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Florian Baier: Beratung in der Schulsozialarbeit

Cover Florian Baier: Beratung in der Schulsozialarbeit Clear-Box-Forschung zu wirkungsvollen Praxiselementen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 166 Seiten. ISBN 978-3-658-11688-0. D: 19,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Das Buch thematisiert die konkrete Beratungspraxis im Handlungsfeld Schulsozialarbeit. Anhand eines Clear-Box-Forschungsdesigns wird eine vertiefende Analyse zu wirkungsvollen Elementen schulsozialarbeiterischer Beratungspraxis geleistet, die durch die Verbindung von Praxis und Wirkung über eine reine Outcome-Fokussierung hinaus geht, indem verschiedene Formen der Datenerhebung integriert werden. Neben der Identifikation von wirkungsvollen Beratungselementen dient das Buch ebenso einer Überprüfung der forschungsmethodologischen Fragestellung in Bezug auf Clear-Box-Forschung.

Herausgeber

Florian Baier ist seit 2008 Professor am Institut Kinder- und Jugendhilfe der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz. Seine Publikations- und Forschungstätigkeit bezieht sich im Bereich der Kinder-/Jugendarbeit in den letzten Jahren vermehrt auf das Handlungsfeld Schulsozialarbeit.

Aufbau

Das Buch ist viergliedrig aufgebaut, jeder Teil beinhaltet mehrere Unterpunkte:

  1. Ausgangslage (Kapitel 1-3)
  2. Forschungszugang (Kapitel 4)
  3. Empirische Befunde (Kapitel 5)
  4. Abschließende Reflexion Kapitel 6)

Die Kapitel haben folgende Bezeichnungen:

  1. Einleitung
  2. Entstehungshintergrund
  3. Die Schulsozialarbeit in Spreitenbach
  4. Forschungsansatz
  5. Forschungsbefunde: Wirkungsvolle Elemente in der Beratungspraxis der Schulsozialarbeit
  6. Diskussion der empirischen Befunde und des Forschungsdesigns

Inhalt

Im ersten Teil konzentriert sich der Autor auf die Darstellung des Untersuchungsgebiets. Dazu gehört sowohl eine Beschreibung des Stadtbildes als auch die Thematisierung der Sozialstruktur im Sinne der Verteilung des sozioökonomischen Status. Des Weiteren wird die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen skizziert. Die Leser_innen erhalten anschließend einen kurzen, prägnanten Überblick zur lokalen Schulsozialarbeit. Da sich die Angebote primär auf Beratung konzentrieren, legitimiert der Autor hier seinen Fokus auf wirkungsvolle Beratungselemente.

Der zweite Teil steht für die Konzeption des Forschungsansatzes. Florian Baier nimmt zwar die Wirkung schulsozialarbeiterischer Beratung in den Blick, dabei geht es ihm allerdings nicht um die klassische Input-Outcome-Orientierung im Sinne des Black-Box-Modells, das Wirkungen nach vorheriger Indikation und anschließender Veränderung misst, sondern besteht seine Intention darin, die Black-Box (hier als Synonym für die empirische Praxis der Beratung) mittels Clear-Box-Anwendung zu entschlüsseln. Dazu greift er auf die Forschungsstrategie der Grounded Theory zurück und entwirft ein methodenplurales Design, um möglichst viele Facetten der Entstehung von Wirkungen zu erschließen. Da diese Pluralität erhebliche Komplexität erzeugt, erstellt er zur Reduktion selbiger zwei sensibilisierende Konzepte: Machteinflüsse und Performanzen der Schulsozialarbeiter_innen. Die Konzepte beziehen sich auf die professionellen Interkationen und ermöglichen eine Präzisierung der Analyse. Der Kerngedanke besteht darin, dass über die Erfassung der professionellen Interaktionen Veränderungsimpulse (Wirkungsentstehung) dokumentiert werden können, denn diese gehen der eigentlichen (Outcome-)Wirkung voraus und stehen im Erkenntnisinteresse dieser vertiefenden Analyse.

Im Mittelpunkt des dritten Teils steht die Darstellung der Ergebnisse der Clear-Box-Forschung. Die identifizierten wirkungsvollen Elemente werden in vier Abschnitten umfassend dargestellt.

  1. Wirkmächte in Beratungen bei der Schulsozialarbeit. Im ersten Abschnitt legitimiert Florian Baier sein sensibilisierendes Konzept der Machteinflüsse. Im Hintergrund steht die These, „dass Wirkungen als Veränderungen eines Zustandes verstanden werden können und diese Veränderungen durch Machteinflüsse initiiert und geprägt werden“ (Baier 2018, S. 44). Macht erscheint als jeder Interaktion inhärentes Phänomen und Auslöser für Subjektivierungsprozesse. Die Ergebnisse der Clear-Box-Forschung bilden sechs Dimensionen: Professionswissen und Erfahrungswissen der Schulsozialarbeiter_innen, die Wirkmacht der Aktualisierungstendenz seitens der Schüler_innen, die Wirkmacht des Lebenslaufregimes als Figur für die Herstellung gesellschaftlicher Normalitätsvorstellungen und die Institutionalisierte Statusmacht der Lehrkräfte/Schulsozialarbeiter_innen. Im Rückgriff auf das sehr umfangreiche empirische Material werden die einzelnen Dimensionen expliziert. Hierzu gehören Interviewpassagen, Beobachtungsprotokolle, Videoaufzeichnungen und Kommentare aus offenen Fragen von Fragebögen. Abschließend resümiert/diskutiert der Autor die sechs Wirkmächte als Handlungsmächte der beteiligten Akteure. Er bezeichnet diese als zur Verfügung stehende Machtressourcen, um Beratungssituationen zu gestalten.
  2. Die Performanz der Schulsozialarbeitenden. Um die Machtperspektive auf professionelle Interaktionen, im Sinne des Erkenntnisinteresses von Wirkungsentstehungen, zu erweitern, referenziert der Autor im zweiten Abschnitt die Performanz der Schulsozialarbeiter_innen. Damit sind die beobachtbaren Handlungen der Professionellen innerhalb von Beratungsgesprächen gemeint, die über eine reine Aktivierung von Machtquellen (siehe 1) hinausgehen. In den Daten können zwei Dimensionen identifiziert werden: der Gesprächsmodus der Beratung und der Habitus der ‚lockeren Ernsthaftigkeit‘. Erstere umfasst Handlungen, die auf einen formalisierten Modus von Beratung in Differenz zur Alltagskommunikation verweisen bzw. diesen herstellen. Die zweite fokussiert das Verhalten und die Haltung der Schulsozialarbeiter_innen bezogen auf die Charakteristika der Lockerheit und Ernsthaftigkeit. Beide implizieren mehrere Merkmalsausprägungen. Besonders interessant ist hierbei der von Florian Baier herausgearbeitete Balanceakt des Habitus. Um eine Wirkungsentstehung zu begünstigen, muss der/die Schulsozialarbeiter_in demnach die Balance zwischen Lockerheit und Ernsthaftigkeit der je individuellen Schüler_in anpassen. In diesem Kapitel wird außerdem das offene Vorgehen der Grounded Theory deutlich.
  3. Machtstatus und Performanz von Kindern und Jugendlichen in Beratung. Der dritte Abschnitt des Ergebnisteils der Clear-Box-Forschung thematisiert zunächst den Machtstatus der Kinder und Jugendlichen vor dem Hintergrund, dass diese im Kontrast zu Lehrkräften und Schulsozialarbeiter_innen über keine institutionelle Macht verfügen. Beratung erscheint im Zusammenhang mit der Machtfrage als unsicheres dynamisches Terrain. Anschließend wird die Performanz aufgegriffen. Anhand des Materials arbeitet Florian Baier verschiedene Bewältigungsstrategien der Kinder und Jugendlichen in Beratungssettings heraus. Besonders brisant erscheint die Differenz nach Art der Beanspruchung der Beratung. Ob Schüler_innen die Beratung freiwillig oder oktroyiert aufsuchen, wirkt sich erheblich auf das Bewältigungsverhalten aus. Aufschlussreich sind außerdem die Interpretationen über Körperhaltungen/Gestiken aus dem videografierten/protokollierten Material.
  4. Wirkungen von Schulsozialarbeit. Im letzten Abschnitt stellt der Autor schließlich die, abseits der Wirkungsentstehungen, eruierten Wirkungen im Sinne finaler Resultate dar, um aufzuzeigen, auf welchen Ebenen Schulsozialarbeit Wirkungen entfaltet: Einzelfallarbeit, Schulklima und Wohlbefinden, Wahrnehmung von Reichweite und Grenzen der Hilfe, Wirkungen von Projekten und Gruppenangeboten. Zur Auswertung werden verstärkt die Daten des Fragebogens herangezogen.

Ein abschließender vierter Teil diskutiert sowohl die empirischen Befunde als auch das Forschungsdesign der Clear-Box-Forschung. In der Reflexion der Empirie weist der Autor besonders auf die Verbindung von vorherrschenden Machtverhältnissen und Aspekten der Performanz hin, die teilweise als Anwendung von Machtmitteln verstanden werden können. Ausgesprochen interessant sind Ableitungen für die Wirkungsforschung bezogen auf die dominante Normativität innerhalb von Beratungsgesprächen. Wenn beispielsweise die Normativität der Schulsozialarbeiter_innen aus ihrem Professionsverständnis heraus dominiert, dann steigern sich mögliche Wirkungen. Wenn demgegenüber die Normativität fremdbestimmt qua Schule im Beratungsgespräch dominiert (z.B. dadurch, dass Lehrkräfte Schüler_innen zur Schulsozialarbeit schicken und verlangen, dass diese mit den Schüler_innen an unterrichtskonformem Verhalten arbeiten), dann sinken mögliche Wirkungen. Florian Baier spricht damit implizit die eigenbestimmte oder fremdbestimmte Haltung in der Begegnung der Beratung an und verweist darauf, dass Beratungstechniken eher Transportmittel für doppelte Zuversicht (das Problem lässt sich lösen und Schüler_innen sind dazu selbst in der Lage) sind. In der Methodendiskussion werden die Vorteile der Clear-Box-Forschung gegenüber des Black-Box-Ansatzes hervorgehoben. Das Werk schließt mit einer selbstreflexiven Diskussion zu den Vor- und Nachteilen der eingesetzten Methodenpluralität unter Rückgriff auf weitere vergleichbare Forschungsdesigns.

Diskussion

Dem Autor gelingt es auf sehr eindrucksvolle Weise, den Clear-Box-Ansatz im Handlungsfeld Schulsozialarbeit aus der konkret erforschten Praxis heraus aufzubereiten. Entsprechend umfangreich werden die empirischen Befunde dargestellt. Sowohl die Verbindung von Machtstatus und Performanz innerhalb der Beraterpraxis der beteiligten Akteure als auch die damit zusammenhängende Herausarbeitung der Einflüsse auf Wirkfaktoren gelingen besonders gut. Die Erkenntnisse können der beruflichen Praxis dienlich sein. Es wird implizit evident, dass die je individuelle Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse von Schulsozialarbeiter_in und Lehrkraft erheblichen Einfluss auf Wirkungen der Beratungspraxis hat. Im Diskurs um die Kooperation von Jugendhilfe und Schule kann dieser Forschungsbericht die zukünftige Ausgestaltung von Kooperationspraxen um vielfältige Aspekte bereichern! Auch wird der Habitus der ‚lockeren Ernsthaftigkeit‘ für Praktiker im Handlungsfeld möglicherweise einige Aufschlüsse über die eigene Handlungspraxis geben. Insgesamt erscheint eine multiperspektivische und selbstkritische Betrachtung der Beratungspraxis schulsozialarbeiterischer Tätigkeit im Fokus auf Wirkungsentstehungen. Florian Baier brilliert in der Interpretation verschiedener Wirklichkeitskonstruktionen der beteiligten im Rückgriff auf einen hochkomplexen Methodeneinsatz.

Fazit

Die Forschungsergebnisse sind für den wissenschaftlichen Diskurs um Nutzer- und Wirkungsforschung und für die berufliche Praxis eine große Bereicherung. Neben den bereits zahlreich vorhandenen Studien zur Wirkungsforschung in der Schulsozialarbeit reiht sich hier ein kritisch-reflexiver alternativer und zugleich mehrperspektivischer Ansatz ein, der den Anspruch verfolgt, über die reine Income-Output-Orientierung hinaus zu gehen und die Entstehung von Wirkungen in den Blick nimmt. Dem Autor gelingt es, erste Impulse für ein erweitertes Verständnis der Wirkungen schulsozialarbeiterischer Beratungspraxis zu setzen. Das Buch ist außerdem für Praktiker der Schulsozialarbeit interessant, da es eine umfassende Praxisrekonstruktion bietet – hier erfährt der/die Praktiker_in, wie Wirkungen in der einzelfallbezogenen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entstehen können. Anders gesagt wird in ersten Akzenten die Frage nach den Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Chance auf Veränderungen in Beratungen mit Kindern und Jugendlichen steigt, beantwortet und damit liegt ein Werk vor, das hoch interessant für alle Schulsozialarbeiter_innen ist, die ihr pädagogisches Handeln verbessern möchten.


Rezensent
Hartmut Wild
Sozialpädagoge/Sozialarbeiter, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Personzentrierter Berater
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Zitiervorschlag
Hartmut Wild. Rezension vom 21.12.2017 zu: Florian Baier: Beratung in der Schulsozialarbeit Clear-Box-Forschung zu wirkungsvollen Praxiselementen. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-11688-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22846.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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