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Tobias von der Recke, Ursula Wolter-Cornell: Dimensionen systemischer Familien­rekonstruktion

Cover Tobias von der Recke, Ursula Wolter-Cornell: Dimensionen systemischer Familienrekonstruktion. Lebensentwürfe in familiärem, historischem und politischem Kontext. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. 241 Seiten. ISBN 978-3-525-45381-0. D: 30,00 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 38,90 sFr.
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Thema

Individuelle Lebensentwürfe entwickeln sich im Kontext gesellschaftlicher, historischer und politischer Prozesse und sind geprägt durch Prozesse kollektiver, traumatischer bzw. traumatisierender Ereignisse und Perioden (wie Krieg, hier insbesondere dem Nationalsozialismus). Solch eine kollektive Traumatisierung bedarf, so die Autoren, kollektiver Möglichkeiten der Aufarbeitung. Methodisch wird hierzu die systemische Familienrekonstruktion genutzt.

Autor und Autorin

Der Diplom-Psychologe, Paar- und Familientherapeut, Supervisor und Coach Tobias von der Recke ist Gründer des Münchner Instituts für Systemische Weiterbildung (MISW). Er verfügt über langjährige Erfahrungen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und der aufsuchenden Familientherapie.

Ursula Wolter-Cornell ist Sozialwissenschaftlerin, Systemische Familientherapeutin (DGSF), Systemische Supervisorin (DGSF) und Organisationsberaterin. Sie ist Mitbegründerin, Leiterin und Lehrende des Hamburgischen Instituts für Systemische Weiterbildung, HISW.

Entstehungshintergrund

Für Tobias von der Recke und Ursula Wolter-Cornell verbinden sich mit diesem Buch politisches Engagement in der Friedensbewegung und die Methode der Familienrekonstruktion. Sie wollen individuelle Lebensentwürfe im Kontext gesellschaftlicher, historischer und politischer Prozesse stellen. Nach ihrem Verständnis stoßen kollektive traumatisierende Ereignisse und Perioden (wie Krieg) bei Individuen und Familien immer wieder an die Grenzen der Überforderung.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Geleitwort von Stephan Marks in sieben Kapitel, einem Literaturverzeichnis und einem umfangreichen Anhang mit insbesondere Berichten von TeilnehmerInnen der Familienrekonstruktionen.

Inhalt

In der Einleitung schildernTobias von der Recke und Ursula Wolter-Cornell ihr Anliegen, dass BeraterInnen, Coaches, TherapeutInnen und SupervisorInnen „gute Landkarte ihrer Autobiografie entwickeln um im professionellen Kontext nicht ihre Klienten mit der eigenen Geschichte zu verwechseln.“ (S. 19). Hierfür biete das Instrument der Familienrekonstruktion einen profunden Zugang. Ein weiteres Ziel ist es, deutlich zu machen, dass Familienrekonstruktionen in ihren theoretischen und praktischen Entwicklungen im Kontext der historischen Ereignisse zu stellen sind. Familienrekonstruktionen sollen die oftmals vernachlässigten historischen und politischen Dimensionen aufnehmen, da die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts viele individuelle und familiäre Entwicklungen bewirkte. Methodisch nehmen die AutorInnen hierzu aus anderen therapeutischen Schulen Anleihen. Abschließend stellen Tobias von der Recke und Ursula Wolter-Cornell eigene autobiografische Meilensteine im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung vor.

Im zweiten Kapitel „Familienrekonstruktion als systemische Methode: theoretische Fundierung, historische, aktuelle und eigene Entwicklungen“ wird einleitend ein persönlicher Weiterbildungsbericht einer Fortbildungsteilnehmerin dokumentiert, um die Bedeutung von Familienrekonstruktionen aufzuzeigen. Im Unterkapitel „Theoretisch Nützliches“ werden klassische Ansätze der Familienrekonstruktion zusammengefasst und auf ergänzende Bindungs- und körpertherapeutische Konzepte hingewiesen. Im Kapitel 2.3 wird die historisch-gesellschaftspolitische Perspektive der Familienrekonstruktion betont. Referiert werden die Ansätze von Arno Gruen, Luc Ciompi, Luise Reddemann u.a. Abschließend (Kapitel 2.4) werden die Ziele der Familienrekonstruktion benannt: Eine Familienrekonstruktion ermöglicht die Beziehung zu den Eltern und der Familie neu zu sehen, die Verankerung und Verwurzelung ebenso zu fokussieren wie die Kräfte und Ressourcen der Herkunftsfamilien. Zudem sollen Grenzen gezogen werden, Verantwortlichkeiten geklärt und Realitäten hergestellt werden.

Im dritten Kapitel „Handwerkszeug: Wie funktioniert Familienrekonstruktion praktisch? Von der individuellen Vorbereitung bis zu den ‚Risiken und Nebenwirkungen‘“ liegt der Schwerpunkt auf der Vorstellung der verwandten Methoden in den Seminaren, in denen die Teilnehmer vorab aufgefordert werden Chronologien ihrer Familienmitglieder, ein Genogramm und eine VIP-Karte zu erstellen. Vorgestellt werden die in den Seminaren verwendeten Methoden der Skulpturen und Lebenslinien oder auch die Inszenierung von Geburt und oder Taufe um eine willkommen Situation zu schaffen und andere Methoden, wie zum Beispiel das szenische Erfinden neuer Wirklichkeiten in Märchen, auf Partys und Festen und mit Hilfe der psychodramatischen Methode wie dem Zauberladen. Abschließend wird auf mögliche Risiken und Nebenwirkungen verwiesen.

Im vierten Kapitel „Wie wirkt Familienrekonstruktion?“ werden die Wirkfaktoren der Methode beschrieben, die die Autorinnen u.a. in der Förderung von Autonomie der Teilnehmenden und in der Abnahme interpersoneller Probleme sehen.

Das fünfte Kapitel „Wie kann Familienrekonstruktion in anderen Kontexten genutzt werden?“ nennt mögliche weitere Settings. Beschrieben wird eine Fortbildungswoche in der die Versorgung mit Essen und Trinken im Mittelpunkt stand, ein Frauenworkshop, eine körperorientierte Gruppentherapie, der Einsatz der Familienkonstruktion in der Supervision, der Weiterbildung und in der Teamsupervision bzw. der Organisationsentwicklung.

Im sechsten Kapitel „Wie lassen sich die Erkenntnisse aus der Rekonstruktionsarbeit politisch umsetzen – jenseits vom therapeutischen Setting?“ formulieren von Recke und Wolter-Cornell Visionen um auch in andere Funktionssysteme demokratische Perspektiven einzubringen. Sie schlagen vor, Familienrekonstruktionen als Schulfachergänzung in die Lehrpläne der Oberstufe ebenso einzuführen wie in die Politik. Zudem berichten sie, wie sie ihre Perspektive in die Arbeit einer Kommission einbringen, die sich mit sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der evangelischen Kirche beschäftigt.

Im letzten, dem siebten Kapitel („Was ich als Therapeut oder Therapeutin bei der Familienrekonstruktion wissen und können sollte“) werden wichtige Erkenntnisse zusammengefasst und betont dass es für Berater und Therapeuten wichtig ist, sich für historische und politische Zusammenhänge zu interessieren.

Neben dem Literaturverzeichnis ist ein umfangreicher Anhang mit 15 Berichten von SeminarteilnehmerInnen und ohne weitere Kommentierung als weitere Anhänge Auszüge aus den Ethik-Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) e.V. und die gesellschaftspolitischen Grundwerte der DGSF angefügt. Allerdings wird in diesen nur sehr allgemein auf die gesellschaftspolitische Verantwortung der die DGSF und ihrer Mitglieder verwiesen und nicht explizit auf die den Autoren zu Recht so wichtigen historischen und politischen Bezüge.

Diskussion

Tobias von der Recke und Ursula Wolter-Cornell ist es wichtig, dass BeraterInnen und TherapeutInnen in der Arbeit mit Familien historische und politische Fakten berücksichtigen und erkennen, dass individuelle und familiäre Schicksale nicht ausschließlich auf individueller und familiärer Ebene verarbeitet und gelöst werden können. Für kollektive Schicksale, so die Autoren, wie in der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs bedarf es eines über das Individuelle und die Familienrekonstruktion hinausgehenden therapeutische und auch friedenspolitischen Instruments, dass den Verlust des Mitgefühls, wie den Kampf um Demokratie, gegen Gewalt und Terror explizit zum Thema macht. Weiterzuführen wäre m.E. dieser Ansatz allerdings auch auf die Bedeutung und Auswirkungen weiterer historischer Begebenheiten, wie zum Beispiel dem sogenannten Untergang der DDR oder der Aufnahme vieler Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in die BRD.

Hervorzuheben ist, dass es Tobias von der Recke und Ursula Wolter-Cornell gelingt die Bedeutung des historischen und familiären Kontextes bei der Familienrekonstruktion aufzuzeigen und somit auch deren Bedeutung für die Ausbildung von FamilienberaterInnen und TherapeutInnen. Leider wird die Bedeutung des sozialen/politischen Kontextes zu eng betrachtet. Möglich wär es gewesen diese Erkenntnisse auf weitere soziale Bezüge wie z.B. die „Weitergabe“ (im Kontext der Mehrgenerationenperspektive) von Arbeitslosigkeit, Haft, erheblichen Schulden oder Armut zu erweitern.

Leider stehen in den vorgestellten Fallberichten nur zum Teil historische und politische Dimensionen im Vordergrund, meistens werden lediglich klassische familiäre Beziehungen und Konflikte thematisiert. Auf die Dokumentation dieser Fallberichte hätte verzichtet werden können, um dann das Buch etwas preiswerter verkaufen zu können.

Wie bereits erwähnt, wird in den Leitlinien der DSF nur allgemein auf gesellschaftspolitische Bezüge verwiesen und nicht explizit die Bedeutung historischer und politischer Dimensionen betont. Dies weist auf eine noch zu führende Diskussion im Verbandkontext hin und hätte hier problematisiert werden können [1].

Fazit

Tobias von der Recke und Ursula Wolter-Cornell geben einen Einblick in ihre Arbeit als systemische Familientherapeuten und führen klassische familientherapeutische und historisch-politische Dimensionen zusammen. Sie verwirklichen ihr Ziel mit diesem Buch aufzuzeigen, wie vernachlässigte Dimensionen gesellschaftlicher Zusammenhänge mehr in den Blick genommen werden können. Zahlreiche Fallbeispiele und praktische und methodische Hinweise veranschaulichen und erleichtern BeraterInnen und FamilientherapeutInnen den Transfer in die Praxis. Praktikern und Studierenden kann dieses Buch empfohlen werden.


[1] So verweisen beispielsweise Haja und Birgit Wolter (ZSTB-Jg. 34(2) – April 2016, S. 61) in Bezug auf Heiner Keupp und Tom Levold auf die „weit verbreitete Gesellschaftsvergessenheit der Psychotherapieszene“ hin, in die sich auch lösungsorientierte Berater, Supervisoren und Coaches weitgehend mit den Ideologien unserer Zeit gut eingerichtet haben.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
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Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 06.07.2017 zu: Tobias von der Recke, Ursula Wolter-Cornell: Dimensionen systemischer Familienrekonstruktion. Lebensentwürfe in familiärem, historischem und politischem Kontext. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2017. ISBN 978-3-525-45381-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22848.php, Datum des Zugriffs 23.08.2019.


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