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Norbert Neuß: Hort und Ganztagsschule

Cover Norbert Neuß: Hort und Ganztagsschule. Grundlagen für den pädagogischen Alltag und die Ausbildung. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2017. 198 Seiten. ISBN 978-3-589-15325-1. D: 22,99 EUR, A: 23,70 EUR, CH: 28,70 sFr.
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Thema

Die Betitelung weist auf ein ambitioniertes Konzept des Bandes hin: Mit „Ganztagsschule“ – ohne Einschränkung auf eine Altersstufe – und dem „Hort“ als Kindertageseinrichtung steht die pädagogische Arbeit mit Großen Kindern und Jugendlichen im Blickpunkt. Gleichzeitig sind die Institution Schule und die Angebote der Jugendhilfe von Interesse. Und wenn hier – wie es der Titel benennt – „Grundlagen für den pädagogischen Alltag und die Ausbildung“ gelegt werden sollen, so sind es zumindest sozialpädagogische und schulpädagogische Grundlagen.

Angesichts dieser Komplexität des thematischen Zuschnitts überrascht der mit 198 Seiten überschaubare Umfang des Buches. Dennoch versteht sich die Publikation als „Handbuch“, das „leicht verständliches und pädagogisch relevantes Wissen über alle wichtigen Themen liefern“ (Umschlagseite hinten) will.

Herausgeber

Der Herausgeber ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Pädagogik der Kindheit an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Aufbau

Der Band enthält 15 Einzelbeiträge von teils einschlägig bekannten Expert*innen, die in zwei Abschnitte geordnet sind.

Die ersten acht Texte sind dem Bereich „Grundlagen der Hort- und Ganztagsschulpädagogik“ zugeordnet, während die nachfolgenden Beiträge mit „Aufgaben und pädagogische Herausforderungen“ überschrieben sind. An die inhaltlichen Teile schließen sich die Autorenangaben und ein Register an.

Die Aufsätze selbst sind heterogen gestaltet. Es finden sich Texte, die mit Reflexionsaufgaben und zusammenfassenden Textteilen sowie einer klaren Führung durch den Inhalt die Qualität eines klassischen Lehrbuchartikels haben. Andere Beiträge sind eher weniger strukturierte Gedankensammlungen.

Inhalt

Der Beitragsband kommt ohne Einführung aus, womit die Aufgabe, sich in den Beiträgen zu orientieren und Verknüpfungen zu finden, überwiegend den Lesenden überlassen wird. Die Inhalte der Texte lassen sich wie folgt benennen:

  1. Norbert Neuß erläutert die Absicht des Bandes, die pädagogischen Anforderungen von ganztägiger Arbeit abgehoben von Organisationsmodellen zu analysieren, und führt in zentrale Begriffe und Perspektiven ein.
  2. Rolf Göppel zeigt und kommentiert in einer kritisch-zuspitzenden Form a) den aktuellen Diskurs zu Kindheit, b) die begleitende wissenschaftliche Forschung und c) entsprechende pädagogische Arbeitsfelder.
  3. Johanna M. Gaiser, Stephan Kielblock und Ludwig Stecher unternehmen aus der Perspektive der Ganztagsschulforschung den Versuch, „Ganztagsschule und Hort als gemeinsame[n] Bildungsraum“ (S. 45) zu erfassen.
  4. Lena Altmeyer und Klaus Kraimer informieren in ihrem theoretisch vielschichtigen Beitrag nicht nur über „sozialpädagogische Spannungsfelder […] in Hort und Ganztagsschule“ sondern skizzieren zudem das professionstheoretische Konzept der „stellvertretenden Krisenbewältigung“ (S. 58).
  5. Karsten Speck zeigt trotz unbefriedigender empirischer Basis die Herausforderungen der Schulsozialarbeit an Ganztagsgrundschulen auf.
  6. Angela Löffler stellt der zunehmenden Institutionalisierung von Kindheit die pädagogische Antwort, die Beteiligung von Kindern zu fördern, entgegen und führt diesen Ansatz an einem praxisforschenden Beispiel plastisch aus.
  7. Gabriele Nordt und Rainer Strätz führen in einem eher lexikalisch gehaltenen Artikel in die Grundbegriffe der Qualitätsentwicklung innerhalb des Arbeitsfeldes ein.
  8. Tanja Schurr fokussiert (als einziger Aufsatz) die Jugend und plädiert, ausgehend davon, dass sie „Jugendkulturen als ästhetische Kulturen“ (S. 97) versteht, für eine „kulturell ästhetische Praxis“ (S. 102) an Ganztagsschulen.
  9. Vincent Steinl eröffnet mit seinem Beitrag zur Förderung der Eigeninitiative von Kindern und Jugendlichen den zweiten Teil des Buches, wobei er inspirierend den „neuen Wind“ (S. 112), den bei Beteiligungsprojekten neue Medien einbringen können, skizziert.
  10. Ludger Pesch erläutert die Bedürfnisse der Großen Kinder und führt diese mit Anforderungen an das pädagogischen Handeln in Ganztagsgrundschulen und Horten zusammen.
  11. Friederike Westerholt formuliert in einem inklusionsmotivierten Beitrag entlang eines Praxisbeispiels Gedanken dazu, wie Hort und Schule als gemeinsamer Lebensraum gestaltet werden kann.
  12. Ilse Kamski zeigt sozialpädagogische Handlungsmöglichkeiten in unterschiedlichen Modellen der Ganztagsschule, wobei sie primär die Vorzüge der gebundenen Ganztagsschule erläutert.
  13. Herbert Vogt verbindet den kritischen Blick auf die „Partnerschaftsrhetorik“ innerhalb der Elternarbeit mit praxisnahen, von einer systemischen Perspektive geleiteten Hinweisen für Elterngespräche.
  14. Peter Balnis erläutert, angereichert durch seine Erfahrungen als Schulsozialarbeiter, Kooperationsebenen innerhalb einer Ganztagsschule.
  15. Wendelin Grimm und Gunild Schulz-Gade stellen, verbunden mit Praxisbeispielen, nicht nur Ideen, sondern auch Stolpersteine vor, die sich auf dem Weg von Hausaufgaben zu individuellen Lernzeiten an Ganztagsschulen befinden.

Diskussion

Der Band scheitert an seinem eigenen, hier anfangs formulierten Konzept. Besonders der Versuch, die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in einem Schlag ausdeklinieren zu wollen, kann nicht gelingen, da sozialpädagogisches Handeln eben von einer Differenzierung der Lebensalter geprägt ist.

Problematisch an dieser fehlenden Schärfe ist, dass dann, wenn die einzelnen Autor*innen versuchen, Kinder- und Jugendbedarfe zu vermischen, irritierende Texte entstehen. So formuliert bspw. der Herausgeber in seinem Abschnitt zum Hort, dass dies eine Einrichtung für überwiegend Grundschulkinder sei, kommt dann aber zu dem Schluss, dass „gerade jugendspezifische Abgrenzungsbedürfnisse, wie Rauchen, Moped fahren, Chillen und Computerspiele spielen, kaum in einer pädagogisch verantworteten Institution realisierbar“ (S. 13) seien.

Die Beiträge, in denen die Verfassenden die Kindheit in Hort und Ganztagsschule einschließlich der sozialpädagogischen Herausforderungen fokussieren, fassen den aktuellen sozialpädagogischen Diskussionsstand treffend zusammen und sind ein anschaulicher Ratgeber für die Praxis.

Fazit

Aufgrund der inhaltlichen und strukturellen Heterogenität der Beiträge ist das Buch nicht als einführende Literatur, sondern als ergänzende Beitragssammlung für primär sozialpädagogische Studienzwecke insbesondere in Bezug auf die Arbeit mit Großen Kindern nutzbar.


Rezensent
Dr. Thomas Markert
Technische Universität Dresden, Fakultät Erziehungswissenschaften, Institut für Berufspädagogik und Berufliche Didaktiken, Professur für Sozialpädagogik einschließlich ihrer Didaktik
Homepage tu-dresden.de/Members/thomas.markert
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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 26.07.2017 zu: Norbert Neuß: Hort und Ganztagsschule. Grundlagen für den pädagogischen Alltag und die Ausbildung. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2017. ISBN 978-3-589-15325-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22915.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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