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Maria Bitzan, Eberhard Bolay: Soziale Arbeit – die Adressatinnen und Adressaten

Cover Maria Bitzan, Eberhard Bolay: Soziale Arbeit – die Adressatinnen und Adressaten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 147 Seiten. ISBN 978-3-8252-4686-0. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,40 sFr.
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Thema

Mit Rückgriff auf frühere empirische Analysen beschreiben die AutorInnen drei wesentliche Strukturelemente der Sozialen Arbeit:

  • sozialpädagogische Institutionen und Organisationen, die ihr Handeln u.a. an sozialpolitischen Setzungen ausrichten,
  • die fachspezifisch qualifizierten professionellen Fachkräfte, sowie
  • die AdressatInnen der Sozialen Arbeit selbst.

„Aufgrund dieser Vieldimensionalität gehen wir von einem relationalem Verständnis aus (…) und unterscheiden dabei zwischen der Adressatenkategorieals analytischen Begriff und Adressat_Innen als konkrete Einzelne oder Gruppen, die Leistungen der Sozialen Arbeit nutzen“ (9).

Ein zentrales Ziel des vorliegenden Bandes ist daher, diese Zusammenhänge zu beschreiben und zu analysieren, wie aus Lebenslagen und Bedarfen im Zusammenspiel dieser drei Strukturelemente „Adressat_innen konstruiert“ werden, denn „es wird deutlich, dass soziale (Hilfe-)Bedarfe nicht einfach ‚an sich‘ auftreten oder nur durch individuell motivierte Verhaltensweisen der Menschen hervorgerufen werden. Vielmehr sind diese immer auf gesellschaftliche Übereinkünfte des Erwarteten, des ‚Normalen‘ bezogen“ (8).

Ein weiteres Ziel der AutorInnen ist, die fachlichen Konzepte und Strukturmaximen kritisch zu beschreiben, die vor dem Hintergrund eines relationalen Adressatenverständnisses als „Adressatenorientierung“ zu beschreiben sind.

In ihrer Einleitung betonen die AutorInnen außerdem, dass sie mit diesem Band keine weitere neue Theorie der beschriebenen Zusammenhänge präsentieren, sondern vielmehr in einer Zusammenschau vorliegender empirischer Befunde und konzeptioneller Positionen eine prägnante analytische Fokussierung des Adressatenbegriffs leisten wollen.

Aufbau

Der vorliegende Band verfolgt diese Anliegen – nach einer kurzen Einleitung – in zwei Teilen.

  1. „Die soziale Konstruktion von Adressat_Innen der Sozialen Arbeit“ geht der Frage nach, in welchen Kontexten und durch welche Praxen Menschen zu AdressatInnen Sozialer Arbeit werden und welche Konsequenzen dies für deren subjektive Handlungskompetenzen und Empowerment hat.
  2. „Adressatenorientierung – ein Referenzrahmen für eine kritische Praxis der Sozialen Arbeit“ beschreibt detailliert die konzeptionellen Konsequenzen aus einem konstruktivistischen Adressatenverständnis und lotet die Reichweite adressatenorientierten Handelns aus.

Ergebnisse

Die Analysen des ersten Teils zeigen, dass „vor jeder interaktionalen Bestimmung der Adressatenkategorie …die gesellschaftliche Frage analysiert werden (muss), welche Gruppen unter welchen Bedingungen und zu welchen Zeitpunkt als hilfe- oder unterstützungsbedürftig markiert werden und damit erst in den Geltungsbereich der Sozialen Arbeit gelangen“ (73). Gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität und daraus abgeleitete sozialpolitische Setzungen und Positionen bilden den Referenzrahmen für Aushandlungen und Adressierungen zwischen sozialpädagogischen Fachkräften und (potenziellen) AdressatInnen. Ohne Kenntnis dieser Rahmenbedingungen sind die interaktionalen Prozesse der Adressierung weder zu verstehen noch wirksam und nachhaltig zu gestalten. Nur so ist nachvollziehbar, „welche Bedarfe oder welche spezifischen Verhaltensmuster dieser Akteure (…) zum Kontakt mit Angeboten der Sozialen Arbeit (führen) und in welchem institutionellen und professionellen Handlungsrahmen … diese aufgegriffen und ausgehandelt werden“ (72). Auf der anderen Seite bildet die Handlungsfähigkeit der AdressatInnen einen wichtigen Faktor bei der Durchsetzung von Adressierungen: sie kann Unterstützung, Passivität, Indifferenz oder auch Verweigerung und Widerstand bedeuten.

„Wer also ‚Adressat_in‘ wird, bestimmt sich weder allein aus der Handlung eines ‚autonomen‘ Subjekts (das etwa Hilfe sucht), noch allein aus einem sozialpolitisch-institutionellen Definitionsprozess. Vielmehr treffen unterschiedliche Deutungen, Zumutungen, Wahrnehmungen und Problematisierungen zusammen…“ (74) Damit gewinnt „Adressatenorientierung“ als partizipativ angelegter Prozess ihre besondere Bedeutung für den Hilfeprozess, die im zweiten Teil des vorliegenden Bandes detailliert ausgeführt wird.

Diese Adressatenorientierung verstehen die AutorInnen als „spezifischen Blickwinkel und sensibilisierenden Fokus, der über eine reflektierte und (selbst-)reflexive sozialpädagogische Praxis zugleich auf die Gestaltung demokratisch-sozialer Verhältnisse zielt“ (78). Dabei geht es auch immer darum, „der Stimme der Adressat_innen ein stärkeres Gewicht beizumessen“ (ebd.).

Die erfolgreiche Umsetzung dieses Anliegens erfordert aus Sicht der AutorInnen zweierlei: ein sensibles, empathisches und reflektiertes Fallverstehen und eine offensiver Gestaltung der (Lebens-)Verhältnisse.

Anhand zahlreicher anschaulicher Fallskizzen aus verschiedenen Arbeitsfeldern erläutern die AutorInnen ihr Verständnis einer reflexiven Fallarbeit, stellen hilfreiche Verfahren und Instrumente vor und zeigen so, wie Lebenswelt, Deutungsmuster und biografische Erfahrungen der AdressatInnen ein angemessenes Gewicht im Hilfeprozess erhalten können:

Die Einwirkung professionellen Handelns in auf rechtliche, infrastrukturelle oder sozialräumliche Bedingungen des Alltags der AdressatInnen verstehen die AutorInnen als „Demokratisierung sozialarbeiterischer Praxissituationen“ (123). Wie diese praktisch aussehen und weiter entwickelt werden kann, beschreiben sie überzeugend exemplarisch im zweiten Teil des vorliegenden Bandes.

Fazit

Die AutorInnen haben ihren Band als Lehrbuch konzipiert. Die klare Gliederung und ihre verständliche Sprache tragen neben weiterführenden Lesetipps am Ende jedes Kapitels, einem umfangreichen Literaturverzeichnis und sehr konkreten praktischen Fallbeispielen aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern wesentlich dazu bei, diesen Anspruch erfolgreich einzulösen. Dazu gehört auch ein Supplement mit im Internet verfügbarem vertiefendem Zusatzmaterial.

Die differenzierten und plausiblen Ausführungen dieses Bandes machen diesen nicht nur zu einem ergiebigen und hilfreichen Instrument für Studierende (und Lehrende!), sondern auch zu einer anregenden Quelle für professionelle Fachkräfte, (immer mal wieder) die eigene Zuschreibungspraxis und das eigene Adressatenverständnis zu reflektieren.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 14.02.2018 zu: Maria Bitzan, Eberhard Bolay: Soziale Arbeit – die Adressatinnen und Adressaten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8252-4686-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22847.php, Datum des Zugriffs 28.05.2018.


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