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Simone Suter: Im Namen der Gesundheit

Cover Simone Suter: Im Namen der Gesundheit. Gesundheitsförderung an Schulen zwischen Disziplinierung und Ermächtigung. Eine soziologische Studie. transcript (Bielefeld) 2017. 378 Seiten. ISBN 978-3-8376-3886-8. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Gesundheitsförderung in und an der Schule wird seit nunmehr fast dreißig Jahren in unterschiedlichen Ländern, meist projektbezogen, in variantenreichen Ausdrucksformen praktiziert. Bezogen auf die Schweiz geht Simone Suter der Frage nach, was Gesundheitsförderung in der Institution Schule bedeutet und welche gesellschaftlichen Diskurse über Gesundheit zum Tragen kommen. Dabei zeigt die Autorin auf der Basis von Interviews mit Lehrpersonen, wie diese Gesundheit fördern und deuten. In der Sicht von Simone Suter reichen die Verständnisse von Disziplinierung, Paternalismus, über die Ermächtigung der Heranwachsenden bis hin zu Hinweisen auf die Notwendigkeit struktureller Veränderungen. Analysiert wird vor diesem Hintergrund, welche normativen Setzungen wirksam sind. Gesundheitsverständnisse stehen in Abhängigkeit sozialer, politischer und ökonomischer Kontexte und implizieren immer auch eine Herrschaftsdimension. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Schule zur Etablierung eines Zwangs zum Gesundsein beiträgt.

Autorin

Simone Suter studierte Erziehungswissenschaften an der Universität Bern und promovierte an der Universität Siegen Die Autorin lehrt und forscht am Institut Vorschule und Primarstufe der Pädagogischen Hochschule Bern. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Bildung, soziale Ungleichheiten, Professionalisierungstheorien und Kindheitssoziologie.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Studie ist an der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen, Fachbereich Soziologie, im Frühjahr 2016 als Dissertation angenommen worden.

Aufbau

Das sich in sieben Kapitel gliedernde Buch beginnt nach einleitenden Reflexionen zur Gesundheitsförderung in Schulen, Problemstellung und methodischem Vorgehen mit kritischen Darstellungen zur „Gesundheitsgesellschaft“ (Kapitel 2) und mit Gesundheitskonzepten in wissenschaftlichen und in politischen Diskursen (Kursen (Kapitel 3).

Im Kapitel 4 setzt sich Simone Suter intensiv mit der Ottawa-Charta von 1986 und sich anschließenden Debatten auseinander.

Es folgen im fünften Kapitel allgemeine Überlegungen zum gängigen Begriffsinventar von Gesundheitsförderung an Schulen. Im zweiten Teil des Kapitels zentriert sich der Blick auf die AkteurInnen schulischer Gesundheitsförderung in der Schweiz und im kantonalen Kontext von Bern.

Im sechsten Kapitel, dem ausführlichsten des Buches, erfolgen die Analyse der Interviews mit den Lehrpersonen und die Konstruktion der vier durch die Analyse ermittelten Typen.

In einer im siebten Kapitel abschließenden Diskussion werden die Deutungen der Lehrpersonen eingeordnet in den Gesundheits- und Professionalisierungsdiskurs und in einem Ausblick gesellschaftskritischer Gesundheitsförderung vor dem Hintergrund neoliberaler Regierungsformen und mit ihr verknüpfte Tendenzen zur Individualisierung reflektiert.

Inhalt

Ziel der Untersuchung (Kapitel 1) ist es, „die verschiedenen, auch widersprüchlichen normativen Hintergrundsetzungen, die mit Gesundheitsförderung und hier im speziellen mit schulischer Gesundheitsförderung einhergehen können, mit analytischer Distanz zu rekonstruieren und immanente Widersprüche herauszuarbeiten“ (S. 13).

Empirische Grundlage (Kapitel 2) bildet die Frage, wie Lehrpersonen im Kanton Bern Gesundheitsförderung deuten und in der Schule umsetzen. Vor diesem Hintergrund geht es der Autorin auch darum, die Logik des Gesundheitssystems mit der des Bildungssystems in Beziehung zu setzen. Herausfinden will Simone Suter ferner, ob durch die Analyse der normativen Grundlagen der Gesundheitsförderung in den verschiedenen gefundenen Deutungstypen „ein gemeinsamer Kern als Teil eines gemeinsamen Deutungsmusters eruiert“ (S. 14) werden kann.

Ausgangspunkt der vorliegenden Studie ist die Beobachtung, dass eine Vielzahl von gesundheitsfördernden Projekten in Schweizer Schulen existiert. Im Zentrum der Untersuchung stehen Interviews mit Lehrpersonen als Ausführende gesundheitsfördernder Projekte und wie die Lehrpersonen ihren Auftrag der Gesundheitsförderung wahrnehmen, verstehen und in den gesamten Bildungsauftrag integrieren.

Da es der Verfasserin vorrangig darum geht, latente Sinnstrukturen zu rekonstruieren, wählt sie die Sequenzanalyse, wie sie im Rahmen der Objektiven Hermeneutik entwickelt worden ist.

In Bezug auf die Auswahl der Lehrpersonen hat sich die Autorin an den Vorgaben des theoretical sampling orientiert. Die zu analysierenden InterviewpartnerInnen wurden in einem kontinuierlichen kontrastierenden Verfahren ausgewählt.

Gesundheit und gesund leben stehen in hoch entwickelten Gesellschaften ganz oben in der Skala wichtiger persönlicher Anliegen. Gleiches gilt jedoch auch für die Gesellschaft. Im Zuge dieser Tendenz ist Gesundheit, ökonomisch gesehen, zu einer Wachstumsbranche geworden, und in einem anderen Blickwinkel als eine quasi-religiöse Lebenspraxis.

Im dritten Kapitel werden eingangs philosophische, medizinhistorische und kultursoziologische Betrachtungen zum Gesundheitsbegriff angestellt. Thematisiert wird ebenso Gesundheit in der soziologischen Ungleichheitsforschung und in der Gesundheitsberichterstattung. Die Autorin zeigt in diesem Zusammenhang, dass der aktuelle Gesundheitsimperativ einen „Mittelschichtbias“ aufweist (S. 63). Das Verhältnis zur Gesundheit ist nicht einfach durch gesundheitsfördernde Programme beeinflussbar. Mit Bezugnahme auf schulische Gesundheitsförderung müsste dies erhebliche Folgerungen schaffen. Insgesamt zeigt der Überblick, den Simone Suter anstellt, dass Gesundheit mehrdeutig bleibt und schwer zu fassen ist. Zwischen den Polen einer individualistischen und kollektiven Deutung „steht die Auffassung von Gesundheit als etwas gesellschaftlich Vermitteltes und durch soziale (Ungleichheits-)Strukturen Geprägtes“ (S. 66).

Die größte Ausbreitung hat die Definition der WHO gefunden, und zwar mit Salutogenese als Kern des Gesundheitsverständnisses und einer ausgeprägten Medikalisierungskritik. Sie lässt sich ab Mitte der 70ger Jahre in Dokumenten der Gesundheitspolitik der WHO rekonstruieren. Auslöser eines Paradigmenwechsels und der Entwicklung von New Public Health ist ebenfalls das Auftreten neuer Krankheitsbilder und der sich verstärkende Fokus auf soziale Verhältnisse und Lebensweisen. Die Neudefinition der WHO, die sich in ihrem Kern von einem auf Krankheit bezogenen Gesundheitsverständnis abgrenzt, hat andererseits dadurch zu entgrenzenden Tendenzen geführt, dass persönliches Wohlbefinden zum Gradmesser für Gesundheit avanciert ist. Trotz fehlender analytischer Schärfe und hohem programmatischen Gehalt wird das WHO-geprägte Verständnis von Gesundheit als analytischer Begriff verwendet.

Zum Ende des dritten Kapitels deutet die Autorin auf den Fortgang ihrer Untersuchung. Sie spricht die schwierige Aufgabe von Lehrpersonen als AgentInnen von Gesundheitsförderung an. Dies wird im sechsten Kapitel ausführlich herausgearbeitet.

Im vierten Kapitel wird die immer noch aktuelle Ottawa-Charta der WHO von 1986 einer ausführlichen Analyse unterzogen. Sie ist das meistzitierte Bezugsdokument einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik. Auch die schulische Gesundheitsförderung in der Schweiz bezieht sich auf die Charta und verwendet sie als Grundlage von Programmen. Im vierten Kapitel untersucht Simone Suter, welche Normativität in der Ottawa-Charta verankert ist und welche Handlungsimperative sie transportiert. Dabei wird die Ottawa-Charta mittels des sequenzanalytischen Verfahrens analysiert. Die Analyse ergibt, dass der Begriff der Gesundheitsförderung in unterschiedliche normative Setzungen zerfällt. Der Gesundheitsförderung fehlt in der Sicht der Autorin eine Begrenzung der Reichweite, eine scharfe Begrenzung wie auch eine einheitliche Richtung. Ferner würden „einander implizit widerstreitende oder koexistierende unterschiedliche Deutungen“ (S. 133) aneinandergereiht. Außerdem würde im gesamten Papier eine „nicht aufgelöste Ambivalenz zwischen einem gesellschaftspolitischen Ansatz und einer individualisierenden Logik“ (S. 133) bestehen. Kritisch hebt die Verfasserin am Ende ihres Fazits zur Analyse der Ottawa-Charta hervor, sie sei „eine Art Selbstbedienungsladen unterschiedlicher Deutungen“ (S. 135).

Nachfolgend (Kapitel 5) werden Untersuchungen referiert, die die Analyseergebnisse von Simone Suter stützen. Eine Kritik argumentiert, die Charta fördere die Tendenz, „dass Gesundheit und die neuen Gesundheitsbürokratien Kontrolle über unser Leben ausüben. Mittels gesundheitsfördernder Programme und der vermittelten Selbsttechnologien wird dem Individuum die Verantwortung auch für die eigene Gesundheit übertragen“ (S. 139). Bei dem als Wohlbefinden beschriebenen Verständnis von Gesundheit werde diese ins Subjekt hineinverlegt und die Verantwortung für die Gesundheit ins Individuum gelegt. Hier sieht die Autorin Parallelen zu dem im gleichen Zeitraum diskutierten Konzept des „unternehmerischen Selbst“ (S. 144). Entsprechend würde Krankheit ebenso zu einem selbst zu verantwortenden Versagen als äußerliches Zeichen missglückter Anpassung an die Lebensbedingungen. Zusammengenommen fasst Simone Suter die Ottawa-Charta als ein schillerndes Dokument (S. 148), als eine „Art Selbstbedienungsladen, auch zueinander widersprüchliche Ansätze und Ansprüche zu legitimieren“ (S. 148).

Die Ottawa-Charta ist nach wie vor das Grundlagendokument für schulische Gesundheitsförderung, auch in der Schweiz. In der zweiten Hälfte des fünften Kapitels wird dargestellt, wie Gesundheitsförderung in Schulen in der Schweiz, konkret im Kanton Bern, gelesen und umgesetzt wird. Es wird skizziert, wie Gesundheitsförderung an die bernischen Schulen kam. Allgemein werden dazu zentrale Begriffe wie Setting und Empowerment noch einmal vorgestellt. Es folgen kritische Reflexionen zu grundlegenden Spannungsfeldern der Gesundheitsförderung in der Institution Schule, etwa das Spannungsgefüge mit sozialen Ungleichheiten sowie die Institution Schule als Ort der Disziplin im Foucault`schen Sinne. Am Ende des fünften Kapitels, quasi mit Blick auf das sechste Kapitel, werden nationale AkteurInnen im Feld der schulischen Gesundheitsförderung vorgestellt. Deutlich wird, dass die Schulen mit einem stark vernetzten, z.T. unübersichtlichen Angebot gesundheitsfördernder Maßnahmen konfrontiert sind. Bei der schulischen Gesundheitsförderung handelt es sich um einen von oben initiierten und begleiteten Prozess.

Im sechsten Kapitel geht es in Interviews mit Lehrpersonen um Antworten auf Fragen wie und was es für die Lehrperson bedeutet, an einer gesundheitsfördernden Schule zu arbeiten, was der Auftrag ist und wie dieser gedeutet wird. In den Interviews soll herausgearbeitet werden, nach welcher Logik die Lehrpersonen Gesundheitsförderung verstehen und umsetzen (S. 189). Gegenstand der Interviews soll u.a. sein, ob auch soziale Ungleichheiten und das Verhältnis von Gesundheitsförderung und Bildungsauftrag thematisiert werden. Die Analyse der Interviews folgt einem sequenz-analytisch-hermeneutischen Verfahren. Die Autorin will vor diesem Hintergrund herausfinden, ob es unterschiedliche Deutungstypen von Gesundheitsförderung gibt. Im Blickpunkt der Interviews steht das Themenfeld Bewegungsförderung und am Rande auch Ernährung.

Insgesamt 27 Interviews wurden geführt an Primarschulen in der Stadt und im Kanton Bern, und zwar mit SchulleiterInnen, KoordinatorInnen für Gesundheitsförderung mit spezifischer Zusatzqualifikation sowie Lehrpersonen ohne Zusatzqualifikation. Das Sample der zu untersuchenden Schulen sollte möglichst unterschiedliche strukturelle Voraussetzungen in der Zusammensetzung der SchülerInnenschaft aufweisen und damit kontrastierbar sein. Die Schulen sollten Mitglieder im Netzwerk Gesundheitsfördernder Schulen sein.

Durch die Verdichtung des Interviewmaterials gelang es Simone Suter, vier Deutungsmuster (Typus 1 bis 4) herauszuarbeiten:

  1. Gesundheitsförderung als Instrument zur Steigerung des Lernerfolgs. Für die Logik dieses Typs steht nach der Auslegung der Autorin der „hohe Grad an Institutionalisierung gesundheitsfördernder Maßnahmen“ (S. 226). Die Schulen, in denen Lehrkräfte dieses Typus tätig sind, liegen „in gut situierten Stadtvierteln“ (S. 226). Gesundheitsförderung dient vorrangig zum Erhalt bzw. zu Verbesserung des Systemerhalts.
  2. Paternalistisch-kompensatorische Deutung – Gesundheitsförderung als Mittel gegen gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Der Typus lässt sich nach Simone Suter in zwei Untergruppen aufteilen: Zum einen geht es um sozialisatorische Bestrebungen, zum anderen um therapeutische Absichten, spezifische Fähigkeiten zu fördern. Es geht darum, stellvertretend für Eltern zu handeln, ferner darum, Selbstdisziplin zu verinnerlichen (Bewegung als Mittel gegen Übergewicht und als Mittel gegen Medienkonsum). In beiden Untertypen geht es den Lehrpersonen darum, im Falle einer Abweichung von der „richtigen Lebensführung“ (S. 252), das individuelle Handeln zu verändern.
  3. Emanzipatorische Deutung – Ermächtigung als Ziel der Gesundheitsförderung. Die Lehrpersonen dieses Typus tragen der Autonomie der SchülerInnen Rechnung und wollen vorrangig deren Autonomieentwicklung begleiten. Ziel ist es, die SchülerInnen zu einer möglichst gesunden Lebensgestaltung zu befähigen. Lehrpersonen dieses Typus sind sich der sozialen Ungleichheiten bewusst mit dem Ziel, dass den SchülerInnen Chancen angeboten werden, möglichst später ungeschmälert am Leben teilhaben zu können. Dazu ist es nötig, durch Gesundheitsförderung den Erfahrungsraum zu erweitern.
  4. Gesundheitsförderung als Legitimation angestrebten gesellschaftlichen Wandels und schulpolitischer Veränderungen. Im Fokus dieses Typus stehen gesellschaftspolitische und schul- wie auch berufspolitische Fragen. Ziel ist die Umgestaltung von Schule wie auch Gesellschaft durch Mitwirkung auf allen Ebenen. Vor diesem Hintergrund geht es nicht darum, das Verhalten von Schulkindern zu verändern, etwa durch angeleitete Bewegungssequenzen, sondern darum, Lernen durch Bewegung geschehen zu lassen. Im schulinstitutionellen Sinne geht es um mehr Zusammenarbeit, mehr Öffnung, mehr Freiräume und Platz, damit sich die SchülerInnen autonomer bewegen können. Ein großes Thema ist für diesen Typus auch die LehrerInnengesundheit. Schlussendlich geht es diesem Typus um die Veränderung der Schule selbst und ihrer Strukturen.

Nach einer Diskussion der Befunde werden im siebten Kapitel weiterführende Fragen in einem Ausblick erörtert. Simone Suter hebt hervor, dass die befragten Lehrpersonen sich mit einer Ausnahme nicht explizit auf einen Gesundheitsförderungsdiskurs beziehen, sondern vielmehr von einem Alltagsverständnis von Gesundheit(sförderung) ausgehen. Es fehlen Verweise auf die Ottawa-Charta wie auch auf begriffliche Grundlegungen (S. 317). In der fehlenden wissenschaftlichen Verortung sieht die Autorin einen erhöhten Professionalisierungsbedarf. Es werden anschließend die vier Deutungstypen von Gesundheitsförderung im Verhältnis zu unterschiedlichen Gesundheits- und Professionsverständnissen, gewissermaßen auf einem höheren Theorieniveau reflektiert.

Liegt dem Typus 1 in einem arbeitspsychologischen Sinn ein strukturfunktionalistisches Verständnis von Gesundheit zugrunde, so folgt Typus 2 dem Muster eines charismatischen Meisters (Begründungen entstehen „intuitiv aus dem Bauch“, S. 320). Typus 3 folgt weitgehend einem demokratischen Verständnis (Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft). Typus 4 bezieht seinen Auftrag auf gesellschaftliche und schulsystemische Fragen. Das Ziel dieses Typus besteht vorrangig darin, Rahmenbedingungen zu verändern. Im Weiteren wird der Frage nachgegangen, ob sich in den disparaten Deutungen auch Gemeinsamkeiten finden.

Die disparaten Deutungen werden mit dem diffusen Konzept von Gesundheitsförderung erklärt. Geteilt wird von allen befragten Lehrpersonen ein kritischer Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse. Dieser reicht von Systemkritik, über Zivilisationskritik bis hin zu Kulturpessimismus. Das Engagement in Gesundheitsförderung ist eine Reaktion auf ungünstige gesellschaftliche Veränderungen. Ferner gehen die befragten Lehrpersonen von der Gestaltbarkeit von Gesundheit aus mit dem Ziel, die Gesundheit der SchülerInnen zu verbessern.

Im letzten Teil des siebten Kapitels fragt Simone Suter, wie es dazu kommen konnte (S. 325), dass Gesundheitsförderung, wie sie schreibt, als „diffuses Konzept“ überhaupt Karriere machen konnte. In den letzten vier Unterabschnitten gibt sie dazu mögliche Antworten. In Bezug auf Selbstdisziplin und Selbstkontrolle als Grundwerte einer individualisierten Leistungsgesellschaft scheint die Schule durch Gesundheitsförderung einen Beitrag leisten zu wollen. Die Verfasserin vermutet, dass „sich die individualisierende Lesart des Gesundheitsförderungsdiskurses gegenüber einer politisierenden durchsetzen konnte“ (S. 327), liege u.a. auch in der diffusen Konzeption von Gesundheit. Abbau von Diffusität sieht die Autorin darin, z.B. über den capability approach eine Theoriebildung von Gesundheit zu entwickeln. Eine pädagogisch fundierte Möglichkeit sieht die Autorin im fallorientierten Vorgehen, um die Bedürfnisse der SchülerInnen zu verstehen. Unklar bleibt hierbei der Begriff der Selbstermächtigung (S. 329). Geht es hier vielleicht um Agency im Sinne von Handlungsmächtigkeit respektive Handlungsbemächtigung?

Abschließend wird Gesundheitsförderung vor dem Hintergrund neoliberaler Regierungsformen und mit ihnen einhergehender Individualisierung verdeutlicht. Im Zuge des Neoliberalismus ist der fürsorgend-entmündigende Staat durch einen vorsorgend-fordernden ersetzt worden. Gesundheit und Krankheit werden der individuellen Verantwortung übertragen. Im allerletzten Unterabschnitt fordert Simone Suter eine Präzision des in ihrer Sicht diffusen Gesundheitsbegriffs und eine diskursive Verortung des Gesundheitsbegriffs der WHO als sozialpolitisches Handlungskonzept.

Diskussion

Unbestreitbar ist die Monografie schlüssig aufgebaut. Die Autorin setzt ihre Fragestellungen aus dem Anfangskapitel inhaltlich und methodisch konsequent um. Auf der Grundlage des sequenzanalytischen Verfahrens kann die Ottawa-Charta im vorgenommenen Sinne „zerpflückt“ werden. Die Typenstruktur ist plausibel begründet und durch Interviewpassagen anschaulich illustriert. Soweit-so gut!

Aber ist es nicht überzogen, der Ottawa-Charta mit einem sequenzanalytischen wissenschaftlichen Verfahren zu Leibe zu rücken? Ihre Aufgabe bestand und besteht doch einzig darin, einen Orientierungsrahmen für Politik und Praxis der Gesundheitsförderung zu liefern. Dies geschieht in Form eines sozialökologischen Mehr-Ebenen-Modells der Determinanten von Gesundheit und Ihrer Förderung. In fünf zentralen Handlungsbereichen, die in dynamischer Verbindung und Verstärkung stehen, wird dieses Modell skizziert: einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik, einer Schaffung von Umwelten und Lebenswelten, einer Neuordnung der Gesundheitsdienste, einer Stärkung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen sowie der Entwicklung gesundheitlicher Kompetenzen durch Förderung vielfältiger Informations- und Bewältigungsstrategien. Im Zentrum stehen eine Stärkung bio-psycho-sozialer Kompetenzen, Vernetzung, die Schaffung von Kohärenzstrukturen sowie eine soziale und gerechte Ausgestaltung von Verwirklichungsräumen für eine bessere Gesundheit.

Zuzustimmen ist der Einschätzung der Autorin, dass mehr als dreißig Jahre nach der Verabschiedung der Ottawa-Charta festzustellen ist, dass dieser ein großer programmatischer, auch projektbezogener Erfolg beschieden (gewesen) ist, sie aber gleichwohl „in der institutionellen Fläche“ in Schulen, in Krankenhäusern, in Stadtteilen, aber kein nachhaltiger Durchbruch gelungen ist. Dies liegt weniger, wenn gar nicht an mangelnder Präzision des Gesundheitsbegriffs, sondern daran, dass in der Gesundheitspolitik die dominanten Blockadefaktoren nicht grundlegend thematisiert worden sind bzw. werden, und zwar der Ökonomismus und der „Imperialismus“ des Medizinsystems. Ökonomische Ausrichtung verhindert bzw.behindert nicht nur verhältnisbezogene Präventionsleistungen, sondern begünstigt auch ihre marktförmige Ausgestaltung. Nicht zuletzt deshalb wird das Aufgabenfeld Abbau sozialer und in ihrem Zusammenhang stehender gesundheitlicher Ungleichheit nicht erreicht.

Insgesamt kann der Rezensent der zentralen Feststellung von Simone Suter im siebten Kapitel zustimmen, dass Tendenzen der Individualisierung und neoliberale Regierungsformen eine duale Einheit bilden. Aber die Tendenz zur Individualisierung im Kern der Ottawa-Charta selber bereits zu attestieren, erscheint mir wenig plausibel.

Fazit

Die ursprünglich als Dissertation konzipierte Monografie von Simone Suter ist in Bezug auf den Informationsgehalt gewinnbringend. Offen ist für mich die Frage, ob auch die Lehrpersonen als potentielle LeserInnen außer einem möglichen allgemeinen Erkenntnisgewinn einen solchen für die Weiterentwicklung ihrer schulischen Praxis bekommen. Lohnend ist die Lektüre für all diejenigen, die an der kritischen Auseinandersetzung mit der WHO-Version von Gesundheit und ihrer Förderung interessiert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 26.07.2017 zu: Simone Suter: Im Namen der Gesundheit. Gesundheitsförderung an Schulen zwischen Disziplinierung und Ermächtigung. Eine soziologische Studie. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3886-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22849.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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