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Zentralinstitut für Sepulkralkultur Kassel (Hrsg.): Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur

Cover Zentralinstitut für Sepulkralkultur Kassel (Hrsg.): Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2016. 265 Seiten. ISBN 978-3-943787-53-5. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.

Wörterbuch zur Sepulkralkultur. Band 5: Biographien.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das „Große Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur“ ist ein auf fünf Bände angelegtes „Wörterbuch zur Sepulkralkultur“:

  • Der erste Band erschien 2002 („Volkskundlich-kulturgeschichtlicher Teil: Von Abdankung bis Zweitbestattung“),
  • der zweite 2005 („Archäologisch-kunstgeschichtlicher Teil: Von Abfallgrube bis Zwölftafelgesetz“),
  • der dritte 2010 („Praktisch-aktueller Teil: Von Abfallbeseitigung bis Zwei-Felder-Wirtschaft“).
  • Nunmehr also der 5. Band: „Biografien“.
  • Der noch nachzutragende 4. Band („Musik, Literatur, Medien“) soll in absehbarer Zeit herauskommen.

Autoren und Autorinnen

Unter der Federführung von Rainer Sörries (Direktor des Zentralinstituts und Museums für Sepulkralkultur in Kassel) haben Norbert Fischer (Sozial- und Kulturhistoriker), Stephan Hadraschek (u.a. Redakteur der Zeitschrift „Friedhof und Denkmal“), Barbara Leisner (Kunst- und Kulturhistorikerin), Jane Redlin (Ethnologin und Historikerin), Andreas Ströbl (Archäologe und Kunsthistoriker) und Uli Wunderlich (u.a. Präsidentin der Europäischen Totentanz-Vereinigung e.V.) den Band erarbeitet.

Personenlexikon

Das Buch ist von A bis Z jenen Frauen und Männern gewidmet, deren Wirken in den Bereichen der Sterbe-, Bestattungs-, Friedhofs-, Trauer- und Erinnerungskultur außerordentlich bedeutsam war und ist. Besonders jene Persönlichkeiten werden hervorgehoben, die in innovativer Weise die Sepulkralkultur, gelegentlich auch „Funeralkultur“ genannt, beeinflusst haben. Sie werden in kurzen biografischen Porträts vorgestellt.

Personalisiertes Wissen

Die häufigsten Stichwörter in diesem Lexikon sind „Sterben“, „Leiche“, „Trauer“, „Bestattung“, „Friedhof“, „Grabmal“, „Hospiz“. Aber wer war der Begründer der Hospizbewegung? Wir erfahren, dass es Cicely Mary Saunders (1918-2005) war. Viel Städteplanerisches, Architektonisches, Landschaftsbauliches und Gärtnerisches erfahren wir über Friedhöfe. Aber wer war der „Erfinder“ der heute viel nachgefragten Alternative des „Friedwaldes“? Wir erfahren, dass es Ueli Sauter (geb. 1941) ist, der sich 1999 die Einrichtung eines Naturbegräbnisplatzes unter dem Namen „Friedwald“ patentieren ließ.

Die modernen Bestattungsformen sind zahlreich. Erd-, Feuer- und Seebestattung sind weit verbreitet und kommerzialisiert; die Kirchenbestattung in so genannten „Kolumbarien“ kommt heute hinzu. Wer aber gilt als „Nestor der Feuerbestattung“? Richard Schneider (Geburtsjahr unbekannt, gestorben um 1830) war es; er hat den ersten funktionstüchtigen Kremationsofen gebaut.

Felix Adler (1851-1933), Professor für hebräische und orientalische Literatur, gilt als der erste prominente Vertreter des „assistierten Suizids“, der zugleich eine strenge Trennlinie zwischen legalisierter Beihilfe zum Selbstmord und verbrecherischer Euthanasie zog.

Die Sterbe- und Trauerforschung ist durch Namen wie Sigmund Freud, Elisabeth Kübler-Ross, George Bonanno, Verena Kast und Daniel Kessler repräsentativ vertreten. Wir erfahren von Pionieren, die ein „Café Tod“ (auch: „Death Cafe“, „Café Mortel“) als Treffpunkt für Menschen eingerichtet haben, die über den Tod in entspannter Atmosphäre reden möchten. Von Künstlern wie Sophie Calle und Bill Viola ist die Rede, die als erste das Sterben eines Menschen filmisch festgehalten und als Kunstwerk präsentiert haben.

Dass der Tod Gegenstand satirischer Unterhaltung sein kann, wird mit dem Namen Rainer Pause und dessen Kabarett „Tod im Rheinland“ belegt; aber auch der Anatom und Mediziner Gunther von Hagens (bürgerlich: Gunther Liebchen) und seine Ausstellung „Körperwelten“ gehört hierher.

Fritz Roth

Der seitenmäßig längste Eintrag gebührt dem Namen Fritz Roth (1949 – 2012), der uns als „Deutschlands populärster und medial präsentester Bestatter“ vorgestellt wird. Auf dem Weg, ein Klostermönch zu werden, wurde er ein tiefsinniger Entertainer des Endes, der seinen eigenen Krebstod unübersehbar inszenierte: ein kantiger, knallroter Sarg, der von einer bunt uniformierten Garde von Karnevalisten getragen wurde und den zweitausendfünfhundert Trauergästen zu einem lachenden und einem weinenden Auge verhalf. Fritz Roth war das Enfant terrible der Branche. Er nannte sich „Trauerbegleiter“; sein Bestattungsinstitut im Bergischen Land hieß wahlweise „Haus der menschlichen Begleitung“ oder „Landhotel der Seele“. Angeschlossen war eine „Trauerakademie“. Trauernden Kindern und Jugendlichen widmete er seine „Villa Kunterbunt“. Er bekämpfte den Friedhofszwang und betrieb einen privatwirtschaftlichen „Garten der Bestattung“. – Ein würdiger Kandidat, um auf drei Seiten des Lexikons vertreten zu sein, während die meisten mit einer knappen halben Seite Vorlieb nehmen müssen.

Neologismen und Kuriosa

Claudia Cardinal (geb. 1955) hat sich als Sterbebegleiterin das Wort „Sterbeamme“ schützen lassen; anderen nennen sich „Fährfrau“, weil sie, Flößerinnen gleich, der sterbenden Person bei ihrer Überfahrt in eine andere Welt zur Seite stehen.

Überhaupt sind zahlreiche Wortneuschöpfungen in dem Lexikon zu entdecken. Jorgos Canacakis (geb. 1935) hat sich vom Opernsänger zum „Trauer-Agogen“ entwickelt und zugleich die „Myragogik“ erfunden, eine Form der Lebens- und Trauerbegleitung. Da Frauen anders sterben als Männer, Heterosexuelle anders als Homosexuelle, wird auch die angemessene Bestattung zum Problem. Einige Bestatter haben daraufhin als erstes die Berufsbezeichnung gestrichen und nennen sich jetzt „Ritualdesigner“.

Häufig treffen wir in dem Buch auf die drei Buchstaben AFD. Wir lernen, dass darunter nicht die junge politische Partei zu verstehen ist, sondern die alt eingesessene, seit 1954 bestehende „Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal“.

Zu den eher kuriosen Einträgen zählt wohl der Name Ingo Marx (geb. 1978); es handelt sich um den Besitzer der weltweit größten Sammlung ausgedienter Leichenwagen.

Kleine Malheurs

Der Bestattungs-Ökologe und Erfinder des wiederverwendbaren „Doppelsarges“, Gerhard Fabritz, ist nicht „1988“ geboren, sondern 1938. Der Berliner Architekt Heinrich Straumer, Mitbegründer des „Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ hat nicht den „Berliner Fernsehturm“ geschaffen, sondern den Berliner Funkturm. Nachlässigkeiten dieser Art finden sich einige; aber sie sind nicht so häufig, dass sie stören.

Fazit

Der englische Anthropologe Geoffrey Gorer (1905-1985) vertritt die These, der Tod habe den Sex als Tabu-Thema abgelöst. Sex sei inzwischen salonreif, während die Aspekte des Sterbens und des Todes regelrecht gemieden würden. Das vorliegende Buch wie das gesamte „Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur“ kann auch als ein Beitrag zur Enttabuisierung des Themas gelesen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 27.09.2017 zu: Zentralinstitut für Sepulkralkultur Kassel (Hrsg.): Großes Lexikon der Bestattungs- und Friedhofskultur. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-943787-53-5. Wörterbuch zur Sepulkralkultur. Band 5: Biographien. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22869.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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