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Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ (Gustav Wyneken)

Cover Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“. Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875-1964) - eine Biographie. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 481 Seiten. ISBN 978-3-7815-2176-6. D: 40,00 EUR, A: 41,20 EUR.
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Autor

Peter Dudek, geboren 1949, war von 1991-2013 als apl. Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Frankfurt a.M. tätig. Er publiziert im Bereich Historische Pädagogik und Sozialpädagogik und gilt als Experte für Fragen der Jugendbewegung und Reformpädagogik, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts die Geschichte der Pädagogik und die Schulentwicklung stark beeinflusste.

Entstehungshintergrund

Spätestens seit 2010 ist Gustav Wyneken auch Teil der aktuellen Debatte um die skandalösen Fälle von sexuellem Missbrauch an Schülern in Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe. Die Aufarbeitung des Themas führt auch zur Reformpädagogik in den Landerziehungsheimen. Ist der sexuelle Missbrauch seit jeher ein schwer begreifliches Stück pädagogischer Realität, so wird er vor dem Hintergrund reformpädagogischer Praxis noch komplexer.

Die neue Biographie über Gustav Wyneken (1875-1964) beschäftigt sich aber nicht nur mit diesem Thema. Der Autor, Peter Dudek fokussiert seinen Zugang zur Biographie über Wyneken auf dessen familiale Herkunft und Charaktereigenschaften.

Zu seinen Lebzeiten wurde Wyneken als notorischer Rechthaber und auch als Charismatiker wahrgenommen, an dem sich die Geister schieden. Dudek stellt Wyneken in seinen unterschiedlichen Rollen vor. Wynekens Weltanschauung, seine pädagogische Praxis und die Verbindung zu seiner Lebensgeschichte zeichnen dieses Buch aus. Dudek berichtet, wie Wyneken als ältestes Kind von sieben Geschwistern in einem Pfarrhaus in Göttingen aufwuchs, wie er als Schüler und Student seinen Weg einschlug, was ihn in seiner kurzen Zeit als Ehemann und Vater auszeichnete und zum Lehrer und Schulleiter werden ließ. Für den Erzieher und selbsternannten Jugendführer waren die pädophilen „Neigungen“ vermutlich auch selbst ein Problem, was er jedoch verleugnen musste. Für seine Umgebung ergaben sich daraus Schwierigkeiten und Hoffnungen, was geradezu widersprüchlich und kaum nachvollziehbar ist (vgl. S. 8). Der sogenannte Eros Prozess gegen Wyneken 1921 wird von Dudek differenziert recherchiert und ausführlich rekonstruiert.

Um diese profunde Biographie zu schreiben, arbeitete Dudek mit Dokumenten aus dem Nachlass. Er nutzt Wynekens Tagebücher von 1914-1930 und den umfangreichen Briefwechsel. Dudek kennt Wynekens Schriften, die Literatur über Gustav Wyneken und die Geschichte der Freien Schulgemeine Wickersdorf (FSG). „Das Buch ist weder eine Rechtfertigungs- noch eine Anklageschrift“ (S. 10). Es balanciert die Lebensgeschichte eines Mannes, der schillernd war. Weil Wyneken öffentlichkeitswirksam reformpädagogisch wirkte und der Jugendbewegung kulturverändernde Kräfte unterstellte, ist er Teil der Geschichte der Pädagogik und Jugendbewegung. Schon deshalb ist diese Biografie von hoher Relevanz und bringt neue Kenntnisse hervor. Hinzu kommt der Missbrauch, der aus heutiger Perspektive stattgefunden hat, der aber auch von sexualisierter Gewalt im engeren Sinn, abgegrenzt werden sollte. Das Zitat, das Peter Dudek als Titel des Buches wählte: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ (S. 10), stammt von Konrad Haenisch. Er war preußischer Kultusminister, als er diesen Satz 1919 an Wyneken schrieb. Das Zitat verweist auf Wynekens konfliktreiche und gescheiterte Beratungs- und Lehrertätigkeit und gleichzeitig auf seine Funktion innerhalb der deutschen Jugendbewegung. Gustav Wyneken, der die Freie Schulgemeinde Wickersdorf (FSG) bei Saalfeld in Thüringen zusammen mit Paul Geeheb und Martin Luserke 1906 als reformpädagogisches Schulprojekt gründete, war zwar vom Selbstverständnis her kein Reformpädagoge, dafür aber der geistige Mentor der Jugendkulturbewegung, „den stets die Aura des Rebellischen und Aufrührerischen umgab“ (S. 294). Das Buch möchte aufklären und schließt eine Lücke, denn bisher gab es eine solche Biographie nicht.

Aufbau

Nach dem kurzen Kapitel 1, der Einleitung, wird in Kapitel 2 „Biographische Annäherungen“ Wynekens familiäre Lebensgeschichte rekonstruiert. Kapitel 3 „Jugendbewegung und (Reform-) Pädagogik“ stellt die Kontakte zur Jugendbewegung und die Gründung der FSG vor. Kapitel 4 „Die Weimarer Republik und die NS-Zeit“ greift das Ende des Kaiserreiches und die Weimarer Republik sowie die NS-Zeit auf, um Wynekens (1875-1964) Denken und Wirken vor dem Hintergrund der politischen Dimensionen zu erfassen. Kapitel 5 „Eros und Knabenliebe“ differenziert die homoerotischen Anteile seiner Persönlichkeit, die sich im neuen pädagogischen Eros der 1920er Jahre widerspiegelten und auch in einem Vorwurf der Pädophilie vor Gericht verhandelt wurden. Kapitel 6 „Versuche eines Neuanfangs nach 1945“ fokussiert die Lebensgeschichte Gustav Wynekens auf Bemühungen um die Revitalisierung der Jugendbewegung und der FSG.
Kapitel 7 „Am Ende der Annäherung“ beschließt Dudek den Versuch, die Wurzeln der narzistischen Persönlichkeitsentwicklung dieses Mannes offenzulegen und die reformpädagogischen Bemühungen so zu umkreisen, dass sie mit biografischen Perspektiven verbunden werden konnten.

Inhalt

Gustav Adolph Wyneken wurde am 19.3.1875 als ältestes Kind des Pastors und Schuldirektors Ernst Friedrich Wilhelm Wyneken in Stade geboren. Wyneken starb am 8.12. 1964 in Göttingen. Alle Geschwister traten im Laufe ihres Lebens aus der Kirche aus. Fünf Kinder arbeiteten als Erwachsene in pädagogischen Berufen. Gustav, Lisbeth und Hilda in reformpädagogischen Landerziehungsheimen und Karl, mit dem er am längsten verbunden blieb, an einem Gymnasium. Luise wurde als Frauenrechtlerin Lehrerin und Direktorin an einer Haushaltungs- und Gewerbeschule. Zeitweise lebten Lisbeth und Gustav zusammen. Mit Karl und der eigenen Tochter, kam es zum Zerwürfnis. Sein berufliches Leben war von einem übersteigerten Sendungsbewusstsein geprägt und seine Beziehungen zu Lehrern und Schülern, Freunden, Geschwistern und Kindern von intra- und interpsychischen Konflikten.

Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter

Seine Göttinger Kindheit war bedrückend und seine Gemütslage überwiegend resignierend und depressiv. Die Dissonanzen der Eltern, die fehlende Anerkennung und die Überforderung der Mutter durch die vielen Kinder machten ihm zu schaffen. Er muss extrem unter dem christlichen Glauben der Eltern gelitten haben. Es sei eine Erziehung zur Furcht, zum Sündersein und zur Angst vor sexuellen Empfingen gewesen (vgl. 18-22). Seine späteren pädagogischen Maxime „bewusste körperliche Erziehung“ und „unbedingte Wahrheit und Offenheit“ haben hier zweifellos ihre biografische Wurzel. Während der Adoleszenz war Wyneken im Ilfelder Klosterinternat vor allem ein Außenseiter. Sein Interesse am antiken hellenischen Schönheitssinn und am Eros, dem unbedingten Wunsch, sich einem Ideal hinzugeben, prägen seine Pubertät während der Internatszeit. Nach dem Abitur studierte Wyneken auf Wunsch des Vaters 1894 in Berlin, Halle, Greifswald und Göttingen Theologie, Germanistik und Philologie (vgl. S. 30).

1900 wurde Wyneken aus finanziellen Gründen Lehrer, aber wollte auch promovieren. Danach kam er in das Landerziehungsheim von Hermann Lietz in Ilsenburg. Zu der Zeit hatte er auch geheiratet. Von 1903-1906 waren seine Frau und er auch am Lietzschen Landerziehungsheim in Haubinda tätig, weil Wyneken mittlerweile aus der Kirche ausgetreten war und als Religionslehrer nicht mehr in Ilsenburg arbeiten durfte. Hier wurden der Sohn Wolfgang geboren, der im Alter von 8 Monaten starb und die Tochter, Ilse. Ilse wuchs aber bereits in einer zerrütteten Ehe auf. Luise Dammermann, die Ehefrau, bekam noch eine Tochter, Annemarie Elisabeth, die Anne genannt wurde. Sie war nicht Wynekens leibliche Tochter, obwohl er sie als solche anerkannte. Die Ehe wurde erst 1910 geschieden. Seit 1906 lebten die Eheleute jedoch getrennt und die Mädchen wuchsen bei ihrer Mutter auf. Nach Wyneken war seine Frau krankhaft eifersüchtig (vgl. 46).

Peter Dudek schildert einfühlsam den Lebensweg der beiden Töchter. Ilse, die leibliche Tochter, gründete eine eigene Familie mit drei Kindern und lebte in München eine bürgerliche und überzeugt christliche Ehe. Für Wyneken war dies nicht nur der Grund, den Kontakt zu ihr völlig abzubrechen, sondern sie sogar zu enterben (vgl. S. 58-73). Seine antichristliche Einstellung und sein unnachgiebig rebellischer Charakter zeigten sich in familialen Beziehungen genauso wie in allen anderen Kontakten, die er hatte. Anne verstarb in der Psychiatrie Weilmünster während der Nazi-Zeit. Um sie hatte er sich immerhin, zusammen mit ihrem Ehemann Willi Balser und den drei Kindern, gekümmert, wenn auch leidlich. Willi Balser war bei der SS und Annes Schizophrenie sorgte dafür, dass das Thema Eugenik relevant wurde. Wyneken kämpfte gegen die Zwangssterilisation der Tochter und konnte diese letztlich nicht verhindern. Anne starb ein halbes Jahr später mit 36 Jahren 1942 unter mysteriösen Umständen und im Glauben, seine Tochter zu sein (vgl.57).

Reformpädagoge

„Ein Reformpädagoge oder Schulreformer wollte er nie sein, aber zur bürgerlichen Jugendbewegung, genauer zum Wandervogel, wollte er sich auch nicht zählen lassen“ (S. 76). Dennoch galten Wyneken und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf (FSG) bis 1933 als reformpädagogisches Modellprojekt. Er publizierte seine Vision über die gesinnungsethische Lebensgemeinschaft als Keimzelle gelebter Jugendkultur und selbstbestimmten Lebens. Er hielt Vorträge über den freien Geist und das jugendliche Protestpotential dieser Bewegung, obwohl er den Wandervogel nur aus Hans Blühlers „Geschichte des Wandervogels“ kannte (vgl. S. 79). Mit der Thematisierung der Jugendbewegung als Jugendkultur überzeugte Wyneken nicht nur Siegfried Bernfeld. Als überzeugter charismatischer Redner, der als Prophet der geistigen Erneuerung der Jugend und als Prediger der Gemeinschaft galt, bezog er sich auf die Meißnerformel von 1913: „Die Freideutsche Jugend will aus eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten“ (S. 88). Das war für Wyneken, so Dudek „eine Art Gründungsurkunde der neuen deutschen Jugend dar“ (S. 89). Paul Natorp kritisierte Wynekens Konzept der Jugendkultur mehrfach öffentlich und als er seine FSG Wickersdorf als „Kern der freideutschen Jugend“ darstellte, schlug ihm auch Kritik seitens der Jugendbewegten entgegen (vgl. S. 94). Auch Elisabeth Busse-Wilson kritisierte ihn heftig als unfähigen und falsch denkenden Pädagogen (vgl. S. 210). In Bayern hatte er sogar ein Redeverbot zu akzeptieren. Dudek recherchiert die Gegebenheiten und bietet damit lebendige Einblicke in die Geschichte der Jugendbewegung.

Wyneken selbst wollte nicht als Reformpädagoge wahrgenommen werden, denn seiner Meinung nach musste nicht die Schule erneuert werden, sondern die Jugend, die eine neue geistige Führerschaft brauche (vgl. S. 107). Der pädagogische Eros, die unbedingte Bindung zwischen einem Erwachsenen und einem Kind aus Leidenschaft, nicht aus erzieherischer Verantwortung heraus, sollte diese Erneuerung ermöglichen.

Pädagogischer Eros und FSG Wickersdorf 1906-1910

Hermann Lietz hatte sich von Gustav Wyneken und Paul Geeheb abgewandt, weil er mit ihrem Führungsstil und -anspruch nicht einverstanden war. Auf einem Wickersdorfer Gutshof fanden Geeheb, Luserke und Wyneken 1906 einen neuen Standort für ihre Schule. „Ein idealer Ort“, schrieb Wyneken für einen „Orden edler Knaben und Jünglinge“ (S. 113). Ausführlich würdigt und beschreibt Dudek die Gründerzeit. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Schularbeit (vgl. S. 116f). Wynekens Pädagogik bedeutet körperliche Ertüchtigung, Nacktturnen und Nacktlaufen, um auch der Sexualität freien Lauf geben zu können. Er verlangte allerdings unbedingte Treue zu ihm, als dem geistigen Führer, zur Wahrheit und zum Leben in der Gemeinschaft der jungen Menschen. Sein Unterricht war offensichtlich interessant. Er machte auch Schüler-Exkursionen nach Italien und in die Schweiz. Sein persönlicher Bezug machte ihn beliebt und brachte andere in Distanz zu ihm. Wyneken hatte, so Dudek, keine Selbstreflexionskompetenz und die Reflexion der pädagogischen Grenzen, z.B. das ungleiche Machtverhältnis, waren ihm nicht vertraut. Dudek zitiert aus Briefen seiner Schüler, die unter seinem Stil litten und rebellierten oder so depressiv wurden, dass sie sich sogar das Leben nahmen. Wer sich gegen ihn wandte, wurde als unliebsam gebrandmarkt und von der Schule entlassen. Dudek zählt die Begründungen auf (vgl. S. 126).

Einige Schüler und Schülerinnen hielten dagegen Kontakt zu Wyneken und erlebten seine dominante Rolle keineswegs als hinderlich, sondern teilten seine Wünsche an die Kameradschaft und freie Liebe. Auch die Kollegen waren in Bezug auf Wyneken gespalten. Einige griffen ihn persönlich an, nannten ihn sogar einen „Diktator“ und andere waren ihm ergeben und standen fest hinter seinen Ideen und Handlungen. Eltern, die das Gespräch suchten und wissen wollten, ob nicht ihre Kinder Recht hätten, erlebten den missionarischen Eifer und Führeranspruch. Wer sich dann immer noch gegen ihn stellte, wurde von ihm als psychopathologisch entwertet (vgl. 133). 1910 suspendierte ihn das Staatministerium, Abteilung für Kirchen- und Schulsachen, vom Schuldienst. Im gleichen Jahr fand die Scheidung von seiner Frau statt und seine finanzielle Existenz war bedroht.

Neuanfang nach 1910

Bis 1916 arbeitete Wyneken als freier Lehrer und Vortragender. Er lebte ohne festen Wohnsitz und wurde während des Ersten Weltkrieges freiwillig 1916 bis 1918 Kanonier und Gefreiter des Ersten Bayrischen- Fuß-Artillerie-Regiments (vgl. S. 95). Während der Münchner Räterepublik zu Beginn des Jahres 1919 war er unter Ministerpräsident Kurt Eisner kurzzeitig zum Volkskommissar für das höhere Schulwesen des Volksstaates Bayern berufen worden.

Im Kontext der Novemberrevolution 1918/1919 holte der sozialdemokratische Kultusminister Konrad Haenisch ihn als Schulberater nach Berlin. Wynekens Buch „Schule und Jugendkultur“ (1913) wurde damals, wie die pädagogischen Schriften Tolstois und Landauers „Aufruf zum Sozialismus“, begierig aufgenommen (vgl. S. 168). Mithilfe von Konrad Haenisch kehrte Wyneken sogar eineinhalb Jahre als Schulleiter nach Wickersdorf zurück. Seine beruflichen Möglichkeiten endeten in Konflikten, um die Anerkennung seiner Autorität und die Unfähigkeit, mit anderen zu kooperieren. Zwischen 1922 und 1924 hielt Wyneken mehr als 50 öffentliche Vorträge in verschiedenen deutschen und österreichischen Städten (vgl. S. 189).

Der Eros-Prozess

1921 fand in Rudolstadt der sogenannte Eros-Prozess statt, der Wyneken zunehmend isolierte, obwohl er noch bis 1928 am Amt des Leiters der FSG und Geschäftsführer der GmbH festhielt. Ein Vater hatte wegen des Nacktturnens und morgendlichen Nacktlaufens und Nacktküssens Anzeige erstattet. Wyneken schrieb während dessen eine Rechtfertigungsschrift zum pädagogischen „Eros“, die schon damals als Versuch entlarvt wurde, eine grenzüberschreitende pädagogische Praxis zu rechtfertigen (vgl. 246).

Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, dann aufgrund eines Formfehlers freigesprochen. Dudek geht ausführlich auf den Prozess und das Thema des sexuellen Missbrauchs ein. Ende der 1920er Jahre band Wyneken noch einmal einen Jungen, Herbert Könitzer, an sich.

Eros und Knabenliebe

Die antiken Griechen wurden bereits in der Romantik verherrlicht und am Ende des 19. Jahrhunderts avancierte die Jugend ähnlich wie griechische Jünglinge zum Vorbild für einen Naturzustand und das Meister-Jünger-Verhältnis zwischen dem Pädagogen als Knabenführer. Das erzieherische Eros der Antike meint nicht nur die persönliche Beziehung, „sondern auch das Bemühen um Erkenntnis und die Bindung von Erzieher und Zögling an die Gemeinschaft der Erkennenden“ (S. 246). Die Hoffnung auf Intimität wurde hier sicher mitgedacht und mitgefühlt auch in Bezug auf Platons Dialoge „Symposion“ und „Phaidros“. Gerade in der Kameradschaft und der Bindung an den „Führer“ nahm dieser Eros Gestalt an.

Die Jahre während der NS-Diktatur und nach 1945

Wyneken wurde nie Parteimitglied und stand den Nazis zunehmend kritisch gegenüber, ohne jedoch aktiv Widerstand zu leisten. Anfangs glaubte er zwar, die HJ sei in der Tradition der Jugendbewegung stehend eine richtige Entwicklung, doch zunehmend eckte er auch hier aufgrund seiner egozentrischen Wahrnehmung der Wirklichkeit an. Er verlor seine Stellung in Wickersdorf, hatte finanzielle Nöte und lebte ohne festen Wohnsitz. Er litt unter der Einsamkeit und unter der beruflichen Perspektivlosigkeit. Die Sehnsucht nach Wickersdorf teilte er mit anderen Kollegen (vgl. S. 311).
Nach 1945 wollte er tatsächlich, mittlerweile 70 Jahre alt, mit anderen Lehrern das von der KPD übernommene Internat Wickersdorf revitalisieren, weil die Schülergemeinschaft mit sozialistischen Ideen vereinbar sei. Als er merkte, dass er nicht Schulleiter werden würde, überlegte er, im Harz eine neue FSG zu gründen. Auch die Jugendbewegung wollte er wiederbeleben, bzw. fortschreiben. Angesichts der Kriegserfahrungen und der atomaren Aufrüstung im kalten Krieg müsse die Jugend Alarm schlagen (vgl. S. 387). Es blieb bei Überlegungen. Allerdings trat Wyneken 1946 in die SPD ein und 1960 wieder aus.
1960 wurde die Gustav-Wyneken-Gesellschaft (GWG) gegründet, um sein Lebenswerk zu bewahren. Die Herausgabe der gesammelten Schriften musste vorangebracht werden. Die GWG organisierte zwei Tagungen und wurde 1975 aufgelöst. 1963 schrieb Wyneken sein letztes Buch „Abschied vom Christentum“, dessen erfolgreiche Wirkung er nicht mehr erlebte, weil er am 8.12.1964 in Göttingen verstarb.

Diskussion

Für das Schreiben einer Biographie, die große Herausforderungen an Autoren_innen stellt, sind der Fokus und die Qualität der Quellen, aber auch die Art und Weise der Verarbeitung der Quellen von hoher Relevanz. Der Aufbau und die Gliederung des Buches zeigen bereits, wie gut Peter Dudek die Materie seines Buches beherrscht. Aus der Fülle von Daten, die Dudek einerseits recherchieren musste, und andererseits im Buch zur Verfügung stellt, ist eine Biographie entstanden, die mit vielen notwendigen Informationen ausgestattet hilft, die Handlungen Wynekens biografisch und zeitgeschichtlich differenziert einzuordnen.

Das Buch liest sich flüssig und spannend und Dudek schließt eine Lücke in der Forschung, denn eine Biographie dieses Ausmaßes gab es noch nicht. Wyneken erlebte drei politische Epochen. Seine Kindheit und Jugend während des Kaiserreiches. Erziehung bedeutet damals Unterordnung unter Autoritäten und die strikte Tabuisierung von Sexualität. Den Einstieg ins Erwerbsleben während der Weimarer Republik, als die Bestrebungen zur Selbstbestimmung und Emanzipation immer stärker wurden und natürlich auch die Pädagogik erreichten. Der weitere berufliche Werdegang fällt in die NS-Zeit, in der die Schatten der Moderne wirksam wurden. Die aufkommenden Wünsche nach Selbstbestimmung wurden durch die Verherrlichung der autoritären Strukturen erneut unterbunden. Mit dem Holocaust hat sich Wyneken, wie so viele seiner Zeitgenossen, offensichtlich nicht auseinandergesetzt, auch nicht mit der nationalsozialistischen Weltanschauung und Pädagogik.

Das Altwerden erlebte er in der jungen Bundesrepublik. Das berufliche Wirkungsfeld ist Teil der Geschichte der Pädagogik und so ist die Lebensgeschichte dieses Mannes natürlich auch fachlich relevant. An einer Stelle hätte ich mir noch tieferen Einblick gewünscht. In der Auseinandersetzung mit dem Pfarrhaus und der christlichen Einstellung der Eltern, liegt ja die Wurzel für seine zentralen Lebensentscheidungen. Sein Verhältnis zur Jugend begriff er als ein religiöses. Häufiger verglich er sich in seinen Schriften mit Worten, die die Evangelien benutzten, um Christus als Erlöser vorzustellen (vgl. S. 118). Wynekens Sendungsbewusstsein hatte zentrale Auswirkungen auf sein Gefühlsleben und die gesellschaftliche Wirkung, die er entfaltete. Seine Weltanschauung, die im pädagogischen Eros ihre scheinbare Erfüllung fand, war Teil seiner Persönlichkeit und Manipulation von Menschen. Psychoanalytisch betrachtet sind die doktrinären Denkformen Ausdruck einer nazistisch gekränkten Person, die bereits in der frühen Kindheit Mangel an Zuneigung und Stärkung des Selbstwerterlebens erfuhr und diesen Mangel lebenslang mithilfe verschiedener Abwehrmechanismen kompensierte. Er hatte eine autoritäre und erdrückende Kindheit erlebt. Davon betroffen war die gesunde Selbst- und Ich-Entwicklung, die Wyneken nicht möglich war, die er aber sehr wohl ersehnte. Er entwickelte ein Freund-Feind-Denken, blieb im Kampf-Modus verhaftet und konnte nicht glauben, dass andere ihm nicht schaden wollen.

Die Rekonstruktion dieser Lebensgeschichte bietet darüber hinaus Einblick in die Verbindung des individuellen Daseins mit zeitgeschichtlich relevanten Strömungen. Dass Wyneken vor allem durch Wilhelm Flitner und Herman Nohl zum Reformpädagogen gemacht wurde, verweist noch einmal darauf, dass Erfolg und Bedeutung von Gelegenheiten abhängen. Wyneken wollte einen Gegenentwurf zu seiner Kindheit leben, aber keine Theorie der Schule entwickeln. Die Blindheit für die Schattenseiten des erzieherischen Verhältnisses, die extreme Hörigkeit, die von den Lehrern eingefordert wurde, wird nicht nur durch die Abgeschlossenheit der Internate gefördert, sondern auch durch die Persönlichkeitsstruktur erzwungen.

Dudek gelingt eine ausgewogene Darstellung von Befürwortern und Gegnern, obwohl Wyneken Kollegen, Schüler und Eltern instrumentalisierte und für seine Konflikte nutze.

Das Thema sexueller Missbrauch wird meines Erachtens einfühlsam aufgegriffen. Dudek nennt die „Eleven“, die Wyneken bevorzugte. Weder die Jungen noch er hinterließen in Briefen eindeutige Hinweise auf pädophile sexuelle Gewalt. Wyneken selbst verlieh der homoerotischen Beziehung in seinem Buch Eros Ausdruck. Dabei verwies er auf das Recht des Kindes auf seine sexuelle Selbstbestimmung. Der Begriff des Eros wurde damals keineswegs nur von Gustav Wyneken verwendet und nicht alle brachten den Begriff in Verbindung zur dorischen Knabenliebe. Obwohl sexualisierte Gewalt, also sexuelle Übergriffe gegenüber Wickersdorfer Schülern stattfanden, das war, so Dudek, innerhalb der Schule ein offenes Geheimnis, konnte man schwer dagegen vorgehen. Die Schule hatte sogar den Ruf einer Homosexuellenschule (vgl. S. 263). Die meisten Kollegen an der Schule teilten vor allem die Überzeugung von der „kulturfördernden Macht“ der Nacktheit und Intimität, die Schüler in Wickersdorf erlebten (vgl. S. 269). Der sexuelle Missbrauch, den wir heute beklagen, daran lässt Dudek keinen Zweifel, gab es. Er wurde allerdings bagatellisiert und noch nicht geahndet.

Seit 1872 galt nach § 175 des Strafgesetzes Homosexualität als Straftat und § 174 des Reichsstrafgesetzbuches kannte nur den Tatbestand der sexuellen Gewalt. Im Fokus dieses Gesetzes standen Lehrer, Geistliche, Vormünder, Adoptiv- und Pflegeeltern, Ärzte sowie Untersuchungsbeamte im Gefängnis, die ihr Autoritäts- und Machtverhältnis für gewaltsame sexuelle Übergriffe an Minderjährigen einsetzten (vgl. S. 205). Das Recht auf „Sichauszuleben“ habe, so die fortschrittliche Meinung, habe nichts mit Gewalt gegen Jugendliche zu tun. Der Prozess gegen Wyneken spaltete die Meinungen (vgl. 271). Wyneken musste seine homosexuellen Präferenzen sicher unterdrücken, was für ihn vermutlich eine schwierige Lebensaufgabe war. Er ist also selbst Opfer aber eben auch Täter – das gestehen wir ihm von heute her zu. Aufgrund der Komplexität des Themas warnt Dudek davor, von heute her Landerziehungsheime und kirchliche Einrichtungen unter Generalverdacht zu stellen. Die Kausalität zwischen Reformpädagogik und pädophiler Gewalt sei falsch (vgl. S. 247). Heute können wir den sexuellen Missbrauch in Form von Hörigkeitsverhältnissen und manipulativen Bindungen, wie sie von Wyneken ausgingen, benennen.

Fazit

Das Buch „‚Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!‘. Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875-1964) – eine Biographie“ ist lesenswert und sicher eine wichtige Ergänzung im Kanon der vielen Schriften von und über Gustav Wyneken. Der Autor wollte den Blick auf den „Charismatiker und weltanschaulichen Dogmatiker Gustav Wyneken“ (S. 7) werfen, was ihm gelungen ist. Dem Buch sei die Resonanz von Studierenden der Erziehungswissenschaft und Sozialen Arbeit gegönnt. Sicher trägt das Buch neue Kenntnisse in die Forschung über die Jugendbewegung und Reformpädagogik.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 06.07.2017 zu: Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“. Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875-1964) - eine Biographie. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2176-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22881.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


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