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Roman Lietz: Professionali­sierung und Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit

Cover Roman Lietz: Professionalisierung und Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit. Kriterien zur Umsetzung von Integrationslotsenprojekten. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 223 Seiten. ISBN 978-3-86388-754-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Mit dem Ziel, Einwanderern gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, sind in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren zahlreiche Projekte entstanden, bei denen die sog. Integrationslotsen eine wichtige Rolle spielen sollten.

In der Praxis zeigten sich erhebliche qualitative Unterschiede, wie diese Rolle zu gestalten sei, insbesondere war nicht definiert, welche Anforderungen an Qualifizierung bestehen und über welche Kompetenzen die Lotsen unbedingt verfügen müssten.

Autor

Dr. phil. Roman Lietz hat Spanisch und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation studiert und wurde mit der vorliegenden Studie an der Universität Jena promoviert. Er war von 2009-2014 Koordinator eines großen Projektes mit Integrationslotsen.

Aufbau

In sieben Kapiteln stellt der Autor die Forschungsfragen und den Forschungsstand vor, erklärt sein methodisches Vorgehen (Literaturrecherche und 17 Experteninterviews), um schließlich Folgerungen abzuleiten, die sowohl die Qualifizierung der Akteure als auch die Rahmenbedingungen der Projekte betreffen.

Das Buch schließt mit einem Fazit in Form von Empfehlungen und Vorschlägen.

Inhalt

Eine bundesweite Statistik, wieviele Integrationslotsen in Deutschland in den letzten15 Jahren in Deutschland tätig waren oder noch sind, liegt nicht vor. Von vielen Hunderten, ja vielleicht auch einigen Tausenden Mitwirkenden ist auszugehen. Zur Bewertung deren Tätigkeit liegen vor allem Präsentationen und Berichte der Projektträger selbst vor, kaum unabhängige Expertisen.

Integrationslotsen haben andere Aufgaben zu erfüllen als sog. Stadtteilmütter, Sprachmittler und Dolmetscher, Multiplikatoren, Paten, Mentoren oder gar (gesetzliche) Betreuer. Sie unterstützen vielmehr Einwanderer, die sich in der neuen Umgebung orientieren müssen, begleiten und beraten sie in Alltagsfragen, auch Konflikten im Umgang mit Behörden und Fachpersonal, speziell mit Ärzten und Schulen. Sie sind Mittler zwischen Newcomern und dem Kiez, der Kommune. Im Vordergrund steht die kulturelle Vermittlung, als Dolmetscher treten sie nur in Ausnahmefällen in Aktion.

Die Lotsen sind in aller Regel ehrenamtlich tätig Doch brauchen sie nach Auffassung einiger Experten, denen sich der Autor anschließt, zumindest eine hauptamtliche Koordination im Projekt. Als Teilnehmer an sog. „Maßnahmen“ zur Qualifizierung, wie vormals ABM, sind sie nicht gut untergebracht – dies ist ja generell eher eine Sackgasse.

Lotsen sollen, im Unterschied etwa auch zu Honorarkräften, eben auch mal die Zeit haben, mit einem Hilfesuchenden zusammen einige Stunden in einem Wartezimmer auszuharren. Es gibt ja deutliche Belege und subjektive Einschätzungen dahingehend, dass Personen mit Migrationshintergrund weniger freundlich und weniger präzise versorgt werden. In vielen Fällen ist bei einer ärztlichen Behandlung ein Dolmetscher hinzuzuziehen, Verwandte oder gar Kinder eignen sich nicht dafür. Auf jeden Fall sind es Lotsen, die erkennen, wo die interkulturelle Öffnung einer Institution noch zu verbessern oder einzufordern ist.

Der Autor formuliert abschließend eine Liste von Standards, die Integrationslotsen bzw. die Projektträger unbedingt erfüllen müssen. Dazu zählen einmal bestimmte Zugangsvoraussetzungen, wobei eigener Migrationshintergrund oder pädagogische Erfahrungen wünschenswert, „verhaltensbezogene Kompetenzen“, insbesondere interkulturelle Kompetenzen zwingend erforderlich seien. Ebenso fordert der Autor einen Qualifizierungskurs mit mindestens 60 Stunden Umfang und einer Prüfung zum Abschluss. Der Projektträger sollte sich zwingend um ein Büro und einen Besprechungsraum bemühen, wo auch die Hauptamtlichen anzutreffen sind.

Diskussion

Die vorliegende Publikation zeichnet sich durch gute, wohltuende Lesbarkeit aus. Wichtige Zwischenergebnisse und Folgerungen werden in Schaubildern einprägsam wiederholt.

Der Titel ist etwas zu groß geraten, der Untertitel ist präziser: Es geht um die Anforderungen an Integrationslotsen und deren Projektträger.

Methodisch überzeugt die Studie weniger. Zwar fließen Erfahrungen aus der Praxis in die Argumentation des Autors ein, doch hätte man schon erwartet, dass die Migranten selbst zu Wort kommen oder förmlich befragt werden; sie könnten doch die Wirkung der Lotsen am besten einschätzen. Für Anschauung und Begründung hätte der Autor auch dadurch sorgen können, dass er zeigt, wie die Lotsen in Alltagssituationen ebenso wie bei kritischen Ereignissen interveniert haben. Leider bleibt auch die zentrale Anforderung „Interkulturelle Kompetenz“ ohne Erläuterung oder Beispiel. Der Autor deutet in seinem „Ausblick“ immerhin dieses selbst als Desiderat, „neues Forschungsfeld“ an.

Es ist auch zu beachten, dass die Experteninterviews aus 2013 stammen, Dokumentationen allenfalls bis 2014 zurückreichen. Die völlig neue Situation der Flüchtlingshilfe seit September 2015 ist noch nicht eingefangen. Dabei spricht alles dafür, dass die Integrationslotsen einen fulminanten Aufschwung erfahren: Gerade hat z.B. der Freistaat Bayern für ehrenamtliche Lotsen groß geworben und den Kommunen die Förderung hauptamtlicher Koordinatoren zugesagt.

Fazit

Die vorliegende Studie weist auf ein wichtiges zivilgesellschaftliches Moment in der Integrationspolitik und Flüchtlingshilfe hin. Es geht um die Aufgaben von sog. Integrationslotsen, wozu der Autor bedenkenswerte Vorschläge und Anregungen zusammengestellt hat.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 30.06.2017 zu: Roman Lietz: Professionalisierung und Qualitätssicherung in der Integrationsarbeit. Kriterien zur Umsetzung von Integrationslotsenprojekten. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-86388-754-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22854.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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