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Michael Bartels: Diakonisches Profil & universal design

Cover Michael Bartels: Diakonisches Profil & universal design. Diakonie zwischen Verkirchlichung und Verweltlichung des Christentums. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 711 Seiten. ISBN 978-3-8487-2188-7. D: 129,00 EUR, A: 132,70 EUR, CH: 179,00 sFr.
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Thema

Wie kann eine zukünftige Sozialgestalt von Kirche und Diakonie aussehen? Diakonische Prozesse, die auf der Achse zwischen „Verkirchlichung“ einerseits und „Verweltlichung“ andererseits zu gestalten sind, zeichnen sich aus durch kaum zu bewältigende Komplexität. Michael Bartels kehrt die allfällige kritische Frage an evangelische Träger um: Ist Diakonie drin, wo Diakonie draufsteht? und fragt stattdessen: Was würde es bedeuten, wenn Diakonie drin ist aber nicht draufsteht? Welche Implikationen sind enthalten, wenn diakonische Träger ihre Angebote nicht als Diakonie kennzeichnen? Mithilfe von drei großen Untersuchungshauptlinien zeigt Bartels auf, dass Fragen von Identität, Inklusion und Sozialgestalt aufs Engste miteinander verwoben sind und durchdacht und zumindest vorläufig beantwortet werden müssen, um langfristig als Diakonie auch in einem atheistisch-konfessionslosen Umfeld den christlichen Auftrag erfüllen zu können.

Autor

Pastor Dr. Michael Bartels ist Theologe und Vorstand des Pommerschen Diakonievereins e.V. mit Sitz in Greifswald und leitet somit ein großes diakonisches Unternehmen mit Schwerpunkten im Bereich Wohnen, Leben, Arbeiten, Pflegen für Menschen mit Assistenzbedarf und stationäre Angebote für Senioren.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist die Veröffentlichung der Dissertation, die Michael Bartels im Jahr 2015 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel am Institut für Diakoniewissenschaften bei Prof. Dr. Udo Krolzik (Bielefeld) und Prof. Dr. Dr. Alexander Brink (Bayreuth) abgelegt hat. Im Jahr 2017 wurde Bartels dafür der Johann-Hinrich-Wichern-Sonderpreis für diakoniewissenschaftliche Forschung verliehen, der seit 1998 auf Initiative von Alfred Jäger (1941-2014) vergeben wird. Aus der Laudatio von Prof. Dr. Martin Büscher (Bielefeld): „Michael Bartels erhält den Wichernpreis 2017 für die ‚souveräne, akademisch und praktisch höchst reflektierte Bearbeitung, gesellschaftliche Öffnung und inspirierende Weiterentwicklung des sichtbaren und unsichtbaren Profils der Diakonie‘“. (Quelle: http://diakoniewissenschaft-idm.de/wp/?p=353, Abruf vom 16.08.2017)

Aufbau und Inhalt

Vorab: Die Veröffentlichung hat 711 Seiten, wovon allein 64 Seiten aus dem über 900 Einzeltitel umfassenden Literatur- und Quellenverzeichnis bestehen. In genau 1.739 Fußnoten werden nicht nur Quellen und Fundstellen gekennzeichnet, sondern an vielen Stellen Querverweise, Kommentierungen und weiterführende Überlegungen eingearbeitet. Der Aufbau des Gesamtwerks folgt – nach einer ausführlichen Einleitung – drei Hauptuntersuchungslinien:

  1. Identität: Die erste Hauptuntersuchungslinie fragt nach der Bedeutung von Erkennbarkeit und den Gründen für die oftmals starke Forderung nach Unterscheidbarkeit diakonischen Handelns. Wie hängt die äußere Sichtbarmachung des sogenannten diakonischen Profils zusammen mit der Identität diakonischer Unternehmen im Kontext fortschreitender Ökonomisierung, funktionaler Differenzierung und der Option multipler Identitäten? Und: macht es derzeit überhaupt Sinn, über solche „Oberflächenphänome“ zu kommunizieren? Sind sie doch oftmals nur Ausdruck von organisatorischen Eigeninteressen im Prozess der Verkirchlichung der Diakonie.
  2. Inklusion: Ein wesentliches Grundprinzip in der UN-Behindertenrechtskonvention und damit verbindliche Rechtsgrundlage bei der Gestaltung von Umgebungen, Produkten und Dienstleistungen ist das sogenannte „universelle Design“. Dieser Spur folgt die zweite Hauptuntersuchungslinie, die danach fragt, ob die im ersten Teil untersuchten kirchlichen und diakonischen Oberflächenphänomene und insbesondere die kirchliche und diakonische Semantik Gefahr laufen, stigmatisierendes Potential in einem atheistisch-konfessionslosen gesellschaftlichen Umfeld, konkret den östlichen Bundesländern der Republik, zu entfalten.
  3. Sozialgestalt: In der dritten Hauptuntersuchungslinie werden als Modell zukünftiger Sozialgestalt eines Christentums außerhalb der Kirche Überlegungen zur Entwicklung eines hybriden Netzwerkes im kirchlich-kulturchristlichen Feld vorgestellt. Daraus ergeben sich Chancen für die Tradierung des Christlichen: durch eine diakonische Organisation, in der das Paradigma „Wo Diakonie drauf steht muss auch Diakonie drin sein“ durch ein Netzwerk abgelöst – oder zumindest im atheistisch-konfessionslosen Umfeld ergänzt – wird durch eine christliche Sozialgestalt, in der Diakonie drin ist aber nicht unbedingt drauf steht.

Michael Bartels legt seine Untersuchung induktiv an und bezieht sich dabei auf ein einzelnes Praxisbeispiel als Ausgangspunkt und wiederkehrenden Bezugspunkt eines diakonischen Trägers in Ostdeutschland, dem Café „Lichtblick“ in Greifswald. Nach Bartels steht die Diakonie vor weitreichenden Änderungsprozessen, die eine neue Standortbestimmung auf der Achse zwischen Verkirchlichung (Diakonie als Wesens- und Lebensäußerung der Kirche gem. Art. 15 der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland) und Verweltlichung (Säkularisierung, Ökonomisierung, staatliche Regulierung diakonischer Dienstleistungen etc.) erfordern. Definierte Anforderungen an sogenanntes diakonisches Profil und Überlegungen zu einer diakonischen Identität seien kaum hilfreich, im Gegenteil, notwendige Klärungsprozesse im Verhältnis von Kirche und Diakonie würden nur überlagert. Die Vorstellung einer eindeutigen diakonischen Identität erweise sich als Organisationsmythos und stelle letztlich eine inhaltsleere Semantik dar, die ideologisierend aufgeladen sei und originäre Organisationsinteressen bediene. Weder diakoniewissenschaftlich noch theologisch noch in der Alltagspraxis diakonischen Handelns führe der Profilbegriff zur Klärung von Identitätsfragen. Bartels führt weiterhin aus, dass gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention Dienstleistungen im sogenannten universellen Design frei von Stigmatisierungen sein müssen, d.h. (verkürzt dargestellt) dass nicht nur Produkte oder Rahmenbedingungen, sondern eben auch Dienstleistungen möglichst für alle Menschen zugänglich und benutzerfreundlich sein müssen und niemanden aufgrund der Nutzung der Dienstleistung als benachteiligt kennzeichnen dürfen. Jedoch könne die Bezeichnung einer Dienstleistung als diakonische Dienstleistung ein Stigmatisierungspotential enthalten, nämlich dann, wenn Diakonie vom Nutzer als kirchliche (oder auch nur wohlfahrtsverbandliche) Einrichtung identifiziert und etwa in einer atheistisch-konfessionslosen Gesellschaft die Nutzung der Dienstleistung (im Praxisbeispiel etwa den Besuch des Cafés Lichtblick) aus diesem Grund verhindert würde. In bestimmten Umgebungen könnten diakonisch gekennzeichnete Artefakte exkludierend wirken. Die Bestimmung der Zugehörigkeit diakonischer Organisationen zur Evangelischen Kirche als Lebens- und Wesensäußerung bezeichnet Bartels als morphologischen Fundamentalismus. Er plädiert für die Suche nach neuen Formen kirchlich-diakonischer Sozialgestalt, die über die tradierten und derzeitigen Leitbilder der sichtbaren und unsichtbaren Kirche hinausgehen. Bartels verweist auf das Christentum außerhalb der Kirche, welches als kulturchristliches Feld in Erscheinung tritt und so eine besondere Chance auf Weiterentwicklung der Sozialgestalt von Kirche und Diakonie eröffnet: Hybride, emergente Netzwerkstrukturen, die Eindeutigkeit und Homogenität diakonischer Erscheinungsweisen zugunsten eines (nicht beliebigen) Sowohl-als-Auch ablösen, die eine Sozialgestalt als Partnerschaft im hybriden kulturchristlichen Feld zulassen und damit eine Achsenverschiebung zwischen Verkirchlichung und Verweltlichung auslösen ohne dass dies zugleich eine Entkirchlichung oder Entweltlichung bedeute.

Diskussion

Alle aufgeworfenen Fragestellungen und Thesen werden ausführlich und detailreich erläutert und mit umfangreichem interdisziplinärem Quellenstudium hinterlegt.

Bartels eröffnet mit dieser Untersuchung ein weites und bislang kaum bearbeitetes Feld diakoniewissenschaftlicher (und im weitesten Sinne religionssoziologischer) Untersuchungen: Die Rekonstruktion/Neuorganisation einer christlich-diakonischen Sozialgestalt im atheistisch-konfesssionslosen gesellschaftlichen Umfeld, nicht nur, aber insbesondere in den östlichen Bundesländern. Für engagierte Diakoniker(innen) die ihr tägliches Dienstgeschäft gerne und selbstbewusst als Lebens- und Wesensäußerung der Evangelischen Kirche empfinden und darstellen, mag Bartels Gedankenführung zunächst eine Anmutung sein. Denn es gilt, bisher verteidigte Grundsätze über die Notwendigkeit eines Diakonischen Profils, eines ständig zu befeuernden Diskurses über Diakonische Identität, über Corporate Identity und Wettbewerbsfähigkeit durch Sichtbarmachung – eben diakonischer Semantik und Semiotik – zu überdenken. Wer sich aber auf das Abenteuer des Mitdenkens einlässt, die einzelnen Schritte der Untersuchung nachvollzieht und anhand der eigenen Praxiserfahrungen reflektiert, wird reich belohnt. Der Blick weitet sich, zur Binnenperspektive kommt der Außenblick hinzu und bisherige Denkmuster etwa über Zugehörigkeitsfragen oder über die Wirkungen des Kronenkreuzes im gesellschaftlichen Umfeld oder über das Potential des Christentums jenseits tradierter Formen organisierter Religiosität werden um mannigfache Ideen zur verbesserten Zukunftsgestaltung diakonischer Organisationen erweitert.

Fazit

Bartels erhebt nicht den Anspruch, allgemein gültige Aussagen zur zukünftig notwendigen Sozialgestalt der Diakonie zu treffen, sondern er zeigt Chancen und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung auf, die zumindest für eine ostdeutsche Diakonie Gültigkeit beanspruchen und gegebenenfalls zukünftig auch Relevanz für die bundesweite Diakonie bekommen kann. Damit ist die Anschlussfähigkeit sowohl für den diakoniewissenschaftlichen Diskurs als auch für die Strategieüberlegungen diakonischer Geschäftsführungen und Aufsichtsräte im Kontext von Religionspluralismus und religiöser Indifferenz gegeben.

Das elaborierte hoch-akademische Sprachniveau ist dem verhandelten Gegenstand durchaus angemessen, könnte aber – neben dem Umfang der vielen Seiten und dem Preis des Buches in Höhe von 129,- Euro – dazu führen, dass diese Veröffentlichung nicht die Verbreitung findet, die sie ganz sicher verdient, allemal im strategisch-operativen Umfeld von kirchlichen Entscheidungsträgern, Diakonie-Geschäftsführungen, Vorständen und engagierten diakonischen Akteuren. Im diakoniewissenschaftlichen Bereich wird zukünftig ganz sicher kein akademischer Diskurs über Fragen von Identität, Inklusion oder Sozialgestalt von Kirche und Diakonie an Bartels hier vorgelegtem Beitrag herumkommen.


Rezensentin
Dipl.-Sozialpädagogin Iris Jänicke
M.A. Diakoniemanagement. Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg
Homepage www.xing.com/profile/Iris_Jaenicke2?sc_o=mxb_p
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Zitiervorschlag
Iris Jänicke. Rezension vom 27.09.2017 zu: Michael Bartels: Diakonisches Profil & universal design. Diakonie zwischen Verkirchlichung und Verweltlichung des Christentums. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2188-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22929.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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