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Bernd Traxl (Hrsg.): Körpersprache, Körperbild und Körper-Ich

Cover Bernd Traxl (Hrsg.): Körpersprache, Körperbild und Körper-Ich. Zur psychonanalytischen Therapie körpernaher Störungsbilder im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. 235 Seiten. ISBN 978-3-95558-181-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

„Im Verständnis der Anfänge alles Psychischen ist die Beschäftigung mit körperlichen Prozessen essentiell.“ Die Bewusstseinswerdung des körperlichen und seelischen Bewussten und Unbewussten ist eines der seelisch-körperlichen Geheimnisse des anthrôpos, denen neben der Philosophie, der Anthropologie und der Pädagogik auch die Psychoanalyse auf der Spur ist: „Die Schriften über das Unbewusste sind mit den Wörtern des Bewusstseins geschrieben“, so drückt es der Psychoanalytiker von der Gesamthochschule Kassel, Helmut Junker, aus (Helmut Junker, Intersubjektivität und implizites Gedächtnis. Reflexionen veränderter therapeutischer Praxis, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14553.php). Es lässt sich aus dieser Bewertung also sagen, dass evolutionär und in Entwicklungsprozessen entstandenes körperliches und geistiges Bewusstes und Unbewusstes im wahrsten Sinne des Wortes begangen, beschritten und begriffen wird. In den theoretischen Überlegungen, Theoriebildungen und in der analytischen und therapeutischen Praxis wird deshalb die Frage relevant, „warum und wie aus Körper-Erfahrung, also sensorischer Empfindung, psychischer Sinn entsteht (senso) und wie umgekehrt die Psyche sich die Körperfunktionen zu eigen macht“ (vgl. dazu: Eugenio Gaddini: »Das Ich ist vor allem ein körperliches «. Beiträge zur Psychoanalys, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19463.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Das Verstehen des komplexen Zusammenspiels von körperlichen und psychischen Prozessen bei der Entwicklung des Menschen ist Voraussetzung für die Beantwortung der Fragen, wie Körpersprache, Körperbild und Körper-Ich entstehen, wirksam sind und ge- oder verstört werden können. Bei der 8. Kinderanalytischen Konferenz des Mainzer Psychoanalytischen Instituts (2015) haben Autorinnen und Autoren den Versuch unternommen, „mittels eines differenzierten, psychodynamischen Verständnisses den Entwicklungsprozessen von Körper und Psyche näherzukommen“. Der daraus entstandene Sammelband, an dem 11 Expertinnen und Experten der Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychologie, Medizin und Sozialpädagogik beteiligt sind, wird vom Heilpädagogen und Psychoanalytiker, Leiter der Kinderpsychoanalytischen Konferenz am Mainzer Psychoanalytischen Institut, Bernd Traxl, herausgegeben.

Aufbau und Inhalt

Die Fachbeiträge zur Bedeutung zur Bedeutung des körperlich-psychischen Zusammenspiels setzen sich mit den Entwicklungsstadien, beginnend beim pränatalen Leben, über die Säuglingszeit, die frühkindliche Entwicklung, Schul- und Latenzzeit, bis zur Adoleszenz auseinander. Im Einführungstext „Im Zwischenland von Körper und Psyche“ weist Bernd Traxl darauf hin, dass es in der Forschung, Lehre und Praxis notwendig ist, die grundlegenden Funktionszusammenhänge zu erkennen und „sich mit der Bedeutung der Körperlichkeit im Entwicklungsverlauf des Kindes- und Jugendalters auseinander(zu)setzen“.

Der an der Medizinischen Universität in Innsbruck und als Leiter einer Arbeitsgruppe beim Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin tätige Psychotherapeut Christian Schubert und die Innsbrucker Psychologin Magdalena Singer fragen in ihrem Beitrag „Die Psychoneuroimmunologie des frühen Traumas“ nach der Basis eines modernen psychosomatischen Verständnisses. Sie setzen sich damit auseinander, wie „psychosozial oder auch psychosomatisch bedingte Verhaltensstörungen und Leidenszustände von Kindern bewusst und geplant mit Hilfe von wissenschaftlich-psychotherapeutischen Methoden zu behandeln“ sind. Es ist das immunologische Ungleichgewicht, das Störungen bewirkt und Krankheiten entstehen lässt: „Toxischer und traumatischer Stress als Überbringer einer soziopsychoneuroimmunologischen Signatur (erhöht) das Erkrankungsrisiko lebenslang und weit über die Zeit der ursprünglichen Stresserfahrung hinaus“.

Die Berliner Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin, Agathe Israel, informiert mit ihrem Beitrag „Annäherung an die psychische Realität des Babys entlang seiner Körperlichkeit“ über Erfahrungen aus der psychoanalytischen Säuglings-Kleinkind-Eltern-Psychotherapie und Säuglingsbeobachtung. Sieverweist auf die Bedeutung und Beachtung von frühem Erleben für die Selbst-Entwicklung und zeigt dies an einer Reihe von Fallbeispielen und Wahrnehmungen, wie etwa der Bedeutsamkeit von emotionalem Verhalten und der gegenseitigen Bezogenheit und Verflechtung bei der körperlichen und psychischen Entwicklung, auf. Sie verdeutlicht, „wie das frühe Selbst-Bewusstsein von frühen seelischen Vorgängen geprägt wird, die unbewusst bleiben“.

Die Münchner Frauenärztin Viktoria Schmid-Arnold, die Psychoanalytikerin Susanne Hauser und die Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Catharina Salamander, fragen: „Wie kann das Baby seinen Körper ‚bewohnen‘?“. Sie zeigen aus Theorie und Praxis Beispiele auf, wie lustvolle Körperlichkeit und Sinnlichkeit im frühen Eltern-Kind-Bezug hergestellt werden kann: „Das sinnlich-lustvolle Erleben des eigenen Körpers erwirbt das Kind neben seinen autoerotischen Probehandlungen primär über die Resonanz seiner Eltern“.

Die an der Warschauer Universität lehrende Psychoanalytikerin Katarzyna Schier setzt sich in ihrem Beitrag „Rollenumkehr in der Familie und die Störung des Körper-Ichs des Kindes“ mit Situationen auseinander, bei denen es zur „Parentifizierung“ in der Kindheit kommt, also zu Entwicklungen, bei denen das Kind für einen Elternteil oder beide sorgt. Sie verdeutlicht die Folgen und Entwicklungsstörungen beim Körperbild an einem Fallbeispiel und stellt Bedenklichkeiten und Anregungen für das professionelle Handeln heraus.

Die praktizierende Lehranalytikerin Angelika Staehle thematisiert mi t ihrem Beitrag „Körper, Mutter und Psyche“ die Ursachen und Situationen von frühen Beziehungsängsten als Auslöser für Essstörungen. Mit ihrem Fallbeispiel zeigt sie detailliert und mit Abbildungen auf, wie gestörte, unfähige Emotionen und Zuwendungen zustande kommen können und welche therapeutischen Mittel und Methoden es gibt, der Entwicklung eines „falschen Selbsts“ helfend (und aushaltend) entgegentreten zu können.

Die Wiener Psychiaterin und Kinderanalytikerin Elisabeth Brainin referiert mit ihrem Beitrag „Mein Körper gehört mir“ klinische Beobachtungen zu Entwicklungsprozessen von Körper-Ich und Ich-Strukturen bei jungen Menschen und stellt anhand von Fallbeispielen Therapie- und Behandlungsmethoden aus der Praxis vor: „Wie auch sonst in Psychoanalysen, wo wir um Einsicht und Rekonstruktion ringen, geht es darum, in unserer Deutungstechnik von oben nach unten, von bewusstseinsnahmen in tiefere Schichten vorzudringen“.

Die Sozialpädagogin und Analytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Sabine S. Kemz nimmt sich mit ihrem Praxisbericht „Wie es sich anfühlt, Ich zu sein“ Fragen der Körperlichkeit von transsexuellen Jugendlichen vor. Sie bezieht sich dabei auf die von einer Gruppe von Ärzten, Menschenrechtlern, Psychotherapeuten und Betroffenen2015 unterzeichnete „Stuttgarter Erklärung: Medizin und Therapie ohne Genderdeutung“. Sie stellt Therapiefälle vor und bringt ein, dass die Patienten „dringend und besonders ein therapeutischen Gegenüber (benötigen), das sie wahr- und ernstnimmt und in ihrer eigentlichen Geschlechtlichkeit spiegelt“.

Maria Rhode, Wissenschaftlerin von der Universität in London, fragt in ihrem Beitrag: „Was kann uns die psychoanalytische Arbeit mit autistischen Kindern über das Körperbild lehren?“. Die sich als extreme, differenzierte Zustände darstellenden, krankhaften Formen der Konfrontation von autistischen Kindern und Jugendlichen äußern sich (meist) in extremen Selbstschutzmaßnahmen, wie etwa „Einkapselungen“, „körperlichen Identifizierungen“, „schwankenden Identitätsgefühlen“ oder „ödipalen Phantasien“.

Fazit

Das „Zwischenland von Körper und Psyche“ ist ein Gebirge, das zu überqueren Seilschaften und funktionsfähige Ausstattung benötigt. „Das Somatische stellt einerseits eine Bedingung für psychisches Erleben dar, wird aber andererseits kontinuierlich durch psychische Prozesse geformt“. Diese bisher in Forschung und Praxis eher unbekannten, unentdeckten und unerforschten Landschaften sind gekennzeichnet durch „die Bedeutung des körperlich-psychischen Zusammenspiels in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien“. Die Autorinnen und Autoren äußern sich im Rahmen einer vernetzten Kommunikation und eines interdisziplinären und institutionalisierten Dialogs unter dem Dach des Mainzer Psychoanalytischen Instituts zu Fragen, die nicht auf der Straße liegen, sondern sich als diskussionswürdige Aspekte im Leib-Seele-Spektrum des menschlichen Daseins virulent darstellen; ein notwendiges Unterfangen, das die psychologischen, psychoanalytischen, pädagogischen und philosophischen Diskurse belebt und befördert!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.07.2017 zu: Bernd Traxl (Hrsg.): Körpersprache, Körperbild und Körper-Ich. Zur psychonanalytischen Therapie körpernaher Störungsbilder im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-95558-181-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22874.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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