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Thorsten Heedt: Psychotraumatologie

Cover Thorsten Heedt: Psychotraumatologie. Traumafolgestörungen und ihre Behandlung griffbereit. Schattauer (Stuttgart) 2017. 334 Seiten. ISBN 978-3-7945-3246-9. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Thorsten Heedt stellt aus psychiatrischer Perspektive ein Übersichtswerk über die Psychotraumalogie und ihre Behandlung vor. In den Mittelpunkt stellt der Autor Übersichten über die klinische Symptomatik, spezielle Störungsbilder und deren Behandlung, hier insbesondere die psychopharmakalogische Therapie. Das Buch soll die die folgende Fragen beantworten:

  • Welche klinische Symptomatik ruft ein Trauma hervor?
  • Welche psychotherapeutische Intervention ist adäquat?
  • Welche Medikamente können eingesetzt werden?
  • Wie vermittle ich dem Patienten das Wissen, das er braucht, und welches sind die ersten Schritte zur Überwindung des Traumas?
  • Wie kann ich die Arbeit mit Traumapatienten noch effektiver gestalten?

Autor

Dr. med. Thorsten Heedt ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und für Psychiatrie und Psychotherapie. Er arbeitet als Oberarzt einer allgemeinpsychiatrischen Klinik und behandelt dort das gesamte Spektrum allgemeinpsychiatrischer Störungsbilder. Zudem ist er als Wissenschaftlicher Berater der Universität Witten/Herdecke beim Forschungsprojekt „Leitliniensynopse für ein DMP Depressionen“ tätig.

Entstehungshintergrund

Laut der Verlagsankündigung richtet sich das Buch an Ärzte und Fachärzte, Psychologen und interessierte Laien und Patienten. Der Autor gibt an, einen praktischen Leitfaden für den jungen unerfahrenen Assistenzarzt (S. 326) bieten zu wollen. Ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen sollen relevante Facetten des Fachgebiets angesprochen werden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel:

  1. Allgemeiner Teil,
  2. spezielle Störungsbilder,
  3. Behandlung.

Als viertes Kapitel dient der Serviceteil. Jedes Kapitel beinhaltet ein Literaturverzeichnis.

Einführend gibt der Autor eine Übersicht im allgemeinen Teil über das Trauma (Themen: Medizinischer Begriff des Traumas, Abgrenzung zu normalen Stressoren, Normalität des Traumas, Der übliche Verlauf nach einem traumatischen Erlebnis, Coping-Strategien, Welche Arten von Traumata gibt es? Geschichte, Epidemiologie, Die Gruppe der Belastungsreaktionen, Weitere Traumafolgen, Traumaheilung und Sinnfindung). Im Unterkapitel 1.2 beschäftigt sich Heedt mit der Neurobiologie des Traumas, im Kapitel 1.3 mit den Risikofaktoren für die Entwicklung posttraumatischer Symptomatik. In den weiteren Unterkapiteln werden Bindungsmuster, Wiederholungszwänge, die Selbstwertproblematik, Schuldgefühle, Selbstverletzungen, die Sekundäre Traumatisierung und die Traumadiagnostik erörtert.

Das zweite Kapitel über die speziellen Störungsbilder befasst sich mit den Traumafolgen nach sexueller Gewalt, Zusammenhänge des Traumas mit Persönlichkeitsstörungen, Dissoziativen Störungen, der Depression, Angststörungen, Zwangsstörungen, Essstörungen, der Somatisierung und der Sucht. Zudem werden die Themen Traumata am Arbeitsplatz, nach Verkehrsunfällen, Migration, nach Foltererfahrungen und der Psychose erörtert.

Im dritten Kapitel über die Behandlung stellt der Autor zunächst allgemeine Grundsätze der Behandlung von Traumapatienten vor. Stichworte sind hier die Erstellung einer Anamnese, die Verbesserung der Tagesstruktur, des Freizeitverhaltens, des Schlafverhaltens und das Einrichten eines Notfallkoffers. Anschließend werden psychotherapeutische Behandlungsformen posttraumatischer Störungsbilder vorgestellt und im Unterkapitel 3.4 die Stabilisierung und Ressourcenaktivierung fokussiert. Die weiteren Unterkapitel beschäftigen sich mit dem Umgang mit Dissoziationen, Aggressionen, Angst und sehr knapp mit Beziehungsproblemen. Das Unterkapitel 3.9 thematisiert die Konfrontation in der Therapie von Traumapatienten, während sich dann das umfangreiche zehnte Unterkapitel mit der psychopharmakologischen Behandlung befasst.

Im abschließenden vierten Kapitel, dem Serviceteil, stellt der Autor Listen von Einrichtungen mit traumaspezifischen Angeboten und von nützlichen Übungen vor. Das umfangreiche Werk schließt mit einem Nachwort und einem Sachverzeichnis.

Diskussion

Thorsten Heedt gibt in seinem Buch einen kenntnisreichen (und gegenüber den Patienten wertschätzenden) Überblick über wichtige Bereiche der Psychotraumatologie. Allerdings hat der Autor auch zunächst den Anspruch insbesondere unerfahrenen Assistenzärzten eine erste Orientierung zu bieten. Andere Berufsgruppen erhalten hier einen gelungenen Überblick über insbesondere medizinische und psychiatrische Sachverhalte. Das Buch ist sehr gut aufgebaut, lediglich im Kapitel Behandlung erschließt sich mir nicht die Struktur (beispielsweise zum Beispiel das Thema Konfrontation doppelt behandelt).

Während der Autor für mich als Nicht-Mediziner sehr kenntnisreich psychiatrische Thematiken ausführlich erörtert, sind insbesondere die psychotherapeutischen Kapitel etwas knapp gehalten. So umfasst beispielsweise das Kapitel über Beziehungsprobleme von traumatisierten Personen nur eineinhalb Seiten. Psychotherapeutische Kapitel werden teilweise etwas undifferenziert vorgestellt, so wird beispielsweise die systemische Psychotherapie (S. 224-226) im Wesentlichen auf die Aussagen reduziert, dass sich systemische Modelle nicht auf Einzelpersonen beziehen, sondern Gesamtsysteme als gestört betrachtet werden und den Schwerpunkt auf die Lösungs- und Zielorientierung einschließlich der Ressourcen legt. Auch wenn noch ein Hinweis auf das umfassende Konzept von Hanswille und Kissenbeck (2010) erfolgt, werden hier systemische Perspektiven vereinfacht vorgestellt. Problematisch ist meines Erachtens auch, dass, Heedt die Psychotherapie als ein Teilgebiet der Medizin beschreibt. Dieser Zuordnung werden sicherlich andere Berufsgruppen nicht folgen mögen. (Umfassende Modelle stellt zum Beispiel Hillarion Petzold vor, der im Rahmen seiner Integrativen Therapie von Humantherapien spricht.)

Trotz dieser Einschränkungen gelingt es dem Autor mit seinem Buch nicht nur eine gute Übersicht zu bieten, er will auch, so schreibt er im Nachwort, wachrütteln und gemeinsam politisch etwas bewegen. Er ruft dazu auf Psychotraumatologische Behandlungen gezielt einzusetzen und in einen Gesamttherapiekontext und in einen Gesamttherapieplan einzubetten (S. 327). Zudem weist er darauf hin, dass noch dringender Handlungsbedarf besteht, benötigt werden unter anderem weitere ambulante und stationäre Angebote, eine bessere Aufklärung und eine Reduzierung der oftmals gefährlichen und nutzlosen Behandlung von Patienten mit Benzodiazepinen. Diesem engagierten Appell ist zuzustimmen.

Fazit

Das Buch bietet aus einer psychiatrischen Perspektive heraus einen hervorragenden, leicht zu lesenden Überblick über die Psychotraumatologie. LeserInnen bietet dieses Buch mit seinen vielfältigen Übersichtsartikeln (die jeweils ein Literaturverzeichnis enthalten) ein Nachschlagwerk. Praktikern aus medizinischen und sozialen Berufsfeldern kann dieses Buch empfohlen werden.

Literatur

Hanswille R. und Kissenbeck A. (2010): Systemische Traumatherapie: Konzepte und Methoden für die Praxis. Heidelberg: Carl Auer Verlag.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 29.08.2017 zu: Thorsten Heedt: Psychotraumatologie. Traumafolgestörungen und ihre Behandlung griffbereit. Schattauer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-7945-3246-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22843.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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