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Johannes Müller: Identitäts­konstruktionen marginalisierter Jugendlicher im informellen Sport

Cover Johannes Müller: Identitätskonstruktionen marginalisierter Jugendlicher im informellen Sport. Eine qualitative Studie auf dem Bolzplatz. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 209 Seiten. ISBN 978-3-86388-755-1. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Der Titel eröffnet bereits einen großen Teil des Vorhabens: Informelles Sportengagement und sich darüber ergebende Identitätsbildung bei marginalisierten Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Studie bezieht sich dabei wesentlich auf dreizehn männliche Jugendliche, die intensiv mit einem Methodenmix beforscht werden. Mädchen oder junge Frauen werden von den Sport treibenden Jungen oder jungen Männern, als Staffage zur Bewunderung gesehen. Gender und Geschlecht führen aus subjektiver Sicht zur Identifikation und Abgrenzung; Konkurrenz bleibt ausschließlich den Gleichen vorbehalten. Locker gemeinsam kicken mit Mädchen ginge, doch Sport bleibt außerhalb des Denkhorizonts. Die Sportbegeisterung der jungen Männer, die der Autor wissenschaftlich begleitet hat, korrespondiert mit schulischem Misserfolg. Vieles mag aus dem Buch irgendwie bekannt vorkommen, aber Sportaktivitäten und Sinnzusammenhang stehen bisher nach Müller nicht auf der tiefgründigen Wissenschaftsagenda.

Autor

Johannes Müller, heute wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Justus-Liebig-Universität Gießen, schrieb seine Promotion, die hier in leicht überarbeiteter und gekürzter Buchform vorliegt, an der Georg-August-Universität Göttingen.

Aufbau

Dass diesem Buch eine wissenschaftliche Arbeit zugrunde liegt, kann nicht übersehen werden. Dezidierte wissenschaftliche Erkenntnis basiert auf methodischem Grundlagenwissen. Dem Stand der Forschung folgt eine theoretische Auseinandersetzung zu Sportaktivitäten, Identität, Sozialisation und Geschlechtsidentität. Der empirische Zugang beginnt über eine ethnographische Herangehensweise, die um leitfadengestützte Interviews erweitert wird. Ansätze der Grounded Theory fließen ebenfalls ein. Nach der Darlegung der Datenanalyse mit Fragen des Kodierens stehen detaillierte Ergebnisse der Studie zu informellem Sport, dessen Kompensation mit möglichen anderen Aktionsfeldern im Vordergrund.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Der theoretische Rahmen der Studie folgt eher sportwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Erkenntnissen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen werden erwähnt, aber nicht vertieft. Sehr varianten- und literaturreich werden anfangs zum Stand der Forschung Sportengagement, Identitätsbildung, Selbstkonzeptentwicklung und Geschlechtsidentität herausgeschält. Der theoretische Rahmen hebt Sportaktivitäten, Entwicklungsaufgaben, personale, soziale Identität, ethnische Herkunft Identitätsbehauptung wie männliche Geschlechtsidentität nicht nur hervor, sondern leitet die Aspekte sauber wissenschaftlich her und spitzt sie sehr treffend für das Thema zu.

Die methodische Näherung an den Gegenstand gelingt dem Autor ebenfalls sehr prägnant. Die substantielle Diskussion über z.B. Honer, Flick und Geertz lässt das Spezifische im Feld in den nächsten Kapiteln adäquat und authentisch einschätzen. Die Sprache, die Verhaltensweisen bringt der Autor sehr schön zum „Klingen“ (Lévi-Strauss). Die Konversion des Blickes oder die „künstliche Dummheit“ (Hitzler) eröffnen aufgrund eines etwa vierjährigen Forschungsprozesses die Sprache des Bolzplatzes für die Sprache der Wissenschaft. Dies lässt sich nur über eine langwierige Präsenz realisieren. Ohne dieses Verbleiben im Feld zum Verstehen, Einordnen und letztlich Übersetzen bliebe ethnographische Forschung im „Meinen-zu-verstehen“ hängen.

Die Fokussierung des Inhaltlichen mit Interview-Leitfäden findet über den ‚Teil des Feldes‘ (hier: Müller) nicht nur eine Ergänzung, sondern eine neue qualitative Ebene, die hilft, vorhandene Subtexte zum subjektiven Sinnkodex der Jugendlichen („Bolzplatz und ich“) zu erschließen. Kabbeln, Foulen, Tunneln, Abschießen und viele andere unterschwellige Rituale geben Selbstwert oder Erniedrigung. Fußballerische Kompetenz als Sinnrahmen, als Ressource, als Wettbewerbsmerkmal für Männlichkeitsentwürfe, fußballerisch gegen und bewunderungswürdig für Mädchen handeln insbesondere unbewusst, aber auch bewusst die verfolgten dreizehn Jungs ihre hierarchische Position innerhalb aber ebenso außerhalb des Mikrokosmus „Bolzplatz“ aus. Integrations- und Sozialisationsleistungen finden für marginalisierte Jugendliche im informellen Sport für den Autor bisher zu wenig tiefgreifende wissenschaftliche Berücksichtigung.

Diskussion

Johannes Müller legt mit seinem Buch eine sehr breite und wissenschaftlich tiefe Abhandlung vor, die sich vielen Denkrichtungen öffnet und erschließt. Die Literatur in den Bereichen Sport, Identität und Sozialisation fällt sehr aktuell und relevant aus. Kann aus diesem Grund für entsprechende Praxen oder Theorien sehr empfohlen werden. Ohne direkt auf praktische Angebote wie Mitternachtssport, Fußball in Vereinen etc. einzugehen liefert Müller dennoch viele Übertragungsmöglichkeiten. Sein in Fazit und Ausblick geforderter Praxisturn für Soziale Arbeit und Pädagogik könnte ebenfalls in institutionalisierte Angebote eingehen. Müller bietet einen exzellenten Einblick in subkulturelle Zusammenhänge, der sicherlich selten sein dürfte. Insbesondere bezüglich Identität gibt er Einblicke, die bisher so nicht zusammen gedacht werden:

  • „Fußball ist halt für mich so wie n Hobby. Ich hab Spaß daran und komm halt ab und zu spielen, also jetzt nicht ab und zu, ich komm fast jeden Tag Fußball spielen.“ (Hassan, 171)
  • „Dann spiel ich manchmal Playstation, weil sonst hab ich dann, ich habe dann nichts anderes zu tun.“ (Alan, 171)

Das ganz besondere an diesem Ansatz liegt im Bereich der Datengewinnung. Müller scheint es gelungen, die Sprache der Bolzplatz-Jungs zu entschlüsseln, also in ihrem szenespezifischen Kodieren kognitiv und emotional verstanden zu haben. Die Jungs sprechen für sich, nicht für Eltern, Schule und Soziale Arbeit. Diese Leistung, die Müller gleichzeitig wegen seiner geringen Population relativiert, kann nicht zu hoch geschätzt werden. Einfach mal fragen oder hinschauen reicht nicht. Die Wissenschaft verlässt den eigenen Mikrokosmos, um die Welt so zu sehen, wie sie ist.

Negative Kritik sei allerdings noch angemerkt: Die Studie bezieht sich auf den Status quo von Gesellschaftlichkeit, ohne dass diese in ihrem So-Geworden-Sein kritisch beleuchtet wird. Vor allem jedoch wäre es aufgrund der Datenlage wünschenswert gewesen, Thesen/Hypothesen Richtung Übertragung von stabilerer Ich-Identität via erlangter Kompetenzen für Schule und Arbeitsmarkt nutzen zu können. So bleibt anzumerken, dass ein bestechender Ansatz droht in der Phänomenologie versteckt werden zu können.

Fazit

Johannes Müller legt mit seinem Buch eine hervorragende Innensicht zu Bolzplatz-Jungs in ihrer Genese und ihren Sinn- wie Ich-Perspektiven zu ihrem selbstorganisierten Sporttreiben vor. Er ist tief in die Materie eingedrungen, sodass (Schul-)Pädagog*innen und Sozialpädagog*innen sehr gute inhaltliche und methodische Ansätze für ihre Arbeit finden und ableiten können. Der Innensicht, die der Autor liefert, fehlt ein wenig die Außensicht. Wenn allerdings in Wissenschaft und Politik dieses Werk als Grundlagenliteratur Verwendung fände, bliebe zu hoffen, dass nicht der Bolzplatz expertisiert oder kolonisiert wird, sondern aufgrund der Aussagen von Müller die Jugendlichen mit ihren ohne Zweifel großen Fähigkeiten sinnvoller gefördert und nicht direkt oder indirekt in ihrem So-Sein mit existenten bildungspolitisch neoliberalen Ansätzen fast chancenlos bleiben.


Rezensent
Prof. Dr. Lutz Finkeldey
Professor für „Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit - Jugendhilfe“, Verstehenssoziologe, Fakultät für Soziale Arbeit und Gesundheit an der „Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst“ (HAWK) - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen, Standort Hildesheim
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Zitiervorschlag
Lutz Finkeldey. Rezension vom 30.11.2018 zu: Johannes Müller: Identitätskonstruktionen marginalisierter Jugendlicher im informellen Sport. Eine qualitative Studie auf dem Bolzplatz. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-86388-755-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22855.php, Datum des Zugriffs 19.01.2019.


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