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Monika Klinkhammer: Supervision und Coaching für Wissenschaftlerinnen

Rezensiert von Dr. Antonia Scholkmann, Dr. Birgit Szczyrba, 09.05.2006

Cover Monika Klinkhammer: Supervision und Coaching für Wissenschaftlerinnen ISBN 978-3-531-14267-8

Monika Klinkhammer: Supervision und Coaching für Wissenschaftlerinnen. Theoretische, empirische und handlungspraktische Aspekte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. 553 Seiten. ISBN 978-3-531-14267-8. 42,90 EUR.

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Einführung in das Thema

Monika Klinkhammer legt mit ihrem Buch "Supervision und Coaching für Wissenschaftlerinnen" eine Arbeit vor, die sich umfassend und detailliert mit dem jeweiligen Forschungs- und Diskussionsstand der Beratungs-, Professionalisierungs- sowie Frauen- und Geschlechterforschung befasst und eine Synopse zur Frage herstellt, wie es um den Bedarf an professionell begleiteter berufsbezogener Selbstreflexion von Wissenschaftlerinnen bestellt ist. Die Autorin geht in ihrem aus ihrer Doktorarbeit Doktorarbeit hhervorgegangenem Buch insbesondere der Frage nach, ob sich professionelle Beratungsformen wie Supervision und Coaching auch für die Karriere von Wissenschaftlerinnen als geeignete Beratungsformate einsetzen lassen. Zentrale Fragestellung ist dabei, wie der Bedarf an Supervision und Coaching explizit für Wissenschaftlerinnen aussieht, wie ihm entsprochen werden kann und ob der Faktor Geschlecht dabei grundlegend zu berücksichtigen ist.

Die Autorin

Dr. Monika Klinkhammer  ist Erziehungswissenschaftlerin, freiberufliche Gestalttherapeutin und Supervisorin, Coach, Trainerin und Referentin.

Zielgruppen

Als Zielgruppen ihres Buches nennt die Autorin

  • potenzielle Supervisandinnen, also (Nachwuchs-) Wissenschaftlerinnen und Führungskräfte in der Wissenschaft
  • FachkollegInnen aus der Beratungs- und Trainingsbranche
  • Personen oder Institutionen mit Personalentscheidungskompetenz im Wissenschaftsbereich

Aufbau und Inhalte

In einer Beratungstheoretischen Einführung erläutert die Autorin zunächst die Beratungsformate Supervision und Coaching und grenzt sie von anderen Beratungsformen und -konzepten ab. Hier stellt sie die Frage nach dem Stellenwert der Kategorie Geschlecht in der Beratungstheorie und zieht ein erstes Fazit zum Beratungsbedarf der Profession Wissenschaft aus beratungstheoretisch einführender Sicht.

Ein Kapitel ist einer erweiterten Auseinandersetzung mit Wissenschaft als Profession gewidmet. Nach einer Darstellung formaler Anforderungen und des Berufsbilds  WissenschaftlerIn erarbeitet die Autorin unterschiedliche Aspekte der Berufsrolle, der akademischen Laufbahn sowie des Systems Wissenschaft und seiner Auswirkungen auf das Subjekt. Das Kapitel schließt mit einer Betrachtung der Promotion als (besonders) krisenhafte (und damit beratungsrelevante) Phase der Wissenschaftskarriere.

Die Autorin beschäftigt sich dann anhand theoretischer Konzepte der (Frauen-) Forschung zu Geschlecht und Profession mit der besonderen Stellung von Frauen in der Wissenschaft. Wichtig ist ihr dabei ein theoretischer Zugang, der Frauen eine aktive Funktion in der Gestaltung von Geschlechterverhältnissen zuweist, indem Wechselwirkungen zwischen sozialer Situation und individuellem Erleben und Verhalten angenommen werden.

Aus empirischen Studien erschließt sich der Bedarf an Supervision und Coaching für die Autorin auf den Gebieten der beruflichen Identität sowie bei den immer noch bestehenden strukturellen Benachteiligungen von Wissenschaftlerinnen. Thematische Bausteine einer Beratung von Wissenschaftlerinnen sind deshalb unter anderem die aktive und zielgerichtete Karriere- und Lebensplanung, die Unterstützung beim Durchhaltevermögen und die Stärkung des Selbstbewusstseins.

Die Autorin stellt ihren forschungsmethodischen Ansatz vor, der unter besonderer Berücksichtigung einer ganzheitlichen humanistisch-psychologischen Grundhaltung sowie mit den Grundsätzen feministischer Forschung konzipiert wird.

Ein Kernstück des Buches sind die Ergebnisse einer qualitativen Befragung von n=35 bundesdeutschen bzw. ehemals ostdeutschen Wissenschaftlerinnen. Diese wurden in qualitativen Interviews nach eigener Inanspruchnahme von Supervision oder professioneller Beratung (einschließlich Psychotherapie), nach Ratschlägen an Nachwuchswissenschaftlerinnen als Themenspeicher für Beratungsanlässe, nach (innerer) Karriereplanung sowie nach Körperverständnis und Gesundheitsbewusstsein befragt.

Das Buch schließt mit einer Zusammenfassung der bisherigen Inhalte in einem Beratungs- und Handlungskonzept, dass auch die Sicht von Expertinnen auf das Thema darstellt und formale und methodische Aspekte des Coachings von Wissenschaftlerinnen aufgreift.

Diskussion

Die hier vorgelegte Bedarfsanalyse zu Supervision und Coaching für Wissenschaftlerinnen geht von der Anfangsthese aus, dass Frauen im Berufsfeld der Wissenschaft zum einen aufgrund ihres Geschlechts, zum andern aufgrund der Struktur und Beschaffenheit des Berufsfeldes Hochschule Bedarf an professionellem Coaching bzw. an Supervision haben müssten. Die Autorin führt an, dass

  1. die Wissenschaft eine Profession sei,
  2. Supervision als etabliertes Reflexionsformat für Professionen daher für Wissenschaftlerinnen nahe liege und
  3. Frauen per se Beratungsbedarf haben, um im männlich dominierten Wissenschaftsbereich nicht der institutionalisierten Benachteiligung zu unterliegen.

Während c) nicht strittig ist, scheint die Gleichsetzung von Wissenschaft und Profession nicht unproblematisch: Professionen im klassischen Sinne üben eine Berufstätigkeit mit besonderer Verantwortung für eine Klientel aus. Sie sind damit ein Teil der gesellschaftlichen Praxis, von der sich die Wissenschaft bisher noch immer in großen Teilen absetzt. Wissenschaftler/in zu sein ist nach dieser Definition weder klientenorientiert noch darf sie an einer Verbesserung der Praxis interessiert sein, da sie damit Forschungsinteressen und -ergebnisse illegitimerweise vermischen würde.

Neuere Diskussionen in der Hochschuldidaktik machen darauf aufmerksam, dass eine Studierenden- bzw. Zielgruppenorientierung für WissenschaftlerInnen im Bereich der Lehre angemessen wäre. Ob es sich bei den Studierenden und den ihnen zukommenden Rollenzuschreibungen um Klienten, Kunden oder Koproduzenten handelt, sei dahingestellt. Für die Lehre muss jedoch gelten, dass sie in interaktionsbasierter Form stattfindet, es sich also um Beziehungsarbeit im professionellen Sinne handelt. Hierbei entstehen paradoxale Handlungsanforderungen wie Beratung vs. Bewertung, Förderung vs. Selektion u.a.m. Insofern ist hier auch ein typisches Feld für Selbstreflexion und -thematisierung gegeben, wie sie traditionell in der Supervision stattfindet.

Im Bereich der Forschung, die in der Rollenverteilung und -gewichtung des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin aus Reputationsgründen hoch wiegt, ist eine professionelle Handlungslogik nicht immanent. Im Gegenteil: Die so genannte "Freiheit" der Forschung bedeutet auch Einsamkeit und Konkurrenzdruck, nicht zuletzt gewollte Isolation auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal der eigenen Leistungen. Der Originalitätszwang, dem ForscherInnen unterliegen, führt nicht selten dazu, dass Forschungsergebnisse, die in die Lehre einfließen sollen, nicht mehr vermittelbar sind. Hier wird in der Rolle des/der Forschenden vernachlässigt, dass Forschungsergebnisse in die Lehre einfließen müssen, um die Lehrinhalte dem neuesten Erkenntnisstand anzupassen und darüber hinaus, dass Wissenschaft nicht Selbstzweck ist, sondern Mittel der Bildung und Ausbildung für die Praxis. Auch hier lässt sich eine Professionalisierung durch Supervision oder Coaching vorstellen. Allerdings ist das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer solchen Entwicklung hin zur professionalisierten Vermittlung erst noch heranzubilden.

Der Ansatz, unterschiedliche theoretische Perspektiven zur Situation von Wissenschaftlerinnen und deren Beratungsbedarf aufzuzeigen, überzeugt durch die Auseinandersetzung mit der Vielzahl möglicher Aspekte, die in einer Beratungssituation relevant werden können. Ansätze in der Tradition der Frauen- bzw. der feministischen Forschung beschreiben dabei sehr direkte Einflussprozesse auf Berufsleben und professionelles Selbstverständnis und können so für Supervisandinnen als Werkzeuge zur Selbstreflexion ihrer Situation dienen. Die Themen, die von der Autorin als Bausteine professioneller Beratung identifiziert werden, erschließen sich auf Grund der Fülle an Informationen manchmal nur indirekt aus den vorgestellten Theorien, scheinen jedoch sinnvoll und durch praktische Erfahrungen fundiert.

Der Schwerpunkt der im Buch vorgestellten Studien ebenso wie der eigenen Empirie ist, dem Forschungsselbstverständnis der Autorin entsprechend, berufsbiographisch-subjektzentriert. Gerade die aus solchen Studien abgeleiteten Typologien können für BeraterInnen wertvoll für die alltägliche Arbeit sein. Allerdings zeigt sich, dass Wissenschaftlerinnen ihre eigene professionelle Situation in manchen Untersuchungen weniger dramatisch einschätzen und bei einer direkten Nachfrage keinen Beratungsbedarf angeben. Dieses Ergebnis mit methodischen Mängeln zu erklären bzw. als Reproduktion eines idealisierten Selbstbilds zu identifizieren, respektiert nicht das grundlegende Bedürfnis nach Selbstwert und Stolz auf das erfolgreiche Bewältigen wissenschaftlicher Karrierestufen. Ebenso wenig berücksichtigt bleibt die Rolle, die Organisationsklima bzw. Organisationskultur durch die (Nicht-) Unterstützung der Beratungsformate Supervision und Coaching als Mittel der Personal- und Organisationsentwicklung spielen (können).

Fazit

Das Buch stellt viele interessante Aspekte des Themas Supervision/Coaching für Wissenschaftlerinnen ausführlich dar. Eher zwischen den Zeilen stellen sich weitere nützliche Informationen beim Durcharbeiten von theoretischen Darstellungen und empirischen Ergebnissen ein. Gerade "unbeleckte" Interessentinnen an Supervision und Coaching könnten durch die Vielschichtigkeit der Inhalte überfordert sein.

Das Buch eignet sich als Nachschlage- und Informationswerk für PraktikerInnen, die durch theoretisches Hintergrundwissen und empirische Daten Anregungen und Informationen für ihre Arbeit suchen. Darüber hinaus bietet es als Wissenschaftswerk Ansatzpunkte für weitere interessante Forschungen.

Rezension von
Dr. Antonia Scholkmann
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Dr. Birgit Szczyrba
Sozial-und Erziehungswissenschaftlerin, Psychodrama-Leiterin (DFP/DAGG), Leiterin der Hochschuldidaktik in der Qualitätsoffensive Exzellente Lehre der Technische Hochschule Köln, Sprecherin des Netzwerks Wissenschaftscoaching
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Zitiervorschlag
Antonia Scholkmann, Birgit Szczyrba. Rezension vom 09.05.2006 zu: Monika Klinkhammer: Supervision und Coaching für Wissenschaftlerinnen. Theoretische, empirische und handlungspraktische Aspekte. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2004. ISBN 978-3-531-14267-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2284.php, Datum des Zugriffs 24.07.2024.


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