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Tina Schulz, Corinna Hofter u.a.: Prävention sexuellen Mißbrauchs

Cover Tina Schulz, Corinna Hofter, Jürgen Müller: Prävention sexuellen Mißbrauchs. Therapiemanual zur Arbeit mit (potenziellen) Tätern ; mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 164 Seiten. ISBN 978-3-621-28443-1. 54,00 EUR.

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Thema

Es wird ein manualisiertes Therapieprogramm für den ambulanten Bereich vorgelegt, zur Behandlung von Personen mit einem selbstberichteten, sexuellen Interesse an Kindern und/ oder Jugendlichen. Das Programm basiert auf Erfahrungen in der Einzel- und Gruppentherapie in einem Modellprojekt (ab 2011) in Göttingen.

Autorinnen und Autor

Die beiden Autorinnen Schulz und Hofter sind Mitarbeiterinnen im Asklepios Fachklinikum Göttingen und dem Ludwig-Meyer Institut. Prof. Dr. Müller ist gleichzeitig noch bei der Universitätsmedizin Göttingen.

Aufbau

Nach einer kurzen, prägnanten Einführung in die aktuellen Grundlagen der Thematik und der Vorstellung des Göttinger Projektes wird das Manual mit seinen 13 Modulen in seiner praktischen Umsetzung vorgestellt. Im Anhang, der aus dem E-Book heruntergeladen werden kann, sind Arbeitsblätter und weitere nützliche Informationsmaterialien.

Inhalt

Die Konzeption des Therapieansatzes folgt einem Zwei-Phasen-Plan.

  1. Der erste Therapieabschnitt (Module 1 bis 5) beschäftigt sich primär mit der Entwicklung sexueller Fantasien von Kindern/ Jugendlichen oder sexueller Taten bei Kindern/ Jugendlichen.
  2. Die zweite Phase fokussiert besonders auf Strategien der Tat- bzw. Rückfallvermeidung.

Die Modul 5 und 11 mit der Bezeichnung Tatszenario I bzw. II dienen der jeweiligen Zusammenfassung der jeweiligen Therapieabschnitte und sollen eine Abschätzung der jeweiligen Fortschritte einzelnen Teilnehmer erlauben.

Weitere Module in der ersten Phase sind

  • Veränderungsmotivation (bzw. Gruppenkonstitution),
  • Lebensgeschichte,
  • Risikofaktoren und
  • Opferempathie (mit den meisten Sitzungen).

Module in der zweiten Phase sind

  • Selbstwert,
  • Konsequenzen von Missbrauch,
  • Bindung und Intimität,
  • Umgang mit Emotionen und Problembewältigung sowie
  • normative und deviante Sexualität.

Abgeschlossen wird das Programm mit dem Modul Risikovermeidungsplan und dem Modul Zukunftspläne.

Diskussion

Das Programm ist aus verschiedenen Gründen interessant. Es ist ein ambulantes Angebot, das jedoch auch durch seinen modularen Aufbau im stationären Setting eingesetzt werden kann. Es ist gleichzeitig im Einzel- wie auch im Gruppensetting anwendbar. Es ist ein Angebot für Personen, die ein sexuelles Interesse an Kindern (und/ oder Jugendlichen) an sich bemerken sowie auch für Personen, die bereits straffällig geworden sind. Damit ist direkte Prävention bei sogenannten Dunkelfeldtätern wie auch bei Hellfeldtätern möglich.

Neu ist auch die Zielgruppe der Online-Kinderpornographiekonsumenten neben den Hands-on Kindesmissbrauchstätern, die bisher meines Wissens in keinem deutschsprachigen Therapieprogramm angesprochen werden.

Die Inhalte und der Aufbau des eigen-konzipierten Therapiekonzeptes sind ebenfalls überaus interessant, da sinnvollerweise aus unterschiedlichen Ansätzen hilfreiche Methoden und Inhalte eingebaut wurden und so der Gefahr begegnet wird, im engen Rahmen einer einzelnen „Therapieschule“ zu bleiben. Basierend auf einer ressourcen- und bedürfnisorientierten Therapie finden sich auch Bausteine aus der Dialektisch-behavioralen Therapie, der Akzeptanz- und Commitmenttherapie, Vorgehensweisen aus der Stressbewältigung oder Methoden der kognitiven Umstrukturierung.

Das ganze Programm umfasst insgesamt 45 Sitzungen, die jeweils mit Beispielen, Arbeitsblättern und Informationsmaterialien unterlegt sind. Dies ermöglicht auch Therapeuten, die bisher wenig Erfahrung mit diesem Klientel hatten, eine unkomplizierte Umsetzung.

Einzelne Details des Programms könnte man natürlich kritisch hinterfragen. Beispielsweise wird in anderen, internationalen Therapieprogrammen dringend davon abgeraten, Biografiearbeit in der ersten Phase der Therapie durchzuführen (hier bereits in den Sitzungen 3 bis 9). Solche Detailkritik mindert jedoch nicht den Wert des vorliegenden Programms, da die Autorinnen/ der Autor selbst zum kollegialen Austausch aufrufen, um Weiterentwicklungen zu ermöglichen.

Das Therapiemanual ist eines der wenigen, deutschsprachigen Präventionsprogramme sexuellen Missbrauchs, die am eigentlichen Problem ansetzen. Insofern kann man nur auf möglichst große Verbreitung hoffen.

Fazit

Das Buch enthält das erste (und einzige) deutschsprachige, ambulante Präventionsprogramm für potentielle Täter und bereits straffällig gewordene Personen bei sexuellem Missbrauch. Das Buch ist sehr empfehlenswert für alle, die in der Praxis mit diesem Klientel arbeiten oder arbeiten werden. Dies können so verschiedene Bereiche wie Kliniken, Beratungsstellen oder Einrichtungen der Justiz sein. Auch für bereits erfahrene Therapeuten gibt es eine Fülle an praktischen Arbeitsmaterial, so dass auch diese dieses Buch mit Gewinn nutzen können.


Rezensent
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 03.08.2017 zu: Tina Schulz, Corinna Hofter, Jürgen Müller: Prävention sexuellen Mißbrauchs. Therapiemanual zur Arbeit mit (potenziellen) Tätern ; mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28443-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22841.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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