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Vera Heim, Gabriele Lindemann: Beziehungskompetenz im Beruf

Cover Vera Heim, Gabriele Lindemann: Beziehungskompetenz im Beruf. Brücken bauen mit Empathie und gewaltfreier Kommunikation. Haufe (Freiburg) 2016. 125 Seiten. ISBN 978-3-648-08060-3. D: 7,95 EUR, A: 8,20 EUR.
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Thema

Wer im Berufsleben steht, muss in Interaktion mit anderen treten. So selbstverständlich es für uns auch zu sein scheint, brauchen wir für ein konstruktives Miteinander eine Reihe von Kompetenzen, von denen etliche erst verinnerlicht werden müssen, da unser soziales Umfeld uns nicht immer mit allen Fähigkeiten fürs Zusammenleben ausstattet oder wir erst ein paar Zusammenhänge verstehen müssen, um auf die nächste Ebene des kompetenten Umgangs mit Kollegen und Vorgesetzten zu kommen. Aus der Sicht der Autorinnen des Buches sind Empathie und Gewaltfreie Kommunikation (Anm.: die von den Autorinnen benutzte Schreibweise) für gelingende Beziehungen am Arbeitsplatz entscheidend. Das Verhalten seines Gegenübers verstehen zu können, eine stabile Brücke zu ihm aufzubauen, ihm auf Augenhöhe zu begegnen – das sind Kompetenzen, die unser Berufsleben erleichtern und uns nach vorne bringen.

Autorinnen

Vera Heim gründete 2004 „The Coaching Company“. Zusammen mit ihren Netzwerkpartnern beschäftigt sie sich mit dem Konzept der „wertschätzenden Unternehmensstruktur“. Mit dem Thema der Gewaltfreien Kommunikation kam sie zum ersten Mal 1997 während ihrer Ausbildung zur NLP-Lehrerin und Erwachsenenbildnerin mit eidgenössischem Fachausweis in Berührung. Die Abkürzung NLP steht für Neurolinguistisches Programmieren und stellt eine Methode dar, mit der die eigene Kommunikation verbessert werden und eine persönliche Weiterentwicklung einsetzen kann. Sie wand das Modell der Gewaltfreien Kommunikation erst privat und dann beruflich an und fand es so überzeugend, dass dies zur Gründung ihrer Coaching Company führte, der sie sich seit 2006 gänzlich widmet.

Gabriele Lindemann ist seit über 15 Jahre zertifizierte Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und Managementcoach. Als ehemalige Führungskraft im Bankensektor brachte sie den Ansatz der Wertschätzenden Kommunikation (Anm.: die von den Autorinnen benutzte Schreibweise) in die Geschäftswelt und setzt sich für eine menschliche Unternehmenskultur in Firmen ein. Ihre Ausbildungsprogramme und Führungskonzepte in der Wirtschaft auf Basis der Wertschätzenden Kommunikation setzt sie gemeinsam mit internationalen Partnern um. Sie ist Mitbegründerin des Fachverband Gewaltfreie Kommunikation e.V.

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen Vera Heim und Gabriele Lindemann beschäftigen sich in ihrem Buch mit der Frage, wie wir unsere Beziehungen im Beruf tragfähig gestalten können. Dabei legen sie auf zwei Bereiche einen besonderen Akzent: Empathie und Gewaltfreie Kommunikation.

Empathie. Beim Thema Empathie geben die Autorinnen zuerst eine kurze Einführung in die Hirnforschung und erklären, wie wichtig für die Menschen die Bindung zu den eigenen Artgenossen ist. Schon im Bauch der Mutter entsteht zwischen ihr und dem ungeborenen Baby eine tiefe Bindung, die als neurologischen „Klebstoff“ bezeichnet werden kann. Später entwickeln die Menschen die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, was für viele Forscher ein entscheidender Evolutionsvorteil für die Gattung Homo sapiens ist und bleibt. Laut Stephen Porges, US-amerikanischem Professor für Psychiatrie, haben die Menschen in ihrem Gehirn neben primären neuronalen Schaltkreisen für solche tierischen Reaktionen wie Angriff, Flucht und Erstarrung auch einen relativ „jungen“ neuronalen Schaltkreis zum Erkennen von Mimik, Gesichtsausdrücken und Stimmen entwickelt, der nur bei Menschen und Primaten zu finden ist. Genau diese Fertigkeiten benötigen wir, um uns in andere einzufühlen. Wir reproduzieren die Gefühle der anderen in uns und empfinden diese somit nach. Jedes Individuum ist in dieser Fähigkeit stark von seinem Umfeld geprägt und hat einen anderen Blickwinkel. Darin unterscheidet es sich von allen anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Wenn wir verinnerlichen, dass wir das gleiche unterschiedlich erleben, hilft es uns, nachzufragen und einen Abgleich zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ herzustellen. Die Beschäftigung mit der Empathie, dem Einfühlungsvermögen, soll dabei behilflich sein. Die Empathie kann trainiert werden. Durch eine intensive Auseinandersetzung damit gelingt es, die Verhaltensweisen und Reaktionen der Mitmenschen immer besser zu verstehen. Je mehr Beschäftigung mit dem Thema stattfindet, desto besser werden das Verhalten der anderen und ihre Reaktionen nachvollzogen. Das Thema Empathie schließen die Autorinnen damit ab, die Empathie in Stufen (1. Intellektuelles Vermuten, 2. Sympathie, Mitleid, 3. Empathie, Mitgefühl) und Schlüsselfaktoren (1. Neugierde, 2. Absichtslose Präsenz, 3. Trennen von Ich und Du, 4. Offenheit, Emotionen zu begegnen, 5. Bedürfnisse hinter dem Gesagten hören) zu klassifizieren.

Gewaltfreie Kommunikation. Dieses Modell der Kommunikation, von den Autorinnen auch als wertschätzende Kommunikation bezeichnet, wurde vom US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg entwickelt. Er war ein anerkannter Konfliktmediator und setzte sein Wissen in friedlicher Konfliktlösung überall auf der Welt ein, selbst in Krisengebieten wie Afghanistan, Israel und Palästina. Mittlerweile wird sein Modell auch in Schulen, Kliniken oder im Management erfolgreich angewandt. Für Marshall B. Rosenberg waren zwei Voraussetzungen entscheidend: die gesamte Situation als eine Einheit zu sehen und aktiv zuzuhören. Bei jedem Konflikt werden Bedürfnisse geäußert, die hinter solchen Reaktionen wie Wut, Angriff oder Kritik versteckt sind. Mit Empathie können diese Bedürfnisse zur Sprache gebracht werden, um zu versuchen den Konflikt zu lösen. Empathisches Nachfragen ist Balsam für die Seele, weil Menschen oft nicht gelernt haben, ihre Bedürfnisse zu erkennen und sich für diese einzusetzen. Das geschulte Ohr hört hinter verbalen Attacken Bedürfnisse und hilft dabei, sich nicht im Schuld-Denken zu verheddern oder den Rückzug anzutreten. Hinter dem Vorwurf „Du bist egoistisch!“ versteckt sich der Wunsch nach mehr Anerkennung, und hinter den Worten „Ich fühle mich übergangen!“ das Bedürfnis danach, mehr einbezogen zu werden. Jemanden zu verstehen bedeutet nicht, eine fremde Position gut zu heißen. Bedürfnisse zu erkennen bedeutet nicht, die Reaktionen zu akzeptieren.

Empathie-Scan, berufliche Beziehung ins Lot bringen. Im nächsten Kapitel des Buches bieten Vera Heim und Gabriele Lindemann praktische Tools an, um in Stresssituationen Brücken bauen zu können. Mit dem von ihnen entwickelten Empathie-Scan werden Einblicke hinter die Fassade des Gegenübers gewonnen. Menschen bringen ihre unerfüllten Bedürfnisse auf verschiedene Art und Weise zum Ausdruck, indem sie z.B. den persönlichen Kontakt meiden, Streit suchen oder hinter dem Rücken der betroffenen Person Kritik üben. Vielen geht es dabei ums Verstandenwerden. Häufig erscheint ein kleines Problem mit der Zeit riesengroß und unlösbar. Das empathische Zuhören hilft dabei, entstandene komplizierte Zusammenhänge zu entknoten und Veränderungsprozesse anzustoßen. Wie kann eine angespannte berufliche Beziehung wieder ins Gleichgewicht gebracht werden? Die Gewaltfreie Kommunikation setzt auf Selbstreflexion, Gesprächsvorbereitung und das Ausdrücken von Bedauern. Durch die Selbstreflexion können wir herausfinden, was wir an unserem Fehlverhalten bedauern, welche eigenen Bedürfnisse nicht erfüllt wurden und welche Strategien wir anwenden, um die Situation wieder in Ordnung zu bringen. Die Gesprächsvorbereitung dient dazu, die Wiedergutmachung möglich zu machen. Sind Sie bereit, ein Gespräch zu führen, ohne das eigene Verhalten oder das Verhalten ihres Gegenübers zu bewerten, die Bedürfnisse beider Seiten gleichwertig zu betrachten und sich nicht auf ein Ergebnis festzulegen? Es bedarf Übung, im klärenden Gespräch Empathie zu signalisieren, um das Verfallen in Rechtfertigungen und Erklärungen zu vermeiden.

Das Ja hinter einem Nein, ein Nein hinter einem Ja und das Schweigen hören. Die Gewaltfreie Kommunikation lehrt, auch hinter einem Nein Bedürfnisse herauszuhören, denn jedes Nein ist das Ja zu einem anderen Bedürfnis. Wenn es schwierig wird, beginnt das Brückenbauen. Wer sich an jemanden aus dem Kollegium mit einem Anliegen wendet und ein Nein als Antwort bekommt, empfindet es meistens als unangenehm und gibt so sein Wohlbefinden in fremde Hände. Wer geschult ist, kann die Gründe hinter dem Nein erforschen. Dahinter kann z.B. die subjektive Empfindung stecken, an einem interessanten Projekt nicht teilnehmen zu dürfen, aber jetzt als Zuarbeitende doch einbezogen zu werden, weil die Projektteilnehmenden unter Zeitdruck stehen. Wer hinter das Nein schauen kann, kann mit einem klärenden Gespräch den Raum für Initiative und Entwicklung öffnen. Empathisch auf andere zuzugehen bedeutet auch, ein Nein hinter dem Ja herauszuhören. Wie oft sagen wir aus Höflichkeit Ja, obwohl wir Nein meinen. Wir wollen gemocht werden und Konflikten aus dem Weg gehen. Auf die Dauer wirkt sich das auf Gesundheit und Arbeitsqualität aus. Das geübte Ohr hört das zögerliche oder genervte Ja und kann empathisch nachhaken und seinem Gegenüber die Möglichkeit geben, über seine Gefühle offen zu sprechen. Auch das Schweigen gehört zu den typischen menschlichen Verhaltensmustern und ist Ausdruck für unerfüllte Bedürfnisse. Sie mögen für Ihr Kollegium der Auslöser für das Schweigen sein, die Ursache liegt jedoch nicht bei Ihnen. Auch darauf gehen die Autorinnen in ihrem Buch ein und präsentieren den Lesern mögliche Lösungen.

Diskussion und Fazit

Das Buch von Vera Heim und Gabriele Lindemann liefert wichtige Denkanstöße dafür, wie wir im Beruf mehr Miteinander und Produktivität erreichen können. Jeder Mensch entwickelt seine eigene Strategie mit Konflikten umzugehen und steckt dadurch nicht selten in negativen Mustern fest. Wenn ein Teil der Akteure der Interaktion auf Konflikte mit Schweigen reagiert, während ein anderer Teil im Elternhaus gelernt hat, sich grundsätzlich nicht einzumischen, kann zwischen ihnen keine konstruktive Atmosphäre herrschen. Hier müssen bestimmte persönliche Grenzen überwunden werden. Wer bereit ist, sich der Reflexion des eigenen Handelns zu öffnen, Bedürfnisse der anderen ohne Wertung zu betrachten, auf sie einzugehen und das Ergebnis offen zu lassen, ist schon einen Schritt weiter und kann die eigenen Kompetenzen in Menschenkenntnis und Konfliktlösung vertiefen. Dieses Buch ist eine kluge Hilfestellung für alle, die ein angespanntes Klima am Arbeitsplatz nicht länger ertragen und aktiv deeskalierend wirken wollen. Es ist wichtig zu wissen, dass hinter jedem Nörgeln oder Schmollen ein unerfülltes Bedürfnis steckt. Mit den im Buch beschriebenen Techniken kann das Gegenüber zum Gespräch bewegt und das produktive Miteinander wiederherstellt werden. Ein Nein kann zu einer Chance werden, die Anliegen anderer wahrzunehmen und ein Miteinander zu schaffen, bei dem alle an einem Strang ziehen. Dazu bedarf es Empathie und guten Willen, denn Empathie und Mittel der Konfliktlösung sind erlernbar. Das Ziel, einen wertschätzenden Kontakt wieder herzustellen, sollte die Mühe wert sein. So werden Brücken gebaut und Beziehungen am Arbeitsplatz mit Mitteln der vom US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg entwickelten Gewaltfreien Kommunikation verbessert.


Rezensentin
Eugenia Renner
Pädagogische Fachkraft, Kindheits- und Sozialwissenschaftlerin MA
pädagogische Leitung, Amt für Kinder, Jugend und Familie
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension entstand im Rahmen des Masterstudiengangs Kindheits- und Sozialwissenschaften (MAKS) der Hochschule Koblenz


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Zitiervorschlag
Eugenia Renner. Rezension vom 08.08.2017 zu: Vera Heim, Gabriele Lindemann: Beziehungskompetenz im Beruf. Brücken bauen mit Empathie und gewaltfreier Kommunikation. Haufe (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-648-08060-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22877.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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