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Hanna Janetzke, Michael Ertel: Psychosoziale Belastungen im Fokus

Cover Hanna Janetzke, Michael Ertel: Psychosoziale Belastungen im Fokus. Neue Perspektiven der Gefährdungsbeurteilung im europäischen Vergleich. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. 262 Seiten. ISBN 978-3-658-17893-2. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 41,50 sFr.

Herausgegeben von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
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Thema

Das Buch vermittelt Erkenntnisse zu Ausgangsbedingungen, Akteurskonstellationen und Verläufen der Gefährdungsbeurteilung psychosozialer Belastungen unter jeweils unterschiedlichen nationalen Handlungsbedingungen. Durch die Untersuchung der Erfahrungen verschiedener Länder (Fallstudien zu den ausgewählten Ländern Schweden, Dänemark, Großbritannien und Spanien) sollten damit auch Anregungen für den Arbeitsschutz in Deutschland gewonnen werden.

Autorin und Autor

Dr. Hanna Janetzke und Dipl.-Soz. Michael Ertel sind wissenschaftliche Mitarbeiter in der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), Sitz Berlin.

Entstehungshintergrund

Die vorgelegte Studie entstand im Rahmen des Projekts „Gefährdungsbeurteilung psychosozialer Belastungen in der Europäischen Union“, das von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert und von Oktober 2013 bis März 2016 von diesen Mitarbeitern an der BAuA im Rahmen der BAuA-Forschungslinie „Gefährdungsbeurteilung psychischer Arbeitsbelastungen“ durchgeführt wurde.

Psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz wie z.B. Stress, Zeit- und Leistungsdruck oder Mobbing sind in der Europäischen Union zunehmend in ihrer Bedeutung (an)erkannt worden und wurden in ihren arbeitsschutzrechtlichen Rahmen aufgenommen. Gemäß Artikel 6 der Europäischen Arbeitsschutzrahmenrichtlinie 89/391/EWG von 1989 hat der Arbeitgeber eine Gefährdungsbeurteilung (risk assessment) durchzuführen, zu dokumentieren und Maßnahmen zur Vermeidung bzw. Verminderung von Gefährdungen der Beschäftigten festzulegen. Allerdings gibt es Unterschiede in der rechtlichen und praktischen Umsetzung auf jeweiliger nationaler Ebene, wie u.a. bisher schon durch die ESENER-Befragungen bekannt war, welche dazu beitragen sollten, mittels eines europäischen „Benchmarking“ zur Entwicklung gemeinsamer Arbeitsschutzstandards beizutragen.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Nach einer Einleitung und der Herleitung der Fragestellungen und Zielsetzungen des Projekts (Teil A) werden in insgesamt neun Kapiteln die Ergebnisse der Studie im Einzelnen vorgestellt (Teil B), bevor in einem Teil C zentrale Ergebnisse zusammenfassend diskutiert und Schlussfolgerungen und Anregungen für Praxis und künftige Forschungsfragen dargelegt werden.

B 1 stellt zunächst das Forschungsdesign der Studie vor. Es folgen Kapitel mit eingearbeiteten Interviewpassagen zu: Arbeitsschutzrahmen, Rolle der Arbeitsschutzaufsicht in den einzelnen Ländern, Rolle der Sozialpartner, Rolle der Mitarbeitervertretung, Interne und externe Präventionsdienste, Arbeitsschutzkultur, Methoden und Instrumente sowie zentrale Handlungsschritte auf betrieblicher Ebene.

In den vier europäischen Ländern fanden betriebliche Fallstudien in insgesamt zehn Unternehmen (Krankenhäuser, metallverarbeitende Betriebe, Hotels) statt, die auf Interviews mit Vertretern der Beschäftigten und des Managements basierten. Diese wurden ergänzt um Interviews mit überbetrieblichen Experten und Dokumentenanalysen, die wichtige Informationen zu dem jeweiligen nationalen Kontext lieferten. Ein Fall umfasste die jeweiligen Fallstudien eingebettet in den nationalen Kontext, insofern wurden vier Fälle untersucht (Abbildung hierzu auf S. 21). Die Länder- bzw. Fallauswahl erfolgte nach vorliegenden Informationen zum Rating hinsichtlich „procedures“ (Verfahrensweisen) und „measures“ (Maßnahmen), zur Ausprägung der Sozialstaatstradition und der Arbeitsschutzkultur, unter Berücksichtigung von Organisationen aus Branchen mit hohem Problemdruck psychosozialer Belastungen (z.B. dem Gesundheitssektor) sowie danach, dass die Gefährdungsbeurteilung zu psychosozialen Belastungen ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben sollte. Damit sollten weniger empirisch seltene, aber in üblichen Publikationsmodi überrepräsentierte „Best Practice“-Beispiele erfasst werden, dafür aber jeweils „typische“ Beispiele, selbstverständlich ohne jeglichen Anspruch auf quantitative Repräsentativität, insgesamt eine „positive Auswahl“ (S. 22).

Wegen der sehr unterschiedlichen Ebenen der Untersuchung und Darstellung erscheint dem Rezensenten eine kapitelweise Darstellung von einzelthematischen Ergebnissen kaum möglich, daher beschränkt sich dieser auf eine subjektive Auswahl.

  • Die Rolle der Arbeitsschutzaufsicht beispielsweise reicht von einem eher proaktiven (Dänemark) und einem reaktiven (Spanien) und zwischen diesen beiden Polen changierenden Vorgehen (Schweden und Großbritannien). Die Bedeutung, die psychosozialen Belastungen beigemessen wird, unterliegt in allen Ländern z.T. periodischen Schwankungen. Sanktionsmöglichkeiten (z.B. Strafzahlungen) waren den betrieblichen Akteuren auch dort bewusst, wo aktuell keine Kontrollen stattfanden. Sie wirkten auch über den (befürchteten) Imageschaden für ein Unternehmen, der mit der Erteilung von Auflagen und ihrem Bekanntwerden verbunden ist.
  • Die Unterstützung durch Gewerkschaften war in allen Fällen durch Informationsangebote und Schulungen gegeben, die sich in Spezifik, Umfang und der betrieblichen Anbindung unterschieden. Die Rolle der Arbeitgeberverbände wurde lediglich in Dänemark und Großbritannien auf der betrieblichen Ebene thematisiert.
  • Die Rechte der Arbeitnehmervertretungen unterschieden sich bei Vertretungsstrukturen, Auswahlverfahren und Art und Reichweite der Rechte.
  • Recht große Unterschiede gab es auch bei – in allen großen Unternehmen vorhandenen – internen und externen „Präventionsdiensten“. Waren günstige Bedingungen für ein wirkungsvolles Agieren eines internen Präventionsdienstes nicht gegeben, konnte ein externer Dienst den Prozess besser (zusätzlich) unterstützen, vorausgesetzt er hatte ein entsprechendes Selbstverständnis hinsichtlich Allparteilichkeit und Qualitätsbewusstsein statt Kostenminimierung.
  • Zur Erfassung und Beurteilung von psychosozialen Belastungen wurde über alle Betriebe hinweg ein breites Spektrum an Methoden genutzt, die auf gemeinsame Theorien rekurrierten (vor allem job-demand-support-Modell und Modell der beruflichen Gratifikationskrisen), aber im Einzelnen Unterschiede in Inhalt und nationaler Verbindlichkeit aufwiesen.
  • Unterschiede gab es auch bei der Motivation zur Durchführung, bei Initiierung, Problemanalyse und Entwicklung sowie Reichweite von Maßnahmen, Dokumentation und Wirksamkeitskontrolle. Entscheidend für alle beteiligten Akteure war, ob sie den Prozess als kontrollierbar bzw. die psychosoziale Belastungssituation als veränderbar wahrnahmen und dafür Verantwortung übernahmen, sich an dem Prozess zu beteiligen (S. 219).
  • Die Partizipation der Beschäftigten und ihrer Vertretungen hatte sich bereits auch in Deutschland als Erfolgsfaktor herausgestellt (S. 230 ff.). Hinsichtlich einer historisch gewachsenen Partizipationskultur nehmen Schweden und Dänemark vordere Ränge ein. In Großbritannien gehen geringe Partizipationsrechte der Beschäftigten und eine gesellschaftspolitisch ausgeprägte individualisierte Verantwortungszuschreibung für die Gesundheit einher mit stark von Seiten des Managements bestimmten Präventionsaktivitäten. In Spanien nahm vor dem Hintergrund einer insgesamt konflikthaften Arbeitsschutzkultur bei vergleichsweise ungünstigen Arbeitsbedingungen die Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung psychosozialer Belastungen z.T. die Form einer rechtlich gestützten Durchsetzung an. Dies ähnelte den Werten dieser Länder auf dem European Participation Index (Werte von 0 bis 1): Dänemark 0,83, Schweden 0,82, Spanien 0,50, Großbritannien 0,16.

Im Teil C (Diskussion zentraler Ergebnisse) fassen Autorin und Autor Gemeinsamkeiten und Unterschiede zusammen, charakterisieren Dimensionen psychosozialer Arbeitsschutzkulturen (s. Abbildung S. 229), der nationalen Arbeitsschutz-Kontrollinstanzen (S. 232 ff.), der Sozialpartner (S. 234 ff.), und bewerten Stärken und Schwächen ihres Forschungsdesigns, bevor sie Schlussfolgerungen und Anregungen für die Praxis resümieren. So würden Empfehlungen zu Methoden und Vorgehensweisen bei der Gefährdungsbeurteilung zur betrieblichen Handlungssicherheit beitragen und reduzierten das Konfliktpotential. Der Prozess der Gefährdungsbeurteilung, d.h. die einzelnen Handlungsschritte bis zur Maßnahmenumsetzung, sollten im Vordergrund stehen, weniger die Frage der Auswahl einer bestimmten Methode. Ausgeprägte Partizipationsrechte der betrieblichen Interessenvertretung wie auch eine gewachsene Partizipationskultur erleichterten die Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung. Die Aktivierung und Nutzung des betrieblichen Erfahrungswissens (z.B. per Befragung der Beschäftigten) sei eine wichtige Erfolgsbedingung für den Erfolg der Gefährdungsbeurteilung. Die punktuelle Einbindung von außerbetrieblichem Sachverstand könne etwa in der Anfangsphase des Prozesses hilfreich sein.

Am Ende stehen acht Fragen zu sich lohnender weiterer Forschungsarbeit.

Diskussion

Der Band trägt eine Fülle von Informationen zum Thema Gefährdungsbeurteilungen psychosozialer Belastungen zusammen, die aus vielfach verschränkten Ebenen betrieblicher Prozesse, Branchenbesonderheiten, nationalen Besonderheiten und supranationalen Gemeinsamkeiten stammen. Die dafür in den einzelnen Ergebniskapiteln gewählte Darstellungsweise einer unter (Unter)Themen zusammengefaßten und dort dann wieder länder- oder betriebsweise differenzierten Vertiefungen nebst Interviewzitatstellen stellt die Leserschaft vor gewisse Herausforderungen der Lektüre, die dem Rezensenten jedoch letztlich erforderlich scheinen. Der Band liest sich nicht wie eine Erzählung aus einem Stück und wird auch auf verschiedenen Ebenen zusammengefaßt, ohne eine Gesamtzusammenfassung anzubieten. Dennoch ergibt sich letztlich ein roter Faden und eine Fundgrube für Praktiker und Experten im (psychosozialen) Arbeitsschutz.

Der Band ist auch ein Beispiel – wie im Untertitel angekündigt – für die Perspektiverweiterung durch einen transnationalen bzw. europäischen Vergleich. Wie Autorin und Autor bereits einleitend beim Forschungsdesign anmerken, bestehe eine der Herausforderungen darin, dass „linguistische Äquivalenz nicht gleichbedeutend mit konzeptioneller Äquivalenz“ sei (S. 28). Der gleiche Begriff bedeute in den verschiedenen Ländern nicht dasselbe. Außerdem seien Bilder, Metaphern und Sprichwörter teilweise schwierig zu übersetzen. Begriffe wie „Gefährdungsbeurteilung“, „psychische Belastung“ oder „psychosoziale Risiken“ seien beispielsweise in den einzelnen Ländern unterschiedlich geläufig, riefen unterschiedliche Assoziationen hervor und würden teilweise durch alternative Begriffe ersetzt. So fanden sie die Tendenz, von Begriffen wie Risiko und Gefährdung wegzukommen zu einem Positiven, der Gesundheit etwa. Günstig hierfür scheinen eine Vertrautheit der betrieblichen Akteure mit den Begrifflichkeiten und Konzepten, deren Breite und Konnotation, die Ganzheitlichkeit (Trennung oder Verbindung von physischen und psychischen Faktoren) und die Integration der Gefährdungsbeurteilung in betriebliche Prozesse (S. 228). Der Begriff Arbetsmiljö in Dänemark und Schweden mit seiner neutralen Konnotation (wie in Tab. auf S. 229 herausgearbeitet) macht einiges von dem deutlich.

Fazit

Der Band kann uneingeschränkt empfohlen werden, für Experten des Arbeitsschutzes geradezu als ein Muss, für alle anderen Interessierten an psychosozialen und betrieblichen Prozessen darüber hinaus ebenfalls.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Elkeles
Hochschule Neubrandenburg FB Gesundheit, Pflege, Management
Homepage www.hs-nb.de/ppages/elkeles-thomas
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Zitiervorschlag
Thomas Elkeles. Rezension vom 14.11.2017 zu: Hanna Janetzke, Michael Ertel: Psychosoziale Belastungen im Fokus. Neue Perspektiven der Gefährdungsbeurteilung im europäischen Vergleich. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-17893-2. Herausgegeben von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22894.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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