Bruno Hildenbrand: Einführung in die Genogrammarbeit
Rezensiert von Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder, 01.11.2005
Bruno Hildenbrand: Einführung in die Genogrammarbeit. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 120 Seiten. ISBN 978-3-89670-463-4. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 23,00 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89670-539-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Das Thema
Als Genogrammarbeit wird hier ein Verfahren beschrieben, das darin besteht, auf der Grundlage eines Familienstammbaumes über mindestens drei Generationen (Genogramm) "Schritt für Schritt Entscheidungsmöglichkeiten der infrage stehenden Akteure zu rekonstruieren und mit ihren tatsächlich getroffenen Entscheidungen zu vergleichen." Auf diese Weise sollen Muster rekonstruiert werden, "welche die Lebenspraxis der Akteure in ihrer spezifischen Logik immer wieder hervorbringen." (Seite 16)
Zum Autor
Bruno Hildenbrand, ist seit 1994 Professor für Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie seit 1988 Dozent und Supervisor am Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung in Meilen, CH.
Aufbau und Inhalt
Das Buch ist gegliedert in eine Einleitung, 5 Kapitel, jeweils ein Verzeichnis kommentierter und zitierter Literatur sowie ein Sach- und Personenregister. Die ausführliche Einleitung stimmt den/die Leser/in durch ein persönliches Erlebnis des Autors ein. Es wird die Bedeutung von Genogrammarbeit bei der Therapie chronischer Erkrankungen und "das Besondere des hier vorgestellten Konzeptes der Genogrammarbeit" herausgestellt (Seite 10). Ebenso gibt es Hinweise zum Gebrauch des Buches.
- Die im ersten Kapitel benannten theoretischen Grundlagen der Genogrammarbeit als "Sequenzanalyse" stützen sich auf soziologische Kategorien und die der sog. Objektiven Hermeneutik nach Oevermann. In seiner Definition von Genogrammarbeit grenzt sich Hildenbrandt von der allgemein gebräuchlichen nach Monica McGoldrick bzw. dem Handbuch "Die Sprache der Familientherapie" von Simon, Clement und Stierlin ab. Die Sequenzanalyse wird dargestellt als Methode der Rekonstruktion von Krisen und ihrer Bewältigung, wobei jeweils drei Sequenzabfolgen betrachtet werden, um einen Entscheidungsprozess vollständig zu rekonstruieren: die vergangene, an der sich Möglichkeiten eröffnen, die aktuelle, an der eine Möglichkeit realisiert wird und eine weitere, "an welcher aus den eröffneten neuen Möglichkeiten eine realisiert wird." (Seite 20) Das Kapitel schließt ab mit einer Rechtfertigung des beschriebenen Vorgehens.
- Das zweite Kapitel bringt unter der Überschrift "Genogrammarbeit als Kunstlehre" ein ausführliches Fallbeispiel (38 Seiten). Rahmen der Arbeit ist eine Supervisionsgruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer stationären psychiatrischen Einrichtung, deren Aufgabe die Entwicklung von Kriterien zur Qualitätssicherung ist (Seite 25). Es endet mit einer Zusammenfassung über den Nutzen der Genogrammarbeit und einer Rückschau über die Vorgehensweise.
- Das dritte Kapitel enthält unter der Überschrift "Die Praxis der Genogrammarbeit I" "ein Glossar zum methodischen Vorgehen und zu den thematischen Schwerpunkten". Besonders ausführlich wird darin das Phänomen der Triade beschrieben, mit dem in den klassischen Formen der Genogrammarbeit nicht gearbeitet werde, das in dem hier vertretenen Ansatz jedoch eine zentrale Rolle spiele. (Seite 81).
- Das vierte Kapitel nennt unter dem Aspekt "Praxis der Genogrammarbeit II" mögliche Kontexte der Genogrammarbeit, wie Therapie und Beratung, Supervision, Selbsterfahrung und schließt mit einem Hinweis auf die Grenzen dieser Form der Genogrammarbeit ab (wenn "zwar aus einem Genogramm Hypothesen über zentrale Lebens- und Familienthemen entwickelt werden können, daraus aber ein Bezug zu einer Krankheitsproblematik nicht hergestellt werden kann." (Seite 98)). Als Ergänzung und weitere Möglichkeit mit Genogrammen zu arbeiten werden ausschließlich kurz die Timeline-Technik nach Suddaby a. Landau und die visuelle Analyse des Genogramms nach Beushausen genannt, nicht z.B. Heinl, der bereits 1986 und 1987 die visuelle Analyse von Genogrammen erforscht und beschrieben hat.
- Das fünfte Kapitel enthält knappe Hinweise zum notwendigen Wissenshintergrund, zur Technik (technischen Ausstattung) und den Symbolen zur Erstellung eines Genogramms.
Zielgruppen
In seiner gerafften und auf eine Form der Genogrammarbeit reduzierten Darstellung ist dieses kleine Buch interessant für alle diejenigen, die bereits Erfahrung in der beraterisch-therapeutischen Arbeit mit Genogrammen haben und sich über eine weitere Form informieren wollen. In seiner Reduziertheit halte ich es weniger für StudentInnen oder EinsteigerInnen geeignet.
Fazit
Das Buch reduziert sich im Wesentlichen auf die Darstellung der "Sequenzanalyse" als einer Form der Genogrammarbeit. Als symptomatische Bezugspunkte werden ausschließlich Erkrankungen genannt. Wer eine Übersicht über die vielfältigen Anlässe, Formen und Einsatzfelder der Genogrammarbeit erwartet, muss daher zwangläufig enttäuscht sein. Im Mittelpunkt des methodischen Vorgehens steht die Hypothesenbildung, angelehnt an die sog. Objektive Hermeneutik nach Oevermann. Verschiedentlich kann man sich des Eindrucks einer mehr oder weniger 'wilden Spekulation' nicht verwehren, besonders da eine Rückkoppelung mit dem Patienten in dem Kapitel "Genogrammarbeit als Kunstlehre" nicht beschrieben wird. Genau dieser Punkt bleibt auch auf den wenigen Seiten unklar, in denen Genogrammarbeit im Rahmen einer Paarberatung oder -therapie beschrieben wird. Erst wenn man weitere Literatur hinzuzieht, wie z.B. das vom Autor gemeinsam mit Rosemarie Welter-Enderlin herausgegebene Buch "Systemische Therapie als Begegnung", (auf das mehrmals verwiesen wird), wird nachvollziehbar, was Genogrammarbeit zu einem solch hoch-wirksamen Instrument macht, das behutsam und kontrolliert eingesetzt werden will. EinsteigerInnen sei dies dringend empfohlen!
Es ist also ein Buch, das eine Anregung zu einer Form der Genogrammarbeit gibt, aber leider nicht einlöst, was der Titel verspricht.
Rezension von
Dipl. Soz.-Arb. Annegret Sirringhaus-Bünder
Dpl. Sozialarbeiterin, Supervisorin (DGSF), Lehrende für systemische Beratung und –Therapie (DGSF), MarteMeo-Licensed Supervisor, freie Praxis für Fort- und Weiterbildung, Supervision und Coaching, Einzel-, Paar-, und Familienberatung in Brühl /Rhld.
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