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Wolfgang Frindte, Nico Dietrich (Hrsg.): Muslime, Flüchtlinge und Pegida

Cover Wolfgang Frindte, Nico Dietrich (Hrsg.): Muslime, Flüchtlinge und Pegida. Sozialpsychologische und kommunikationswissenschaftliche Studien in Zeiten globaler Bedrohungen. Springer VS (Wiesbaden) 2017. 312 Seiten. ISBN 978-3-658-17602-0. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 51,50 sFr.
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Thema

Aus aktuellem Anlass werden Islamophobische Äußerungen unter dem Gesichtspunkt von Ablehnung von Muslimen und dem Islam, und zusätzlich dem Terrorismus, untersucht und die Frage gestellt, ob Medien und Islam eine gefährliche Mischung bilden. Soziale Netzwerkplattformen scheinen eine Rolle zu spielen in Bezug auf Gefühle der Bedrohung der sozialen Identität und beeinflussen auch die impliziten und expliziten Einstellungen gegenüber Flüchtlingen. Auch der Persönlichkeits- und emotionale Anteil als Reaktion auf Bildmaterial zur Flüchtlingskrise wird untersucht und die Möglichkeiten der Online-Kommunikation am Beispiel von PEGIDA und Facebook. Die Motive des Gegenprotestes und die Folgerungen der Herausgeber ‚zwischen Verschwörungstheorien und Utopie-Erzählungen‘ beschliessen den Band.

Herausgeber

Wolfgang Frindte, geb. 1951, ist Diplompsychologe und seit 1987 Professor für Sozialpsychologie und von 2008 – 2017 Leiter der Abteilung Kommunikationspsychologie am Institut für Kommunikationswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er war 1998 – 2005 Gastprofessor am Institut für Psychologie der Universität Innsbruck und 2004 mehrere Monate Fellow am Bucerius Institut der Universität Haifa.

Nico Dietrich, geb. 1987, hat einen BA und MA in Kommunikationswissenschaft und Germanistik; er arbeitete 2013-2015 im Online-Marketing, war 2015-2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Jena und ist seit 2013 nebenberuflich in Unternehmens und Kommunikationsberatung tätig.

Autorinnen und Autoren

  • Nadine Müller, geb. 1992, BA Soziologie und Kommunikationswissenschaft und MA Öffentlicher Kommunikation. Seit 2017 ist sie Mitarbeiterin am Projekt EKOS-TV4 der Uni Jena.
  • Anika Steinert, geb. 1988, BA Kommunikationswissenschaft und Psychologie und MA Öffentliche Kommunikation der Uni Jena.
  • Kateryna Esselbach, geb. 1991, BA Soziologie und Erziehungswissenschaft und MA Öffentliche Kommunikation Uni Jena.
  • Sophia Zimmerling, geb. 1986, BA Kommunikationswissenschaft und Psychologie und Masterstudium Öffentliche Kommunikation Uni Jena.
  • Paul Kanis, geb. 1989, BA Kommunikationswissenschaft und Psychologie, Masterstudium Öffentliche Kommunikation Uni Jena; junior Kampagnenmanagement bei Performance Media Deutschland GmbH.
  • Stephanie Wohlt, geb.1987, Mediengestalterin für Digital- und Printmedien, BA in Kommunikationswissenschaft und Psychologie, Masterstudium Öffentliche Kommunikation in Jena.
  • Tarek Barkouni, geb. 1988, BA Soziologie und Wirtschaftswissenschaft, Masterstudium Öffentliche Kommunikation in Jena.
  • Anika Czichy, geb. 1985, Kauffrau für Bürokommunikation, BA in Kommunikationswissenschaft und Erziehungswissenschaft und Masterstudium Öffentliche Kommunikation in Jena.
  • Kirsten Richter, geb. 1988, Fotografin, BA Kommunikationswissenschaft und Psychologie und Masterstudium Öffentliche Kommunikation in Jena.
  • Kristin Silge, geb. 1985, Einzelhandelskauffrau, BA Kommunikationswissenschaft und Erziehungswissenschaft und Master-Studium Öffentliche Kommunikation in Jena.
  • Anna Catherina Welzel, geb. 1994, BA Kommunikationswissenschaft, Betriebswirtschaftslehre und Soziologie, Masterstudium Öffentliche Kommunikation Jena.
  • Alicia Altvatter, geb. 1996, studiert Kommunikationswissenshaft in Jena.
  • Julius Kaiser, geb. 1993, BA Politik- und Kommunikationswissenschaft in Jena.
  • Alexander Schilling, geb. 1996, Student BA Kommunikations- und Politikwissenschaft in Jena.
  • Eva-Maria Steentjes, geb. 1993, BA Kommunikationswissenschaft und Anglistik in Jena.
  • Maximilian Wollek, geb.1992, BA Kommunikationswissenschaft und Soziologie Jena und Master-Studium Medienwissenschaft, -managment und Unternehmensführung Uni Siegen.
  • Nicole Haußecker, geb.1978, MA Medienwissenschaft, Psychologie und Soziologie, Promotion 2012, wissenschaftliche Mitarbeiterin seit 2006 am Institut für Psychologie und seit 2007 am Institut für Kommunikationswissenschaft in Jena, Lehrbeauftragte Uni Erfurt für Kommunikationsforschung: ‚Politik & Gesellschaft‘ und ‚Kinder- und Jugendmedien‘, 2016 Forschungsaufenthalt University of Illinois/Chicago.
  • Enrico Gersin, geb. 1989, Lehramt Sozialkunde und Geschichte, BA Kommunikationswissenschaft und Geschichte, seit 2015 Head of Content Marketing bei skatedeluxe OHG.
  • Alan Herweg, geb. 1993, BA Kommunikationswissenschaft und Psychologie, Masterstudium Öffentliche Kommunikation in Jena.
  • Katharina Jacobi, geb. 1989, BA Medien- und Kommunikationswissenschaft Uni Mannheim, MA Öffentliche Kommunikation in Jena, seit 2015 Consultant bei der IFOK GmbH im Bereich PR und Kommunikation.

Entstehungshintergrund

ist die Islamophobie in Teilen der deutschen Bevölkerung und die kritische oder feindselige Einstellung zur Aufnahme von Flüchtlingen in der Bundesrepublik. Diese Einstellungen werden in drei standardisierten Befragungen untersucht, die zum Teil im Rahmen von Master- und Studienprojekten an der Universität Jena durchgeführt wurden.

Aufbau und Inhalt

Frindte und Dietrich: Vorworte „Wir schaffen das“ (9 S.) Es geht um den Fremdling der als vorübergehender Gast, als niedergelassener ohne volles Bürgerecht, als feindlicher Fremdling oder der aus existentiellen Gründen Daueraufenthalt in einem fremden Land braucht; letzterem wird auch im Alten Testament bereits aus humanitären Gründen Schutz und Fürsorge gewährt. Das ist heute der ‚Lackmustest‘ für eine aufgeklärte demokratische Gesellschaft. Der Optimismus der Kanzlerin 2015 war mit den ‚Wirten‘ nicht abgesprochen; sie wurde im Folgenden als ‚Volksverräterin‘ und ‚Hure‘ beschimpft. Zunehmend ist zudem seit 2014 eine Ablehnung von Muslimen zu beobachten parallel mit Angriffen auf die Presse (‚Lügenpresse‘). Verstärkt wurde diese negative Einstellung durch die Vorgänge Sylvester 2015 in Köln und die Terrorbedrohung. Angst und Vorurteile in der Bevölkerung waren die Folge; diese wurden untersucht hat und die Ergebnisse auf der Grundlage von ITT – einer sozialpsychologischen Theorie zur Erklärung von Vorurteilen gegenüber Fremdgruppen (Rieck et al. 2006) – vorgestellt

1 Frindte: Im Zeitalter diversifizierter Bedrohungen. Zeitdiagnose und Perspektiven (28 S.) Es geht dem Verfasser um eine Zeitdiagnose, in der Fiktionales, Nachmodernes und Postfaktisches eingeht. Nicht Fakten, sondern gruppenspezifische Einstellungen bestimmen bei Pegida und ähnlichen Gruppierungen, was für Realität gehalten wird. Mit der Zunahme von Terroranschlägen und der Berichterstattung wuchsen auch die Vorurteile und die Angst vor einer Islamisierung in der Bevölkerung, begleitet von einem relativen Anstieg rechtsextremistischer Straftaten seit 2014. Fremd im eigenen Land fühlten sich nach einer Umfrage 2015 53% der Befragten, obgleich – weltweit gemessen – die Zahl der Terroranschläge in der BRD kaum zugenommen hat. Die ‚postfaktische Angst-Wirklichkeit‘ wird anscheinend stärker als bisher angenommen durch Arbeitslosigkeit, Sozialabbau, Auflösung traditioneller Strukturen, fundamentalistische Strömungen und eine zunehmende wirtschaftliche und digitale Vernetzung produziert.

2 Dietrich: Das Konzept Islamophobie (13 S.) Islamophobie wird als politischer Kampfbegriff für analytische und propagandistische Zwecke benutzt, was sich auch der Zunahme der Publikationen zeigt. Handelt es sich wirklich um Ängste oder um soziale Stereotypien und um, als Angst maskierte, Fremdenfeindlichkeit? Islamfeindliche Aussagen finden sich in allen europäischen Ländern, wenn auch unterschiedlich stark. Sind das rassistische Einstellungen, stereotype Wahrnehmungen oder lebendige Prozesse, die weitere Untersuchungen, und insbesondere vergleichbare Erhebungsinstrumente, erfordern?

3 Frindte/Dietrich: Einstellungen zum Islam und zu Muslimen (45 S.) Kein Platz in Deutschland für Fremde, Migrantinnen und Migranten? Sind die Flüchtlinge wirklich eine Bedrohung? Eine Skala zur Erfassung von Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam, die einen differenzierten Zugang zu den Ergebnissen einer Befragung ermöglicht, wird vorgestellt:

  1. Inwieweit unterscheiden sich Personen mit unterschiedlichem soziodemografischen Merkmalen Alter, Geschlecht, Bildung Einkommen, Ost-West-Herkunft, Anteil der Migranten im Kreis etc. in ihren Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam?
  2. Welchen Einfluss auf Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam haben ideologische Überzeugungen -wie Autoritarismus und soziale Dominanzorientierung –, die Identifikation mit relevanten nationalen und/oder regionalen Eigengruppen und spezifische Medienpräferenzen im Zusammenhang mit den soziodemografischen Merkmalen?
  3. Inwieweit werden Medienpräferenzen über ideologische Überzeugungen – wie autoritäre Überzeugungen und soziale Dominanzorientierung – und die Identifikation mit der Region, mit Deutschland oder Europa – als Teil der sozialen Identität -auf Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam vermittelt?

Die Erhebungen zu den Einstellungen im Sommer 2015, differenziert nach Alter, Bildungsabschlüssen, Einkommen und prozentualer Anteil von Migranten im Kreis der Befragten, ergaben im Osten einen höheren Anteil von negativen Einstellungen, geschlechtsspezifisch bei Männern höher als bei Frauen, und einen Höhepunkt im Alter zwischen 50 und 60, niedrigerem Bildungsgrad, relativ geringem Anteil von Migranten im Kreis. Sie waren relativ groß bei rechtsgerichtetem Autoritarismus und sozialer Dominanzorientierung; während das Fernsehen einen relativ geringen Einfluss hatte. Es gab keine signifikanten Unterschieden zwischen Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam. Nach der – vorsichtigen – Interpretation handelt es sich bei negativen Einstellungen vorwiegend um individualpsychologische Prozesse und sozialpsychologisch um sozial-geografische Identifikationen.

4 Dietrich/Frindte: Einstellungen zu Muslimen und zum Islam II und der Terrorismus (49 S.) Untersucht wurden negative Einstellungen gegenüber Muslimen, dem Islam und Kritik am Islam, letztere war bei Frauen und Männer sehr hoch (Abbildung S. 98) und zwar in allen Alters-, Einkommens- und Bildungsgruppen (Abbildungen S. 99-101). Während eine negative Einstellung gegenüber dem Islam in höheren Altersgruppen und höherem Einkommen und gegenüber dem Islam und Muslimen vor allem in unteren Bildungsgruppen zu beobachten waren. Bei ideologischen Überzeugungen können Medienpräferenzen die Vorurteile gegenüber Muslimen und dem Islam fördern, aber auch reduzieren. Die Angst vor Terroranschlägen wird signifikant verstärkt bei einer stärkeren Identifikation mit Deutschland und negativen Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam. Sie wird beeinflusst durch das, was Davison 1983 als ‚Third-Person-Effect‘ (selbst eingeschätzte Medienwirkung auf die Einstellung) beschrieben hat und das vor allem bei über die Medien vermittelten unglaubwürdigen Botschaften, während ein ‚First-Person-Effect‘ vor allem bei positiv und sozial erwünschten Botschaften zu beobachten ist. Die Präferenz für private Sender korreliert mit der Angst vor Anschlägen, Einschränkung der Bürgerrechte und negativen Einstellungen gegenüber Muslimen und – annähernd signifikant – mit negativen Einstellungen gegenüber dem Islam im Gegensatz zu Präferenzen für das Erste/ZDF.

Abhängig von der Nutzungsdauer steigt der Einfluss und nimmt bei den öffentlich Rechtlichen sowohl wie bei den Privaten mit geringerer Nutzungsdauer ab. Die Islamkritik und ihr Einfluss auf die eigene Person wird bei. ö.-r. Sendern nur bei islamkritischen Einstellungen relativ hoch für die Meinungsbildung zum Terrorismus eingeschätzt. Während bei den Privaten der Einfluss bei allen drei Einstellungen relativ hoch ist.

Untersucht wurden Fernseh-Präferenzen zur politischen Information und Einstellungen zu Muslimen und dem Islam. Inhaltsanalysen der Fernsehnachrichten zeigten eine enge Verbindung von Islam und Terrorismus. Bei negativen Einstellungen wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen öffentlich-rechtlichen Regionalsendern und privaten festgestellt (stärkere Bezug auf die Region auch in den Nachrichten, Identifikation mit dem Bundesland).

Bei privaten war eine stärkere Identifikation mit Deutschland zu beobachten, bei den öffentlich-rechtlichen mit Europa, ein Hinweis auf sozialpsychologische Prozesse in Hinblick auf soziale Identifikationen.

Kritik am Islam ist aber auch auf dem Hintergrund religiöser Einstellungen zu sehen; deshalb ist der Begriff Islamophobie nicht geeignet, um kritische Positionen zu bezeichnen. Der subjektive Einfluss auf die Gesellschaft wird bei allen Rezipienten, die häufiger Fernsehen sehen, höher eingeschätzt. Diejenigen, die sich in ihrer Meinungsbildung zum Terrorismus stärker von den privaten Sendern beeinflusst fühlten, zeigten auch eine stärkere Ablehnung von Muslimen und dem Islam. Die subjektive Einschätzung der Beeinflussung, entspricht allerdings nicht immer der Realität. Negative Einstellungen betreffen vor allem den Islam, nicht die Muslime.

Im Anhang werden die Fragebogen vorgestellt, so dass sich der Leser auch selbst ein Bild machen kann.

5 Müller/Steinert/Esselbach, Zimmerling: Medien und Islam – eine gefährliche Mischung? Die Wirkung der Medien auf Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam und die Islamophobie (19 S.) Die Forschungsfragen waren

  1. Beeinflusst die wahrgenommene Medienberichterstattung die Einstellung gegenüber Muslimen und dem Islam und die Islamophobie.
  2. Welche anderen Faktoren beeinflussen die Einstellungen der Menschen zum muslimischen Leben in Deutschland?

Die Erhebung fand zum Zeitpunkt der Flüchtlingsbewegung statt. Es zeigte sich vielfältige Ängste, aber vor allem vor Veränderungen der Werte und Normen. Die Einstellung gegenüber Muslimen und die Ängste vor einer Islamisierung Deutschlands waren grösser, wenn das Vertrauen in die Medien gering und die mediale Darstellung negativ wahrgenommen wurde. Prägungen durch die Schule (‚indirekter Kontakt‘ (?)) verringerten diese Angst. Die ideologische soziale Dominanzorientierung hatte eine Schlüsselfunktion, und zwar weniger durch die Medien vermittelt, als vielmehr durch persönliche Voraussetzungen, wie Angst vor Verlust von Etablierten-Vorrechte (Radfahrerphänomen). Angst kann aber auch als Vermeidungsstrategie zu vermindertem Medienkonsum und zu subjektiv verzerrten Wahrnehmungen führen. Weitere Forschungen zu gesellschaftlichen Einflüssen im Umgang mit Minderheiten und Medienvertrauen sind notwendig.

6 Dietrich/Kanis: Intergruppenkontakt auf sozialen Netzwerkplattformen. Die Rolle von sozialer Identität und Bedrohungsdarstellung auf die Einstellung gegenüber Muslimen (22 S.) Forschungsfragen:

  1. Welchen Einfluss hat die wahrgenommene Bedrohung durch Muslime auf die Einstellung gegenüber Muslimen beim indirekten Intergruppenkontakt auf sozialen Netzplattformen?
  2. Fungieren soziale Identität und Intergruppenangst in diesem Prozess als Mediatoren?

Nach den Ergebnissen weisen beide Bedrohungsarten nicht nur untereinander einen positiven Zusammenhang auf, sondern es gibt auch einen Zusammenhang mit der sozialen Identität und der Intergruppenangst, die positiv miteinander korrelieren. Indirekter Kontakt über soziale Netzwerkplattformen können die Bedrohungswahrnehmung beeinflussen; weitere Studien sind notwendig zur Klärung ob sich die Bedrohungswahrnehmung auch auf das Verhalten auswirkt. Die terroristischen Anschläge waren in den Köpfen der Befragten sehr präsent. Weitere Untersuchungen sind notwendig zum Kontakt zur Fremdgruppe, Identifikation mit der Eigengruppe oder Legitimität und Stabilität von sozialen Gruppen. Medienwirkungen müssen nicht auf Netzwerkplattformen beschränkt werden, sondern können mit anderen Medien kombiniert werden. Auch Einflüsse von Ethnie und/oder Religion, Intergruppenbeziehungen und -konflikte müssten überprüft werden. Einstellungsmessungen könnten z.B Unterschiede zwischen expliziten und impliziten Einstellungen aufzeigen. Mit Konflikttraining – auch unter Ausnützung der sozialen Medien – könnte man der individuellen – und Gruppenangst entgegenwirken.

7 Wohlt/Barkouni/Czichy/Richter/Silge/Welzel: „Ich bin ja nicht rechts, aber.“ Eine Untersuchung zum Einfluss einer Bedrohungs- und Bereicherungsdarstellung auf implizite und explizite Einstellungen gegenüber Flüchtlingen (38 S.) Forschungsfragen: 1

  1. Welchen Einfluss hat die mediale Darstellung (Bedrohung/Bereicherung) von Flüchtlingen in der Medienberichterstattung auf die Einstellungen gegenüber Flüchtlingen? Keinen Einfluss oder Einfluss gleich ob positiv oder negativ? Positiver oder negativer Einfluss? 2
  2. Sind die Unterschiede zwischen impliziten und expliziten Einstellungen gegenüber Flüchtlingen beobachtbar (generell negativ, oder unterschiedlich bei positivem, negativem oder neutralem Stimulus)?

Ergebnisse: Implizite negative Einstellungen gegenüber Flüchtlingen wurden bestätigt (Gruppenbildungs- und Abgrenzungsprozesse). Die Annahme, dass positiver oder negativer Kontakt Einfluss auf die Einstellungen hatte, ließen sich nicht bestätigen (vielleicht auch durch eine weitgehend negative Berichterstattung in den Medien?). Differenzierung zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen (Flüchtlinge und Migranten) wurden für sinnvoll gehalten. Einfluss hatte die starke Identifikation mit Deutschland (patriotische und nationalistische Orientierungen) und eine generelle Intergruppenangst. Eine ausgewogene Berichterstattung in den Medien wird vorgeschlagen. Schon Polgar stellte 1938 fest, dass die Ankunft von Flüchtlingen „heikle materielle, soziale und menschliche Probleme“ beschwört.

8 Altvatter/Schilling/Steentjes/Wollek/Haußecker: Einfluss von Persönlichkeit und Emotionen auf Bildmaterial zur Flüchtlingskrise (16 S.). Hypothesen:

  1. Personen mit hohem Neurotizismus-Werten empfinden eher Furcht beim Betrachten eines Bildes aus der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise. 2
  2. Personen mit hohen Extraversion-Werten empfinden eher Ärger und wenig Sympathie beim Betrachten eines Bildes aus der Berichterstattung zur Flüchtlingskrise.

Es nahmen vor allem Personen aus dem studentischen Milieu teil, daher der Status einer Pilot-Studie. Die Persönlichkeitsmerkmale wie Extraversion, Gewissenhaftigkeit und Neurotizismus hatten Einfluss auf die emotionale Reaktion auf den Bildstimulus. Bestätigt wurde nur, dass Extraversion einen Einfluss auf Ärger, wenig Sympathie und Empörung angesichts des Bildmaterials hat.

9 Dietrich/Gersin/Herweg: Analysemöglichkeiten der Online-Kommunikation auf Social Network Sites am Beispiel PEGIDA und Facebook (32 S.) Es werden Konzeptualisierungen für Forschungen dazu vorgestellt, welche Bedeutung die Social Network Sites für soziale Bewegungen haben. Untersucht werden soll die Kommunikation PEGIDAs auf Facebook, die Datenerhebung, deren Qualität, ethische und rechtliche Grenzen und Zeitreihenanalysen unter Anwendung verschiedene Verfahren, die noch nicht ausgereift sind. Eine Online-Befragung, die auf von den Befragten ausgewählten Internet-Memes (wiederkehrende Inhalte, auch Bilder) aufbauen, zu denen diese einen Text beisteuern, könnte inhaltsanalytisch untersucht werden.

10 Jacobi: No Pegida. Motive des Gegenprotests (19 S.) Nicht nur Pegida, sondern auch NoPegida wurden vom Göttinger Institut für Demokratieforschung untersucht. Die Befragung erfolgte über Handzettel, die nach dem Zufallsprinzip verteilt wurden und zur Teilnahme an einer Online-Befragung aufforderten. NoPegida bestand zum größten Teil aus jungen, weltoffenen Menschen aus dem rot-grünen Parteienspektrum, gemischt bezüglich des Geschlechts und offen gegenüber dem Islam. Die Forschungsfragen:

  1. Wer sind die jungen Menschen, die gegen Pegida auf die Straße gehen?
  2. Was sind die Ursachen, Anlässe und Motive für den Protest junger Anhänger der NoPegida-Bewegung?
  3. Was hält andere junge Menschen von der Teilnahme an der NoPegida-Bewegung ab?

Die Motive sind stärker von aktuellen Anlässen (terroristische Anschläge), grundlegenden Wertvorstellungen und Interesse auf Grund von Konflikten in der Gesellschaft bestimmt, anstatt einer eigenen – eher eine gegenteilige – Meinung zu Pegida. Die Teilnahme an Demonstrationen hängt von verschiedenen Faktoren (Gelegenheit, Werte und Interessen, Deutungsmuster, kollektive Identität und Ressourcen) ab, das Hauptmotiv scheint die Gegenbewegung gegen Pegida zu sein und eine Demonstration für Toleranz, Offenheit, kulturelle Vielfalt und gegen Ausländerfeindlichkeit.

11 Frindte Dietrich: Schluss? Zwischen Verschwörungstheorien und Utopie-Erzählungen (21 S.). Das Fragezeichen bedeutet, kein Schlussstein, sondern im Gegenteil: Die Erhebungen über Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam oder die wechselseitige Beeinflussung von Medien und Rezipienten oder den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen, sozialen Netzwerken und individuellen Motivationen – die Verunsicherung betrifft nicht nur die Befragten sondern auch die Forscher. Die dunkle Seite des kapitalistischen Systems (Rechtspopulismus, Pegida, AfD) und der Alltagsrassismus sind Zeichen von Bedrohungen und globalen Veränderungen. Das zeigt auch die sprunghaft angestiegene Zahl von Publikationen. Realistische Bedrohungen sind physische und materielle Sorgen, symbolische Anschläge auf Werte, Glauben, Einstellung und Weltsicht einer Gruppe; diese produzieren Vorurteile und emotionale Reaktionen (Angst, Ärger, Hilflosigkeit). ITT (Integrated Threat Theory, Riek et al. 2006) wurde als gut fundierte sozialpsychologische Theorie den Untersuchungen zugrunde gelegt. Vermeintliche oder echte Bedrohungen können Vorurteile und negative Einstellungen befördern. Verschwörungstheorien als soziale Konstruktionen enthalten eine Geschichte und eignen sich gut für ein sinnvolles Begründen, geben Scheinerklärungen für bereits existierende Aussagen, denen ein geheimer Sinn unterstellt wird. Hinzukommt die Verbreitung und die Aufnahme durch konspirative Gläubige; sie müssen aber zu den Erfahrungen passen (Erfahrungen mit Lügenpresse haben DDR-Bewohner allerdings reichlich gehabt. (G.H.)). Heute allerdings beweist dieser Vorwurf eher das Selbstverständnis derer, die diesen Vorwurf erheben. Ein Plädoyer für eine europäische Republik (Menasse, Guérot 2016) steht in Widerspruch zu den europaweit sich ausbreitenden rechtspopulistischen Bewegungen. Sind das nur Utopien, Wunschbilder? Viele Deutsche identifizieren sich bereits mit Europa. Negative Einstellungen gegenüber Muslimen und dem Islam korrelierten mit Autoritarismus und Dominanzorientierung. Die relativ kleine Gruppe von gebildeten und politisch informierten Menschen hat eine positive Sicht auf ethnische Minderheiten, Flüchtlinge im Allgemein, und im Besonderen Muslime. Sie engagieren sich in No-Pegida-Demonstrationen. Beck hatte 1997 mit dem Begriff der zweiten Moderne eine nicht-staatliche Weltgesellschaft im Blick, in der territorialstaatliche Ordnungsgarantien und die Regeln öffentlich legitimierter Politik ihre Verbindlichkeit verlieren. 2002 entwickelte er die Idee eines kosmopolitischen Zeitalters als eine ‚irdische Religion‘ oder ‚säkularisierte Gottesordnung‘, im Kern verknüpft damit ‚die Anerkennung der Andersheit des Anderen‘, eine Aufgabe der kosmopolitisch Linken als globaler Mitspieler in der Weltpolitik, die Anerkennung der Vielfalt als ‚organisatorische Einheit‘. Die Meta-Erzählung ‚Kosmopolitismus muss von den Menschen nicht nur nacherzählt, sondern gelebt werden‘ – ein politisches Programm am Ende des Buches.

Diskussion

Die Fülle der Untersuchungsergebnisse im Einzelnen wiederzugeben, ist im Rahmen einer Rezension nicht möglich. Die anschaulichen Abbildungen geben auch dem an das Lesen von Statistiken nicht gewohnten Leser einen präzisen Überblick. Der Vielschichtigkeit des Themas wird die Vielschichtigkeit der Untersuchungsansätze gerecht. diese machen das nicht leicht zu lesende Buch zu einer lebendigen Lektüre. Die klaren Fragestellungen lassen die Forschungsprozesse nachvollziehen, regen aber auch an zu eigenen Fragen und Verknüpfungen, z.B. inwieweit die ‚Lügenpresse‘ eine Generationen übergreifende (NS-Zeit und DDR (!)) realistische Erfahrung war, die ein gesundes, aber auch krankhaftes, Misstrauen gegenüber der Presse, die zudem in der BRD auch bunt gemischt ist, produziert hat.

Die vielen Autoren, die auch auf vielfältige Diskussionszusammenhänge in Jena schliessen lassen, sind nicht nur ein Beispiel für eine gute und produktive interdisziplinäre Zusammenarbeit, sondern auch für ein Studium, das theorie- und praxisgeleitet Studenten eine Chance gibt, sich selbstbewusst an Forschungsprozessen zu beteiligen.

Ich kann das Buch jedem empfehlen, der zu einem differenzierteren Urteil – auch zu Pegida – kommen möchte, und zwar selbst dann, wenn er den politischen Aufruf (‚Vorwärts!‘) zum Kosmopolitismus nicht einfach folgen kann oder will.

Fazit

Wer sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, sollte zu diesem – allerdings nicht leicht zu lesenden – Buch greifen. Vielleicht gelingt es weiteren Forschungen auch eine einfühlsame Brücke zu schlagen zu den Ängsten vor Überfremdung im Zeitalter der Beschleunigung, der vielleicht gerade die ältere Generation und die Randständigen der Gesellschaft nicht mehr gewachsen sind.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 09.08.2017 zu: Wolfgang Frindte, Nico Dietrich (Hrsg.): Muslime, Flüchtlinge und Pegida. Sozialpsychologische und kommunikationswissenschaftliche Studien in Zeiten globaler Bedrohungen. Springer VS (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17602-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22875.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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