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Bernd Sprenger, Till Novotny: Der Weg aus dem Leadership Dilemma

Cover Bernd Sprenger, Till Novotny: Der Weg aus dem Leadership Dilemma. Team-Exzellenz an der Spitze! Springer (Wiesbaden) 2016. 239 Seiten. ISBN 978-3-662-47146-3.
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Autoren

Dr. Bernd Sprenger ist gelernter Arzt und berät seit über zwanzig Jahren Teams in Unternehmen in den Bereichen Coaching und Organisationsentwicklung. Er verfügt über eigene Führungserfahrung in verschiedenen Positionen.

Till Nowotny hat Business Administration studiert und sich in humanistischer und systemischer Psychologie weitergebildet. Seit den 1990er Jahren konzentriert er sich auf Beratung und Coaching zu den Themen Unternehmensstrategie, Führungsverantwortung und individuelle Entwicklung.

Thema

Das Buch soll Orientierung beim Paradigmenwechsel geben, der nach Meinung der Autoren fast jeden Arbeitsbereich erfasst. Hierzu werden die Praxiserfahrungen der Autoren und aktuelle Erkenntnisse der Neurowissenschaften herangezogen. Ausgelöst wird der Paradigmenwechsel durch steigenden Druck auf die Führungskräfte, bedingt durch die ständig zunehmende Komplexität der Rahmenbedingungen und die extreme Visibilität ihrer Arbeit in einer digitalen Öffentlichkeit.

Aufbau

Das Buch besteht aus dem Vorwort „Wie es dazu kam“, einem Abbildungsverzeichnis, fünf inhaltlichen Kapiteln sowie einem Anhang: Konsensbildung über dialektischen Fahnen – hierbei geht es um die Bedingungslogik hilfreich, notwendig oder hinreichend?, weiterführender Literatur und einem Sachverzeichnis (Stichworte).

Es gibt zahlreiche Abbildungen sowie Kästen mit Reflexionen. Nach jedem Kapitel gibt es ein separates Literaturverzeichnis.

Die Gliederung ist nicht immer durchgängig, teilweise ist sie nummeriert, teilweise nicht.

Inhalte

Kap. 1 „Das Bühnenbild des Leadershipdramas“ ist nicht nur ungewöhnlich in der Überschrift formuliert, sondern enthält bereits die Wertung „Drama“. Und dem folgt mit Bezug auf Charles B. Handy die thematische Einführung „Das Ende der CEOs?“. In den folgenden beiden Unterkapiteln 1.1 Die Kategorien des Wandels und 1.2 Stumpfe Werkzeuge werden die Rahmenbedingungen von Leadership beschrieben.

Kap. 2 „Neue Anforderungen an die Unternehmensführung“ beginnt mit vier Aufsätzen zu disruptiver Innovation – also der schöpferischen Zerstörung von Joseph Schumpeter mit nachfolgender Erneuerung –, dem „Presencing“, ein Kompositum aus „presence“ und „sensig“, von Otto Scharmer als Führungsmodell propagiert, dem Paradigmenwechsel und den „Helden unter dem neuen Paradigma“. Es folgen acht Unterkapitel: Führung ohne Durchsetzbarkeit, Verantwortung ohne Beherrschbarkeit, Vertrauen ohne Ähnlichkeit, Scheitern ohne Entmutigung, Wertebewusstsein ohne Weltfremdheit, Innere Stabilität ohne Erstarrung, Zentriertheit ohne Egozentrik, Übersicht über die neuen Führungsanforderungen. Es liest sich wie der Ergebnisbericht eines Führungsworkshops.

Kap. 3 „Exzellenz entwickeln“ bedeutet in den Worten der Autoren „eine am Bestmöglichen gemessene Meisterschaft“ – darunter ist wohl kein Ziel? In fünf kurzen Unterkapiteln wird Exzellenz erklärt, werden Haltungen verändert, Elemente der Orientierungsfähigkeit und die Orientierung als Gemeinschaftsleistung beschrieben und letztlich die Exzellenz im Topteam dargestellt.

Kap. 4 „Das Triple-A-Modell der Teamexzellenz“ meint die drei Achsen der Zusammenarbeit: Alignment, Attachment und Agility – in Deutsch also etwa Ausrichtung, Verbundenheit und Gewandtheit, hier als „adaptive Kraft“ übersetzt. Es erinnert stark an die sozialpsychologische Rollentheorie mit ihrer Gruppenkohäsion und Lokomotion. Nachdem in 4.1 die drei Achsen beschrieben und anhand eines Würfels visualisiert wurden, folgen in 4.2 die Wege zur Exzellenz in der Zusammenarbeit und in 4.3 die drei Arbeitsmodi der Zusammenarbeit: coordination, cooperation und collaboration. Die Kapitel 4.2 und 4.3 werden jeweils mit einem Fazit abgeschlossen.

Kap. 5 „Ausblick und Conclusio“ – die Reihenfolge verwirrt – ist dann sozusagen das Generalfazit: Wo stehen wir heute? 5.1 beschreibt die neuen Helden und 5.2 lautet schlicht und ergreifend: „Zum Schluss“.

Diskussion

In dem Buch geht es also um einen Paradigmenwechsel in der Führung. Der Begriff Paradigma wurde von Thomas S. Kuhn als zentrales Element in die Wissenschaftstheorie eingeführt, um damit in der relevanten Wissenschaftsgesellschaft allgemein anerkannte Konsenslösungen zu kennzeichnen. Leider hat dieser Begriff wie viele andere exakte Wissenschaftsbegriffe auch, man denke nur an „Evaluation“, eine „Karriere“ in der Sprachenwelt von Beratern, Journalisten und Politikern gemacht und seine exakte Bedeutung damit verloren.

Auch die Autoren sind diesem „Modernismus“ erlegen. Sie sprechen von einem Paradigmenwechsel (S. 37 ff.), definieren aber kein neues Führungsparadigma, sondern reihen Aussagen unterschiedlicher Autoren aneinander, um etwas zu belegen, das sie gar nicht festgelegt haben. Dabei bleiben sie auf einer abstrakten Ebene innerer Haltungen wie „Wahrhaftigkeit“, „Liebe“ und „Mut“ – wer mag dem als Ziel schon widersprechen.

Auf der anderen Seite merkt man, dass einige Substanz in der Melange aus ihren beruflichen Erfahrungen mit Erkenntnissen der Gehirnforschung steckt. So wird indirekt, auf den S. 147 ff., die „dunkle Triade“ diskutiert, die wahrscheinlich für den beruflichen Erfolg des einzelnen wichtiger als andere Werte ist – auch wenn dieses politisch völlig unkorrekt ist. Bereits Adam Smith hatte sich im 18. Jahrhundert intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie aus Selbstinteresse und Eigennutz Gemeinwohl entstehen kann. Ist es da nicht verfehlt, jetzt wieder Führungsmodelle zu präferieren, die diese Erkenntnisse unberücksichtigt lassen? Vom Bindungshormon Oxytocin getriebene Manager sollen Beziehungen aufbauen? Apropos zum intendierten Ziel Bindung: Mütter haben enge Bindungen an ihre Kinder, was aber auch dazu führt, dass gegenüber Dritten ihr Verhalten deutlich aggressiver ist; etwas, was jeder kennt und wie es sich sogar in Sprichwörtern wiederfindet.

Fazit

„Der Weg aus dem Leadership Dilemma“ ist sicherlich kein wissenschaftliches Buch mit exakten Theorien und Definitionen, auch wenn ab und an der Anschein erweckt wird. Vielmehr wurde versucht, persönliche Berufs- und Beratungserfahrung so zu strukturieren, dass das „Alignment“ in Spitzenteams erklärt werden kann. Es soll die Qualität der Zusammenarbeit von Teams an der Unternehmensspitze systematisch beurteilt und zielgerichtet verbessert werden. Nun ist der englische Begriff Alignment vielschichtig und kann Ausrichtung, Gruppierung, aber auch Flucht bedeuten. Letztlich dürfte er im Sinne des Schwarmverhaltens gemeint sein, indem sich der einzelne in dieselbe Richtung wie seine Nachbarn bewegt. Allerdings ist der Gedanke so neu nicht, sich mit dem Rollenverständnis von Führungskräften auseinanderzusetzen. Seit John P. Kotter1982 erstmals von Leadership sprach und später als Antipode dem Management gegenüberstellte (1990) sowie Tom Peters & Nancy Austin 1985 postulierten, dass Unternehmen „overmanaged but underled“ seien, ist die Diskussion um „richtiges Führen“ entbrannt. Inwieweit dieses Buch hierzu einen Beitrag leistet, muss jeder für sich selbst entscheiden. Kotter sagt deutlich, dass Unternehmen beides brauchen: Leader und Manager – und dass keine Person beide Rollen in sich vereinigen kann. Dieses Buch soll ein „Handbuch“ sein, das den Leser bereichern und weiterführen soll: An diesen hohen Anspruch werden jedoch erheblich Zweifel angemeldet, wenn nur eine Seite der Unternehmensführung betrachtet wird.


Rezensent
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management, an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 17.08.2017 zu: Bernd Sprenger, Till Novotny: Der Weg aus dem Leadership Dilemma. Team-Exzellenz an der Spitze! Springer (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-662-47146-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22919.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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