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Hans Heß (Hrsg.): Erzählbar II (Seminar und Coaching)

Cover Hans Heß (Hrsg.): Erzählbar II. 112 Top-Geschichten für den professionellen Einsatz in Seminar und Coaching. managerSeminare Verlags GmbH (Bonn) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-3-95891-018-8. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR.
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Thema

Es werden 112 Geschichten unterschiedlicher Trainer*innen, Berater*innen und Coachs präsentiert, die sie für besonders geeignet in der Trainings- und Beratungspraxis halten. Darüber hinaus wird erläutert, für welche Kontexte sich die jeweilige Geschichte insbesondere eignet. Sie weisen zudem auf bevorzugte Einsatzmöglichkeiten, Besonderheiten und hilfreiche Reflexionsfragen hin.

Autor

Der Herausgeber Hans Heß ist u.a. Trainer, Redner, Coach und Fachautor.

Aufbau und Inhalt

Die Erzählbar II bietet für den Einsatz in Seminar-, Trainings-, Beratungs- und Coachingkontexten 112 Geschichten, die entweder anekdotischen Charakter haben können, Variationen von orientalischen Geschichten oder (Kunst-)Märchen sein können, Nacherzählungen von beispielhaften „lehrreichen“ Begebenheiten aus dem Berufs- oder Familienalltag oder auch Fabeln.

Zu Beginn werden – wie auch schon im Vorgängerband – in einer übersichtlichen Matrix, dem sog. „Schnellfinder“, alle Erzählungen und Geschichten einem Kontext bzw. Anlass für den möglichen Einsatz zugeordnet. Relevante Kategorien sind dabei:

  • Verkauf/Verhandlung
  • Führung
  • Teamentwicklung
  • Change-Management
  • Kommunikation
  • Innovation/Kreativität
  • Organisationsentwicklung
  • Entwicklung der Persönlichkeit
  • Reflexion
  • Motivation und positives Denken
  • Perspektivenwechsel
  • Wahrnehmung und Akzeptanz
  • Beziehungsgestaltung
  • Life Balance und Stressbewältigung
  • Streit und Konflikt
  • Ziel und Vision.

Durch die Einordnung in diese Übersichtsmatrix erhalten Leser*innen einen schnellen Überblick über den sinnvollen Einsatz im Seminar oder in einer Beratungssituation.

Jede Geschichte wird auf einer Doppelseite präsentiert (bis auf wenige Ausnahmen), dabei ist jeweils auf der ersten Doppelseite Platz für die jeweilige Geschichte, während auf der rechten Doppelseite der/die jeweilige Erzähler*in beschreibt, in welchem thematischen Kontext und Zweck die Geschichte am besten wirken könnte. Außerdem wird skizziert, wie diese Erzählung praktisch unterstützt, begleitet oder verstärkt werden kann, es werden außerdem Fragen skizziert, die für die Auswertung bzw. Erhellung der Erzählung eingesetzt werden können und Empfehlungen präsentiert, wie diese zielführend eingesetzt werden können. Die jeweilige Quellenangabe bzw. Referenz schließt diese Ausführungen ab.

Exemplarisch seien hier die beiden folgenden Geschichten vorgestellt.

  • In „Das Auge“ wird die Geschichte des Auges erzählt, das berichtet, es habe einen Berg erblickt. Das Ohr kann diesen nicht hören, die Hand ihn nicht greifen, die Nase ihn nicht riechen, folglich bezweifeln die Drei seine Existenz und kommen zu dem Schluß, dass mit dem Auge etwas nicht stimmen könne (36). Der Autor/Herausgeber empfiehlt den Einsatz der Erzählung in Kontexten, in denen es um Wirklichkeitskonstruktionen geht, um die Frage, was denn als „objektiv“ und als „wahr“ vorausgesetzt oder angenommen werden darf und wie mit den unterschiedlichen individuellen Wirklichkeitskonstruktionen und -annahmen umgegangen werden kann, etwa im Zusammenhang mit Konfliktlösung oder im Kontext von Teamentwicklung. Im Zusammenhang mit dem Einsatz der Geschichte können den Zuhörenden – so die Empfehlung des Autors – Glasmurmeln als „Augen“ ausgehändigt werden.
  • Eine andere Erzählung „Die Schuldfrage“ schildert eine Situation, bei der eine Frau eine Straße entlang geht. Ein Mann verläßt ein Haus und sie prallen aufeinander. Der Mann beschimpft die Frau. Die Frau lächelt, verbeugt sich und sagt: „Ich weiß nicht, wer von uns an dem Zusammenstoß die Schuld trägt. Ich bin aber auch nicht gewillt, meine kostbare Zeit mit der Beantwortung der Frage zu vergeuden. Deshalb: Wenn ich die Schuld trage, entschuldige ich mich hiermit und bitte Sie für meine Unachtsamkeit um Verzeihung. Falls Sie der Schuldige waren, können Sie die Sache einfach vergessen.“ Sprach´s, und ging ihres Weges. Der Autor/Herausgeber empfiehlt diese Geschichte mit begleitenden Fragen in Konfliktsituation, wenn es um die Frage von Schuldzuweisung, -klärung oder „Recht haben“ geht.

Diskussion

Schade ist es, dass es zumindest an einer Stelle tatsächlich an kultureller Sensibilität fehlt und in dieser Sammlung tatsächlich noch Platz für Geschichten wie die vom „tumben“ afrikanischen Gärtner ist (50), der jeden Tag pünktlich um 18.00 h (auch bei Regen!) das Blumenbeet wässert und damit eine feine Vorlage dafür liefert, dass es eben manchmal einfach „geeigneter Führungskräfte mit besonderen Kommunikationsqualitäten bedarf“. Das braucht im 21. Jahrhundert niemand mehr, vor allem, wenn die Kommentierung sich im Wesentlichen darin erschöpft, dass es sich dabei „um eine nette und sogar wahre Geschichte [handele], die auf den ersten Blick zum Schmunzeln anregt. Doch sie veranlasst vor allem Führungskräfte zur Reflexion, wie sie mit optimalen Führungsmethoden Mitarbeitende zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit bewegen können.“(51). Es bleibt zu hoffen, dass sie sie auch zu Reflexionen über Schemata, fundamentale Attributionsfehler und rassistische Klischees anregt.

Fazit

Die Geschichtensammlung „Erzählbar II“ knüpft an die bewährte Tradition des Geschichtenerzählens an, die vermutlich so alt ist, wie die Menschheit selbst, um TrainerInnen und BeraterInnen dabei zu unterstützen, Lern- und Erkenntnisprozesse auf andere Art anzuregen. Die 112 meist kurzen Erzählungen, Geschichten und Anekdoten lassen sich auf ganz mannigfaltige Art und Weise einsetzen: Einige sind besonders gut geeignet, sie situativ anzubringen, etwa, wenn bestimmte Verhaltensmuster einer Person oder einer Gruppe virulent sind und dies thematisiert werden soll. Andere wiederum erklären abstrakte Sachverhalte auf einfache Art, bieten Diskussionsanregungen für Selbst-Reflexionen oder legen die Grundlage für einen nachhaltigen Transfer von Seminar- oder Beratungsergebnissen.

Alles in Allem: ein sehr gut in Bildung und Beratung einsetzbares Buch mit vielen anregenden, der einen oder anderen bekannten, aber vor allem vielen neuen Erzählungen, die berühren oder stimulieren, die motivieren und dazu bewegen, sich einem vertrauten oder neuen Thema auf andere, ganzheitliche Art zu nähern und dadurch unerwartete Perspektivwechsel und ungewohnte Sichtweisen ermöglichen.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 22.08.2017 zu: Hans Heß (Hrsg.): Erzählbar II. 112 Top-Geschichten für den professionellen Einsatz in Seminar und Coaching. managerSeminare Verlags GmbH (Bonn) 2017. ISBN 978-3-95891-018-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22872.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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