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Jonas Tesarz, Günter H. Seidler u.a.: Schmerzen behandeln mit EMDR

Cover Jonas Tesarz, Günter H. Seidler, Wolfgang Eich: Schmerzen behandeln mit EMDR. Das Praxishandbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2015. 258 Seiten. ISBN 978-3-608-94881-3. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 46,90 sFr.
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Thema

Seit 2013 wird EMDR von der WHO neben anderen Verfahren in allen Leitlinien bei posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) bei Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen empfohlen. EMDR zählt zu den effektivsten Psychotherapiemethoden bei diesem Krankheitsbild. EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, was übersetzt so viel bedeutet wie „Desensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen“. Auch Schmerzen werden als ein eigenständiges Trauma betrachtet, deshalb findet die EMDR-Therapie mittlerweile ebenfalls Einsatz bei zahlreichen Arten von chronischen Schmerzen. Klinische Studien zeigen, dass über 50 % der Betroffenen von einer nachhaltigen sehr starken Besserung oder Heilung ihrer Beschwerden sprechen. Das Buch (ist ein Fachbuch, aber auch für interessierte Patient*innen und Angehörige geeignet) enthält zahlreiche praktische Arbeitsmaterialen sowie Therapieprotokolle für die direkte Anwendung, fundiertes Informationsmaterial für Patienten und zahlreichen Anleitungen für Patienteneigenübungen mit wirksamen Techniken zur Schmerzkontrolle und Ressourcenaktivierung.

Autoren

  • Jonas Tesarz ist Arzt und Wissenschaftler am Universitätsklinikum Heidelberg, Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik.
  • Günter H. Seidler war von 2002 bis zum Eintritt in den Ruhestand im Sommer 2015 Leiter der Sektion Psychotraumatologie im Zentrum für Psychosoziale Medizin der Universitätsklinik Heidelberg.
  • Wolfgang Eich ist Arzt und Sektionsleiter der integrierten Psychosomatik an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik, Universitätsklinikum Heidelberg.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Festeinband erschienen und hat einen Umfang von 258 Seiten. Diese gliedern sich neben Vorwort und Einführung in vier Kapitel auf, die nicht durchnummeriert sind. Das Buch hält zahlreiche Übungsmaterialien und Kopiervorlagen bereit. Man findet ein Literaturverzeichnis und Literaturempfehlungen, Übersichtsarbeiten zu EMDR und Schmerz, schmerzspezifische EMDR – Protokolle, Hinweise auf kontrollierte Studien zu EMDR und Schmerz sowie Einzelfallberichte zu EMDR bei Schmerz.

Auf dem oberen linken Seitenrand befindet sich die jeweilige Kapitelüberschrift, auf dem rechten Rand die Überschrift der Unterkapitel bzw. der jeweiligen Abschnitte.

  • Was ist EMDR?
  • EMDR und Schmerz
  • Vor Beginn der Behandlung
  • Die Behandlung: Das EMDR – Schmerzmanual
  • Übungsmaterialien und Kopiervorlagen

Es beginnt mit der Frage Was ist EMDR? Ein kurzer Abriss gibt einen Überblick, woher EMDR kommt, anschließend werden die Kernelemente von EMDR behandelt. Eine EMDR – Therapie umfasst acht Phasen.

  1. Erhebung der Vorgeschichte, Diagnostik und Behandlungsplanung,
  2. Vorbereitung und Stabilisierung des Patienten,
  3. Bewertung einer belastenden Erinnerung,
  4. Desensibilisierung und Durcharbeitung,
  5. Verankerung,
  6. Körpertest,
  7. Abschluss und
  8. Nachbefragung.

Das Kapitel endet mir der Fallvignette von Frau K. und der Beschreibung einer Traumafolgestörung nach Herzrhythmusstörungen.

Im Anschluss wird das Thema EMDR und Schmerz behandelt und besprochen, warum EMDR bei Schmerz eingesetzt werden kann. Die Begründung liegt darin, dass EMDR bei Schmerz wirkt, weil ein Zusammenhang zu neuronalen Netzwerken und dem Schmerzgedächtnis besteht. Hier geht es auch um den Einfluss des Traumas auf den Schmerz und den Schmerz als eine Traumafolgestörung. In diesem Kapitel wird das sog. „Hypermnesia-Hyperarousal-Modell“ vorgestellt.

Vor Beginn der Behandlung sollten einige Dinge beachtet werden wie allgemeine Vorüberlegungen. EMDR ist einsetzbar bei Schmerz mit und ohne Vorliegen traumatischer Erinnerungen, das belegen viele Fallbeispiele, die hier nachzulesen sind. In Kurzform werden Voraussetzungen und Kontraindikationen zur Behandlung mit EMDR aufgezeigt sowie Hinweise zur körperlichen Stabilität, zur sozialen Stabilität und zur psychischen Stabilität gegeben.

Anschließend steht die Behandlung: Das EMDR-Schmerzmanual im Fokus. Man beginnt mit dem Ausgangsthema und dem EMDR-Therapiefokus, mit traumatischen Erinnerungen und schmerzassoziierten Erinnerungen sowie dem aktuellen Schmerz. In diesem Teil werden die acht Phasen der Traumatherapie ausführlich besprochen und mit Fallvignetten unterfüttert.

  • Phase 1: Anamnese und Behandlungsplanung: In dieser ersten Phase erfolgt eine Anamnese in Bezug auf eine Schmerzanamnese, eine Traumaanamnese und eine Ressourcenanamnese. Im Anschluss daran wird ein Behandlungsplan entwickelt.
  • Phase 2: Stabilisierung und EMDR Vorbereitung: In dieser Phase stehen die Verbesserung der Distanzierungsfähigkeit, patientenedukative Informationen und die Themen innere Sicherheit und Stabilität im Fokus. Es geht darum, Motivation zu schaffen und herauszuarbeiten, welche Bedeutung körperliche Aktivität hat.
  • Phase 3: Bewertungsphase: Diese Phase beginnt mit dem Ausgangsbild (Target) und der Herausarbeitung der sog. negative Selbstkognition, an die sich die Erarbeitung der sog. positiven Selbstkognition und deren Validierung anschließt, indem sie mit dem VoC (Grad der Stimmigkeit der positiven Kognition) beziffert wird, Schmerz und die Emotionen werden mit dem SUD bzw. SUP bewertet.
  • Phase 4: Desensibilisieren und Reprozessieren: Im Mittelpunkt stehen der duale Aufmerksamkeitsfokus, die Wahrnehmung und Verbalisierung der erlebten Inhalte und der Umgang mit Schwierigkeiten.
  • Phase 5: Verankerung: In dieser Phase werden klassische Installation der positiven Kognition sowie die Installation einer positiven Kognition auf der Basis einer positiven Körperressource, die Installation einer positiven Kognition durch sog. Antidot-Imagination und das Finden eines positiven Abschlusses ohne Installation einer Kognition bearbeitet.
  • In Phase 6 ist ein Körpertest angesiedelt,
  • Phase 7 bildet den Abschluss und
  • Phase 8 dient der Überprüfung und Neubewertung.

Das Buch schließt mit Übungsmaterialien und Kopiervorlagen, hier befinden sich verschiedene Protokolle z.B. ein Standardprotokoll zur Fokussierung traumaassoziierter Erinnerungen zum Schmerz (TAP), ein Schmerzprotokoll zur Fokussierung schmerzassoziierter Erinnerungen (PAP) und ein Schmerzprotokoll zur Fokussierung aktueller Schmerzen (CUP).

Darüber hinaus gibt es diverse Anleitungen für Ressourcenübungen, Selbstkontrolltechniken und Edukationsmaterial für Patient*innen.

Zu den Ressourcenübungen gehören: eine Patientenversion für den sog. sicheren Ort, eine Version für den inneren Wohlfühlort, eine Version für die Lichtstrahlübung, eine Version für den Aufbau einer positiven Körperressource, man findet eine Anleitung für die sog. Tresorübung, eine für die 5-4-3-2-1-Übung, eine für die sog. Antidot-Imagery-Übung, die ihrerseits aus fünf Schritten besteht.

Anschließend werden zwei Techniken zur Selbstkontrolle – eine Patientenversion zur Schmerzprovokation-Reduktionsübung und eine Anleitung für die Absorptionsübung – vorgestellt.

Weiteres Edukationsmaterial für Patientinnen und Patienten sind Informationen zur neurophysiologischen Basis der Schmerzwahrnehmung und Schmerzmodulation, Informationen zum Schmerzgedächtnis und zu Erinnerungsprozessen sowie Informationen zu EMDR und der adaptiven Informationsverarbeitung.

Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis und Literaturempfehlungen, die Übersichtsarbeiten zu EMDR und Schmerz, schmerzspezifische EMDR-Protokolle, Hinweise auf kontrollierte Studien zu EMDR und Schmerz sowie Einzelfallberichte zu EMDR bei Schmerz.

Diskussion

Dieses Praxishandbuch ist mittlerweile in der dritten Auflage erschienen. Die Seiten sind eng beschrieben und mit zahlreichen Abbildungen und Tabellen sowie Fußnoten unterfüttert. Der Praxisbezug wird durch die eingestreuten Fallbeispiele gesichert, die heben sich durch Einrückung vom Fließtext ab.

Chronische Schmerzen sind oft schwer zu behandeln und führen bei Betroffenen zu einem hohen emotionalem Leid. Menschen haben ein Schmerzgedächtnis, in dem dysfunktionale Gedächtnisprozesse und emotionales Leid gespeichert werden. Dieses hat einen entscheidenden Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung. Zahlreiche Fallberichte berichten laut Aussage der Autoren von z.T. spektakulären Erfolgen in der Behandlung von Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, muskuloskelettaler Schmerzen, Phantomschmerzen und somatoformen Schmerzsyndromen. Eine Schmerzpsychotherapie ist mittlerweile fester Bestandteil jedes modernen multimodalen Behandlungskonzeptes bei Schmerzpatienten. Die meisten psychotherapeutischen Methoden zeigen bisher keine befriedigenden Behandlungsergebnisse, da sie meist nur eine geringe Wirkung auf den Schmerz selbst haben. EMDR zeigt sich als ein vielversprechender innovativer Behandlungsansatz in der Therapie chronischer Schmerzen und bietet eine niederschwellige Therapieform für alle Arten chronischer Schmerzsyndrome.

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, übersetzt „Desensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen“. EMDR ist eine wissenschaftlich anerkannte Methode, die ursprünglich für die Verarbeitung von emotionalem Stress aus erlebten traumatischen Ereignissen entwickelt wurde. EMDR hat sich seit der Entwicklung durch die Psychologin Francine Shapiro in den 1980er Jahren rasant verbreitet. Zu dem Buch von Francine Shapiro: EMDR-Grundlagen und Praxis. Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2013. 2., überarbeitete Auflage. 543 Seiten. ISBN 978-3-87387-873-0 [Rezension bei socialnet]. 49,90 EUR kann eine Rezension unter www.socialnet.de/rezensionen/17442.php nachgelesen werden.

Im Unterschied zu Shapiro sprechen die Autoren nicht mehr von „bilateraler Stimulation“, sondern von „bilateraler Provokation“ (S. 19). Sie haben die Erfahrung gemacht, dass der Begriff der Stimulation in der täglichen Arbeit einen seltsamen Beiklang hatte. Ich persönlich ziehe den Begriff „Stimulation“ vor, der Begriff „Provokation“ geht mit einem negativen Beiklang einher. Es handelt sich bei beiden Begriffen aber um die gleiche Technik, nämlich der Applikation eines äußeren Stimulus.

Bei Shapiro hatten die Augenbewegungen einen hohen Stellenwert. Mittlerweile hat sich EMDR weiterentwickelt und es hat sich gezeigt, dass auch taktile oder auditive Stimuli induzierbar sind. Die Autoren stellen fest, dass nicht die Augenbewegungen selbst der Kern sind, sondern das Prinzip der „dualen Aufmerksamkeitsfokussierung“ (S. 19) welches die Verarbeitung auslöst. Mittels der dualen Aufmerksamkeitsfokussierung konzentriert sich die behandelte Person gleichzeitig auf bestimmte Anteile der belastenden Erinnerungen und auf die Stimuli (visuell oder taktil oder auditiv) von außen. Dadurch wird im Gehirn ein Prozess der Informationsverarbeitung angestoßen, durch den eine rasche Entlastung spürbar wird. Von Francine Shapiro übernommen wurde das strukturierte Verfahren mit den acht Phasen, in deren Verlauf verschiedene Techniken eingesetzt werden. Das Vorgehen, bei dem der behandelnde EMDR Therapeut den Patienten lediglich bei den Bearbeitungsphasen dabei unterstützt, das Material in angemessener Weise zu fokussieren, prägt den patientenzentrierten Charakter des Verfahrens. Somit kann der Patient autonom entscheiden, an welchen Themen er weiterarbeiten möchte.

Fazit

EMDR ist eine in der Traumatherapie seit langem bewährte evidenzbasierte Methode und wird neben anderen Verfahren in allen Leitlinien bei psychischen Traumata und Traumafolgestörungen empfohlen. Auch Schmerz kann als ein eigenständiges Trauma betrachtet werden. Deshalb findet die EMDR-Therapie mittlerweile ebenfalls Einsatz bei zahlreichen Arten von chronischen Schmerzen. Klinische Studien zeigen, dass über 50 % der Betroffenen von einer sehr starken Besserung oder Heilung ihrer Beschwerden sprechen, beeindruckende Werte im Vergleich zu anderen Therapien. Das Buch enthält zahlreiche praktische Arbeitsmaterialen, einschließlich Therapieprotokollen für die direkte Anwendung, fundiertem Informationsmaterial für Patienten sowie zahlreichen Anleitungen für Patienteneigenübungen mit wirksamen Techniken zur Schmerzkontrolle und Ressourcenaktivierung.

Das Buch wird als erstes deutschsprachige Buch zur Schmerztherapie mit EMDR angekündigt. Es stellt einen praxisorientierten, wissenschaftlich fundierten Leitfaden für die tägliche Anwendung dar, der bisher fehlte, obwohl EMDR in der Behandlung chronischer Schmerzen bereits seit Anfang der 90er Jahre sehr erfolgreich eingesetzt wird und die Wirksamkeit inzwischen in klinischen Studien mehrfach belegt ist. Dieses, für einen breiten Leserkreis bestimmte Buch, gibt einen fundierten Einblick in die Anwendung von EMDR in der Behandlung chronischer Schmerzpatienten (sowohl für Behandelnden als auch Patienten) und damit einen ermutigenden Einblick in diese EMDR-basierte Schmerztherapie.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 02.10.2017 zu: Jonas Tesarz, Günter H. Seidler, Wolfgang Eich: Schmerzen behandeln mit EMDR. Das Praxishandbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-608-94881-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22861.php, Datum des Zugriffs 14.12.2017.


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