socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sylke Werner (Hrsg.): Demenzbegleiter Notes

Cover Sylke Werner (Hrsg.): Demenzbegleiter Notes. Das Kurznachschlagewerk für die Begleitung von Menschen mit Demenz. Hogrefe (Bern) 2017. 217 Seiten. ISBN 978-3-456-85656-8. 24,95 EUR, CH: 32,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Unter dem Begriff der Demenz werden über 50 Krankheiten zusammengefasst, bei denen die geistige Leistungsfähigkeit abnimmt. Mit rund zwei Drittel aller Fälle ist die Alzheimer-Erkrankung die häufigste Form der Demenz. Bei den meisten Demenzerkrankungen verschlechtern sich das Gedächtnis, die Sprach-und Denkfähigkeit sowie die Motorik. Auch das Sozialverhalten und die Persönlichkeit können betroffen sein.

Bedingt durch eine gestiegene und weiter steigende Lebenserwartung sowie den Geburtenrückgang, nimmt der Anteil der alten Menschen seit Beginn der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ständig zu. Das Risiko, an Demenz zu erkranken, steigt aber mit dem Alter. Bei den Frauen ist dabei das Risiko höher als bei den Männern; das Verhältnis beträgt 3:2.

Mehr als 16,5 Millionen Menschen sind heute in Deutschland 65 Jahre und älter; das sind 20 Prozent der Bevölkerung. Zurzeit leiden in Deutschland 1,6 Millionen Menschen an einer Demenz. Bis zum Jahre 2050 wird diese Zahl auf 3 Millionen steigen. Jedes Jahr erkranken 300000 Menschen an einer Demenz.

Doch ist die Demenz keine zwangsläufig eintretende Alterserscheinung: Zum Beispiel sind in Deutschland von den 65 bis 69-Jährigen nur etwa 1,2 Prozent betroffen; bei den 80 bis 84-Jährigen etwa 13,3 und bei den über 90-Jährigen etwa 35 Prozent.

Wider Erwarten werden die meisten Erkrankten nicht in Alten- und Pflegeeinrichtungen, sondern in 70 Prozent der Fälle zu Hause durch Angehörige gepflegt. Ich vermute zu einem großen Teil von ihren Töchtern und der engeren Familie. Die Familie erfüllt offensichtlich ihre Verantwortung bei der Versorgung ihrer dementen Angehörigen wie keine andere Institution.

Autorin

Über die Autorin heißt es: Sylke Werner, geb. 1963, ist examinierte Altenpflegerin. Sie arbeitete in verschiedenen Bereichen der Altenhilfe in Berlin, vor allem im Bereich der Gerontopsychiatrie sowie im Demenzbereich. Seit ihrem Studienabschluss in Gesundheits-und Pflegemanagement 2009 ist sie als freiberufliche Dozentin in der Erwachsenenbildung im Bereich Aus-, Fort- und Weiterbildung tätig.

Entstehungshintergrund

Als Antwort auf den zu erwartenden Anstieg der Demenzkranken und der damit verbundenen Belastung der Pflegekräfte und der Angehörigen schuf der Gesetzgeber im Jahr 2008 mit dem § 87 b Abs. 3 (Soziale Pflegeversicherung) die Grundlage für den Einsatz von Demenzbegleitern/ Alltagsbegleitern. Der Demenzbegleiter arbeitet in Pflegeeinrichtungen wie Alters- oder Pflegeheimen oder über ambulante Pflegedienste im häuslichen Umfeld der Demenzpatienten. Im Mittelpunkt der Arbeit als Demenzbegleiter stehen Aufgaben wie die Unterhaltung und Beschäftigung der Demenzkranken. Der Alltag soll nach den Bedürfnissen der Erkrankten anregend und interessant gestaltet werden. Betreuende Angehörige gewinnen so freie Zeit zum Auftanken ihrer Kräfte und für ihre persönlichen Interessen. Pflegekräfte können sich intensiver ihren Aufgaben in der Betreuung pflegebedürftiger Patienten widmen. Die Ausbildung zum Demenzbegleiter/ Alltagsbegleiter kann mit 160 Unterrichtsstunden und einem zweiwöchigen Praktikum absolviert werden. Die Kosten der Demenzbegleiter trägt die Pflegeversicherung.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel wird die Aufgabe von Demenzbegleitern in der stationären Pflege sowie in der ambulanten Pflege beschrieben. „Menschen mit Demenz benötigen einen erhöhten Beaufsichtigungs- und Betreuungsbedarf, damit sie sich nicht verletzen und an Lebensqualität einbüßen.“

Im zweiten Kapitel wird danach gefragt, was Demenz bedeutet: Definition und allgemeine Symptome, die Stadien der Demenz, Formen der Demenz, Diagnostik und Therapie sowie Demenz und Delir sind die Themen. „Demenz ist ein Syndrom als Folge einer meist chronischen und fortschreitenden Krankheit des Gehirns mit Störung vieler höherer kortikaler Funktionen, einschließlich Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache, Sprechen und Urteilsvermögen im Sinne der Fähigkeit zur Entscheidung.“

Im dritten Kapitel geht es um die Kommunikation mit Menschen mit Demenz: Regeln und Barrieren der Kommunikation und die Förderung kommunikativer Fähigkeiten stehen im Mittelpunkt. „Werden bestimmte Regeln in der Kommunikation berücksichtigt und eingehalten, können Missverständnisse und daraus entstehende Konflikte vermieden werden.“

Im vierten Kapitel wird eine Definition der Biographiearbeit gegeben und ihre Anwendung in der Demenzbegleitung vorgestellt. „Biografisch relevante Informationen müssen nicht unbedingt abgefragt werden, denn auch durch Beobachten und Wahrnehmen des Klienten lässt sich vieles ablesen.“

Im fünften Kapitel wird der Umgang mit herausforderndem Verhalten thematisiert: Was ist herausforderndes Verhalten, und wie reagiert man darauf? Wie können herausfordernde Verhaltensweisen vermieden werden? „Herausforderndes Verhalten meint, dass Menschen mit Demenz die Umwelt herausfordern, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, weil sie eben nicht mehr die Fähigkeit besitzen, sich adäquat verbal zu äußern.“

Im sechsten Kapitel gibt es einen Überblick über die Betreuungskonzepte: Von der Zehn-Minuten-Aktivierung, den sensorischen Verfahren (basale Stimulation und Snoezelen), der Validation (N. Feil und die Integrative Validation), dem personenzentrierten Ansatz (nach Kitwood) geht es über das psychobiographische Modell (nach Böhm) und der Selbsterhaltungstherapie (nach Romero) zur Milieutherapie, deren Bestandteile die räumliche Gestaltung, Alltagsgestaltung und Tagesstruktur, Sicherheit in der Umgebung, tiergestützte Therapie (Hunde, Lama und Esel), aber auch die Natur- und pflanzengestützte Begleitung sind. „Tiere geben den Menschen mit Demenz das Gefühl, gebraucht zu werden, und beeinflussen die psychische Befindlichkeit und die gesamte körperliche Verfassung positiv. Tiere strahlen Wärme aus und fördern damit die körperliche und geistige Entspannung und können trösten.“

Im siebten Kapitel werden die Beschäftigungsangebote präsentiert: u.a. spielerische Aktivitäten, Musik und Tanz, kreative Angebote, Gedächtnistraining und Förderung der Mobilität. „Jede Teilnahme an Beschäftigungsangeboten ist freiwillig. Auch wenn Beschäftigung ein psychisches Bedürfnis ist, sollte eben auch das ‚Nichtstun‘ akzeptiert werden, denn auch Ruhen und Entspannen gehören zum Alltag und sind als sinnvolle Beschäftigungen anzusehen.“

Im achten Kapitel wird die Demenzbegleitung am Lebensende als Thema behandelt: Bedürfnisse des Sterbenden, begleitende Maßnahme und Trauer. „Um auch Menschen mit Demenz ein Sterben in Würde zu gewährleisten, wird die Reflexion der Mitarbeiter zum Thema Sterben und Tod im Allgemeinen und speziell zur Sterbebegleitung von Menschen mit Demenz immer bedeutender.“

Im neunten Kapitel werden die rechtlichen Grundlagen bekannt gemacht: Betreuungsrecht, Betreuungsverfügung, Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und freiheitsentziehende Maßnahmen sind einige der ausgewählten Rechtsgegenstände. „Das Grundgesetz garantiert allen Menschen persönliche Freiheitsrechte. Einschränkungen bedürfen einer gesetzlichen Grundlage.“

Im zehnten Kapitel werden drei Checklisten zum Ausflug, zu Festen und zur Gruppenstunde aufgelistet.

Ein Literaturverzeichnis und ein für ein Nachschlagewerk der Kürze besonders wichtiges Sachwortregister runden die Publikation ab.

Was die Ausstattung angeht, der flexible Umschlag und die Kleidertaschengröße des Buchformates, so ist das Optimum für die Möglichkeit gegeben, das Werk stets mit sich zu führen, um es im Bedarfsfall zu Rate zu ziehen.

Diskussion

Warum wird im Titel von „Demenzbegleiter Notes“ gesprochen? Reicht die deutsche Sprache nicht aus, um das Buch dem potentiellen Leser vorzustellen? Hier ein paar Vorschläge: Anmerkungen oder Stichpunkte oder Einträge oder Vermerke oder Kurzanweisungen oder Themen oder Komponenten oder Elemente für Demenzbegleiter. Welche Variante auch immer man wählt, sie scheint mir genauer die Ziele des kleinen Buches zu beschreiben als die vom Verlag gewählte anglizistische Variante, die weder Weltläufigkeit noch Universalität signalisiert, sondern eher der Provinz entstammen könnte.

Eine weitere Unangemessenheit: Die Vorstellung der Autorin wird mit der Zeile „Autorinnenverzeichnis-Über die Autorin“ vorgenommen. „Über die Autorin“ allein hätte gereicht. Spiegelt sich darin – böswillig gefragt – ein Übereifer in Genderfragen?

Auch sind mir im Text die Allgegenwart von Wertschätzung und die Forderung nach einer positiven Grundhaltung aufgefallen. Jeder muss jeden nach seinem Wert schätzen. Warum eigentlich ist die Sprache der Warenwelt, aus der die Wertschätzung stammt, so dominierend im Forderungskatalog der Moral? Überhaupt scheinen mir die Anforderungen an moralischer Haltung, die der Demenzbegleiter erfüllen „sollte“, sehr idealistisch und überhöht zu sein. Muss der Demenzbegleiter mit seinem eigenen Tod klar kommen, bevor er dem Sterbenden helfen kann? Wer kommt schon mit seinem Tod ins Reine? Die Gefahr besteht darin, durch die moralische Überforderung eine gewisse Unaufrichtigkeit in die Situation der Begleitung zu tragen. Eine moralische Arbeitshaltung ist ein komplexes Gebilde, das aus widersprüchlichen Empfindungen, Reaktionen und Haltungen besteht und ausbalanciert werden muss.

Auch ist mir der Begriff der Angehörigen nicht tragfähig genug, um zum Beispiel die Demenzbegleitung in der häuslichen Pflege oder die Biographiearbeit beschreiben zu können. Wäre es nicht angemessener und aufschlussreicher nach der Familiensituation expressis verbis zu fragen und eine Familienaufstellung zu machen? Wenn es zumeist die Töchter sind, die mit ihrer dementen Mutter oder ihren dementen Vater in einem Haushalt leben, dann ergeben sich für die Demenzbegleiter andere Probleme, als wenn z.B. eine Schwiegertochter die Versorgung übernimmt. Gibt es Enkelkinder im Haushalt? Besonders das Fehlen einer familiären Situation bleibt aufschlussreich für die Demenzbegleiter. Kurz und gut: Die konkrete Familie findet in vielen Bereichen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient.

Besonders ist mir der Mangel der Thematisierung von Gewalt im stationären Bereich und im häuslichen Umfeld aufgefallen. Gewalt gegenüber dem dementen Menschen ist allgegenwärtig und bedarf einer sorgfältigen Analyse. Demenzbegleiter sollten sie erkennen können und in der Lage sein, mit Gewalt umzugehen und sie zu verhindern. Ein eigenes Gewalt-Kapitel wäre meines Erachtens schon notwendig gewesen.

Ein letzter Diskussionsbeitrag: Die Darstellung des Krankheitsbildes der Demenz in der Fachsprache der Medizin halte ich nach Ausbildung und Beruf des Demenzbegleiters für unangemessen und nicht zielführend. Leicht gerinnt die medizinische Terminologie zu einem äußeren schematischen Anwendungsschema, wenn eine fachlich tiefergehende Verankerung nicht gegeben ist. Stereotypenbildung und vereinfachtes Denken sind die Folgen. Die Vorstellung der dementiellen Erkrankung in exemplarisch ausgewählten Verläufen mit entsprechender verständlicher und anschaulicher Kommentierung wäre hier eine sinnvollere Variante.

Fazit

Das vorliegende Demenz-Kompendium dient dem schnellen Nachschlagen und der kurzen fachlich gesicherten Orientierung. Es ist jedem zu empfehlen, der mit Menschen zu tun hat, die an einer Demenz leiden. Über den hier besonders angesprochenen Demenzbegleiter hinaus sind es eigentlich alle in der ambulanten und stationären Pflege arbeitenden Berufe, die in ihrem beruflichen Alltag von diesem Kurznachschlagewerk Gewinn haben können. Aber auch für die Familien und Angehörigen der an Demenz Erkrankten ist der Erwerb dieses kleinen Buches sinnvoll, da es grundsätzliche Orientierungen und konkrete Hilfen anbietet. Der Verlag hat eine gute Idee in einer guten Form mit stellenweise noch verbesserungsfähigen Inhalten umgesetzt.


Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 63 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 03.11.2017 zu: Sylke Werner (Hrsg.): Demenzbegleiter Notes. Das Kurznachschlagewerk für die Begleitung von Menschen mit Demenz. Hogrefe (Bern) 2017. ISBN 978-3-456-85656-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22836.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!