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Jens Rannenberg: Diakonische Unternehmen als Gemeinde

Cover Jens Rannenberg: Diakonische Unternehmen als Gemeinde. Kriterien und Prozessgestaltung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 255 Seiten. ISBN 978-3-8487-2485-7. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 69,90 sFr.

Reihe Diakoniewissenschaft/Diakoniemanagement, Band 6.
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Thema

Die Entwicklung einer allgemein anerkannten theologisch begründeten Theorie diakonischer Unternehmen steht bislang in den Diakoniewissenschaften noch aus. Die verfasste evangelische Kirche und diakonische Sozialunternehmen sind bipolar strukturiert und entfernen sich kulturell zunehmend voneinander. Dieses Nebeneinander kann jedoch überwunden werden. Jens Rannenberg entwickelt in dieser Veröffentlichung die theologischen, betriebswirtschaftlichen und strukturellen Grundlagen dafür und formuliert die Ergebnisse seiner Forschungsfrage: „Was sind diakonische Unternehmen, wie können sie definiert werden und wie gestaltet sich ihre ‚theologische Achse‘ prozessual im Unternehmen?“ (S. 35)

Autor

Jens Rannenberg kommt als kaufmännischer Vorstand der Diakonischen Heime Kästorf (Gifhorn) bzw. deren heutiger Dachstiftung Diakonie aus dem Management eines Sozialunternehmens mit einer vierstelligen Mitarbeiterzahl – und verfügt somit über aktuelle Erfahrungen aus erster Hand in Bezug auf die diakonische unternehmerische Praxis.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist die gekürzte Darstellung der Dissertation, die Jens Rannenberg im Jahr 2015 an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel am Institut für Diakoniewissenschaften abgelegt hat.

Aufbau

  1. In der Einleitung erläutert der Autor zunächst den gesellschaftlichen Kontext und die Relevanz seines Themas.
  2. Im zweiten Kapitel erfolgt die theologische Begründung, warum diakonische Unternehmen als Gemeinde anerkannt und als Personalgemeinde in die verfasste Kirche integriert werden könnten.
  3. Im dritten Kapitel werden die empirischen Ergebnisse einer Expertenbefragung zehn verschiedener Diakoniemanager dargestellt. Aus den Ergebnissen werden diejenigen Topoi extrahiert, die im weiteren Verlauf der Argumentation als Bestandteil des diakonischen Unternehmensverständnisses berücksichtigt werden.
  4. Im vierten Kapitel schließlich entfaltet der Verfasser ein diakonisches Unternehmens – und Managementmodell auf der Grundlage der vorherigen theologischen Gedankenführungen und der Erkenntnisse aus der empirischen Befragung. Als Reflektionsrahmen bezieht er sich auf die Luhmannsche Systemtheorie und entfaltet sein Modell auf der Basis des Neuen St. Galler Management-Modells.

Inhalt

In der Einleitung wird der gesellschaftliche Kontext der Forschungsfrage und deren Bedeutung für die Bipolarität von Kirche und Diakonie erläutert: „Was sind diakonische Unternehmen, wie können sie definiert werden und wie gestaltet sich ihre ‚theologische Achse‘ prozessual im Unternehmen?“ (Seite 35). Während die (wirtschaftliche) Bedeutung der unternehmerischen Diakonie immer größer wird, müssen sich die beiden großen Kirchen in der Bundesrepublik mit einem anhaltenden Mitgliederverlust und einer kontinuierlich abnehmenden gesellschaftlichen Bedeutung auseinandersetzen. Rannenberg stellt Beschäftigtenzahlen, Umsatzzahlen und Mitgliederzahlen von Diakonie bzw. Kirche dar und konstatiert: „Diakonie insgesamt gesehen ist somit die dominierende und wirtschaftliche starke Kirche“ (Seite 22). Im historischen Rückblick zeigt er, dass es seit J.H.Wichern ein Nebeneinander von verfasster Kirche und Diakonie gegeben hat. Eine Neubestimmung des Verhältnisses ist aus seiner Sicht dringend geboten, um die verfassten Kirchen zu stärken und die Zuordnung der Diakonie zur Kirche im Hinblick auf Art. 140 GG abzusichern. Er schlägt vor, diakonische Unternehmen neben den parochialen Gemeinden (Pfarrbezirksgemeinden) als eigenständige Personalgemeinden anzuerkennen und als solche in die verfasste Kirche zu integrieren.

Die theologische Begründung dafür erfolgt ausführlich im zweiten Kapitel unter Rückgriff auf das Gemeindeverständnis von Luther und Bonhoeffer. Außerdem unterbreitet Rannenberg konkrete Vorschläge, wie dies kirchenrechtlich auf der Ebene der Landeskirchen und in Bezug auf überregionale diakonische Unternehmen auf der Ebene der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland erfolgen könnte. Die Beschäftigten des Unternehmens wären dann die Mitglieder der Personalgemeinde, unabhängig davon, ob eine formale Kirchenmitgliedschaft besteht oder nicht.

Im dritten Kapitel werden die Ergebnisse von 10 Experteninterviews dargestellt, die der Autor mit Vorstandsvorsitzenden oder Vorstandsmitgliedern aus großen diakonischen Unternehmen aus verschiedenen Regionen der Bundesrepublik durchgeführt hat. Aus den konzeptualisierten und generalisierten Befunden ergeben sich die Eckpunkte für die Formulierung eines diakonischen Unternehmensverständnisses. Aus der Sicht des Autors zeigt sich, dass diakonische Unternehmen als kommunikative und prozessorganisierte Systeme im Sinne der Luhmannschen Systemtheorie als Subsystem der sichtbaren evangelischen Kirche zu beschreiben sind – aber als Sozialunternehmen auch als Subsystem von Wirtschaft.

Diese Ergebnisse werden im vierten Kapitel ausführlich theoretisch hinterlegt. Der Verfasser bezieht sich dabei auf Grundlagen der klassischen Betriebswirtschaftslehre und reflektiert die Beziehungen zu den Hilfeberechtigten (nicht „Betreuung“ sondern „Assistenz“) und zu den Mitarbeitenden in der Ausgestaltung der „Dienstgemeinschaft“ als Management- und Führungsaufgabe. Er vertieft die Sichtweise auf diakonische Unternehmen einerseits als soziale, komplexe, kommunikative Subsysteme des Wirtschaftssystems. Zugleich sind sie als Diakoniegemeinde ein Subsystem der sichtbaren Kirche (und damit Sub-Subsystem des Systems Religion). Der so entwickelte Unternehmensbegriff diakonischer Unternehmen erfordert eine spezielle Ausgestaltung der Aufbau- und Ablauforganisation. Der Verfasser schlägt vor, ein diakonisches Managementmodell als „netzwerkoffene, kommunikative Prozessorganisation“ (S. 194) zu denken. Dies kann nur funktionieren, wenn die „theologische Achse“ (Alfred Jäger) die Prozesse im Unternehmen gestaltet. Dabei kommt neben dem strategischen und dem operativen Management insbesondere dem normativen Management besondere Bedeutung zu. Rannenberg postuliert:

  • die Sicherstellung theologischer Professionalität durch einen Theologen oder Diakon (oder Theologin oder Diakonin) im Vorstand
  • die Sicherstellung des ethischen Diskurses durch Mitarbeitende mit einer diakonischen Zusatzausbildung in allen Abteilungen, z.B. in allen Wohngruppen etc.
  • und letztlich die Sicherstellung der diakonischen Identität durch entsprechende Planungs- und Steuerungselemente wie etwa BSC (Balanced Scorecard).

Zusammenfassend entwickelt er aus dem Neuen St. Galler Management-Modell ein „Diakoniegemeindliches Unternehmensmanagement-Modell“ welches sich auszeichnet durch eine übergreifende spirituelle Dimension und die Erweiterung des St. Galler Modells durch die sichtbare Kirche als Umweltsphäre, die Unternehmenskultur als Dienstgemeinschaft und die Parochialgemeinde als wesentliche Anspruchsgruppe.

Zum Abschluss prüft Rannenberg noch mögliche rechtliche Unternehmensformen eines diakonischen Unternehmens und kommt zu der Auffassung, dass die Unternehmensform der Managementholding „für ein diakonisches Unternehmen ein sinnvolles Organisationsmodell sein“ (S. 227) kann, um sowohl Komplexität im Allgemeinen als auch diakoniespezifische Anforderungen im Besonderen zu bewältigen.

Diskussion

Mit dieser Veröffentlichung legt Rannenberg ein geschlossenes und dennoch in Theologie, Betriebswirtschaft und Sozialpolitik adaptionsfähiges Konzept diakonischer Unternehmen vor. Zugleich trifft er den Nerv einer nicht nur in akademisch-diakoniewissenschaftlicher Provenienz sondern auch in vielen Kirchengemeinden und Diakonischen Werken vor Ort geführten Debatte: Wie kann verhindert werden, dass die Bipolarität von Kirche und Diakonie in sich wandelnden gesellschaftlichen Kontexten (z.B. Verlust der sozialstaatlichen Vorrangstellung der Wohlfahrtsverbände und damit verbunden zunehmender Ökonomisierungsdruck) eine kulturelle Entfremdung zwischen Kirche und Diakonieunternehmen induziert und damit letztlich die verfasste Kirche schwächt? Welche Rolle wird zukünftig die Diakonie als Wesens- und Lebensäußerung der Kirche (Grundordnung der EKD, Art. 15) und zugleich als Sozialunternehmen im Wettbewerb mit privaten Anbietern ausfüllen?

Das Gedankenspiel, diakonische Unternehmen als (Personal-) Gemeinde anzuerkennen ist faszinierend, wenn auch manche Implikationen noch weiter bedacht werden müssen: Droht Mitgliedern der Diakoniegemeinde der Verlust der Gemeindezugehörigkeit bei (unfreiwilligem) Ausscheiden aus dem Arbeitsverhältnis und wie könnte das theologisch begründet werden?

Die Fülle der zusammengetragenen Gedanken und Beiträge aus theologischer, betriebswirtschaftlicher und systemtheoretischer Sicht auf nur 228 Seiten (die Seiten 229 bis 255 sind Anhänge und Literaturverzeichnis) ist beeindruckend. In den Verweisen auf andere Autoren und in den umfangreichen Neben-Ausführungen in Fußnoten verbergen sich viele Hinweise zu weitergehender Literatur und Nebenbefunde als Schätze, die zu weitergehenden Studien herausfordern. Der Verfasser hat eine Fülle an Wissen und theoretisch und praktisch überzeugenden Gedanken zusammengetragen. Es ergeben sich viele Anhaltspunkte, an denen weitergeforscht, weitergedacht und überlegt werden kann.

Vielleicht wäre in der Gesamtschau weniger mehr gewesen: In der Bemühung von allen Seiten jedwede Aspekte einzubringen musste zwangsläufig Vieles an der Oberfläche bleiben. Bei der Drucklegung ist eine kleine Panne passiert: Die Fußnoten 176 bis 179 sind bis zu viermal gedruckt, drei (halbe) Seiten erscheinen somit mehrfach.

Fazit

Jens Rannenberg, beruflich als kaufmännischer Vorstand eines großen diakonischen Unternehmens unterwegs, entwickelt in dieser Veröffentlichung eine Theorie diakonischer Unternehmen. Seine These „Diakonische Unternehmen sind Diakoniegemeinde, Sozialunternehmen und kommunikative Prozessorganisationen“ wird theologisch, systemtheoretisch, empirisch und diakoniewissenschaftlich beleuchtet, konkrete Vorschläge zur Ausgestaltung einer „theologischen Achse“ werden vorgestellt. Das Buch ist lesenswert für alle Interessierten, denen die enge Verzahnung von Kirche und Unternehmensdiakonie am Herzen liegt.


Rezensentin
Dipl.-Sozialpädagogin Iris Jänicke
Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes des Ev. Kirchenkreises Lüdenscheid-Plettenberg, M.A. Diakoniemanagement
Homepage www.xing.com/profile/Iris_Jaenicke2?sc_o=mxb_p
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Zitiervorschlag
Iris Jänicke. Rezension vom 31.07.2017 zu: Jens Rannenberg: Diakonische Unternehmen als Gemeinde. Kriterien und Prozessgestaltung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-2485-7. Reihe Diakoniewissenschaft/Diakoniemanagement, Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22930.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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