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Michael Plaß: Homosexualitäten* und Heteronormativität in der Pädagogik

Cover Michael Plaß: Homosexualitäten* und Heteronormativität in der Pädagogik. Eine Diskursanalyse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 200 Seiten. ISBN 978-3-7815-2169-8. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Autor

Michael Plaß, Jahrgang 1982, schloss 2012 sein Pädagogikstudium an der Universität München ab. Er arbeitet im Zentrum für schwule Männer in München.

Entstehungshintergrund

Das Werk wurde 2016 in der Fakultät für Psychologie und Pädagogik an der Ludwigs-Maximilians-Universität als Dissertation angenommen.

Aufbau

Die Studie bearbeitet die Forschungsfrage „An welchen Stellen zeigt sich der pädagogische Diskurs zum Thema Homosexualitäten* heteronormativ oder heteronormativitätskritisch?“ (S. 8) Sie beginnt mit den theoretischen Forschungsgrundlagen aus den Bereichen Soziologie, Philosophie sowie den Essentials der pädagogischen Heteronormativitätsforschung. Als methodische Basis wird die kritische Diskursanalyse vorgestellt. Sie wird vom Autor auf deutschsprachige Texte angewandt, die unmittelbar in der Pädagogik verortet und im Zeitfenster von 1995 bis 2014 erschienen sind.

In folgender Reihenfolge bezieht sich die Analyse auf einzelne Unterthemen bzw. Diskursstränge:

  • Der hegemoniale Diskurs,
  • Heterosexualitäten* in pädagogischen Einrichtungen und Familien,
  • Opfer und Täter*innen,
  • Umgang mit Dichotomien,
  • der Kampf gegen die Stereotypisierung und Bewertungen des Sex.

Die Ergebnisse werden am Schluss zusammengefasst, diskutiert und mit einem Ausblick versehen.

Inhalte

Plaß bestätigt die bisherigen Ergebnisse der Heteronormativitätsforschung, dass zahlreiche Texte zu Sexualitäten in der Pädagogik Heterosexualitäten gar nicht ansprechen, eine rein heterosexuelle Perspektive enthalten oder Homosexualitäten* am Rand des Gesamtdiskurses als Sonderthema bearbeiten. Entscheidend sind in der Regel die diskursiven Positionen der Autor*innen. Dennoch gibt es zu dem zwangsheterosexuellen Hauptdiskurs einen Gegendiskurs, der das Dispositiv der Zwangsheterosexualität aufzubrechen. Nach der Bearbeitung der dominanten Aussagen zur Heteronormativität und Homonegativität stehen im weiteren Verlauf der Analyse alle jene Texte im Fokus, die sich gegen den herrschenden Trend zur Zwangsheterosexualität wenden.

Dieser Gegendiskurs enthält zahlreiche Diskursstränge bzw. Unterthemen, die vom Autor nacheinander bearbeitet werden. Festgestellt wird zunächst, dass diverse Themen in diesem Gegendiskurs hierarchisch angeordnet sind. So dominieren z.B. Aussagen zu schwulen und lesbischen Cis*Menschen, zu Trans*Menschen und Intersex*Menschen gibt es kaum Literatur, zu Schwulen wesentlich mehr als zu Lesben, überwiegend zu Jugendlichen. Erwachsene kommen nur in ihrer Funktion als Pädagog*innen oder Eltern vor; wenige Texte enthalten eine intersektionale Perspektive.

Aussagen zur Lebenssituation junger Lesben und Schwule beziehen sich inhaltlich zunächst auf ihre Situation in pädagogischen Institutionen, vor allem in Schulen als besonders homonegativ geprägte Orte. Erst mit der Überarbeitung diverser juristischer und administrativer Gesetzte und Verordnungen, die Arbeit von Aufklärungsprojekten in Schulklassen und gelegentliche Initiativen von schwulen und lesbischen Pädagog*innen bessert sich die Situation allmählich. Konzeptionelle Basis dieser positiven Veränderungen sind die Theorie der sexuellen Bildung und das Paradigma der Lebensformenpädagogik. Die darauf beruhenden Erfolge heteronormativitätskritischer Arbeit werden jedoch eher als ein „Flüstern unter dem mächtigen Mantel des Schweigens“ bezeichnet (S. 166). Besonders wird der Diskursstrang der homonegativen Wirkung der Stereotypisierung herausgestellt und mit diversen Gegenstrategien versehen.

Der andere wichtige Ort, um den sich diverse Themen anordnen lassen, sind die Familien von schwulen und lesbischen Kindern. Die irritierte Gefühlswelt der meisten Eltern lässt die Frage nach der Entstehung von Homosexualitäten* und des geschlechtsatypischen Verhaltens aufkommen, zu der diverse Kommentare existieren. In den Themenkontext „Familie“ gehören auch die Kommentare zu schwulen und lesbischen Paarbeziehungen und deren Gestaltung nach dem Muster heterosexueller Geschlechterdichotomie, queeren Identitäten, Multisexualitäten* und polyamorösen Beziehungsnetzwerken. Angesprochen wird in diesem Zusammenhang auch die Verbindung von Heteronormativität mit kapitalistischer Ökonomie und den Konsequenzen für homosexuelle Beziehungsgestaltung im beruflichen Kontext.

Zur Frage der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit gehören Diskursfragmente zu Erziehungsberechtigung und Adoptionsrecht, vor allem zu den vieldimensionalen Diskriminierungsprozessen und zu Täter-Opfer-Relationen im Verhältnis von Hetero- zur Homosexuellen sowie von homosexuellen Menschen untereinander. Selbstverständlich nehmen die Strategien zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt im heteronormativitätskritischen Diskurs der Pädagogik einen großen Raum ein und wird von Plaß auf mehr oder weniger überzeugende Vorschläge abgeklopft.

Viele Texte setzen sich auf mehr oder weniger dekonstruktivistische Weise mit den dichotomen und quasi-natürlichen Verbindungen von Sexus, Gender und Begehren auseinander. Plaß kann in diesem Zusammenhang aufzeigen, dass inzwischen einige wenige queere Identitätskonzepte in den pädagogischen Diskurs Einzug gehalten haben, wenn auch erst sehr zaghaft und vielfach eher programmatisch als tatsächlich ausformuliert. Das wäre aber erforderlich, wenn das in der Pädagogik vertretene Ideal des autonomen Subjekts tatsächlich auch auf Sex, Gender und Begehren konsequent angewandt würde. Interessanterweise tauche jedoch in den Texten kein Kommentar auf, „in dem explizit von einer freien Wahl der Sexualpartner*innen (unabhängig von deren Geschlecht) ausgegangen wird“ (S. 170). Plaß erklärt diese Vorsicht bei der Freigabe und vorausgesetzten Veränderbarkeit des Begehrens und die Beschränkung des kritischen Gegendiskurses auf relativ statische Identitäten mit der Angst vor den zurzeit noch übermächtigen homonegativen Diskursen (S. 175).

Das letzte Thema der Analyse zu Homosexualitäten* im pädagogischen Diskurs bilden Aussagen, die Sex bewerten. Es geht um reale und stereotyp zugeschriebene Sexualpraktiken, Kinderwunsch und Kinderlosigkeit. Hier wird der Kampf gegen die Stereotypisierung noch sehr zaghaft geführt und nicht immer mit den wirksamsten Strategien und erfolgversprechenden Ergebnissen.

Plaß fokussiert alle diese Diskursstränge und ihre kritische Analyse in einem Diskussionskapitel, in dem auf einer höheren Abstraktionsebene noch einmal zentrale Themen auf den Punkt gebracht werden, soz.B. die heteronormative Macht der Definitionen als Barriere einer an sexueller und geschlechtlicher Vielfalt interessierten Pädagogik, sehr wohl aber auch diverse Möglichkeiten für eine heteronormativitätskritische Perspektive. Der Ausblick beschäftigt sich zu Recht mit den Auswirkungen der Neoliberalisierung von Gesellschaft und Pädagogik auf die Weiterentwicklung der gleichberechtigten Anerkennung selbstbestimmter sexueller Identitäten.

Diskussion

Das Buch ist offenbar identisch mit der von Herrn Plaß eingereichten (vermutlich recht positiv bewerteten) Dissertation und entsprechend methodisch fundiert, inhaltsreich und ein tatsächlicher Fortschritt auf dem Gebiet einer kritisch-pädagogischen Heteronormativitätsforschung. Alle wesentlichen, verstreut existierenden und für am Thema Interessierte kaum zu überblickenden Texte, werden mit dem Ziel der Erweiterung sexuell-geschlechtlicher Verhaltensspielräume kritisch analysiert und gewürdigt.

Angesichts der ausführlichen Darstellung der inzwischen recht differenzierten Gegendiskurse zum heteronormativen Hauptdiskurs entsteht fast der Eindruck, als sei die Pädagogik auf diesem Sektor schon recht weit auf dem Weg in eine diversitätsfreundliche Zukunft – eine optische Täuschung sicherlich und dennoch ermutigend.

Mögliche Kritik an der umfangreichen Studie nimmt der Autor im Abschnitt „Selbstkritik“ auf S. 178 schon vorweg. Sie bezieht sich auf die Beschränkung des Literaturkorpus, die mangelnde Berücksichtigung des Intersektionalitätskonzepts, die nicht einbezogenen Texte zur Situation von Trans*- und Intersex*-Menschen sowie die Ausklammerung der affektiven Prozesse, die mit Zwangsheterosexualität und Homonegativität einhergehen. Eilige Leser*innen, die den Duktus von Dissertationen anstrengend und zeitraubend empfinden, können sich auf die Lektüre der Zusammenfassung, Diskussion und des Ausblicks beschränken um das Wesentliche zu erfassen.

Fazit

Die Studie „Homosexualitäten* und Heteronormativität in der Pädagogik“ entfaltet und analysiert das im Titel benannte Thema im pädagogischen Diskurs mit allen seinen Teilaspekten und zugrundeliegenden Fragestellungen. Die gründliche Diskursanalyse wesentlicher Texte aus den Jahren 1995 bis 2014 referiert und analysiert den Diskussionsstand heteronormativitätskritischer Erziehungswissenschaft und enthält eine Fülle von Ansatzpunkten für die weiterführende Forschung und pädagogische Praxis.


Rezensent
Prof. Dr. Uwe Sielert
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Zitiervorschlag
Uwe Sielert. Rezension vom 30.11.2017 zu: Michael Plaß: Homosexualitäten* und Heteronormativität in der Pädagogik. Eine Diskursanalyse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2169-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22885.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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