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Benno Rottermann: Sozialisation von Jugendlichen in geschlechts­untypischen Berufslehren

Cover Benno Rottermann: Sozialisation von Jugendlichen in geschlechtsuntypischen Berufslehren. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 243 Seiten. ISBN 978-3-86388-759-9. D: 33,00 EUR, A: 34,00 EUR.
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Thema

Das Buch behandelt theoretisch und empirisch die spezifischen Erfahrungen von Jugendlichen, die ihre Berufsausbildung in sog. „geschlechtsuntypischen Berufslehren“ (in der Schweiz) absolvieren.

Autor

Der Autor ist Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg am Institut Primarstufe/Professur für Entwicklungspsychologie

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch beruht auf der Dissertation des Autors am Institut für Bildungswissenschaften (IBW) der Universität Basel.

Aufbau

Der theoretische Teil des Buches umfasst die Kapitel:

  • Beruf und berufliche Grundbildung
  • Geschlecht
  • Sozialisation in geschlechtsuntypischen Berufen
  • Modell der geschlechtsuntypischen Berufssozialisation.

Der empirische Teil enthält die Kapitel:

  • Analyse I: Lehrvertragsauflösungen
  • Analyse II: Erfolgsquoten für Lehrabschlussprüfungen
  • Analyse III: Berufserfolge im Selbstbericht
  • Analyse IV: Einfluss des sozialen Umfelds
  • Interviewstudie: Belastungen und Ressourcen

Abgerundet wird die Studie durch das Kapitel „Schlussfolgerungen“.

Das vollständige Inhaltsverzeichnis ist auf der Verlagshomepage verfügbar.

Die vollständigen empirischen Daten und Tabellen, der Interviewleitfaden und das zur Auswertung der Interviews entwickelte Kategoriensystem können als Online-Anhang im Internet aufgerufen werden.

Inhalt

Der Autor legt eine umfangreiche Ausarbeitung zur Situation von jungen Erwachsenen in sog. geschlechtsuntypischen Berufsausbildungen vor. Vor dem Hintergrund des Schul- und Berufsbildungssystems der Schweiz entfaltet er die besonderen Herausforderungen, mit denen junge Frauen in der Ausbildung in „Männerberufen“ (Automobil-Mechatronikerin, Automobil-Fachfrau, Informatikerin, Landwirtin, Logistikerin, Spenglerin) sowie junge Männer in „Frauenberufen“ (Coiffeur, Dentalassistent, Fachmann Betreuung; Fachmann Gesundheit, Fachmann Hauswirtschaft) konfrontiert werden. Die hier aufgeführten Berufe werden von denjenigen Personen erlernt, die der Autor in der von ihm selbst durchgeführten, qualitativen Interview-Studie befragt hat.

Die quantitativen empirischen Daten, die der Autor als Re-Analysen bereits vorhandener empirischer Studien ausgewertet hat, umfassen ein wesentlich breiteres berufliches Spektrum. Die quantitativen Daten beziehen sich auf unterschiedliche Indikatoren, die für die These der besonderen Herausforderungen und Belastungen herangezogen wurden:

  • die Häufigkeit des Abbruchs der Berufsausbildung,
  • die Häufigkeit des Nichtbestehens der Abschlussprüfungen,
  • die Häufigkeit von Fehltagen und psychosomatischen Beschwerden.

Empirisch belastbar zeigt sich, dass diese Tatbestände bei jungen Leuten in geschlechtsuntypischen Berufsausbildungen häufiger vorkommen als bei solchen, die geschlechtsrollenkonform „typische“ Frauen- bzw. Männerberufe erlernen oder auch ihre Ausbildung in geschlechtlich gemischten Berufsfeldern absolvieren. Als Ursachen für die häufigeren Ausbildungsabbrüche und die erkennbar höheren Belastungen werden u.a. Diskriminierungserfahrungen im Ausbildungsbetrieb und in der Berufsschule, Geschlechterrollenkonflikte und mangelnde Unterstützung im sozialen Umfeld heraus gearbeitet.

Aber auch die Faktoren, die zur erfolgreichen Bewältigung der geschlechtsuntypischen Berufsausbildung beitragen, werden sowohl in den Re-Analysen als auch in der eigenen Erhebung thematisiert.

Seine theoretischen Analysen führen den Autor zum von ihm entwickelten „Modell der geschlechtsuntypischen Berufssozialisation“, das er anschließend empirisch überprüft. Das Modell umfasst drei Ebenen:

  1. Gesellschaft und Arbeitswelt
  2. Umfeld des Individuums
  3. Individuum

Da Arbeits- und Berufsbildungsmarkt geschlechtlich segregiert sind (Ebene 1), bedeutet die Entscheidung für einen geschlechtsuntypischen Ausbildungsberuf (Ebene 3) einen Normbruch in Blick auf gesellschaftliche Geschlechterrollenerwartungen. Die dadurch ausgelösten negativen Reaktionen, wie z.B. Diskriminierungen unterschiedlicher Art, müssen nun vom Individuum verarbeitet werden, wobei die Verarbeitungsmöglichkeiten stark von Personen des sozialen Umfeldes (Ebene 2) moderiert werden. – Zur Überprüfung der Einzelheiten dieses „sich selbst stützenden Kreislaufs von geschlechtlicher Segregation und Geschlechtsrollenerwartungen“ (S. 221) entwickelt der Autor sieben Hypothesen, die er mithilfe quantitativer Daten aus den von ihm sekundäranalytisch herangezogenen Studien und mithilfe der selbst durchgeführten Interviews überprüft. Im Wesentlichen findet er sein Modell bestätigt und formuliert im Schlusskapitel weitergehende Forschungsfragen.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet eine Fülle von Gesichtspunkten rund um den Themenbereich Berufliche Sozialisation und Geschlecht. Allerdings ist der Zusammenhang zur eigentlichen Fragestellung – den Besonderheiten der beruflichen Sozialisation in sog. geschlechtsuntypischen Ausbildungsberufen – nicht immer präzise nachzuvollziehen, da die gender- und sozialisationstheoretischen Ausführungen oft im Allgemeinen bleiben. Wenig befriedigend ist die Auswahl der herangezogenen Literatur, die z.T. deutlich veraltet ist und wichtige Weiterentwicklungen in den Gendertheorien nicht berücksichtigt, obwohl sie für die Fragestellung der Studie äußerst fruchtbar wären (z.B. die tendenzielle Ablösung des Modells der geschlechtsspezifischen durch das Modell der geschlechtlichen Sozialisation; die Bedeutung von Sex Categorization und Gender-Embodiment sowie des Gender Belief Systems für Prozesse der aktiven Herstellung von Geschlecht durch die Subjekte).

Auch das Kapitel 2.3 zur männlichen Hegemonie greift zwar ein wichtiges Stichwort auf, bleibt aber hinter dem Stand der Debatte zurück und zieht den Begründer / die Begründerin des Konzepts der hegemonialen Männlichkeit (Bob bzw. Raewyn Connell) nicht heran). Schließlich vermag auch die Re-Analyse der empirischen Daten nur teilweise zu überzeugen. Zu fragen wäre, ob es aktuellere Daten gegeben hätte; gewichtiger aber ist der Einwand, dass die genutzten Daten nicht immer stringent auf die Fragestellung der Studie bezogen werden können. Hierauf geht der Autor selbst in seinem reflexiven Schlusskapitel ein.

Die interessantesten Materialien und Einblicke in das Sozialisationsgeschehen und tatsächliche Erleben der jungen Frauen und Männer, die sich für geschlechtsuntypische Berufsausbildungen entschieden haben, bieten die vom Autor sorgfältig durchgeführten und ausgewerteten leitfadengestützten Interviews.

Fazit

Die vorliegende Studie kann den Blick für die Besonderheiten beruflicher Sozialisation in nicht geschlechtsrollen-konformen Ausbildungsberufen schärfen. Übertragbarkeiten vom schweizerischen auf den bundesdeutschen Kontext sind unschwer herzustellen. Das aus den Interviews gewonnene empirische Material bietet viele Ansatzpunkte zu weiterführenden Studien.


Rezensentin
Prof. em. Dr. Hildegard Mogge-Grotjahn
Bis März 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich 1: Soziale Arbeit, Bildung und Diakonie an der Evangelischen Fachhochschule RWL in Bochum
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Zitiervorschlag
Hildegard Mogge-Grotjahn. Rezension vom 14.11.2017 zu: Benno Rottermann: Sozialisation von Jugendlichen in geschlechtsuntypischen Berufslehren. Budrich UniPress (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-86388-759-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22856.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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