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Judith Schicklinski: The Governance of Urban Green Spaces in the EU

Cover Judith Schicklinski: The Governance of Urban Green Spaces in the EU. Routledge (New York) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-1-138-22375-2. 135,30 EUR.
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Autorin und Entstehungshintergrund

Dr. Judith Schicklinski, geboren 1981 in Mainz, studierte Pädagogik, Sprachen und Europäische Politikwissenschaft in München, Heidelberg, Reims, Frankfurt (Oder), und Straßburg. Parallel zu ihrer Tätigkeit als wissenschaftliche Assistentin von 2013 bis 2016 promovierte sie an der Freien Universität Bozen bei Prof. Susanne Elsen mit der hier rezensierten Studie.

Thema

Die Untersuchung basiert empirisch auf den Daten des Projekts ROCSET („The Role of Cities in the Socio-Ecological Transition of Europe“). In 29 Städten aus insgesamt 14 Ländern in unterschiedlichen europäischen Regionen wurden 55 Expertinnen und Experten zu den lokalen Ressourcensystemen Wasser, Energie und Grünflächen befragt. Judith Schicklinski unterzieht diese Daten mit dem Schwerpunkt Grünflächen einer Sekundäranalyse.

Aufbau

Im Anschluss an eine Einleitung und einen theoretischen Bezugsrahmen wird der methodische Ansatz der empirischen Studie dargestellt. Es folgen weitere theoretische Konzepte als Grundlage für die empirischen Ergebnisse. Die Datenanalyse mündet in fünf zentrale Variablen, aus denen politische Implikationen abgeleitet werden.

Inhalt

Fragestellung und Ziele der Untersuchung

Das Buch befasst sich mit den lokalen Bedingungen, unter denen vor allem zivilgesellschaftliche Akteure dazu in der Lage sind, einen wesentlichen Anstoß für die sozio-ökologische Transformation europäischer Städte zu geben. Mit dem Schwerpunkt auf das Ressourcensystem Grünflächen geht es um die Frage, wie städtische Bevölkerungsgruppen dazu beitragen können, dass diese Flächen für alle zugänglich und angesichts von Biodiversität, Erholungsfunktionen, Nahrungsmittelproduktion sowie Kommunikation nutzbar sind. Damit verbunden ist die Frage nach den politischen Rahmenbedingungen, die eine Kooperation zwischen den kommunalen Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren mit dem Ziel einer partizipativen und nachhaltigen Stadtentwicklung fördern. Im Hintergrund stehen eine sozio-ökologische Transformation und eine Abkehr vom Wachstumsparadigma als wesentliche veränderte Zielsetzungen kommunaler Politik, verbunden mit der Notwendigkeit von Partizipation und Selbstorganisation der städtischen Bevölkerung.

Die Autorin entwickelt in ihrer Studie einen elaborierten theoretischen Bezugsrahmen, in dem sie die theoretischen Ansätze namhafter Autorinnen und Autoren auf ihre Fragestellung bezieht. Dabei geht es beispielsweise um das Konzept der (Welt-)Risikogesellschaft von Beck, um Analysen des Verhältnisses zwischen Ökonomie und Gesellschaft von Polanyi oder von Habermas und insbesondere um die Arbeiten von Elinor Ostrom zur kollektiven Nutzung gemeinschaftlicher Güter.

Methodischer Ansatz

Methodisch basiert die Untersuchung von Judith Schicklinski vor allem auf den qualitativen Daten des ROCSET-Projekts. Aus diesem Datenfundus konzentriert sie sich auf eine Sekundäranalyse zum Ressourcensystem Grünflächen. Außerdem verlässt sie den Fallstudienansatz des ROCSET-Projekts und ist in einer vergleichenden Perspektive der einbezogenen Städte eher an der Identifikation zentraler Variablen interessiert.

Die 55 Experteninterviews konzentrierten sich auf Personen aus Politik und Verwaltung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Die Auswahl der Städte erfolgte möglichst breit hinsichtlich unterschiedlicher Entwicklungslinien in Bevölkerung und Wirtschaftskraft. Die qualitativen Interviews fanden durch geschulte Interviewteams anhand eines Leitfadens in den jeweiligen Landessprachen statt, wurden anhand vorgegebener Regeln transkribiert und anschließend ins Englische übersetzt. Die Interviewdauer lag zwischen 18 und 114 Minuten. Neben den qualitativen Daten liegen auch standardisierte Daten aus einer breiteren Erhebung in 40 Städten vor, in denen insgesamt 167 Fragebögen ausgefüllt wurden. Ergänzend zu den qualitativen und quantitativen Daten fand im Rahmen der Fallstudien auch eine Dokumentenanalyse statt.

Für die Datenanalyse wurde die qualitative Inhaltsanalyse mit MaxQDA, anknüpfend an Gläser/Laudel, Flick, Kuckartz und Mayring gewählt. Andere Analyseformen, wie beispielsweise die grounded theory, boten sich einerseits aus erkenntnistheoretischen Überlegungen nicht an, andererseits aber auch wegen der notwendigerweise relativ starken Vorstrukturierung der jeweiligen Interviewthemen und der dementsprechend vergleichsweise standardisiert verlaufenen qualitativen Interviews.

Ergebnisse

Die Autorin identifiziert zur städtischen Grünflächenpolitik fünf intervenierende Variablen, auf deren Basis sie politische Strategien für einen zivilgesellschaftlichen und sozio-ökologischen Umbau europäischer Städte entwickelt.

Die erste ist das Ausmaß von Autonomie lokaler Entscheidungsfähigkeit. Grundsätzlich ist diese mit wenigen Ausnahmen in der städtischen Grünflächenpolitik relativ stark ausgeprägt. Das Engagement zivilgesellschaftlicher Gruppen steigt mit dem Grad an lokaler Autonomie und hat grundsätzlich bei der Steuerung politischer Entscheidungen im Bereich städtischer Grünflächen eine wichtige Funktion.

Die zweite zentrale Variable ist durch die verfügbaren finanziellen Mittel gekennzeichnet. Schicklinski verdeutlicht hier auf der Basis ihrer empirischen Daten die widersprüchliche Situation der meisten untersuchten Städte zwischen dem Erhalt von Freiflächen und der Abhängigkeit von städtebaulichen Engagements bauwirtschaftlicher Investoren. Gerade in diesem Zusammenhang sind nachhaltige und langfristige Planungsperspektiven besonders wichtig.

Als dritte Variable stellen sich die rechtlichen Rahmenbedingungen heraus. Vor allem aufgrund der Komplexität von Rechtsgrundlagen sind Zuständigkeiten oftmals diffus. Auf der anderen Seite können die Entscheidungsgrundlagen im Kontext einer städtischen Grünflächenpolitik aber auch unzureichend sein, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen fehlen oder zu flexibel sind. Dies gilt beispielsweise für den Ersatz gefällter Bäume oder für den Schutz von Freiflächen vor Bebauung. Deutlich wird auch, dass sich die EU Richtlinien nicht einfach auf die spezifischen lokalen Bedingungen übertragen lassen.

Die Funktionsfähigkeit der lokalen Autorität in Form von Politik und Verwaltung stellt die vierte Variable dar. Ineffektive Formen der Kommunikation zwischen Behörden und Abteilungen, über lange Zeit in ihren Ämtern fest sitzende Politiker und intransparente Zuständigkeiten sind immense Barrieren, die oft auch von den in diesen Strukturen arbeitenden Personen als solche durchaus erkannt werden. Diese strukturellen Barrieren stehen in direktem Kontrast zu einem ganzheitlichen und integrativen Ansatz städtischer Grünflächenpolitik. Dabei geht es nicht nur um öffentliche sondern auch um private Flächen. Weiterhin verhindern starre Strukturen das partizipative Engagement zivilgesellschaftlicher Akteure, wenngleich trotzdem empirisch positive Beispiele zu identifizieren sind. Auch dann, wenn schon gute konzeptionelle Grundlagen vorliegen, lassen sich in allen Regionen Implementationslücken hinsichtlich ihrer Umsetzung identifizieren. Vielfältige Perspektiven nicht nur mit Blick auf klassische Freiflächen, sondern auch bei der Nahrungsmittelproduktion („essbare Stadt“), der Begrünung von Dächern oder Nachbarschaftsgärten, dürften sich eröffnen, wenn Netzwerke und Graswurzelinitiativen gefördert werden.

Die fünfte zentrale Variable lässt sich durch Lernprozesse und die Bildung von sozialem Kapital charakterisieren. Hier geht es um die elementare Frage, ob sich in den jeweiligen lokalen Rahmenbedingungen zivilgesellschaftliches Engagement langfristig und nachhaltig entwickeln kann. Gerade dieses Engagement sieht die Autorin als nahezu notwendige Bedingung für eine sozio-ökologische Transformation städtischer Strukturen an. Die Datenanalyse macht transparent, wie stark die Kommunikationsbarrieren zwischen Politik und Verwaltung einerseits und zivilgesellschaftlichen Akteuren andererseits ausgeprägt sein können. Formen der Bürgerbeteiligung werden zum Beispiel als notwendiges Übel angesehen oder mit Angst vor Unruhe und Kritik assoziiert. Die empirischen Daten zeigen, dass in vielen Städten weitreichende, wechselseitige und kontinuierliche Lernprozesse bei der Entwicklung eines gemeinsamen Leitbildes nachhaltiger Stadtentwicklung erforderlich sind, damit die Administration eine Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren nicht als Machteinbuße sondern als Qualitätsgewinn wahrnimmt und die Akteure ihrerseits die Verwaltung als ideenoffenen Kooperationspartner akzeptieren.

Diskussion

Judith Schicklinski hat eine Untersuchung vorgelegt, die sich mit einem existenziell zentralen Thema auseinandersetzt. Das Projekt, in dessen Rahmen ihre Dissertation angefertigt wurde, nimmt den Grundsatz „think global – act local“ sehr ernst und setzt ihn forschungsmethodisch konsequent um. Das Buch ist hervorragend strukturiert. Zahlreiche grundlegende theoretische Ansätze werden referiert, die auch über das eigentliche Thema städtischer Grünflächenpolitik hinausgehen. Dadurch lässt sich die spezifische Untersuchungsfrage in einen übergreifenden Rahmen der Entwicklung von Postwachstumsgesellschaften einordnen.

Die Autorin kommt zu klaren Ergebnissen und konsequent daraus abgeleiteten politischen Implikationen. Die fünf empirisch aus dem Datenmaterial entwickelten Variablen sind zentral für den Erfolg oder Misserfolg auf dem Weg in eine soziale, ökologische und ökonomische Transformation städtischer Strukturen.

In methodischer Hinsicht stellt sich die nicht ganz eindeutig zu beantwortende Frage, wie die jeweils interviewten Expertinnen und Experten ausgewählt wurden. Hier wird es sicherlich auch in der einzelnen untersuchten Stadt hochgradige nicht nur akteurs- sondern auch personenspezifische Unterschiede in der Definition von Problemlagen und Handlungsstrategien gegeben haben.

Mit Blick auf die Datenanalyse eröffnet sich außerdem die Frage, ob und gegebenenfalls welche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen untersuchten Städten bestehen, und ob sich Regelmäßigkeiten vor dem Hintergrund unterschiedlicher städtischer Entwicklungslinien analysieren lassen. Dies hätte die empirischen Analysen über die jeweiligen lokalen Variablen hinausgehend noch einmal im Sinne von Clustern in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Besonders bemerkenswert an der Studie ist, dass Judith Schicklinski nicht bei einer einfachen Grundlagenperspektive stehen bleibt, sondern in zahlreichen Abschnitten aus ihren empirischen Ergebnissen ganz praktische politische Umsetzungsschritte für eine sozio-ökologische Transformation europäischer Städte entwickelt. Wie im gesamten Buch ist auch hier ihr Blick auf das, was möglich ist, sehr realistisch und nur in einer langfristigen Perspektive nachhaltig umsetzbar.

Fazit

Es handelt sich um eine theoretisch wie auch empirisch sehr gelungene Studie, die zu klaren, auch praktisch umsetzbaren Ergebnissen kommt. Obwohl die Autorin wissenschaftlich kühl analysiert, kann das Buch auch als ein Aufruf und Wegweiser in eine andere städtische Zukunft mit einer neuen Sichtweise auf Lebensqualität verstanden werden. Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, ist es über den wissenschaftlichen Diskurs hinaus auch allen kommunalen Akteuren besonders zu empfehlen.

Summary

This is a theoretically as well as empirically very successful study, which leads to clear, also practically realizable results. Although the author analyzes in a quite „cool“, scientific manner, the book can also be understood as an appeal and guide to a different urban future with a new perspective on quality of life. In view of what is at stake beyond the academic discourse it is especially recommended to all municipal actors.


Rezensent
Prof. Dr. Ulrich Lakemann
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, Fachbereich Sozialwesen
Homepage www.lakemann.com
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Zitiervorschlag
Ulrich Lakemann. Rezension vom 18.05.2018 zu: Judith Schicklinski: The Governance of Urban Green Spaces in the EU. Routledge (New York) 2017. ISBN 978-1-138-22375-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22850.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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