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Fabian Kessl, Elke Kruse u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit - Kernthemen und Problemfelder

Cover Fabian Kessl, Elke Kruse, Sabine Stövesand, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit - Kernthemen und Problemfelder. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 286 Seiten. ISBN 978-3-8252-4347-0. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,40 sFr.

UTB 4347.
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Thema

In dem als Band 1 der Reihe „Soziale Arbeit – Grundlagen“ deklarierten Werk der Herausgeber werden Antworten auf die Frage nach den die Fachdiskurse professioneller Arbeit bestimmenden Themen gesucht und deren zentrale Bedeutung für die wissenschaftliche Auseinandersetzung eruiert; zudem geht es um die Kritiken, Probleme und Herausforderungen, die sich aus den grundsätzlichen Fragestellungen hinsichtlich des Stellenwertes von Sozialer Arbeit ergeben.

Trotz der Anerkenntnis seitens der Herausgeber, dass gerade in jüngerer Zeit eine signifikante Zunahme an Lehr- und Studienbüchern auch auf dem Feld der Sozialen Arbeit festzustellen ist, wird das Wagnis unternommen mit dem vorliegenden Band eine neue (auf zehn Bände angelegte) Buchreihe zu den Grundlagen Sozialer Arbeit zu starten. Ziel dabei ist es, den Studierenden der Sozialen Arbeit, respektive der Erziehungswissenschaft, mit sozialpädagogischem Studienschwerpunkt einen grundlegenden und systematischen Einstieg in die Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit (vgl. S. 7) zu bieten.

Das als einziger Herausgeber-Band dieser neuen Reihe konzipierte Werk verfolgt die Intention, die die Soziale Arbeit bestimmenden Kernthemen und damit verbundenen Problemfelder grundlegend zu erörtern und damit den Ausgangspunkt für eine in den nachfolgenden (monografischen) Bänden erfolgende Konzentration auf speziellere Themenstellungen zu setzen. Dabei geht es nicht zuletzt um „Reibungspunkte zwischen theoretischen, empirischen und praxis- respektive feldbezogene Perspektiven“ (S. 9).

HerausgeberInnen

  • Fabian Kessl lehrt als Professor an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen u.a. mit dem Arbeitsschwerpunkt ‚Theorien der wohlfahrtstaatlichen Transformation und der Sozialen Arbeit‘.
  • Elke Kruse ist Professorin im Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf u.a. mit dem Schwerpunkt ‚Internationale Dimension der Sozialen Arbeit in Geschichte und Gegenwart‘.
  • Sabine Stövesand lehrt als Professorin der Fakultät Wirtschaft und Soziales an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft Hamburg; ihre Schwerpunkt liegen im Bereich der Theorien, Konzepte und Methoden Sozialer Arbeit, insbesondere der Gemeinwesenarbeit, Politik Sozialer Arbeit, Gender und Diversity.
  • Werner Thole ist als habilitierter Professor im Fachbereich Humanwissenschaften der Universität Kassel tätig; seine Arbeitsfelder liegen u.a. in der aktuellen und historischen Kindheits- und Jugendforschung, in theoretischen, professionsbezogenen und disziplinären Fragen der Sozialen Arbeit, sowie in Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe.

Entstehungshintergrund

Das Buch, als utb-Band 4347 erschienen, ist als Einführung in die Kernthemen und Problemfelder Sozialer Arbeit zu verstehen. Es ist als Introduktion in eine zehnbändige Reihe zu den Grundlagen und Funktionen von Sozialer Arbeit, mit dem Anspruch Lehr- und Studienbuch sowohl für Studierende wie auch Praktizierende zu sein, konzipiert und will Anstöße für künftige Erweiterungen und Spezifizierungen geben.

Aufbau

Die Einführung und Einordnung in die Gesamtthematik nehmen die Herausgeber vor. Danach gliedert sich das Buch in drei Hauptbereiche auf, indem zunächst die ‚Grundlagen und Funktionen‘ aufgezeigt, sodann ‚Kontexte und Kontextualisierungen‘ thematisiert werden und schließlich auf ‚Praxen und Handeln‘ eingegangen wird. Jeder Bereich weist sachspezifische Themenstellungen auf, die von verschiedenen (insgesamt fünfundzwanzig) Autoren abgehandelt werden.

Inhalte

Die Herausgeber umreißen in ihrer Einleitung die durch die Buchreihe zu erfassenden Kernthemen und Problemfelder, die sich aus „der Bestimmung Sozialer Arbeit als professionelle Akteurin im wohlfahrtsstaatlichen Kontext“ (S. 7) ergeben.

Nina Thieme geht im ersten Beitrag auf das Spannungsverhältnis zwischen „Hilfe und Kontrolle“ in der Sozialen Arbeit ein, da sie diese für theoretisch wenig ausdifferenziert und empirisch nur marginal untersucht hält – und konstatiert, dass sich der Fokus der Debatte von dem einstmals zentralen Stellenwert der Hilfekategorie in Richtung Kontrolle verschoben habe. Eine faktische Eindeutigkeit zwischen Hilfe und Kontrolle sei zwar nicht gegeben, jedoch könne von relationalen Konstrukten mit eigenen, empirisch nachweisbaren Mikrostrukturen ausgegangen werden.

Udo Seelmeyer geht bei seinen Ausführungen zunächst davon aus, dass „Normalität und Normalisierung“ als Schlüsselbegriffe bzw. zentrale Bezugspunkte für die Soziale Arbeit betrachtet werden können. Nach einer Ausdifferenzierung beider Begrifflichkeiten kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass heute vielschichtige Konzeptionen von Normalität vorliegen, wenngleich noch weitgehend offen sei, wie in den verschiedenen Feldern und Praxen Sozialer Arbeit hierauf Bezug genommen wird (vgl. S. 31).

Während sich die nächsten Beiträge mit Fragen der Integration und Ausgrenzung (Albert Scherr) oder aber mit einem weiteren Schlüsselbegriff Sozialer Arbeit – der Partizipation (Thomas Wagner) – auseinandersetzen, wendet sich Fabian Kessl dem grundlegenden Kernproblem des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft zu, wobei er die Soziale Arbeit als Vermittlungsinstanz zwischen beiden begreift. Der Autor konstatiert zunächst, dass die Selbstbestimmung des Einzelnen, also des Individuums „Ausdruck der Mündigkeit, auf die alle Bildungsangebote im Sinne der Aufklärung zielen – so auch die Soziale Arbeit [ist]“, um sodann zu erkennen, dass Bildungsinstanzen, „allen vorweg die Schulen, das Verhalten von Kindern und Jugendlichen im Sinne der mehrheitsgesellschaftlichen Kulturtechniken und Verhaltensweisen [regulieren]“ (S. 52).

Auf Walter Hornstein näher eingehend und interpretierend, wird Soziale Arbeit nunmehr im Allgemeinen als Instanz gesehen, „die das Verhältnis von Individuum undGesellschaft in den Fällen zum Gegenstand hat, in denen diese sich als konflikthaft darstellen“ (S. 54). Dies bedeutet, dass sowohl eine Analyse der Konfliktkonstellation, wie auch die Entwicklung eines Konzeptes der Konfliktbearbeitung seitens Sozialer Arbeit als pädagogische Instanz gegeben erscheint. Die postulierte Konflikthaftigkeit des Verhältnisses zwischen Individuum und Gesellschaft erfordere zum einen die sozialpädagogische Intervention, lasse zum anderen eine gegenseitige Verwiesenheit von Sozialer Arbeit und Sozialpolitik erkennen und sehe schließlich die Sozialpädagogik (respektive die Soziale Arbeit) als wissenschaftliche Instanz, die die Problemgenese zu leisten habe. Schließlich kommt der Autor zu dem Schluss, dass eine Festlegung der Sozialen Arbeit allein auf eine Vermittlungsfunktion zwischen Individuum und Gesellschaft sowohl faktisch wie auch theorie-systematisch unsicher, aber als hilfreicher Marker durchaus für eine „kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Sozialer Arbeit“ bestehen bleibe (vgl. S. 58).

Die nachfolgenden beiden Beiträge des ersten Themenkomplexes wenden sich zum einen der Entwicklung der Verberuflichung sozialer Unterstützungsleistungen unter dem Aspekt der beruflich Tätigen und deren Qualifikation (vgl. Ivo Züchner) und zum anderen dem problemhaften Verhältnis von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit (vgl. Michael Winkler) zu.

Der zweite Themenkomplex ist mit ‚Kontext und Kontextualität‘ überschrieben.

Hier geht es den Herausgebern darum, die Soziale Arbeit unter den Aspekten ‚Professionalität‘ (Stefan Köngster), ‚Sozialpolitik‘ (Simone Leiber und Sigrid Leitner), ‚Intersektionalität und Ungleichheit‘ (Marie Frühauf), sowie von ‚Globalisierung, Internationalisierung, Lokalisierung‘ (Christian Reutlinger), der ‚Generationen- und Alternsfrage‘ (Karin Bock) und der Bedeutung von ‚Öffentlichkeit und Einmischung‘ (Chantal Munsch) zu beleuchten. Die Beiträge diese Komplexes sollen – neben den in den letzten Jahren immer häufiger (und durchaus kontrovers) diskutierten Fragen einer Professionalisierung von Sozialer Arbeit – den sich weitenden Rahmen und die sich daraus ergebenden Bedingungen sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Handelns und Denkens einer kritischen Analyse unterziehen.

Im dritten und letzten Themenbereich ‚Praxen & Handeln‘ werden die das fachliche Handeln in den einzelnen Aktionsfeldern Sozialer Arbeit bestimmenden Aufgabenstellungen und Problemfelder aufgegriffen.

So befasst sich der Beitrag von Holger Schmidt mit den unterschiedlichen Diskursen in der Sozialen Arbeit bezüglich der Begriffe ‚Normalität‘ und ‚Normativität‘. Von einer definitorischen Klärung laut Duden ausgehend, geht der Autor zunächst auf die Normalität, die im Zusammenhang mit einer gesellschaftlichen Normalisierungsfunktion der Sozialen Arbeit in ihrem Alltagshandeln verstanden wird, ein. Dazu gehören Handlungsorientierung wie auch Handlungsroutinen im Alltagsleben mit anderen Menschen. Schmidt sieht auch den Zusammenhang zwischen sozialen Normensetzungen in strukturierten Gesellschaften, um diese funktionabel zu erhalten und Normalität herzustellen – wenngleich ihm bewusst ist, dass komplexere und pluralisierte Gesellschaften Vorstellungen, von dem, was unter Normalität zu verstehen ist, verlieren. Er schlussfolgert daraus, dass „der Sozialen Arbeit. somit auch (.) eine Normalisierungsfunktion in der Gesellschaft“ zufällt (vgl. S. 174 f.). Wendet er sich dem Begriff ‚Normativität‘ zu, so rekurriert Schmidt auf den disziplinären Normativitätsdiskurs, in welchem es um den Zustand, die Ziele und die Form geht, die in der Sozialen Arbeit angestrebt und erreicht werden sollen – das bedeutet, dass anerkannt wird, dass es um (normative) Grundlagen geht, welche der Sozialen Arbeit eine sowohl theoretisch, wie auch empirisch fundierte normative Orientierung derselben unter der Maßgabe einer sich den gesellschaftlichen Veränderungen angepassten Zielorientierung offen zu begegnen, verleihen. Letztlich erkennt der Autor, dass es trotz der vorgenommenen Differenzierung eine Verbundenheit und ein gegenseitig aufeinander Verweisen zwischen den beiden Begriffen gibt (vgl. S. 178).

In den weiteren Beiträgen werden u.a. die Themen abgehandelt: „Aus- und Weiterbildung in der Sozialen Arbeit“ (Elke Kruse), mit der Feststellung, dass sich gerade hier ein Spannungsfeld von teilweise gegensätzlichen Interessen und Ansprüchen aller beteiligten Akteure ergibt, während bei „Kooperation und Konflikt“ (Eric van Santen/Mike Seckinger) ebenfalls den unterschiedliche n Akteuren hinsichtlich deren Kooperativität Rechnung zu tragen ist. Die besondere Wichtigkeit von „Beraten und Kommunizieren“ wird von Rita Braches-Chyrek mit dem Ergebnis aufgegriffen, dass Beratung „durch drei konstitutive Elemente geprägt ist: Professionalität, institutionelle bzw. organisationsspezifische Rahmungen und die gesellschaftlichen Bedingungen“ (S. 239) und Gertrud Oelerich stellt ebenfalls die Bedeutung und Wichtigkeit von „Forschung und Evaluation“ heraus, indem sie darauf hinweist, dass sich die daraus ergebenden Forderungen erst vor noch nicht allzu langer Zeit heraus entwickelt haben und heute zu einem konstitutiven Bestandteil der sozialwissenschaftlichen Disziplin und Profession geworden ist.

Darüber hinaus werden von den Autoren Fragen nach ‚Nähe und Distanz‘, ‚Sorge und Fürsorge‘, ‚Bildung‘, ‚Lehren und Lernen‘, ‚Planen und Steuern‘ aufgegriffen und in den Gesamtzusammenhang von Praxen und Handeln in der Sozialen Arbeit gestellt.

Diskussion

Den Herausgebern ist es gelungen, vorwiegend ProfessorInnen sowohl aus der praxis- als auch einer wissenschaftsorientierten Forschung zu versammeln und mittels deren Einzelbeiträge eine umfassende Darstellung der Kernthemen und Problemfelder, die die Soziale Arbeit im ambivalenten Sinne beeinflussen und gestalten, zu liefern.

Da sich das Werk als Band 1 der Reihe „Soziale Arbeit – Grundlagen“ präsentiert, ist jedoch zu hoffen, dass es in einem der weiteren, wie aus der Einleitung ersichtlichen geplanten Bände durch die analytische Darstellung von Kernthemen und Problemfeldern seitens ausgewiesener Praktiker aus sozialarbeiterischen Institutionen und Organisationen Ergänzung findet. Nur so scheint dem Rezensenten gewährleistet zu sein, dass sich der Anspruch des Verlages, mit dem vorliegenden Band ein Lehrbuch und Lernmedium für ein erfolgreiches Studium anzubieten, letztendlich bewahrheitet. Sollte dies so nicht intendiert sein, bleibt dieser Anspruch allzu sehr im Theoretischen verhaftet, was wiederum der ständigen Auseinandersetzung zwischen Lehrenden und Lernenden nach einem größeren Praxisbezug zuwider laufen würde. Der auch in diesem Buch durchscheinende Ruf nach einer stärkeren Qualifizierung der Sozialen Arbeit als Profession liefe auf eine sich aus wissenschaftlichen Erkenntnissen speisende Praxisorientierung, fußend auf gesellschaftlich relevante Wertvorstellungen und den Veränderungen sich anpassende Normativität, hinaus.

Fazit

Das vorliegende Werk der Herausgeber Kessl / Kruse / Stövesand / Thole erfüllt den Anspruch, eine Einführung in das Fach Soziale Arbeit zu sein eben nur dann bedingt, wenn es nicht gelingt, eine praxisorientierte Aufarbeitung, der daraus resultierenden Kernthemen und Problemfelder vordringlich den Studierenden – aber auch den Praktizierenden – vorzulegen. Für sich betrachtet ist der Band gekennzeichnet durch eine Materialfülle, die den diskursiven Stand der Dinge aufzeigt und auch zu weiteren Erörterungen und Diskussionen anzuregen vermag.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 17.11.2017 zu: Fabian Kessl, Elke Kruse, Sabine Stövesand, Werner Thole (Hrsg.): Soziale Arbeit - Kernthemen und Problemfelder. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8252-4347-0. UTB 4347. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22910.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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