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Hemma Mayrhofer (Hrsg.): Wirkungsevaluation mobiler Jugendarbeit

Cover Hemma Mayrhofer (Hrsg.): Wirkungsevaluation mobiler Jugendarbeit. Methodische Zugänge und empirische Ergebnisse. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 378 Seiten. ISBN 978-3-8474-2140-5. D: 38,00 EUR, A: 39,10 EUR.
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Thema

Die durch das österreichische Sicherheitsforschungsförderprogramm „KIRAS“ finanzierte Studie versucht die Wirkungen mobiler Jugendarbeit als ein „…aufsuchendes, lebensweltorientiertes soziales Unterstützungs-, Beratungs- und Hilfsangebot…“ (S. 15) einer „besonders vulnerable Zielgruppe“ (S. 15) zu untersuchen. Das komplexe Forschungsdesign ist anspruchsvoll und stellt einen Mix aus fünf methodischen Zugängen da, die mit zwei großen Kooperationspartnern an verschiedenen Orten in Österreich durchgeführt worden sind.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Dr. Hemma Mayrhofer kommt vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie in Österreich – dies lässt einen kriminologischen Blick auf die mobile Jugendarbeit als kriminalpräventive Strategie erwarten, stattdessen findet man eine sehr differenzierte sozialwissenschaftlich und auch sozialpädagogisch argumentierende Studie, die weit über die bisherigen Studien zur Wirkung mobiler Jugendarbeit hinausgeht.

Aufbau und Inhalt

Bei der Deutschen Nationalbibliothek lässt sich das vollständige Inhaltsverzeichnis einsehen.

In ihrer Einleitung stellt Frau Mayrhofer mobile Jugendarbeit als einen Ansatz dar, der sich an „Jugendliche mit prekären gesellschaftlichen Inklusionschancen und in sicherheitsriskanten Lebenslagen“ richtet. Die zu erwartende Engführung findet allerdings nicht statt, stattdessen versucht die Herausgeberin eine Forschungsperspektive zu vermeiden, „die Jugendliche als homogene soziale Gruppe und als gesellschaftliches Problem wahrnimmt“ (S. 19). Gleichzeitig wird mobile Jugendarbeit aber auch als „mehrdimensionale Sicherheitsmaßnahme“ charakterisiert, sodass insgesamt ein etwas heterogener Eindruck entsteht, bezogen auf die Ansatzpunkte der Studie. Intensiv setzt sich die Herausgeberin mit den bisherigen Ansätzen zur mobilen Jugendarbeit auseinander, mit deren Geschichte und der immer wieder zu hinterfragenden Definition von Arbeitsformen, die in der Entwicklung der mobilen Jugendarbeit immer schon kontrovers diskutiert wird. Außerdem geht Hemma Mayrhofer breit auf die Wirkungsorientierung in der Sozialen Arbeit sowie den Forschungsstand zur Wirkungsevaluation in der mobilen Jugendarbeit ein.

In Kapitel 2 (Forschungsdesign und Methodik) entfaltet die Herausgeberin nun ihr beeindruckendes Instrumentarium, das ein breites Spektrum verschiedener Erhebungsverfahren mit einem interessanten sozialräumlichen Fokus darstellt. Nicht nur die verschiedenen Methoden wie narrative Interviews, Fragebogenerhebungen bei Jugendlichen, sozialräumliche Fallstudien und Netzwerkanalysen sind hochinteressant, sondern auch der Fokus auf sowohl großstädtische Bereiche in Wien, als auch ländlich geprägte Regionen in Niederösterreich. Aufschlussreich ist auch der Feldzugang der Forscher/innen und ihre Einbeziehung der Praxis durch Workshops zur kooperativen Wissensbildung, die die Praxis eben nicht nur beforscht, sondern auch in den Forschungsprozess aktiv mit einbezieht. Zentraler Baustein der Wirkungsevaluation ist eine standardisierte Befragung von Jugendlichen, die Angebote der mobilen Jugendarbeit an vier Standorten in Wien und in Niederösterreich nutzen.

Die Ergebnisse werden im Kapitel 5 ausgebreitet und zeigen die Unterschiedlichkeit zwischen großstädtischen und ländlichen Projekten, den familiären und schulischen Hintergrund der 130 befragten Jugendlichen, ihre Freizeitaktivitäten, die Zusammensetzung ihrer Peergroups sowie deren Herkunft auf. Im Mittelpunkt steht die Nutzung der mobilen Jugendarbeit, d.h. die Dauer des Kontaktes zu den Einrichtungen und die Beziehungsqualität sowie die mögliche Erweiterung von Freizeitmöglichkeiten. Die Ergebnisse (Zusammenfassung ab S. 111 ff.) werden von den Autor/innen als „Annäherung an die vielfältigen Wirkmöglichkeiten der mobilen Jugendarbeit“ bewertet (S. 111). Sie zeigen, dass die mobile Jugendarbeit tatsächlich erfolgreich Zielgruppen erreicht, die sonst nur schwer von Institutionen angesprochen werden können. Selbstwirksamkeit wird erfahrbar durch die Nutzung vielfältiger Aktivitäten, aber auch das Verhalten in Konfliktsituationen oder der Abbau von diskriminierendem Verhalten kann durch die mobile Jugendarbeit positiv beeinflusst werden. Trotzdem sprechen die Autor/innen von zahlreichen Einschränkungen eines Instrumentes, das als tendenziell unterkomplexes „Erhebungsinstrument“ eingeschätzt werden muss.

Die methodisch sehr breite Anlage der Studie wird mit biografischen Fallkonstruktionen in den nächsten Kapiteln deutlich. In Kapitel 6 stellt Hemma Mayrhofer den Forschungsansatz vor, bei dem es darum geht, „die subjektiven Erfahrungen von ehemaligen Nutzer/innen zu erschließen…“ (S. 117).

In Kapitel 7 und 8 folgen jetzt zwei der insgesamt neun biografischen Fallrekonstruktionen, bei denen wir zunächst sehr viele Details zu Kindheit und Jugendzeit der beiden Personen erfahren. Im Mittelpunkt steht aber dann der Kontakt und die Erfahrungen mit der mobilen Jugendarbeit. Auch hier wird deutlich, dass die mobile Jugendarbeit „zu einem wichtigen Bezugs- und Ankerpunkt im Leben von Jugendlichen werden kann“ (S. 162), aber es werden auch Grenzen deutlich, etwa die Belastbarkeit der Beziehungen zwischen Jugendlichen und Fachkräften oder das Problem von Nähe und Distanz. Sehr informativ an diesen beiden Kapiteln sind die letzten Teile, in denen jeweils aus den Workshops mit Fachkräften Einschätzungen vorgestellt werden, die sich anscheinend aus der Präsentation der Fallstudien mit den Fachkräften ergeben haben. Diese Einschätzungen fallen etwas kurz aus und hätten vielleicht auch noch einige Erklärungen nötig gemacht, sind aber interessant, weil sie den Forschungsansatz bebildern und die Fachkräfte in den Prozess der Forschung direkt mit einbeziehen.

Kapitel 9 beschäftigt sich nun mit der Methodik von vier sozialräumlichen Fallstudien, in deren Mittelpunkt teilnehmende Beobachtungen der Fachkräfte bei ihren Arbeitseinsätzen stehen. Hiermit sollte „der berufliche Alltag mit möglichen Wirkeffekten erfasst werden“ (S. 165). Auch hier zeigt sich wieder die Differenziertheit der methodischen Anlage in dieser Studie.

Trotz minutiöser Beobachtungen in der ersten Fallstudie (Kapitel 10) bleiben die Erkenntnisse relativ sparsam, was aber nicht dem Instrumentarium geschuldet ist und die Forscher/innen stellen fest: Insofern sind die Möglichkeiten, daraus Erkenntnisse über die tatsächlichen Wirkungen zu gewinnen, äußerst begrenzt.

Deutlich anders angelegt ist die in Kapitel 11 beschriebene Fallstudie zu Outreach-Angeboten im ländlichen Raum, bei der wieder Arbeitsweisen und Wirkmöglichkeiten systematisch erfasst werden. Hier geht es um die Schwierigkeiten zwischen Jugendlichen, Anwohnern und der Kommune. Lehrreich an der Darstellung sind auch die eingestreuten Ergebnisse aus Workshops mit dem Trägerverein. Hier wird die schwierige Stellung der mobilen Jugendarbeit zwischen den Jugendlichen mit ihren Interessen und Bedürfnissen, aber auch Grenzverletzungen, Drogenmissbrauch etc. und den erwachsenen Anwohnern und der Kommunalpolitik sehr plastisch (vgl. hierzu meine Veröffentlichung „Betreten erlaubt“, www.socialnet.de/rezensionen/7461.php).

Eine weitere Fallstudie beschäftigt sich in Kapitel 12 mit der Vorbereitung, Durchführung und Reflexion eines Events im ländlichen Raum, das im Wesentlichen von der mobilen Jugendarbeit und den Jugendlichen organisiert wird. Interessant ist die Zusammenfassung der rekonstruierbaren Wirkweisen und Wirkungszusammenhänge auf Seite 261. Hier unterscheiden die Autor/innen zwischen „intendierten Wirkungen“ und solchen, die nicht direkt beobachtbar waren, aber teilweise über die ethnographischen Interviews empirisch erfasst wurden und drittens „explizit beobachtbare Wirkungen“ (S. 262). Es wird weiter unten noch zu diskutieren sein inwieweit solche Wirkungen tatsächlich einen Beitrag zu einer Wirkungsevaluation mobiler Jugendarbeit leisten können.

Die letzte Fallstudie in Kapitel 13 zeigt noch einmal eine typische Situation, in der die mobile Jugendarbeit als Interessenvermittlung zwischen Anrainer/innen und Jugendlichen auftritt und die Rolle eines Mediators einnimmt. Die Verfasserin spricht davon, dass die Fallstudie „die Wirkmöglichkeit mobiler Jugendarbeit in solchen für die kommunale Ebene typischen Spannungsfeldern exemplarisch aufzeigt“ (S. 272).

Kapitel 14 stellt die Methode der Netzwerkanalyse dar, die sich allerdings, so wie sie geplant war, als undurchführbar erwies. Stattdessen müssen sich die Forscher/innen auch hier auf die sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen der Projekte einstellen und führen die Methode nun als qualitative Netzwerkforschung durch, in der deutlich wird, wie gut die jeweiligen Projekte der Jugendarbeit in ihren Sozialräumen vernetzt sind. Die Beschreibung zeigt in eindrucksvoller Weise, wie die Forscher/innen auch in der Lage sind Schwächen und Rückschläge zu beschreiben und diese in dem Band offen zu diskutieren.

Aus dem Rahmen der bis auf eine Ausnahme qualitativen Forschungsmethoden fällt Kapitel 15, in dem Andreas Bengesser eine Teilstudie einer Kriminalstatistik vorstellt, in der es um die Wirkungsevaluation mobiler Jugendarbeit anhand von Daten des Sicherheitsmonitors geht (S. 287 ff.). Hier wurde anhand von acht Einsatzregionen der mobilen Jugendarbeit untersucht, ob durch deren Einsatz die Kriminalitätsraten zurückgehen. Hier sind wir auf einmal mitten in einer hochkomplizierten quantitativen Auswertung polizeilicher Statistiken in Regressionsanalysen, die sehr anspruchsvoll sind und zu durchaus interessanten Ergebnissen führen. Der Verfasser kommt zu dem Ergebnis, dass bei Interventionen durch die mobile Jugendarbeit ein Rückgang von Deliktzahlen zu verzeichnen ist (vgl. S. 305).

Trotzdem räumt der Autor am Ende seines Beitrags auch ein, dass solche Berechnungen zugleich keine Erkenntnisse darüber anbieten, wie mobile Jugendarbeit wirkt. Hierzu braucht es andere methodische Zugänge, wie sie im Projekt „Ja_sicher“ auch umgesetzt wurden. „Die wirkungsbezogenen Analysen der Daten des Sicherheitsmonitors stellen in diesem Sinne eine gewinnbringende Ergänzung des breiten Methodenspektrums des Forschungsdesigns dar“ (S. 309).

Der dritte Teil des Buches bringt nun Zusammenfassungen und eine Gesamtreflexion der methodischen Zugänge und empirischen Ergebnisse. Es wird deutlich, wie ambivalent auch die Herausgerberin die Ergebnisse beurteilt, wenn sie einerseits davon spricht, dass das Forschungsprojekt „Ja_sicher“ als in der Summe gelungen bezeichnet werden kann: „Denn die unterschiedlichen methodischen Annäherungen ermöglichen in ihrer Kombination sehr umfassende und aussagekräftige Erkenntnisse zu den Wirkungen mobiler Jugendarbeit“ (S. 313). Andererseits hält sie das untersuchte Feld für so komplex, dass valide Wirkungsnachweise an vielen Stellen nicht möglich waren.

Die schon in der Beschreibung der einzelnen Kapitel skizzierten Wirkungserkenntnisse werden in der Zusammenfassung ab Seite 320 noch einmal konzentriert wiedergegeben und vermitteln insgesamt ein Bild der mobilen Jugendarbeit, das sie als niedrigschwelligen, äußerst flexiblen Arbeitsbereich kennzeichnet, der jenseits von Institutionen Jugendliche im öffentlichen Raum erreicht, zu ihnen Beziehungen aufbaut und ihre Lebenssituation zu verbessern in der Lage ist. Auch wirkt sie als intermediäre Instanz zwischen den unterschiedlichen Interessengruppen der Jugendlichen, Anwohnern und Kommunen.

Auch mit den am Schluss noch formulierten Empfehlungen zeigt die Studie ihre hohe Praxisrelevanz und einen Forschungsansatz, der sehr offen und flexibel war und auch die Fachkräfte bzw. Träger der mobilen Jugendarbeit in den Prozess aktiv mit einbezogen hat, insbesondere mit der Durchführung von Workshops.

Fazit

Bemerkenswert ist insgesamt, wie selbstkritisch die Autor/innen die von ihnen eingesetzten Methoden beschreiben und deren Chancen und Probleme diskutieren. Dadurch ist das Buch auch für andere Forschungen interessant, die in ähnlichen Feldern unterwegs sind und mit ähnlichen Problemen zu arbeiten haben.

Getrübt wird der Gesamteindruck des Buches etwas durch seine schwere Lesbarkeit, die zum Teil den Eindruck vermittelt, dass man kein Fachbuch liest, sondern einen komplizierten Forschungsbericht, bei dem es auch einige Wiederholungen und Doppelungen gibt.

Davon abgesehen stellt die Studie eine der wenigen wirklich umfassenden Wirkungsstudien im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit dar und strahlt deshalb auch über den relativ kleinen Bereich der mobilen Jugendarbeit hinaus. Sie ist auch ein gelungener Beitrag, um die Wirkungsdiskussion in der Kinder- und Jugendarbeit und anderen Feldern der sozialen Arbeit voranzutreiben.


Rezensent
Dr. rer.soc. Ulrich Deinet
Dipl.-Pädagoge, Professur für Didaktik/Methodik der Sozialpädagogik an der Hochschule Düsseldorf, Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und –Entwicklung (fspe@hs-duesseldorf.de); Mitherausgeber des Online-Journals „Sozialraum.de“. Arbeitsschwerpunkte: Kooperation von Jugendhilfe und Schule, Sozialräumliche Jugendarbeit, Sozialraumorientierung, Konzept- und Qualitätsentwicklung
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Zitiervorschlag
Ulrich Deinet. Rezension vom 06.03.2018 zu: Hemma Mayrhofer (Hrsg.): Wirkungsevaluation mobiler Jugendarbeit. Methodische Zugänge und empirische Ergebnisse. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-2140-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22863.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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