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Maik Philipp (Hrsg.): Handbuch Schriftspracherwerb und (...) Lesen und Schreiben

Cover Maik Philipp (Hrsg.): Handbuch Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 377 Seiten. ISBN 978-3-7799-3130-0. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema

Die Themen Schriftspracherwerb, Lesemotivation und -förderung sowie Schreibkompetenzen sind zentrale Bereiche für die erfolgreiche Sozialisation und Enkulturation von Kindern und Jugendlichen. Empirische Bildungsstudien aus den vergangenen Jahrzehnten haben jedoch Defizite und Problemfelder sowohl auf individueller als auch auf systemischer Ebene identifiziert. Darauf reagierende, didaktisch-pädagogische Innovationen und Lösungsversuche müssen erst noch auf Erfolg und Nachhaltigkeit getestet werden. Dies greift das Handbuch auf, indem es den Blick auf die Befunde der internationalen Lese- und Schreibforschung richtet sowie einen Beitrag zu einer angemessenen Modellierung von Kompetenzen leisten möchte. Schließlich beruht das Handbuch konzeptionell auf einem weiten Erwerbsverständnis von Sprache, das nicht beim Spracherwerbsprozess des Kindes stehen bleibt, sondern berücksichtigt, „was sich im Anschluss danach ereignen soll“ (S. 11), also auch die Sekundarschulzeit integriert.

Herausgeber und AutorInnen

Dr. Maik Philipp (Jg. 1979) lehrt und forscht als Professor für Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen Forschungen zum Erwerb, zur Selbstregulation und zur Förderung von Lese- und Schreibkompetenzen, zur Lese- und Schreibmotivation sowie zum materialgestützten Schreiben.

Neben dem Herausgeber, der selbst zehn Beiträge des Handbuchs verfasst bzw. mitverfasst hat, haben 18 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und der Schweiz mitgewirkt.

Entstehungshintergrund

Das Handbuch ist, wie der Herausgeber Maik Philipp einleitend erläutert, konzipiert vor dem Hintergrund der „erkennbaren empirischen Wende im Bildungswesen“ (S. 9). Es ist angelegt für die Aus- und Weiterbildung von Deutschlehrkräften und intendiert, systematisch wesentliche internationale und empirische Befunde zur Thematik einzubinden. Dazu vereint es interdisziplinäre Zugänge (u.a. Sprachwissenschaft, Deutschdidaktik, Psychologie, Logopädie, Sonder- und Heilpädagogik, Bildungswissenschaft), die von führenden Wissenschaftlern und ambitionierten Nachwuchsforschern verfasst sind.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch ist nach einem Einführungskapitel des Herausgebers mit vorstrukturierenden Bemerkungen in drei Teile gegliedert:

  1. Grundlagen,
  2. Anwendung,
  3. Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben bei besonderen Personengruppen.

Im ersten Themenbereich „Grundlagen“ finden sich folgende Beiträge:

  1. Rechtschreibung: System, Kompetenzen und Erwerb (Thomas Lindauer / Claudia Schmellentin)
  2. Lese- und Schreibkompetenz (Maik Philipp)
  3. Entwicklung hierarchieniedriger Leseprozesse (Tobias Richter / Bettina Müller)
  4. Entwicklung hierarchiehoher Leseprozesse (Maik Philipp)
  5. Entwicklung hierarchieniedriger Schreibprozesse (Afra Sturm / Rebekka Nänny / Stefanie Wyss)
  6. Entwicklung hierarchiehoher Schreibprozesse (Nadja Lindauer / Maik Philipp)
  7. Störungen des Schriftspracherwerbs (Swantje Weinhold / Johanna Fay)
  8. Lese- und Schreibmotivation: Begriffsklärungen, Domänenspezifik und Einflussfaktoren (Maik Philipp)
  9. Lese- und Schreibsozialisation (Maik Philipp)

Im zweiten Themenbereich „Anwendung“ finden sich folgende Beiträge:

  1. Diagnoseverfahren zur Erfassung schriftsprachlicher Leistungen (Alexandra Lenhard / Wolfgang Lenhard)
  2. Förderung der Vorläuferfähigkeiten des Lesens und Rechtschreibens (Maximilian Pfost)
  3. Schriftspracherwerb zwischen Norm- und Strukturorientierung (Sarah Jagemann / Swantje Weinhold)
  4. Förderung hierarchieniedriger Leseprozesse (Bettina Müller / Tobias Richter)
  5. Förderung hierarchiehoher Leseprozesse (Maik Philipp)
  6. Förderung hierarchieniedriger Schreibprozesse (Afra Sturm)
  7. Förderung hierarchiehoher Schreibprozesse (Maik Philipp)
  8. Förderung der Lese- und Schreibmotivation (Maik Philipp)

Im dritten Themenbereich „Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben bei besonderen Personengruppen“ finden sich folgende Beiträge:

  1. Geschlechterspezifika im Lesen und Schreiben (Maik Philipp)
  2. Kinder und Jugendliche mit Zuwanderungshintergrund (Alexandra Marx)
  3. Kinder und Jugendliche mit Verhaltensproblemen und Lernschwierigkeiten (Cornelia Glaser / Matthias Grünke)
  4. Kinder und Jugendliche mit spezifischer Sprachentwicklungsstörung (Erich Hartmann)

In den neun Beiträgen des ersten Themenbereichs werden die Grundlagen zum Spracherwerb dargestellt, indem das System und die Erwerbsformen der Rechtschreibung und der Rechtschreibkompetenz beschrieben werden sowie die beiden Leitbegriffe Lesekompetenz und Schreibkompetenz definiert werden. Ferner wird für das Handbuch eine kompetenzorientierte Arbeitsdefinition formuliert. Jeweils zwei Kapitel erläutern, was unter hierarchieniedrigen und hierarchiehohen Leseprozessen bzw. Schreibprozessen zu verstehen ist. Ferner finden sich Beiträge, die wesentliche Gegenstandsfelder wie die Schreibmotivation und die Lese- und Schreibsozialisation forschungsbezogen betrachten, ferner fokussiert ein Beitrag Störungen des Schriftspracherwerbs. Besonders deutlich wird das Bemühen des Handbuchs, eine klare Terminologie zu praktizieren, welche auf präzisen Definitionen beruht. Im Kapitel „Lese- und Schreibkompetenz“ schlägt Maik Philipp daher für eine entsprechende Definition vor, „neben den (meta-)kognitiven Prozessen auch die Lese- und Schreibmotivation explizit“ (S. 48) zu berücksichtigen.

Die zehn Beiträge des zweiten Abschnitts fokussieren die Komponenten der Diagnostik und der Förderung verschiedener Teilprozesse und Kompetenzen. Es finden sich differenzierte und kenntnisreiche Ausführungen zur Diagnostik der Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, zur Förderung von Vorläuferfähigkeiten im Lesen und Rechtschreiben, zu Verfahren des Erstlesens und -schreibens sowie der Förderung von verschiedenen Niveaustufen des Lesens. Ferner werden Fragen der Lese- und Schreibmotivation angesprochen. Der Bamberger Bildungsforscher Maximilian Pfost erläutert beispielsweise im Beitrag „Förderung der Vorläuferfähigkeiten des Lesens und Rechtschreibens“, welche Förderansätze im Bereich der phonologischen Informationsverarbeitung praktiziert werden und wie wirksam diese für den Schriftspracherwerb sind. Darüber hinaus stellt der Beitrag Wirksamkeitsstudien zur Förderung des Arbeitsgedächtnisses vor, um drittens auf die Rolle von Büchern – sowohl in Print- als auch in digitaler Form – zu schauen. Mit Blick auf Fördermöglichkeiten des gemeinsamen interaktiven Lesens von Büchern konstatiert Pfost: „In empirischen Studien konnten profunde Effekte für das gemeinsame Buchlesen auf sprachliche und schriftsprachliche Fähigkeiten sowie auf Vorläuferfähigkeiten des Lesens demonstriert werden.“ (S. 212)

Der dritte Bereich enthält vier Beiträge, die spezifische Personengruppen (Frauen, Männer, Migranten, Heranwachsende) und genuine Formen bzw. Herausforderungen des Sprach-, Schreib- und Leseerwerbs thematisieren. Dies sei, wie der Herausgeber des Handbuchs bereits im Einführungskapitel konstatiert, dem Umstand geschuldet, dass „derzeit die Inklusionsthematik so virulent ist“ (S. 15). Maik Philipps Beitrag zu „Geschlechterspezifika im Lesen und Schreiben“ widmet sich der Fragestellung, welche diesbezüglichen Erkenntnisse aus Genderperspektive vorliegen. Vier Ergebnisse werden betont: Erstens seien Mädchen intrinsisch motivierter zu lesen als Jungen, zweitens konnte für die Schreibmotivation „keine klare Tendenz“ (S. 328) nachgewiesen werden. Drittens fielen bei Mädchen Vorsprünge im Leseverstehen auf, die sich auch im Bereich der (Recht-)Schreibleistungen bemerkbar machten, da Mädchen „nicht nur orthografisch korrektere Texte verfassen, sondern auch in besserer (kommunikativer) Qualität.“ (S. 328) Auch Erich Hartmanns Beitrag zu spezifischen Sprachentwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen verweist bereits einführend auf die Geschlechtsspezifik, wonach von Lese-Rechtschreibstörungen „Jungen dreimal häufiger betroffen sind als Mädchen“ (S. 361). Darüber hinaus erläutert Hartmann ausführlich die Ergebnisse von Studien, die effektive Präventions- und Therapiemöglichkeiten hinsichtlich LRS beinhalten.

Diskussion

In den mehr als zwanzig Beiträgen des Handbuchs ist an vielen Stellen herauszulesen, dass sowohl Spracherwerb als auch schulische Sprachvermittlung komplexe Prozesse sind, für die es keine einfachen Rezepte gibt. Die Beiträge beleuchten kenntnisreich, strikt forschungsbezogen und sachlogisch intern vernetzt die Vielfalt der Kompetenzen im Umgang mit Texten und dem Schreiben, die im Laufe des Schriftspracherwerbs zu erwerben sind. Das Handbuch zeichnen ein klarer Aufbau der Beiträge, eine Fokussierung auf empirisch belegte Forschungsergebnisse und der Blick dafür aus, dass Schriftspracherwerb nur eine Station der sprachlich-literalen Kompetenzentwicklung darstellt. Der interdisziplinäre Charakter des Handbuch wird auch an den Vorschlägen für das Selbststudium deutlich: Eigens ausgewiesene, kurz kommentierte Basisliteratur in einer farblich hervorgehobenen „Servicebox“ in jedem Kapitel belegt die didaktische Intention des Handbuchs, bei dem man lediglich ein Personen- und Sachregister zur schnellen Orientierung vermisst.

Fazit

Kenntnisfördernd und konstruktiv ist das „Handbuch Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben“ vorrangig für diejenigen, die beruflich mit Lese- und Schreibvermittlung, Lese- und Schreibförderung sowie mit empirischer Lese- und Schreibforschung befasst sind. Das Handbuch bietet fundierte wissenschaftliche Ergebnisse von ausgewiesenen Expertinnen und Experten zu allen Bereichen des Schriftspracherwerbs, des Lesens und Schreibens. Die 22 Beiträge sind stringent konzipiert, benennen Forschungsansätze und Forschungsdesiderata, ferner bieten sie zahlreiche weiterführende Literaturangaben, die vor allem die englischsprachige Forschung umfassend berücksichtigen. Der Aufbau ist schlüssig und ermöglicht eine solide Orientierung zu allen relevanten Teilbereichen. Besonders Lehrkräfte können durch die gelungene Darstellung wesentliche Informationen über Grundlagen und Fördermöglichkeiten für das Lesen und das Schreiben von Kindern und Jugendlichen erhalten.


Rezensent
Dr. Torsten Mergen
Universität des Saarlandes, Fachrichtung 4.1
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Zitiervorschlag
Torsten Mergen. Rezension vom 23.08.2017 zu: Maik Philipp (Hrsg.): Handbuch Schriftspracherwerb und weiterführendes Lesen und Schreiben. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3130-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22921.php, Datum des Zugriffs 12.12.2017.


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