen, vertrauens-erhöhenden Maßnahmen die Selbstsicherheit stärkend gearbeitet werden. Dazu legt das Praxishandbuch der Hochschule Köln zum Sicherheitsempfinden älterer Menschen im Wohnquartier eine Fülle beherzigenswerter Vorschläge vor.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 19.06.2017 zu: Herbert Schubert, Dietrich Oberwittler, Holger Spieckermann, Nina Planer, Lara Schartau, Anna Nutz: Praxishandbuch zur Sicherheit älterer Menschen im Wohnquartier. Verlag Sozial Raum Management (Köln) 2017. ISBN 978-3-938038-16-1. Bezug über https://www.th-koeln.de/angewandte-sozialwissenschaften/sicherheitsempfinden-aelterer-menschen-im-wohnquartier_43048.php. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22831.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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