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Hans-Ernst Schiller: Freud-Kritik von links

Cover Hans-Ernst Schiller: Freud-Kritik von links. Bloch, Fromm, Adorno, Horkheimer, Marcuse. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2017. 366 Seiten. ISBN 978-3-86674-561-2. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR.
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Thema

Die ambivalente Beziehung der kritischen Theorie zu Freud beim Versuch, die Erkenntnisse der Psychoanalyse für die Gesellschaftstheorie fruchtbar zu machen, wurde von den o.g. Autoren unterschiedlich begründet. Die hier vorliegende Untersuchung versucht die ideologischen Schwächen der Freud´schen Theorie aufzuzeigen und gleichzeitig die Bedingungen zu klären, unter denen im Kontext einer kritischen Sozialphilosophie kreative Anstöße genutzt werden können.

Autor

Hans-Ernst Schiller, geb. 1952, studierte Philosophie, Geschichte und Soziologie in Erlangen, schrieb eine Magisterarbeit über Marx, promovierte über Bloch und habilitierte sich mit einer Arbeit über Wilhelm von Humboldt. Nach einer dreijährigen Vertretungsprofessur in Darmstadt (FH) ist er seit 1996 Professor für Sozialphilosophie und Sozialethik an der FH Düsseldorf. Veröffentlichungen zur ‚Theoriegeschichte des modernen Individualismus‘ und zur ‚Ethik in der Welt des Kapitals‘. Herausgeber von ‚Staat und Politik bei Horkheimer und Adorno‘ (2014) und ‚Staat und Politik bei Ernst Bloch‘ (2016).

Entstehungshintergrund

Ist eine engagierte Auseinandersetzung mit der Kritik von Adorno und Horkheimer an der psychoanalytischen Therapie (nicht Theorie!), da sie zur Unterwerfung unter eine soziale Nutzbarkeit führe.

Einleitung (18 S.)

Schiller beobachtet bei Freud eine ‚elitäre Gesellschaftskonzeption‘ und einen ‚herrschaftsapologetischen Zug‘. Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts könne, wie sich gezeigt habe, auch die Utopie zum Legitimationsgrund von Herrschaft werden. Freud habe gezeigt, wie eine repressive Gesellschaft von den Individuen unbewusst introjiziert und reproduziert werde. Das Konstrukt des autoritären Charakters besitze aber nach wie vor eine Erklärungskraft, z.B. bei Fremdenhass.

Weitere Themen sind 1) die Affektenlehre in philosophisch-politischer Absicht, 2) die Dialektik des Unbewussten, 3) die praktische Dimension der Sozialpsychologie und der Affektenlehre, 4) der Widerspruch, dass Freud die individuelle Lebensgeschichte seiner Patienten ernst nehme, andererseits in seinen kulturtheoretischen Schriften das Individuum der Macht der Kollektive unterwerfe.

1. Trieb und Unbewusstes im Zeichen des Neuen: Ernst Bloch (60 S.)

Bloch habe – im Gegensatz zum Frankfurter Institut für Sozialforschung – nie den Glauben geteilt, dass sich die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht ohne eine psychologische Theorie begreifen lasse. Im ‚Geist der Utopie‘ beziehe er sich auf Freuds Traumdeutung. Den kreatürlichen Trieben (Freud) setze er einen metaphysischen Trieb, ein moralisches unbestimmtes Wollen entgegen und dem Unbewussten ein Noch-nicht-Bewusstes, das noch nie bewusst war, aber ‚im Dunkel des gelebten Augenblicks‘ erscheint und gelichtet (erkannt) werden muss als die Hoffnung, dass es das ‚Himmelreich‘ geben könne. Im Erleben glauben wir, bevor wir wissen, dass wir glauben. Das Wissen über uns hinke dem gelebten Augenblick – wie in einem Fluss – immer hinterher.

Aber gibt es nicht auch die großen Augenblicke (in der Musik und Kunst) einer letzten Identität, auch im Erschrecken und Absturz? Gehört das Noch-nicht-Bewusste in den praktischen Zusammenhang des produktiven Verwirklichens von sprachlosen Entwürfen (Phantasien)? Auch im ‚Prinzip Hoffnung‘ gehe es Bloch um die absolute Identität, Manifestation des innersten Subjektkerns und die Überwindung des Todes (Zeitlosigkeit). Im Gegensatz zum Nicht-mehr-Bewussten (das Alte und Verdrängte) von Freud, betone Bloch das Noch-nicht- Gewusste (das Zukünftige und Neue). Die archaische, nicht individuelle Erbschaft bei Freud, habe Bloch ignoriert.

Das historisch Neue, auch radikal utopisch Neue, auch wenn es die Erbschaft des Alten (Ökosysteme, Denk- und Gefühlswelten) nicht verleugnet, werde von Bloch als Möglichkeit im Gegensatz zu Freud gesehen. Freuds Herkunft aus dem Judentum, das eine Messiaserwartung kenne, aber keine Erfüllung, könnte auch bei dem ‚gottlosen Juden‘ (Freuds Selbstbezeichnung) in das Gegenteil umgeschlagen sein.

Exkurs 1: »Das Verhängnis, das Vernunft allein nicht wenden kann«. Überlegungen zu einer philosophisch-politischen Affektenlehre. -

Affekte oder Emotionen sind für Bloch Triebgefühle, verbunden mit Lust und Unlust. Verzweiflung und Hoffnung sind vor allem menschliche Gefühle, wie auch Liebe, Zorn und Hass, aber weniger leiblich als ‚ichhaft‘; nicht nur situativ können sie zu einer Persönlichkeitseigenschaft bzw. Leidenschaft werden. Gefüllte (kurzsinnige) Affekte unterscheidet Bloch von Erwartungs-, auf die Zukunft gerichteten Affekten, Orientierung auf eine unbestimmte Hoffnung. Bei Angstaffekten könne die kognitive Funktion hilfreich sein, wenn das Angst Erregende in der Realität nicht zu fürchten sei.

Affektverschiebungen und -verwandlungen (Freud) sind psychoanalytisch Abwehrvorgänge. Unterdrückte Aggressionen können sich gegen das Selbst richten und Angst und Schuldgefühle auslösen.

Schiller behandelt dann vor allem die Affekte des Zorns und der Empörung unter einem theoriegeschichtlichen Rückblick auf Aristoteles, Seneca, Descartes und Sartre. Er geht dann auf ‚politische Affekte und objektive Vernunft‘ ein, letztere in ihrer Funktion der Selbstbeherrschung. Politisch würden Affekte durch gemeinsam unter Bürgern geteilte Emotionen, im Guten wie im Bösen. Sie stellten nach Freud über Gefühlsbindungen eine Gemeinschaft her.

Es folgt dann ein Rückgriff auf Aristoteles, Spinoza, Sartre und schliesslich Rawls Theorie der Gerechtigkeit und entschuldbaren negativen Gefühlen, wie z.B. Neid. Habitualisiert sich dieser zu einer Leidenschaft, so sei mit Missgunst, Ehrgeiz, Geiz und Hass zu rechnen, was äußere (Spinoza) und innere (Freud) Ursachen haben könne. Neid könne geächtet werden, aber auch den Blick auf das Bestehende richten (Adorno, Marcuse). Mitleid als eine Quelle der Moral (Rousseau) könne Gerechtigkeit (Prinzip des Sozialstaates) nicht ersetzen. Nationale Symbole würden einerseits gebraucht, unterlägen andererseits aber der Gefahr, für nationalistische Interessen und Größenphantasien missbraucht zu werden.

2. Verharmlosung oder Weiterentwicklung der Psychoanalyse? Erich Fromm (71 S.)

Innerhalb des Instituts für Sozialforschung hat Fromm die Verbindung zwischen Psychoanalyse und historischem Materialismus bearbeitet. Wie der Mensch über seine Antriebskräfte nur partiell Bescheid wisse, so auch über seine die ökonomischen Grundlagen bestimmenden. Krisen erschienen dann als ‚blinde Naturnotwendigkeit‘.

Welchen Platz nimmt die Psychoanalyse innerhalb des historischen Materialismus ein? Indem sie die seelische Verwurzelung in der Charakterstruktur, vermittelt über Werte in Familie und Gesellschaft, untersucht, bleibe weitgehend unbewusst die im Kapitalismus vorherrschende anale Fixierung auf Geld und Macht. Die Feldforschung 1929 über Arbeiter und Angestellte und deren typisch autoritäre seelische Strukturen zeigte – bis auf eine kleine Gruppe von 15 % – eine politische Übereinstimmung nicht mit sozialistischen, sondern mit bürgerlichen Meinungen. Kritisch gegenüber der Triebtheorie von Freud und für eine Objektbeziehungstheorie beschäftigte sich Fromm mit der gesellschaftlichen Determinierung psychischer Strukturen und warf der Psychoanalyse eine Zentrierung auf die bürgerliche Kultur vor. Generell würden durch die Sozialisation die Triebe den gesellschaftlichen Forderungen (Werte, Ideen, Alltagspraxis) angepasst. Er übte Kritik an dem Konzept des Todestriebs und meint, dass sich destruktive Aggressivität nur unter bestimmten Sozialisationsformen (‚ungelebtes Leben‘) entwickelt. Kriege hätten vorwiegend politische und ökonomische Ursachen, die manipulativ durchgesetzt würden. Er empfahl Aufklärung über die wahren Machtinteressen und die Mechanismen der Manipulation. Eine gesellschaftliche Marketing-Orientierung unterstütze Klassen- und Gruppenstrukturen autoritärer Charaktere, die in ihrer Selbstachtung abhängig vom Marktwert seien. Widersprüchliche, ambivalente Einstellungen könnten zum gesellschaftlichen Zusammenhalt führen, aber auch Sprengkraft für alternative Formen enthalten (Horkheimer). Der Traum als Königsweg zum Unbewussten enthielte sowohl individuelles als auch gesellschaftliches (von vielen Mitgliedern geteiltes) Unbewusstes. Das Problem scheine nicht zu sein, dass verschiedene Produkte im Wert gleichgesetzt werden, sondern dass sie allein – auch der Mensch und seine Arbeit – am Kapital, Geldwert, gemessen würden.

Fromm habe Freud und Marx als radikale Aufklärer rezipiert, sich aber am Kulturpessimismus Freuds gestoßen und an der – im Gegensatz zu Marx – fehlenden kritischen Gesellschaftstheorie. Seine Untersuchungen der Arbeiter und Angestellten am Vorabend des Dritten Reiches und der autoritären Persönlichkeit seien wichtige Beiträge zur kritischen Theorie geblieben.

Exkurs 2: Dialektik des Unbewussten und primitives Denken nach Freud. – Symptome (Zwangshandlungen, psychosomatische) haben nach Freud eine, wenn auch unbewusste, Bedeutung. Nach Schiller sind Verschiebungen, Verdichtungen und Symbolisierungen alltäglich und oft auch bewusst. Nach Lacan ist das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert, die Verdichtung eine Metapher und die Verschiebung eine Metonymie. Traumbilder, Symptome und Symbole gehörten einer sozialen Ordnung an. Nach Saussure ist aber der Traum, weil Privatsprache, ohne ein soziales Band, und insofern eine primitive Denktätigkeit. Das Bewusstsein bedeute Wahrnehmung – nach innen wie nach außen. Sprache als Werkzeug beinhalte bereits rationale und reflexive Momente.

Gibt es ererbte Inhalte des Unbewussten? Im Traum werden Wunscherfüllungen halluziniert, ein Stück ‚überwundenes Kinderseelenleben‘. Doch lasse sich das nicht auf phylogenetische Grundlagen zurückführen. Wunschprinzip (Phantasie) stehe gegen das Realitätsprinzip (Arbeit). Vorsprachliche Wahrnehmungen und Affekte seien unbewusst.

Was sich in der modernen Welt als Barbarei zeige, sei demnach kein Erbe der Vorzeit sondern ein Produkt der Gegenwart. Fortschritt schaffe neue materiellen Grundlagen, aber die Form, in der sich dieser Fortschritt im Kapitalismus vollziehe, sei barbarisch (Kinderarbeit, Hungersnöte, Sklaverei, Verelendung, Massenvernichtungswaffen). Marx spricht in Analogie zur religiösen Vorstellungswelt vom ‚Fetischismus der Ware‘ als ein sozial Unbewusstes. Wie verhält sich das affektiv und sozial Unbewusste zueinander? Durch Aufklärung solle dieses lebensgeschichtliche und soziale Unbewusste überwunden werden (Horkheimer, Fromm). Die Psychoanalyse nach Freud könne diese Kritik nicht leisten, denn dazu müsste zunächst der herrschaftliche Charakter des begrifflichen Denkens reflektiert und überwunden werden.

3. Von der Hilfswissenschaft der Geschichte zur Anthropologie der Kultur: Max Horkheimer (25 S.)

Gesellschaftstheoretisch sollten nach Horkheimer unter Einbeziehung der Psychoanalyse der ‚Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Leben der Gesellschaft, der psychischen Entwicklung der Individuen und den Veränderungen auf den Kulturgebieten im engeren Sinne.‘ bearbeitet werden. Welcher affektive Kitt hält die Gesellschaft trotz verheerender Krisen zusammen? Ein kollektiver Narzissmus? Horkheimer betont die Dialektik zwischen äußeren und inneren Faktoren und vermisst diese in ‚Unbehagen in der Kultur‘ (Freud). In den Forschungen über Antisemitismus gehe es jedoch um die unbewussten Antriebe, auch wenn diese in gesellschaftlicher Ungerechtigkeit zu suchen seien. Die Psychoanalyse habe Anteil an der Kritik von Ideologien, auch wenn die Herstellung von ‚Arbeits- und Genussfähigkeit‘ als Therapieziel infrage gestellt werde, weil darin eine Anpassung an eine vorgegebene Wirklichkeit enthalten sei.

Exkurs 3: Politische Pädagogik. Adorno und Martha Nussbaum im Vergleich. – In der ‚Erziehung zur Mündigkeit‘ fordert Adorno, der Vormacht der manipulativen Kollektive und einer Verdinglichung des Menschen entgegen zu arbeiten durch eine eigenständige Reflexion, Selbstbestimmung und Identifikation mit den Opfern. Auch Nussbaum betont die Bedeutung von Empathie und deren Wuzeln in der frühen Kindheit. Beschämende Erfahrungen, die Feindseligkeit hervorrufen, würden auf out-groups projiziert und verschoben. Schiller setzt positiv auf Faktoren, die Widerstand ermöglichen und nicht nur der familiären, sondern auch der gesellschaftlichen Dynamik von Vorurteilen und Exklusion Rechnung tragen.

4. Die Schule der Selbstreflexion. Adorno und Freud (91 S.)

  1. Schwierigkeiten: Adornos Haltung zu Freud wird als kritisch und zwiespältig (‚Dialektik der Aufklärung‘) beschrieben, möglicherweise auch beeinflusst durch eine Rivalität zu Erich Fromm, der sich mit dem ‚sozialen Kitt‘ (Gefühlsbindungen) beschäftigt hat.
  2. Erkenntnistheoretische Freud-Rezeption: Die Habilitationsschrift von 1927: In der Arbeit ‚Der Begriff des Unbewussten in der transzendentalen Seelenlehre‘ wendet sich Adorno gegen eine Philosophie des Unbewussten, spricht sich aber für die Psychoanalyse als einer empirischen Wissenschaft aus und unternimmt den Versuch, philosophisch den Begriff des Unbewussten/Irrationalen – ein Dasein unabhängig von der aktuellen Wahrnehmung – transzendental unter Einbeziehung der psychoanalytischen Theorie zu bestimmen. Unbewusstes und Bewusstes ließen sich – obgleich vermittelt – nicht ineinander auflösen. Die Dynamik der Abwehrmechanismen bleibt dabei unberücksichtigt, aber die ‚Grenzen der Aufklärung‘ werden reflektiert.
  3. Charakter und Prognose: Die Psychologie des Unbewussten als Hilfswissenschaft, z.B. in der Autoritarismus-Untersuchung und Vorurteilsforschung. Während Fromm Widerstandspotentiale gegen den Faschismus bei den beiden Arbeiterparteien untersuchte, erforschte Adorno die Wirksamkeit antisemitischer Propaganda in der amerikanischen Bevölkerung; beide zielten auf verlässliche Daten über politische Einstellungen. Da sich der Charakter, in Anlehnung an Freud, in früher Kindheit bildet, können sich idealisierende ethnozentrische Einstellungen auch unbewusst, als Reaktion auf eine intensive Feindseligkeit, entwickeln, die projektiv auf die entwertete Fremdgruppe abgeleitet würden. Nach Adorno entwickelt sich der Charakter jedoch nicht isoliert vom gesellschaftlichen Ganzen. Latente Einstellungen wurden im ‚Gruppenexperiment‘ 1950/51 untersucht und Begriffe wie Projektion, Reaktionsbildung, verdrängtes Schuldgefühl psychoanalytisch interpretiert.
  4. Das Ende des ‚inneren Kleinbetriebs‘, das Verschwinden des Unbewussten: Durch die Massenkultur würden die Subjekte der Triebökonomie ‚psychologisch expropriiert‘ und das Individuum aufgelöst, wogegen der zunehmende Narzissmus spreche (der aber auch unter sozialem Druck zustande kommen könne). Adorno problematisiert weiter das Unbewusste und die Abwehrmechanismen (Kritik an Anna Freud), beschreibt diese als ein ‚Nicht-wahr-haben-wollen‘. Der Begriff des Ich sei – im Gegensatz zu Freud – ‚dialektisch, seelisch und nicht seelisch, ein Stück Libido und ein Repräsentant der Welt. Diese Dialektik habe Freud nicht ausgetragen.‘ Es sei die Illusion der Ohnmächtigen, dass ihr Schicksal von ihrer Beschaffenheit abhänge. Der Konflikt der Individuen mit einer entfremdeten Objektivität mache die Psychologisierung des Konflikts unmöglich. Die Herrschaft des Unbewussten sei von außen, aus politischen und ökonomischen Gründen aufgezwungen worden.
  5. Eine geniale Schrift: Massenpsychologie und archaische Erbschaft. – Im Aufsatz ‚Die Freudsche Theorie und die Struktur der faschistischen Propaganda‘ (Adorno 1951) geht Adorno auf den Konflikt zwischen den Ansprüchen einer entwickelten Ich-Instanz und deren ständigen Scheitern ein, was zu einer Übertragung der narzisstischen Ansprüche auf ein idealisiertes Objekt führe. Fromm hingegen betonte die Rolle der Partizipation am Glanz des Führers oder der Nation. Der unlösbare Konflikt zwischen Anspruch auf Selbständigkeit und Selbstverantwortung und ohnmächtiger, z.B. ökonomischer, Abhängigkeit werde als narzisstische Kränkung erlebt und führe zur Identifikation mit dem faschistischen Führer. Der ‚archaischen Erbschaft‘ (Freud) als Wiederholung setzt Adorno die Erzeugung des Rücksichtslosen und Despotischen und des im Individuum schlummernden Archaischen durch die Widersprüchlichkeit der Zivilisation entgegen.
  6. Freud hat Recht, wo er Unrecht hatte: Kritik des Revisionismus. – Der Vorwurf des Revisionismus geht an die Adresse von Karen Horney und Fromm. Adorno sieht da Individuum mit seinen ihm selbst unbewussten Widersprüchen durch die Verinnerlichung von Herrschaft. Natur (die Triebe) und soziale Interaktion führten zwar zum Widerstreit zwischen Ich und Es, doch habe Freud das Realitätsprinzip und die Herrschaftsverhältnisse keiner rationalen Prüfung unterzogen. Gibt es eine angeborene Neigung zum ‚Bösen‘, zur Aggression, Depression und Grausamkeit? Gibt es eine irreduzible Eigenständigkeit von Soziologie und Psychologie? Soziologische Kategorien lassen sich nicht allein aus individuellen Motiven verstehen und psychologische lassen sich nicht in soziologische auflösen. Dennoch reicht das Psychologische hinein in die Gesellschaft und umgekehrt. Das Ich sei der Form nach gesellschaftlich und in der Angemessenheit seiner Urteile ein Repräsentant der Welt. Seine Dialektik beruhe auf seiner Herkunft aus dem triebhaften Es bei gleichzeitiger Repräsentation der Welt.
  7. Die objektive Unwahrheit aller Psychotherapie. – Mit seiner Kritik an der ‚Lustlosigkeit von Freud‘ begründet Adorno die Kritik an der Therapie (Training zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft). Wird damit ‚falsches Leben‘ (Anpassung) gerechtfertigt? Schiller wendet ein, dass ein Widerstand gegen gesellschaftliche Irrationalität nicht von unter gravierenden Symptomen leidenden Menschen geleistet werden könne. Eine ‚berufsmässige Güte‘ (Ferenczi und Groddeck) oder ‚bürgerliche Kälte‘, beides seien Übertreibungen, die den Vorwurf der ‚Konventionalisierung‘ der Psychoanalyse unterstützten. Indem das Ich in der Therapie seinen ichfremden Impulsen begegne, werde es zwar stärker, gerate aber auch in Gefahr, egoistischer seinen Interessen zu folgen. Dennoch hoffte Adorno, die Täter von Auschwitz, z.B. ihrer Eitelkeit schmeichelnd, zu Studienzwecken für eine langfristige Psychoanalyse, ohne die Voraussetzungen von Leidensdruck und kritischer Selbstbesinnung, gewinnen zu können.
  8. Freuds »Drang ins Totale«; Künstler sublimieren nicht. – Adorno wendet sich gegen den universalistischen, ‚totalitären‘ Anspruch (‚Soziologie nichts anderes als angewandte Psychoanalyse‘) von Freud; das betrifft auch seine Kunsttheorie als ‚sublimierte Triebziele‘. Er betont, dass der künstlerische Ausdruck einen Eindruck – also eine Beziehung – in einer objektiven Bearbeitung wiedergebe. Kunstwerke als Tagträume zu interpretieren, verleugne ihre Objektivität und Zukunftsorientiertheit.
  9. Die aus der Zivilisation erwachsende Barbarei. Adorno und »Das Unbehagen in der Kultur«. – Kulturfeindschaft, ausgelöst durch den Druck der Kultur auf Triebverzicht, werde unterstützt durch eine religiöse Denkhemmung anstelle einer rationalen Veränderung. Verinnerlichung kultureller Normen führe zu Aggression und Schuldgefühl. Ein ahistorisches Denken verleugne den Zusammenhang zwischen Barbarei und gesellschaftlichen Widersprüchen als den Quellen der Destruktivität in der Gesellschaftsordnung.
  10. 1Die Arbeit der Selbstbesinnung. – Nach Meinung von Schiller ist Adornos Kritik am ‚Drang ins Totale‘ (bei Freud) einleuchtend, ebenso seine Kritik am Ichbegriff und den Konzepten der Verdrängung, Sublimierung und Therapie. Problematisch erscheint Schiller Adornos ‚Freud-Apologie‘, da diese aufgrund seiner biologistischen (gemeint ist Trieb-) Orientierung keine ‚gesellschaftskritische Theorie‘ begründet habe. Als kritische Selbstreflexion hingegen finde sie seine Zustimmung, was Reflexion über Familie und Gesellschaft auch der vorangegangenen Generationen einschließe.

Exkurs 4: Das Individuum bei Freud und die Macht der Kollektive. Schiller beschäftigt sich ausdrücklich mit Freud und nicht mit der Psychoanalyse. Freud habe eine positive Rolle im Prozess der modernen Individualisierung gespielt. Aufgrund des Hegemonieanspruchs der Psychologie gegenüber der Ethik und Gesellschaftstheorie seien jedoch Widersprüche unvermeidbar. Therapeutisch beschäftige sich die Psychoanalyse mit der ‚neurotischen Individualisierung‘ und deren unbewusste, durch die familiäre Sozialisation mit bedingte dynamische Determinierung in Form von Widerständen. Durch Induktion sollten darüber hinaus theoretisch allgemeingültige Mechanismen aufgezeigt werden, obgleich andererseits der Träumer durch seine individuellen Einfälle – und nicht durch die Sprache der Symbole – Zugang zu den unbewussten Konflikten und deren Lösung finde. Die Abwertung von Philosophie und Ethik und im Gegensatz dazu die Psychoanalyse als ‚wertfreie Wissenschaft‘ führten zur Abwertung des Kantschen Autonomiebegriffs als einer verallgemeinerbaren Selbstgesetzgebung. Das schließe individuelle Realitätstüchtigkeit und Selbstverantwortung und eine ‚Ethik der Selbstreflexion‘ nicht aus, greife jedoch Fragen der Sozialethik nicht auf. Es sei aber die Gesellschaft, die den Gegensatz von Lust- und Realitätsprinzip über die familiäre Sozialisation an das Individuum weitergebe.

Demnach sei nur das vorkulturelle Individuum wirklich frei; doch fehlten ihm – wie Freuds Urvater – Selbsterkenntnis, innere Differenziertheit, Bezogenheit und seinen Unterworfenen ein reflektiertes Selbstbewusstsein.

Passt das familiäre Muster von Abhängigkeit und Identifizierung auf das Verhältnis von Massen und Führer? Verkörpert der Machthaber das ‚Wunsch-Ich‘ ohne die Last der Verantwortung? Gibt es eine phylogenetische, archaische psychologische Erbschaft, Disposition und Erinnerungsspur? Sind Phantasien, Kastrationsangst z.B., ein Erbe oder eigene Erfahrungen?

Die Epigenetik (Forschungen über das An- und Ausschalten von Genen) kennt Umwelteinflüsse, aber sind diese vererblich? Und beeinflussen sie den Phänotyp, aber nicht den Genotyp? Für Freud ist der eigentümliche Volkscharakter des jüdischen Volkes eine Tatsache aufgrund des Bewusstseins der monotheistischen Auserwähltheit und dem daran geknüpften Überlegenheitsgefühl. Er ging allerdings davon aus, dass nicht Gott, sondern der Fremdling Moses die Hebräer auswählte, um seiner monotheistischen Religion Anhänger zu verschaffen. Schiller kritisiert die ‚lamarckistische‘ Hypothese Freuds einer archaischen Erbschaft ethnischer Besonderheiten. Nach Horkheimer bestehe die Eigenart einer ethnischen oder religiösen Gruppe in der unbewussten Übermittlung von Gesten, Gefühlen und Affekten. Die Rassenideologie sei im 19. Jahrhundert unter Intellektuellen weit verbreitet gewesen, ohne, wie bei Kant z.B., Ideen von Menschenrechten und Menschenwürde auszuschließen. Schiller kritisiert die Stellungnahmen von Freud zu Rechts- und Ethikfragen und dass er als Kern des Rechts die Gewalt annehme.

5. Freud-Kritik auf dem Boden der Triebtheorie: Die Möglichkeit einer Kultur ohne Repression bei Herbert Marcuse (47 S.)

Marcuses Theorie einer repressionsfreien Kultur und Sublimierung unter Einbeziehung der Marx´schen Kapitalismuskritik zeige ihn als einen politischen Denker und Analytiker, auch wenn die Hoffnungen auf Solidarität mit einem alternativen Sozialismus (Kuba, Vietnam und China) nicht erfüllt worden seien. Sein auf Widersprüche orientiertes dialektisches Denken sei erst relativ spät auf sozialpsychologische Fragen ausgerichtet gewesen. Die Koexistenz von Pragmatismus und Mythologie sehe er als Resultat einer totalitären ‚Rationalisierung‘, die alle moralischen wirtschaftlichen und politischen Hemmnisse beseitige. In der ‚repressiven Entsublimierung‘ sei die Gefahr, durch eine Liberalisierung der Sexualmoral die Sublimierungsfähigkeit zu schwächen, mit der Folge wachsender Aggression. An der industriellen Steigerung der Destruktionsmittel und der technologischen Aggression bestehe kein Zweifel, diese könnten jedoch primär aggressive Impulse nicht befriedigen; deshalb bleibe die Gefahr einer Eskalation und Wiederholung.

Marcuse geht von der Annahme zweier Grundtriebe: Eros und Thanatos, Lebens- und Todestrieb, aus: Werden die Lebenstriebe gehemmt (Destruktion des Lustprinzips), wird die Destruktivität intensiviert. Es ging ihm nicht um die psychologische Erklärung politischer Vorgänge, sondern um das Politische in der Psyche. Auch wenn man Mächte bekämpft, werde man bei Erfolg von Schuldgefühl – Ersetzung einer Herrschaft durch eine andere – heimgesucht (Beispiel die französischen Revolution).

Die Geschichte der Menschheit zeige in der Herstellung von Werkzeugen, dass das Realitätsprinzip neben dem Lustprinzip von Anfang an bestand und darüber hinaus auch der intersubjektive Gebrauch der Sprache. Wenn nach Marcuse der Todestrieb ein unbewusster Kampf gegen Leiden und Unterdrückung sei, kann er dann, so Schiller, überhaupt noch als ‚Trieb‘ bezeichnet werden? Sinnvoll sei hingegen soziologisch die Unterscheidung zwischen Unterdrückung der Triebe (Triebmodifizierung) und Leistungsprinzip als Realitätsprinzip der modernen kapitalistischen Gesellschaft.

Kann es eine Versöhnung zwischen Lust- und Realitätsprinzip geben, z.B. bei libidinöser Bindungen der Menschen untereinander und an die Natur (Margaret Mead über den Stamm der Arapesch)? Ist das ein Hinweis auf einen libidinösen Ursprung der Kultur und verträgt sich das mit der Urvaterhypothese und die Folgen: Das brüderliche Schuldgefühl? Marcuses Analysen der Gegenwart seien hingegen: die Anonymität der Institutionen, Versachlichung der Abhängigkeitsverhältnisse (Entmachtung des Vaters) und Anpassung an ein kollektives, konsumorientiertes Überich. Privat könne die Psychoanalyse jedoch eine Autonomie, nach eigenem Gewissen und eigener Rationalität zu leben, herstellen. Eine Versöhnung des Lust- und Realitätsprinzips sei nicht durch Überfluss, sondern durch ein ‚menschenwürdiges Dasein für alle‘ zu erreichen.

Freud-Apologie und Freud-Kritik. Die Polemik gegen Fromm. – Freuds Theorie eigne sich nicht für eine revolutionäre Aufhebung von Klassenherrschaft und der Möglichkeit einer repressionsfreien Gesellschaft. Schiller fasst seine Kritik an Marcuse noch einmal zusammen: Er vermisst Konkretionen, die Fromm in seiner ‚Anatomie der menschlichen Destruktivität‘ geleistet habe. Wirkliches Glück und wirkliche Freiheit und Individuierung gebe es nach Freud nur im Rahmen einer konkreten Kultur. Nach Fromm sei Freud kein Kritiker der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Produktionsverhältnisse; er habe nur eingeschränkt bürgerliche Ideale kritisiert. Reife Liebe bestehe für Fromm aus Fürsorge, Verantwortlichkeit, Respekt und Wissen. Die bürgerliche Gesellschaft habe die Elemente Freiheit, Gleichheit und Solidarität entwickelt, ihnen jedoch gleichzeitig widersprochen. Veränderungen müssen nach Fromm im ökonomischen, politischen und ‚menschlich-charakterlichen‘ geschehen.

Für Marx, Bloch und Marcuse stehe Utopie für eine radikale Alternative, die aktiv hergestellt werden müsse in Bezug auf Eigentum, Organisation von Arbeit und Gestaltung der freien Zeit. Die notwendige Arbeit müsse humanisiert werden. Nach Marcuse könne narzisstische Libido auch auf andere Objekte übergreifen (Erweiterung der Libido). Eine damit vollkommene Versöhnung von Lust- und Realitätsprinzip erscheine jedoch konstruiert. Vielmehr müsse das freie Individuum die Harmonie zwischen der individuellen und allgemeinen Befriedigung herstellen. Marcuses alternativer Entwurf von Gesellschaft sieht ‚eine Befriedigung des Daseins im Rahmen von Institutionen vor, die der freien Entwicklung der menschlichen Bedürfnisse und Anlagen eine größere Chance bieten‘. Kritisch vermerkt Schiller, dass Repression nicht ganz abgeschafft aber erträglich gestaltet werden könne, ohne Zerstörung der Natur und des Lebensglücks durch ‚Brechung der Macht des Eigentums‘, Abschaffung der Spaltung in Klassen und Nutzung des Reichtums für ein Leben ohne soziale Angst und Not.

Nach Marcuse muss eine von sozialer Herrschaft befreite Gesellschaft neue Bedürfnisse entwickeln, die sich von den durch das Kapital erzeugten (Konkurrenz, Dominanz) unterscheiden. Die biologischen Triebe seien als Bedürfnisse solidarisch modifizierbar. Dazu bedürfe es einer ‚neuen Sensibilität‘ und einer neuen, passiv rezeptiven Einstellung zur Natur. Mit seinen naturutopischen Gedanken habe Marcuse die Ökologiebewegung hellsichtig vorweggenommen. Gleichzeitig zerstört aber die ‚rastlose kapitalistische Modernisierung‘ ständig gewohnte Lebensformen (Arbeitsplatzsicherheit, Wohnraumknappheit, Klimaveränderung).

Marcuse habe Grundbegriffe Freuds perspektivisch zu einer gesellschaftlichen Utopie, konkreter als Bloch, umgestaltet. Im freien Spiel der Kräfte werde die Selbstverwirklichung eines jeden zum gesellschaftlichen Ziel. Eros bleibe in Anlehnung an Freud, wie auch bei Fromm, eine lebenbejahende Kraft und damit das Streben nach Wachstum und Freiheit, liebender Zuwendung und Selbstverwirklichung. In der Protestbewegung der Studenten habe er eine den Kapitalismus transzendierende Tendenz, aber keine revolutionäre Kraft, gesehen. Triebkraft müsse eine neue Bedürfnisstruktur sein, sich aus dem kapitalistischen Griff des Begehrens zu befreien.

Literaturverzeichnis (14 S.)

Diskussion

Dieses sehr inhaltsreiche, aber nicht leicht zu lesende Buch gibt in der Rückschau einen Überblick über das ambivalente Verhältnis der kritischen Theoretiker zu Freud und eine Beschreibung der Erwartungen, die nicht erfüllt wurden. Freuds Konzentration auf die Innenwelt des Menschen hat die Außenwelt nur am Rande, spekulativ und hypothetisch historisierend, in den Blick genommen, während die kritischen Theoretiker auf die Außenwelt fokussiert waren und sich von Freud Einsichten erhofften, die sie selbst erarbeiten mussten. Die Enttäuschung ist unverkennbar, aber auch als Teil einer Selbsttäuschung, die eigenen Grenzen und die des anderen realistisch anzuerkennen.

Sicher hat Bloch recht, wenn er – wie übrigens bereits Lessing – bemerkt, dass das Wissen über uns immer dem gelebten Augenblick hinterherhinkt. Das schafft Raum für utopische Spekulationen, die Sehnsüchte religiösen Charakters wecken, das Gegebene und Zeitgebundene zu tanszendieren. Für solche Überlegungen wäre der atheistische Freud – im Gegensatz zu Paul Tillich z.B. – sicher der falsche Gesprächspartner gewesen.

Der Todestrieb, auch unter Psychoanalytikern umstritten, kann im Triumph des Untergangs (des eigenen oder den des Gegners) auch als Machtrausch und Abwehr gegen Ohnmacht verstanden werden. Hierzu dienen – und das wäre ein Feld für Sozialwissenschaftler – vergangene und aktuelle soziale und politische, nicht selten auch religiöse Mythen, die aus einer verklärten und idealisierten Vergangenheit utopische Erwartungen für die Zukunft ableiten. In der ‚quasi religiösen‘ gesellschaftlichen Idealisierung des Kapitalismus (das Geld als der höchste und wichtigste Wert, die Banken als die modernen Tempel, die auf jeden Fall zu retten sind) werden die Schattenseiten der vergangenen und gegenwärtigen Verelendung verleugnet.

In der vorsprachlichen Entwicklung des Menschen (auch nichtsprachliche Mitteilungen von Säuglingen sind bereits Mitteilungen) spielen ‚gefühlte Befindlichkeiten‘ vom Paradies, der schrankenlosen Verfügbarkeit (der ‚kleine Gott‘ in der Schwangerschaft) oder der eingeschränkten, aber immer noch ausreichenden guten Verfügbarkeit oder auch des Mangels eine Rolle, der die spätere intellektualisierende Bearbeitung immer hinterherhinkt. Das wissen wir inzwischen aus der Erfahrungen mit früh traumatisierten Menschen, die zu Freuds Zeiten weder im Blick der Psychologen oder Soziologen, geschweige denn der Politiker waren. Diese tauchen aber gerade in Träumen, Mythen oder – nach Lorenzer – auch ‚Inszenierungen‘ familiär, sozial und politisch bzw. nationalistisch auf. Volkan spricht von ‚ausgewählten Tatsachen‘, gleich ob Sieg oder Niederlage, an der die Gegenwart sich orientiert. Das affektiv Unbewusste (Horkheimer) versteckt sich in diesen Mythen und harrt noch weitgehend der Entzauberung durch Psychologen/Soziologen. Ob das gelingt, oder neue Mythen wie die der ‚repressionsfreien Kultur‘ (Marcuse) entstehen, bleibt offen. Als utopische Ideale sind sie, auch wenn unerreichbar, wichtig, weil sie die Richtung anzeigen, wie die lebensbejahenden und bindenden Kräfte individuell und gesellschaftlich unterstützt und gefördert werden können.

Die Debatte, die mit diesem kenntnisreichen Buch hoffentlich angestoßen wird, ist zwar einerseits, was die Vergangenheit anbetrifft, Schnee vom vergangenen Jahr, andererseits im Hinblick auf die immer noch ungelösten Probleme der Schnittmenge zwischen individuellem und sozialem Leiden hoch aktuell im Zeitalter der Beschleunigung, des Glaubens an ein unbegrenztes Wirtschaftswachstum und der Verelendung eines Großteils der Bewohner dieses Planeten.

Für den Leser stellt dies Buch allerdings eine mühsame Herausforderung dar, auf dem steinigen Weg durch die Vergangenheit endlich in der Gegenwart anzukommen.

Fazit

Für Leser, die Zeit, Lust und Engagement haben, sich mit den noch immer ungelösten Problemen der Schnittmenge zwischen Individual- und Sozialpsychologie – am besten im interdisziplinären Dialog – im Hinblick auf eine zu erarbeitende gerechtere und menschlichere – globale? – Gesellschaft ernsthaft zu beschäftigen.


Rezensentin
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 01.09.2017 zu: Hans-Ernst Schiller: Freud-Kritik von links. Bloch, Fromm, Adorno, Horkheimer, Marcuse. zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2017. ISBN 978-3-86674-561-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22893.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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