socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ilka Benner: Bildungsbenach­teiligung am Übergang Schule–Beruf

Cover Ilka Benner: Bildungsbenachteiligung am Übergang Schule–Beruf. Theoretische Konzepte und Fallstudien aus Teilnehmendenperspektiven unter besonderer Berücksichtigung von „Geschlecht“ und „sozialer Herkunft“. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. 296 Seiten. ISBN 978-3-86388-762-9. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Insbesondere seit der Veröffentlichung der PISA-Studie in 2001 liegen umfangreiche und aussagekräftige Forschungsergebnisse vor, die die starke soziale Selektivität der frühzeitigen Zuweisung der SchülerInnen in unterschiedliche weiterführende Schulen in Deutschland eindrucksvoll belegen. Dennoch sind die bildungspolitischen Debatten zu Bildungsbenachteiligungen und sozialer Ungleichheit infolge des mehrgliedrigen Schulsystems in Deutschland vor allem seit dem erfolgreichen Hamburger Volksbegehren gegen die Abschaffung des Gymnasiums in 2009 deutlich abgeflaut.

Mit ihrer qualitativen Studie greift Ilka Benner dieses Thema in einem Bereich der Berufsbildung auf und zeigt anhand der Aussagen der von ihr befragten 20 TeilnehmerInnen in außerschulischen Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen, wie sich Bildungsungleichheit in allgemeinbildenden Schulen in den Perspektiven der jungen Menschen auf eine Berufsausbildung fortsetzt. Dies ist deshalb so problematisch, weil in Deutschland der Abschluss einer anerkannten Berufsausbildung in dem berufsförmig organisierten Erwerbsarbeitssystem von zentraler Bedeutung für den Eintritt in den und den Verbleib auf dem Arbeitsmarkt ist. Somit hängen ein auskömmliches Einkommen und die soziale Integration junger Menschen maßgeblich davon ab. Jugendliche, die aufgrund ihres schlechten oder gar fehlenden Schulabschlusses, ihrer sozialen Herkunft oder ihres Migrationshintergrundes keine Ausbildungsstelle in einem Betrieb finden und somit am Übergang in eine Berufsausbildung scheitern, münden in der Regel in den sogenannten Übergangssektor Schule-Beruf. Dort sollen sie in diversen schulischen oder außerschulischen Bildungsangeboten auf eine Berufsausbildung vorbereitet und im Anschluss entsprechend vermittelt werden. Zudem haben sie meistens die Möglichkeit, ihren Schulabschluss zu verbessern. Mit Blick auf Fragen von Bildungsbenachteiligungen können die Maßnahmen im Übergangsbereich auch als ein ‚Sammelbecken‘ für junge Menschen verstanden werden, die in allgemeinbildenden Schulen aus unterschiedlichen Gründen keine Chancen auf einen direkten Übergang in eine Berufsausbildung erworben haben.

Ilka Benner hat in qualitativen Interviews sechs junge Frauen und 14 junge Männer zu Wort kommen lassen und sie zu ihren Bildungsbiografien sowie ihrem Erleben der von ihnen besuchten Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen befragt. Besonders interessierte sie in deren Erzählungen die von ihnen erfahrenen Bildungsbenachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts bzw. ihrer Geschlechtervorstellungen, ihrer sozialen Herkunft und ihres Migrationshintergrunds. Dabei schaute sie intersektionalitätstheoretisch auch auf die Kreuzungen und wechselseitigen Beeinflussungen dieser sozialen Kategorien sowie auf das Bildungsverständnis der jungen Leute.

Autorin

Ilka Benner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dort ist sie im Zentrum für Lehrerbildung in der „Gießener Offensive für Lehrerbildung“ für die wissenschaftliche Gesamtkoordination des Projekts sowie die Konzeption und Organisation von Fortbildungen zu aktuellen Aspekten der Schul- und Unterrichtsentwicklung zuständig.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist die Dissertationsschrift von Ilka Benner. Ihre Promotion zur Dr. phil. hat sie im April 2017 am Fachbereich 03 Sozial- und Kulturwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen abgeschlossen.

Aufbau

Die insgesamt 296 Seiten (inklusive sechs Seiten Inhalts-, Abbildungs- und Tabellenverzeichnis sowie 22 Seiten Literaturverzeichnis) umfassende Publikation von Ilka Benner gliedert sich in elf Kapitel.

Die Kapitel 1 bis 7 beinhalten die theoretischen Zugänge und sind als „Teil A: Soziale Ungleichheit und Bildung“ überschrieben. Dieser Teil A fällt mit ca. 160 Seiten deutlich länger aus als Teil B, der die „Interviewstudie zu Bildungsbenachteiligung am Übergang Schule-Beruf“ mit den Kapiteln 8 bis 11 enthält. Denn dort werden auf nur rund 100 Seiten die methodische Gestaltung der qualitativen Studie ausgeführt und die Forschungsergebnisse vorgestellt und diskutiert, die abschließend in einem Fazit und Ausblick mit bildungspolitischen Konsequenzen verdichtet werden.

Inhalt

1. „Einleitung“. Ausgehend von der Problematisierung sozialer Ungleichheiten begründet Ilka Benner in diesem ersten Kapitel ihr Forschungsvorhaben im Übergangsbereich Schule-Beruf und präzisiert ihre untersuchungsleitenden Fragen. Ferner gibt sie einen kurzen Überblick zum Aufbau ihrer Publikation.

2. „Soziale Ungleichheit“. Nachdem Ilka Benner zunächst generell „Soziale Ungleichheit als Problem moderner Gesellschaften“ (2.1, S. 23) erläutert hat, richtet sie ihren Fokus auf das sie interessierende Bildungssystem in Deutschland und damit auf „Soziale Ungleichheit und soziale Ungerechtigkeit im Bildungssystem“ (2.2, S. 25). Mit Rückgriff auf das von der Bertelsmann Stiftung in Anlehnung an den Capability Approach von Amartya Sen und Martha Nussbaum präzisierte Konstrukt der „Teilhabegerechtigkeit“ (2.3, S. 27) skizziert sie ihre gerechtigkeitstheoretische Position, die sie ihrer Studie zugrunde legt. Um diese auch sozialpolitisch einzuordnen und wohlfahrtsstaatlich rückzubinden, bezieht sie ihre Überlegungen auf „Wohlfahrtsstaatliche Regimes“ (2.4, S. 30) im Verständnis der Systematik von Gosta Esping-Andersen. Dabei erörtert sie auch die Zusammenhänge zwischen dem korporatistisch-statischen Regime Deutschlands und damit verbundenen Bildungsungleichheiten (S. 32 f.). Das Kapitel schließt, wie übrigens fasst alle Kapitel, mit einem „Zwischenfazit“ (2.5, S. 34), in dem Ilka Benner die Ausführungen nochmals zusammengestellt hat, die sie für den Fortgang ihres Argumentationsgangs als zentral erachtet.

3. „Herkunft“. Zur weiteren Vorbereitung ihrer qualitativen Studie setzt sich Ilka Benner mit den sozialen Kategorien „Migrationshintergrund“ (3.1, S. 37) und „Soziale Herkunft“ (3.2, S. 45) auseinander und geht ausführlich auf die in diesem Kontext relevanten soziologischen Begriffe der „Klasse“ (3.3, S. 46), „Schicht“ (3.4, S. 49) und „Milieu“ (3.5, S. 52) ein. Da sie sich für ihre Untersuchung für einen milieutheoretischen Zugang entschieden hat, vergleicht sie die dazu vorhandenen Ansätze von Michael Vester et al. und dem Sinus-Institut im Hinblick auf deren Thematisierung von „unterprivilegierten Milieus“ (3.6, S. 62), da sie junge Menschen im Übergangsbereich dort verortet. Wie bereits angekündigt, endet auch dieses Kapitel mit einem „Zwischenfazit“ (3.7, S. 64).

4. „Geschlecht“. Nachdem Ilka Benner konkretisiert hat, warum sie die soziale Kategorie Geschlecht als „Problemstellung“ (4.1, S. 69) interessiert, erläutert sie die drei gegenwärtig diskutierten zentralen geschlechtertheoretischen Zugänge, also den differenztheoretischen (4.2), konstruktivistischen (4.3) und den dekonstruktivistischen Zugang (4.4). In ihrem „Zwischenfazit“ (4.5, S. 85) positioniert sie sich bei einem (de)konstruktivistischen Verständnis.

5. „Männlichkeit(en)“. Da vorliegende Forschungsergebnisse zeigen, dass insbesondere Jungen zu den ‚Bildungsverlierern‘ gehören, richtet Ilka Benner in ihrem 5. Kapitel ein besonderes Augenmerk auf „Connells Männlichkeitskonzeption“ (5.1, S. 89), um diese spezifische Geschlechterperspektive auf Männlichkeit für ihre Studie zu präzisieren. Aus Connells Differenzierung in „Hegemoniale Männlichkeit“ (5.2, S. 95), „Marginalisierte Männlichkeit“ (5.3, S. 96), „Komplizenhafte Männlichkeit“ (5.4, S. 99) und „Unterdrückte Männlichkeit“ (5.5, S. 100) gewinnt sie für ihre Forschung relevante Analysekategorien. Dabei ist für sie, wie sich auch im „Zwischenfazit“ (5.6, S. 101) zum Abschluss dieses Kapitels zeigt, das Verständnis von hegemonialer Männlichkeit von zentraler Bedeutung.

6. „Bildung“. Nachdem Ilka Benner „Bildung als Aufgabe staatlicher und gesellschaftlicher Akteure“ (6.1, S. 107) eingeordnet hat, unternimmt sie in insgesamt sieben Unterkapiteln einen ausführlichen Ausflug in die „Historische Veränderung des Begriffs ‚Bildung‘ seit der Reformation“ (6.2, S. 110). „Aktuelle Implikationen von ‚Bildung‘“ (6.3, S. 128) erörtert sie vor allem aus gouvernmentalitätstheoretischer und damit machtkritischer Perspektive, wobei sie sich schwerpunktmäßig auf Michel Foucault und Hannah Arendt bezieht. Im „Zwischenfazit“ (6.4, S. 137) führt sie ihre umfangreichen bildungstheoretischen Überlegungen zum Bildungsverständnis zusammen, um sie für den weiteren Argumentationsgang bereitzustellen.

7. „‚Benachteiligtenförderung‘ im Übergangssystem“. In diesem den Teil A abschließenden 7. Kapitel stellt Ilka Benner zunächst zwei Ansätze zur Kategorisierung von Benachteiligungen vor und zwar erstens jenen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (7.1) und zweitens den von Dieter Euler, Gerd Gidion und mir (7.2), mit der Intention, diese für ihre qualitative Studie als sensibilisierende Konzepte zu nutzen. Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Benachteiligungsbegriff (7.3) entscheidet sie sich schließlich für die Typologie von Dieter Euler, Gerd Gidion und mir. Zur Annäherung an ihr Forschungsfeld geht sie anschließend auf den Übergangssektor ein. Sie definiert ihn (7.4), stellt dessen Zielgruppen vor (7.5) und kritisiert ihn (7.6). Schließlich erläutert sie die Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen, die aus Mitteln der Bundesagentur für Arbeit finanziert und in Bildungseinrichtungen freier Träger durchgeführt werden (7.7). Dort hat sie die qualitativen Interviews mit 20 TeilnehmerInnen geführt.

8. „Forschungsmethode: Das problemzentrierte Interview“. Dieses Kapitel eröffnet den Teil B, der der „Interviewstudie“ (S. 171) gilt. Zunächst präzisiert Ilka Benner die Fragestellung ihrer Interviews und begründet methodologisch, warum ihre Wahl auf das problemzentrierte Interview als Erhebungsmethode gefallen ist. Ferner erläutert sie den von ihr genutzten Interviewleitfaden (8.2) und ihr Sample (8.3). Nach einigen Ausführungen dazu, wie die Interviews verlaufen sind (8.4), begründet sie ausführlich ihren „Eingangsimpuls“ (8.5, S. 175), da dieser den gesamten Interviewverlauf beeinflussen kann. Abschließend geht sie auf „Postskript“ (8.6, S. 177) und „Transkription“ (8.7, S. 177) ein. Da dieses Kapitel nur forschungsmethodische Erläuterungen enthält, verzichtet Ilka Benner auf das ansonsten bei ihr übliche Zwischenfazit.

9. „Kategorisierung der Interviewaussagen“. Dass sie ihre problemzentrierten Interviews mit der Grounded Theory ausgewertet hat, offenbart Ilka Benner erst in diesem 9. Kapitel (S. 179 ff.), in dem sie ihre aussagekräftigen Forschungsergebnisse vorstellt. Nachdem sie zunächst die soziodemografischen Daten der von ihr befragten Jugendlichen expliziert hat (9.1), geht sie auf deren Bildungsbiografien (9.2) ein. Ausführlich schildert sie – zur Illustration ihrer Ausführungen immer wieder Auszüge aus den Interviews mit den jungen Leuten einstreuend –, wie diese über ihre Grundschulerfahrungen, Empfehlungen für weiterführende Schulen und Erfahrungen mit Lehrkräften und pädagogischem Personal in Schulen und den Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen erzählen. Ein besonderes Gewicht messen die Befragten den Lehrkräften bzw. PädagogInnen bei und begründen differenziert, welche Verhalten sie als förderlich oder hemmend für ihre Lernprozesse erachten. Darüber hinaus dokumentiert Ilka Benner die „Vertikale Mobilität der Jugendlichen im Bildungssystem“ (S. 194) und zeigt, welche Rolle die TeilnehmerInnen dem Übergangssektor geben und wie sie ihre Situation in der Maßnahme erleben. Während die jungen Leute Maßnahmenbesuch – trotz teilweise ambivalenter Einschätzungen – durchaus als hilfreich für ihren weiteren Berufsweg erachten, fallen ihre Erinnerungen an ihren allgemeinbildenden Schulbesuch deutlich kritischer aus. Besonders bemerkenswert ist, dass sie das pädagogische Personal in den Maßnahmen als viel unterstützender erleben als ihre LehrerInnen in der Schule. In den weiteren Kapiteln erläutert Ilka Benner das von den Jugendlichen geäußerte „Geschlechterverständnis“ (9.3, S. 211), die von ihnen genannten Einflüsse, die ihre Eltern auf ihre Bildungsbiografie haben (9.4), und dass nicht nur von jungen Menschen mit Migrationshintergrund „Sprache als Bildungshindernis“ (9.5, S. 223) problematisiert wird. Des Weiteren listet sie die von den Befragten genannten „Wendepunkte in der persönlichen Entwicklung“ (9.6, S. 225) auf und schildert das „Bildungsverständnis der Jugendlichen“ (9.7, S. 228). In dem das Kapitel abschließenden Zwischenfazit fasst sie die erzielten Forschungsergebnisse systematisch zusammen, um sie dann im nächsten Kapitel zu diskutieren.

10. „Diskussion der Ergebnisse“. Im 10. Kapitel theoretisiert Ilka Benner ihre Forschungsergebnisse und arbeitet heraus, wie die Erzählungen der Jugendlichen Auskunft über deren Bildungsbenachteiligungen infolge von Kategorisierungen nach ihrem Geschlecht (10.1), Migrationshintergrund (10.2) und ihrer sozialen Herkunft (10.3) geben. Ihrem intersektionalitätstheoretischen Interesse entsprechend skizziert sie ferner „Intersektionale Verschränkungen benachteiligender Faktoren im allgemein bildenden Schulsystem“ (10.4, S. 254), wobei sie ein besonderes Augenmerk auf die unterschiedlichen Bildungsverständnisse der jungen Leute richtet, die sie als geschlechtsspezifisch rekonstruiert. Die Diskussion ihrer Forschungsergebnisse schließt Ilka Benner mit einer „Systematisierung der Fälle in Unterstützungsbedarfe“ (10,5, S. 258) in einer Tabelle (S. 260), wobei sie sich an eine von Marianne Friese entwickelte Systematik zu Unterstützungsbedarfen anlehnt.

11. „Fazit und Ausblick“. Im 11. Kapitel formuliert Ilka Benner vor allem bildungspolitische Forderungen zur Weiterentwicklung des Bildungssystems auf der einen und des Verhaltens der LehrerInnen auf der anderen Seite. Letzteres erachtet sie deshalb als so relevant, weil sich in ihren Forschungsergebnissen zeigt, dass die Jugendlichen ihren LehrerInnen einen besonders großen Einfluss auf ihre Bildungsbiografie zuschreiben. Ferner plädiert sie für einen anderen Bildungsbegriff und ein neues Kooperationsverständnis zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, das „die unbedingte Wertschätzung und Anerkennung der Person als Grundlage des Bildungsprozesses, in dem die fachliche und didaktische Expertise der pädagogisch-forschenden Grundhaltung erst folgt“ (S. 272) beinhalten sollte. Vor allem in der Berufspädagogik sieht Ilka Benner aufgrund ihres starken sozialwissenschaftlichen Theoriefundaments und ihrer Ausrichtung an Beruf, Beruflichkeit und Berufsbildung die Disziplin, die zu einem neuen Bildungsverständnis beitragen könnte (ebd.).

Diskussion

In Teil A baut Ilka Benner für ihre qualitative Studie eine umfangreiche und komplexe Theoriearchitektur auf, die meines Erachtens eine ergiebige Fundgruppe und einen guten Einstieg in die Thematik für diejenigen bietet, die sich mit Fragen von Bildungsungleichheiten im Kontext von Geschlecht, sozialer Herkunft und Migrationshintergrund auseinander setzen möchten. Kritisch gewendet haben mich ihre Ausführungen jedoch ebenfalls, trotz ihrer klaren Ausrichtung an den leitenden Forschungsfragen – auch aufgrund ihrer Ausführlichkeit – an die Gestaltung eines Lehrbuchs erinnert. Dabei will ich gerne berücksichtigen, dass die Publikation die Dissertationsschrift von Ilka Benner ist, womit üblicher Weise bestimmte prüfungsrelevante Anforderungen verbunden sind. Dennoch fügt sie für mich eine Vielzahl unterschiedlicher bildungstheoretischer und sozialwissenschaftlicher Konzepte zusammen, ohne angemessen deren jeweilige theoretische Grundlagen zu berücksichtigen. Dies mag mit dazu beigetragen haben, dass es ihr meines Erachtens nur teilweise gelungen ist, ihre anspruchsvolle Theoriearchitektur in der Diskussion bzw. Theoretisierung ihrer sehr interessanten und weiterführenden Forschungsergebnisse aufzunehmen und sich darauf systematisch zu beziehen. Auch vermag ich einige ihrer Ausführungen nicht im Detail nachzuvollziehen, was ich auch den zu komplex gestalteten Theoriezugängen zuschreibe.

Die besondere Stärke dieser Studie sehe ich in den erzielten Forschungsergebnissen. Denn sie leisten für mich weitreichende und inspirierende empirische Einblicke dazu, wie junge Menschen in Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen ihre Bildungsbiografien im Hinblick auf Benachteiligungen aufgrund ihrer sozialen Herkunft, ihres Geschlechts bzw. ihrer geschlechtsspezifischen Vorstellungen und ihres Migrationshintergrundes sowie ihres Bildungsverständnisses erzählen. Meines Erachtens bereichern sie die vorliegenden Befunde zu Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen um die Sichtweisen der jungen Menschen. Deshalb sollten sie unbedingt in den Fach- und bildungspolitischen Debatten zum Übergangsbereich Schule-Beruf aufgegriffen und weiterverfolgt werden. Darüber hinaus erachte ich sie in hervorragender Weise als anschlussfähig an vorhandene quantitative Untersuchungen zu Bildungsbenachteiligungen wie beispielsweise die seit 2001 regelmäßig publizierten PISA-Studien. Denn die Stimmen der Jugendlichen erfüllen die statistischen Daten mit ‚Leben‘. Dies kann möglicher Weise mit dazu beitragen, dass sich die Bildungspolitik auf Bundes- und Länderebene in Deutschland zukünftig wieder vermehrt mit sozialer Ungleichheit im Bildungssystem und mit der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen beschäftigen wird.

Fazit

Insbesondere aufgrund der aus meiner Sicht sehr aussagekräftigen und bildungspolitische Debatten bereichernden Forschungsergebnisse empfehle ich ausdrücklich VertreterInnen in Schul- und Bildungspolitik, -forschung sowie -administration, dieses Buch zu lesen, um daraus entsprechende Konsequenzen für die Weiterentwicklung des Bildungssystems sowie der Lehreraus- und -weiterbildung zu ziehen. Doch auch für Lehramtsstudierende und LehrerInnen in allgemeinbildenden Schulen ist die Dissertation von Ilka Benner meines Erachtens eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre, um sich detailreich der Sichtweisen und Erlebnisse ihrer (zukünftigen) SchülerInnen vergewissern zu können. Ferner ist sie für alle LehrerInnen und (sozial)pädagogischen Fachkräfte interessant, die im weiten Sinne im Übergangssektor Schule-Beruf tätig sind. Einerseits werden sie dort weitgehend darin bestärkt, ihre bisherige pädagogische Arbeit weiterzuführen. Andererseits finden sie dort auch inspirierende Hinweise, um ihre Maßnahmengestaltung selbstkritisch zu überdenken und weiterentwickeln zu können. Schließlich bietet das Buch auch einen reichhaltigen Fundus bildungshistorischer, -theoretischer und sozialwissenschaftlicher Ansätze für alle diejenigen, die sich mit Fragen sozialer Ungleichheit im deutschen Bildungssystem auseinandersetzen möchten.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 57 Rezensionen von Ruth Enggruber anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 27.03.2019 zu: Ilka Benner: Bildungsbenachteiligung am Übergang Schule–Beruf. Theoretische Konzepte und Fallstudien aus Teilnehmendenperspektiven unter besonderer Berücksichtigung von „Geschlecht“ und „sozialer Herkunft“. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2018. ISBN 978-3-86388-762-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22832.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung