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Dieter Grunow: Die Gesellschaft der Zukunft - Beobachtungen aus der Gegenwart

Cover Dieter Grunow: Die Gesellschaft der Zukunft - Beobachtungen aus der Gegenwart. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. 262 Seiten. ISBN 978-3-8474-0691-4. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Thema des vorliegenden Buches ist die Zukunft, genauer die Kommunikation über die Gesellschaft der Zukunft in der Gegenwart. Dabei wird aus einer systemtheoretischen Perspektive untersucht, wie Funktionssysteme wie Politik, Wirtschaft, Erziehung usw. in Bezug auf die Gesellschaft der Zukunft behandelt werden. Der strukturierende Leitgedanke ist die Frage, wie in Deutschland über die Gesellschaft der Zukunft kommuniziert wird.

Autor

Der Autor ist Professor am Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung, Konfuzius-Institut, der Universität Duisburg-Essen

Aufbau und Inhalt

Das zu besprechende Buch ist in fünf Kapitel mit jeweils unterschiedlichem Umfang gegliedert.

Das Eingangskapitel thematisiert die Problematik der Kommunikation über die Zukunft, „über die man nichts zuverlässig wissen kann“. Zukunft und Gesellschaft werden begrifflich näher analysiert, wobei unter Gesellschaft ein durch Kommunikation erzeugter und erhaltener sozialer Zusammenhalt verstanden wird. Zukunft wird als eine Zeitachse gedeutet, die sich „irgendwie im Unendlichen verliert“ und über die wir vor allem aus den Massenmedien informiert werden. Schließlich skizziert der Autor noch die Beobachterperspektive, aus der über die Zukunft der Gesellschaft kommuniziert wird, wobei als Ziel ein möglichst breites Spektrum an vorhandener Zukunftskommunikation in der Gesellschaft erfasst werden soll. Auf den Punkt gebracht, unterstreicht der Autor den Gegenstand des Buches, nämlich die Betrachtung der Gesellschaft der Zukunft, „d.h. dem kommunikativen Austausch unter Beteiligung einer großen Zahl von Menschen auf einem beschreibbaren Territorium“. Es gebe ein Interesse an einer die Gesellschaft umfassenden Zukunftsbeobachtung.

Das zweite Kapitel liefert die systemtheoretischen, auf die Systemtheorie von Niklas Luhmann basierenden Grundlagen der Arbeit, die gewählt wurde, weil dadurch ein breiter Zugang zur gesellschaftsinternen Kommunikation ermöglicht werde. Da es sich hier um vorrangig theoretische Ausführungen zur Gesellschaftskonzeption gemäß der Systemtheorie Luhmanns handelt, folgen wir dem Hinweis des Autors, dieses Kapitel gegebenenfalls weitgehend zu überspringen. Hilfreich ist die knappe Zusammenfassung der Beobachtungselemente am Schluss dieses Theoriekapitels, aus der wir die Feststellung übernehmen, dass jede Form von Beobachtung der Welt durch den Blickwinkel der Beobachter beeinflusst wird. Wichtig erscheint auch die Feststellung, dass sich zwar über die Zukunft der Gesellschaft nichts Definitives aussagen lasse, aber eine Beobachtung der zukunftsbezogenen Kommunikation in der gegenwärtigen Gesellschaft durchaus möglich sei.

Den Hauptteil des Buches bildet das dritte Kapitel, in dem die Zukunftskommunikation im Blick auf sechs Themenfelder mit dem Schwerpunkt der gesellschaftlichen Kommunikation in Deutschland beschrieben wird. Ausgehend von der Prämisse, demnach Zukunft stets ein „Phänomen gegenwärtiger Zukunftsvorstellungen“ sei, und wir unser Wissen über die Zukunft der Gesellschaft den Medien entnehmen, wählt Grunow folgende sechs Schwerpunkte aktueller Zukunftskommunikation mit sozialwissenschaftlicher Perspektive aus, die dann weiter operationalisiert bzw. kommentiert werden. Für die Analyse der Gesellschaft der Zukunft sei als Leitlinie zu berücksichtigen, ob und wie die Menschen in die Zukunftsthemen einbezogen werden: Es handelt sich um drei „Mega-Trends“, nämlich

  1. die wirtschaftliche (technische) Globalisierung,
  2. Umweltprobleme / Klimawandel,
  3. Digitalisierung, Internet und andere Vernetzungen, sowie drei bevölkerungsbezogene „Mega-Trends“ wie
  4. den demografischen Wandel,
  5. Migration / Diversity / Integration und
  6. Urbanisierung.

Zu 1. (wirtschaftlich-technische Globalisierung): Diese nimmt als ein „Querschnittphänomen“ eine zentrale Rolle in der Zukunftskommunikation im Verhältnis zu anderen Funktionssystemen ein. Grundsätzlich wird die Frage aufgeworfen, in welcher Weise das globalisierte deutsche Wirtschaftssystem für die Gesellschaft der Zukunft thematisiert wird. Das vorherrschende Narrativ bildet das Wachstum als die maßgebliche Ideologie, während als Gegenentwurf die Vorstellung eines eben nicht grenzenlosen Wachstums fungiert. Antreiber in den entsprechenden Szenarien ist u.a. die Finanzwirtschaft. Ein weiteres Thema stellt der Umgang mit natürlichen Ressourcen dar.

Zu 2. (Umweltprobleme / Klimawandel): Unter dem Eindruck des beschleunigten Ressourcenverbrauchs infolge der Entwicklung der Weltbevölkerung und der globalen Ökonomie ist die Natur- und Umweltbelastung schon seit längerem sichtbar geworden. Hier besteht als Narrativ der Komplex des Klimawandels. Die Konsequenzen der Weltklimaentwicklung weisen dabei ein großes Dilemma auf, denn die „Haupt-Verursacher sind häufig nicht die Haupt-Leidtragenden der Entwicklung“. Antreiber der Klimaentwicklung sind die Emissionen (Treibhauseffekt), so dass sich die Verursacher festmachen lassen (Verkehr, Kohle usw.). Da sich hier mit naturwissenschaftlichen Methoden die Zukunft „berechnen“ lässt, intensiviert sich die Reflexion über die Gesellschaft der Zukunft und die Beteiligung an der Kommunikation verbreitet sich.

Zu 3. (Internet / Digitalisierung): Das ursprünglich für die Wissenschaft und das Militär gedachte Internet hat sich aufgrund der enormen Verkleinerung seiner elektronischen Komponenten – u.a. Expansion der Speicherkapazitäten – außerordentlich verbreitet, so dass für die Gesellschaft der Zukunft von einer nahezu vollständigen, flächendeckenden Versorgung mit Netzanschlüssen ausgegangen wird. Die vorherrschenden Narrative thematisieren die Beziehungen Mensch – Maschine – Konkurrenz, ein Entwicklungsweg von der Handwerks- über die Dienstleistungsgesellschaft zur Wissensgesellschaft, an deren Ende die künstliche Intelligenz stehe. Als Antriebskräfte für die weitere Forcierung des Internets fungieren die unaufhaltsam wachsende Zahl von entsprechenden technischen Geräten und gespeicherten und übermittelten Daten. Die Digitalisierung schreite mit ihrer Zerstörung von Arbeitsplätzen voran wie auch die Zahl individueller Netznutzer. Insgesamt sei auf die enge Korrelation bzw. Verzahnung zwischen dem Internet und der Digitalisierung mit der Weltwirtschaft verwiesen. Zusammenfassend zu den drei Megatrends steht mit Grunow die Frage im Mittelpunkt, inwieweit durch Beobachtungen in diesen drei Feldern Aussagen über die funktionale Differenzierung und die Inklusion der Bevölkerung in die jeweiligen Funktionssysteme möglich seien. Resümierend werden hier Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung der funktionalen Differenzierung und der damit korrespondierenden Inklusion festgehalten. Zentral sei für die Gesellschaft der Zukunft das Verhältnis von Politik und Wirtschaft. Die Zukunftskommunikation über die drei genannten Mega-Themen verdeutlicht Risiken für die funktionale Differenzierung und die Inklusion, da erstens etwa die Thematik Globalisierung von Wirtschaftssystemen zur Erosion der funktionalen Differenzierung beitrage – z.B. durch Auswanderung ins Ausland –, zweitens das Thema des Klimawandels ein Beispiel für die Folgen der Globalisierung sei und schließlich drittens die Digitalisierung und Netzentwicklung sowohl zur Problemverschärfung wie auch zur Problemlösung beitragen könne. Viele Diskurse stünden unter dem Eindruck der Ökonomisierung, also der Dominanz des Wirtschaftssystems gegenüber allen anderen Funktionssystemen. Dieser Befund gelte im Übrigen gerade auch für die Digitalisierung und das Internet. Die diesbezügliche Zukunftskommunikation hebt vor allem die außerordentlichen Arbeitsplatzverluste dieser technischen Entwicklung hervor, so dass u.U. eine „Gesellschaft als Kommunikationszusammenhang“ zur Disposition stehe.

Unter den drei bevölkerungsbezogenen Megatrends subsumiert der Autor 4. die demografische Entwicklung, 5. die Migration und Integration und 6. die Urbanisierung.

Zu 4.: Hinsichtlich der demografischen Entwicklung gehe die Kommunikation unter Heranziehung von Rechenmodellen von einer kontinuierlich schrumpfenden Bevölkerung in Deutschland aus. Vorherrschende Narrative beziehen sich auf eine demgegenüber wachsende Weltbevölkerung mit all ihren Begleiterscheinungen in Bezug auf Ressourcen, Umwelt und Klima. Entsprechende Szenarien für Deutschland thematisieren zu erwartende gesellschaftliche Auswirkungen des demografischen Wandels.

Zu 5.: Bezüglich der Migration, die weiter zunehmen werde, liege das Hauptthema für die Zukunftskommunikation in der Integration der Migranten in die deutsche Gesellschaft. Zum Gesamtkomplex finden sich vielfältige „Megaerzählungen“, die auf globale Phänomene Bezug nehmen, wobei etwa in Deutschland damit positive wie auch negative Begleiterscheinungen der Migration und Integration korrespondieren. Aus Beobachterperspektive stellen Migration und Integration den „Kern der Inklusionsproblematik moderner Gesellschaften“ dar.

Zu 6.: Urbanisierung als Folge der Bevölkerungsentwicklung und der Migration erscheint bereits in unserer Gegenwart als „Dreh- und Angelpunkte der Entwicklung der Menschheit“. Die Studie stellt fest, dass die Beobachtung und Kommentierung der Urbanisierung sich zumeist nicht in die Gesellschaft der Zukunft erstrecke, da diese Thematiken eher kurz- und mittelfristig ausgerichtet seien.

Abschließend zu den im dritten Abschnitt thematisierten Kommunikationen zu den insgesamt sechs Themenfeldern hält der Autor fest, dass von Deutschland als einer funktional differenzierten Gesellschaft mit einer hohen „Binnenkomplexität“ ausgegangen werde. Auch nehme man die Abhängigkeit der Entwicklung der Gesellschaft von der natürlichen Umwelt (Klima) wahr wie auch die konfliktbehaftete Wechselbeziehung zwischen den Funktionssystemen Wirtschaft und Politik. Als größtes unkalkulierbares Risiko für die Gesellschaft der Zukunft identifiziert man die Digitalisierung und die Kommunikation im Netz. Inklusion bzw. Exklusion in der Gesellschaft der Zukunft werde von Trends wie Demografie, Migration oder Urbanisierung bestimmt. Ohne hier auf die einzelnen Elemente einzugehen, untermauert Grunow die Nutzung des begrifflich-theoretischen Potenzials der Systemtheorie bei der Beobachtung und Bewertung zukünftiger Entwicklungsmöglichkeiten (funktionale Differenzierung, Inklusion).

Im vierten Kapitel werden die wesentlichen Funktionssysteme im Hinblick auf ihre Entwicklungstendenzen bilanziert, wobei Herausforderungen für das politische System und die Zivilgesellschaft einen besonderen Stellenwert für die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft einnehmen. Dabei geht es nicht mehr nur um eine Beschreibung der Kommunikation, sondern es wird nun auch stärker bewertet, d.h. es fließen „normative“ Gesichtspunkte mit ein. Beobachtungsschwerpunkte sind die Politik und die Zivilgesellschaft. Als leitende Fragestellung steht im Raum, inwieweit die Gesellschaft der Zukunft beim Blick auf ihre Zukunft noch eine Politik betreiben kann, die auf Gemeinwohl und breite Inklusion der Bevölkerung setzt. Es werden in diesem Kapitel die Beobachtungen der einzelnen Funktionssysteme strukturiert. Diese Funktionssysteme sind:

  • Massenmedien (in Deutschland noch breit aufgestellt und expansiv),
  • die Wirtschaft (ebenfalls gut aufgestellt mit ausgeprägter Binnendifferenzierung, allerdings sinkender Gemeinwohlorientierung und weiterhin einer Ausrichtung auf Wachstum),
  • die Wissenschaft (ebenfalls gut aufgestellt und vielfältig mit grundgesetzlich gesicherter Forschungs- und Lehrfreiheit, die Inklusion der Bevölkerung ist weitgehend gewährleistet, moderne Gesellschaft als Wissensgesellschaft charakterisiert, Unterschiede zwischen Naturwissenschaften und Geistes- bzw. Sozialwissenschaften sind zu beachten, letztere seien stärker bedroht),
  • Erziehung (politisch föderal aufgebaut mit hohen Inklusionsraten, da Beteiligung zumeist verpflichtend sei, expansive Entwicklung, Gefahr spaltender Bildungschancen auch in der Gesellschaft der Zukunft),
  • Religion (Religionssystem in Deutschland durch die Säkularisierung geprägt, Trennung von Kirche und Staat sowie der Vorrang von Verfassung beschleunigen den Bedeutungsverlust dieses Funktionssystems, für die Gesellschaft der Zukunft in Deutschland spielt für dieses Funktionssystem die Art und der Umfang der zukünftigen Migration eine entscheidende Rolle, Toleranz und Säkularisierung seien unverzichtbar, aktive Integration und Akzeptanz der hier herrschenden Verfassungsprinzipien durch die Zuwanderer seien unabdingbar),
  • Medizin (dieses Funktionssystem ist eng mit dem politischen System verbunden, zumindest herrscht eine Inklusion der Bevölkerung im Prinzip vor, System wird weiter expandieren, Problematik der Ökonomisierung von Krankheit und eine denkbare „Klassenmedizin“, wegen der engen Koppelungen zwischen Medizin, Ökonomie und Politik seien keine „Stoppregeln“ oder gar ein Umbau in der Gesellschaft der Zukunft zu erwarten),
  • Familie (quantitativ eher eine Abnahme zu erwarten und eine weitere Beeinträchtigung durch die fortschreitende Ökonomisierung und Globalisierung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf eher weniger gelingend, dennoch bleibe sie Basis gesellschaftlicher Reproduktion),
  • Recht (das Funktionssystem Recht nimmt zentrale Rolle in der Beobachtung anderer Funktionssysteme ein, Inklusion der Bevölkerung ist hoch, „Kernproblematik für die GdZ“ bleibe „die Vermeidung rechtsfreier Räume und die Verhinderung von Gewaltanwendung gegen Personen, die die Rechtsstaatlichkeit garantieren)“.

Ausführlicher setzt sich die Arbeit dann mit den beiden Funktionssystemen Politik (a) und Zivilgesellschaft (b) und deren notwendigen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft der Zukunft mit dem Schwerpunkt Deutschland auseinander.

Zu (a): Hier werden Defizite von Politik, Öffentlicher Verwaltung und Justiz mit Stichpunkten wie „Unzureichende Beachtung der Nachhaltigkeitserfordernisse“, „Flucht in die Globalisierung“, „Stoppregeln für das Finanzwirtschaftssystem (neoliberale Finanzpolitik)“, „Ökonomisierung in anderen Funktionssystemen“, „Ökonomisierung (incl. Lobbyismus) in Politik und Verwaltung“ usw. untermauert. Diese einzelnen thematischen Aspekte werden dabei in jeweils drei Schritten aufgeschlüsselt, d.h. zuerst werden die beobachteten Defizite beschrieben, dann eventuelle systembezogene Weichenstellungen wie eine Umkehr, ein Stopp oder eine Neuausrichtung aufgezeigt und schließlich etwaige individuelle Einflussmöglichkeiten diskutiert.

In einem knappen Exkurs verweist der Autor an dieser Stelle mittels wissenschaftlicher Beobachtungen auf das Thema des Institutionen-Vertrauens, um Möglichkeiten und eventuelle Schwierigkeiten der Kommunikation beim Verhältnis von Politik und Bevölkerung beurteilen zu können. Diese wissenschaftlichen Beobachtungen beziehen sich aber auf die Gegenwart und die Vergangenheit, d.h. also nicht auf die hier relevante Zukunftskommunikation. Zusammenfassend wird der Komplex Politik/Verwaltung überwiegend kritisch beurteilt, allerdings seien durchaus Differenzierungen zu erkennen: So genieße das Rechtssystem hohes Ansehen, während umgekehrt Parteien und Politiker durchgehend kritisch bewertet werden.

Zu (b): Die Bedeutung der Zivilgesellschaft wird für ein demokratisches funktional differenziertes Gesellschaftssystem mit einer möglichst weitgehenden Inklusion nachhaltig betont, wobei wiederum zunächst ausgewählte Defizite skizziert werden und anschließend etwaige Ideen oder Beispiele für die Entwicklung der Inklusion in die Gesellschaft der Zukunft sich anschließen. Die ausgewählten Defizite werden unter Schlagworten wie „Mängel in der Nutzung von Inklusionschancen“, „Mängel hinsichtlich der politischen Beteiligung“, „Mängel in der Selbstorganisation und Selbsthilfe“, „zunehmende Selbstbezüglichkeit“ oder „Rüpelrepublik“ oder „Die Multi-Kulti Gesellschaft“ operationalisiert.

Das abschließende fünfte Kapitel fasst die Beobachtungsstrategie und die beschriebenen Themenfelder unter der Fragestellung, wie die Mitglieder der Gesellschaft an der Kommunikation über die Zukunft beteiligt sein können, zusammen. Festzuhalten gilt, dass die „jeweils gewählte Beobachtungs-Perspektive großen Einfluss auf Art und Inhalt der Zukunftskommunikation hat“. Treffend zur Thematik der Beobachtungsperspektive verweist Grunow auf den grundsätzlichen Befund, „dass fast alles, was wir über die Welt wissen, nicht aus eigenem Beobachten der Welt, sondern aus der Beobachtung der Beobachtung durch die Medien erfahren“. Die Gesellschaft der Zukunft kann demzufolge vor allem durch die Beobachtung der Zukunftskommunikation in den Massenmedien erschlossen werden. Damit ist u.a. auch auf die Komplexität der (Welt-) Gesellschaft verwiesen, deren Zukunftsgestaltung nicht mit „einfachen“ Wahrheiten oder gar Lösungen begegnet werden könne. Hier liegt im Übrigen nach Meinung des Rezensenten ein wesentlicher Grund für das Aufkommen populistischer Politiken bzw. Politiker weltweit, was vielleicht auch im Rahmen der vorliegenden Arbeit mehr Raum verdient hätte. Zutreffend räumt der Autor allerdings ein, dass es sich bei der Auswahl der Themen eben um eine Auswahl handle.

Jedenfalls werden die relevanten Themenfelder mit Bevölkerungsbezug als „Großprobleme des 21. Jahrhunderts“ durchaus erörtert. Maßgebend sind die Bezugspunkte funktionale Differenzierung und Inklusion, letztere wurde als Inklusion der Bevölkerung in das politische System durchgehend hervorgehoben. Dies sei deshalb besonders relevant, weil die wichtigste Funktion von Inklusion in der „praktischen Durchsetzung von Veränderungen“ bestehe. Schließlich unterstreicht der Autor noch einmal mit Blick auf die Themenfelder und die Betrachtung der Funktionssysteme, dass viele Kommunikationen sowohl indirekte wie auch direkte Bezüge zum hier gewählten systemtheoretischen Ansatz aufweisen. Daraus lasse sich ein eher kritisches Bild von der zu erwartenden Gesellschaft der Zukunft ableiten.

Plakativ wird der Gegenstand des vorliegenden Buches am Ende zusammengefasst: Erst kommt die Beobachtung, dann folgt die Bewertung der Zukunftskommunikation („normative Wende“), wobei leistungsfähige Funktionssysteme und eine breite Inklusion der Bevölkerung als Zielvorstellungen fungieren. Anders und kurz und bündig vom Autor formuliert: beobachten – bewerten – nachfragen – anregen – mitmachen.

Diskussion und Fazit

Die Kommunikation über die Gesellschaft der Zukunft ist Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Als Anmerkung sei zunächst erwähnt, dass die beiden Anfangskapitel etwas mühselig zu lesen sind, aber der hilfreiche Hinweis des Autors, das theoretische zweite Kapitel zur Systemtheorie als den Rahmen der Zukunftskommunikation über die Gesellschaft der Zukunft zu „überspringen“, stieß auf dankbare Resonanz. Die folgenden Kapitel bringen viele und breit gestreute, vielfach sehr aktuelle Informationen zur Thematik der Zukunftskommunikation. Die Gewichtung und Interpretation mancher gewählter Beispiele ist verständlicherweise angesichts der Breite der Thematik von Wirtschaft, Politik, Erziehung, Religion, Recht usw. unterschiedlich. Kritisch anzumerken seien aber formale Gesichtspunkte. So tauchen im Text immer wieder kursive Textpassagen, Unterstreichungen, fett gedruckte Überschriften oder unterschiedliche Aufzählungssymbole auf, so dass manchmal nicht klar nachzuvollziehen ist, was aus der Perspektive des Autors eine besondere Hervorhebung verdient. Aufgrund der vielen Abkürzungen im Text sollte auf jeden Fall ein entsprechendes Abkürzungsverzeichnis im Buch enthalten sein.


Rezensent
Dr. phil. Manfred Krapf
M.A. (Geschichte/Politikwissenschaft), Dipl. Sozialpädagoge (FH), selbstständig tätig in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung, sozialpolitische Veröffentlichungen
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Zitiervorschlag
Manfred Krapf. Rezension vom 02.10.2017 zu: Dieter Grunow: Die Gesellschaft der Zukunft - Beobachtungen aus der Gegenwart. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2017. ISBN 978-3-8474-0691-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22923.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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