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Rolf Gloël, Kathrin Gützlaff u.a.: Gegen Rechts argumentieren lernen

Cover Rolf Gloël, Kathrin Gützlaff, Jack Weber: Gegen Rechts argumentieren lernen. Aktualisierte Neuausgabe. VSA-Verlag (Hamburg) 2017. 188 Seiten. ISBN 978-3-89965-762-3. D: 14,80 EUR, A: 15,30 EUR.
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Thema

Viele Menschen sind erschrocken über zunehmenden Nationalismus, Ausländerfeindlichkeit und das Erstarken rechter Parteien. In Amerika ist mit der Wahl von Donald Trump ein offensiv nationalistisch argumentierender Präsident an der Macht. Aber auch in Europa werden mit rechten Positionen Wahlen gewonnen und Deutschland hat mit der AfD eine rechte Partei, die wohl auf Anhieb in den Bundestag gewählt werden wird. Es ist also notwendiger denn je, sich mit rechten Positionen und ihrer Popularität auseinanderzusetzen.

Entstehungshintergrund

Aus Sicht der Autoren des Buches gibt es viele Formen unzureichender Kritik an rechten Positionen. Das, was die etablierten Parteien ihren rechten Konkurrenten entgegenzusetzen haben, sei oftmals eher diffamierend, als dass es eine ernsthafte Kritik im Sinne einer Auseinandersetzung mit deren Positionen darstelle. Und was in der Pädagogik an Erklärungsversuchen und Interventionsstrategien entwickelt wird, stelle ebenfalls keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Positionen von Rechten dar. Das vorliegende Buch nimmt für sich in Anspruch, typische Holzwege in der Erklärung rechten Denkens aufzuzeigen und Argumentationshilfen für eine Auseinandersetzung auf der Ebene der zugrundeliegenden Weltanschauungen und daraus resultierenden Sinnkonstruktionen zu liefern.

Änderungen gegenüber der Vorauflage

Während in den vorhergehenden Auflagen (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/3697.php) noch Argumentationshilfen gegeben werden sollten für die Jugendsozialarbeit, weil hier ein besonderes Problemfeld im Bereich der Sozialen Arbeit gesehen wurde, widmet sich die komplett überarbeitete Neuauflage, nunmehr um die Autoren Jack Weber und (für das letzte Kapitel) Malte Thran erweitert, dem Thema „Rechtes Denken“ mit explizitem Bezug zu den aktuellen Politikfeldern der Auseinandersetzung. Die Popularität rechten Gedankengutes hat sich erheblich gewandelt: Schließlich sind mit Pegida und AfD viele der vormals von der Mehrheitsmeinung diskreditierte Positionen salonfähig und wählbar geworden. Zuletzt haben Rechte Ausländerfeindlichkeit auf Basis der zeitweise vermehrten Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland befeuern können. Die Frage danach, warum überhaupt Menschen sich rechten Positionen anschließen und wie diese ggf. zu widerlegen wären, ist also gesellschaftlich deutlich relevanter geworden und ganz und gar nicht beschränkt auf die Soziale Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen.

Aufbau

Das Buch beschäftigt sich inzwischen in dritter Auflage mit typischen rechten Positionen und unzureichenden Erklärungsversuchen für die Attraktivität rechten Gedankengutes. Dabei werden gleichermaßen die rechten Positionen als auch die gängigen Erklärungsversuche seitens engagierter Kritiker derselben in plakativer Art und Weise auf ihre Sinnkonstruktionen hin untersucht. In Form von Gegenthesen werden kapitelweise Argumentationshilfen gegeben.

Das Buch ist übersichtlich und kleinteilig gegliedert. Die rechten bzw. unzureichenden kritischen Positionen, die im Buch analysiert werden, werden in unterschiedlichen Ausdrucksformen aufgegriffen. So werden die Botschaften von Politikern, aber auch populäre Liedtexte, Zeitungsausschnitte mit Fotos und satirische Cartoons auf ihren Sinngehalt hin untersucht. Zu diesem bunten Material werden Fragen gestellt, die in grauen Kästchen abgesetzt sind und die Logik der jeweiligen Botschaften in ihrer scheinbaren Plausibilität zu erschüttern suchen, um so erste Anregungen zum Nachdenken zu geben. Resümierend wird zum Abschluss die jeweilige Logik der Argumentationseinheit herausgestellt. Dadurch ist das Buch leicht lesbar. Außerdem sind die einzelnen Kapitel relativ kurz und je für sich verständlich, so dass sie jeweils einzeln als Seminareinheit verwendbar sind.

Inhalt

„Warum schließen sich Menschen rechten Vorstellungen, Parteien und Organisationen an?“ Dieser Leitfrage widmen sich die Autoren in der vorliegenden Publikation theoretisch wie auch anhand alltäglicher Beispiele.

Im ersten Kapitel „Rechtsruck und seine Gründe“ werden in Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft diskutierte Gründe für den Aufschwung rassistischen und fremdenfeindlichen Gedankenguts vorgestellt und geprüft. Anhand fünf gängiger Erklärungen für den aktuellen Rechtsruck: „Angst“, „soziale Unzufriedenheit“, die „Suche nach einfachen Lösungen“, „Unzufriedenheit mit den Eliten“, „Populismus und Rattenfängerei“ zeigen die Autoren, wie diese Erklärungen es geradezu vermeiden, die Argumente der Rechten zur Kenntnis zu nehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Auffallend ist hierbei, dass der demokratische Diskurs sich sogar für Positionen und Fragestellungen geöffnet zu haben scheint, die vor zehn Jahren als unangemessen, weil fremdenfeindlich und unsolidarisch, zurückgewiesen wurden.

Während das erste Kapitel also die Argumente der Gegner rechter Positionen hinterfragt, und die Leser dazu anregt, eigene Erklärungsmuster zu überprüfen, folgt in den Kapiteln zwei bis vier eine kleinschrittige Analyse und Kritik der Logik gängiger nationalistischer Argumentationen.

Das zweite Kapitel stellt „sechs Grundelemente des Nationalismus“ vor. Ausgehend von der Elementarform des Nationalismus, der Vorstellung von Deutsch-sein als der „wahren Identität“ über die „Liebe zum Vaterland“ bis zu „Verachtung und Hass“ auf alles „Nichtdeutsche“ werden die einzelnen Gedankenschritte in ihrer parteilichen Logik nachvollzogen und durch den Nachweis von Widersprüchen erschüttert: Wie passt der Stolz auf die Nation, der sich auf deutsche „Dichter & Denker“ beruft, dazu, dass man keines dieser Werke zu kennen braucht? Oder: Wie kann es sein, dass eine angeblich vorstaatliche, quasi naturgegebenen Volksgemeinschaft in der Vorstellung von Nationalisten erst noch hergestellt bzw. durchgesetzt werden muss? Mittels Fragen und Gegenthesen wird eine Strategie verfolgt, die Selbstverständlichkeiten auf Seiten der Adressaten zu erschüttern und ihn durch solche Irritationen zu einer Prüfung seiner Position herauszufordern.

Das dritte Kapitel thematisiert Rassismus als „Legitimation von Herrschaft und Ausbeutung“, als „Gleichsetzung von Nation und Biologie“ und als angebliche „nationale Identität“. Auch hier werden diese Positionen mit Fragen und Gegenthesen zu erschüttern versucht. In diesem Kapitel korrigieren sich die Autoren mit Bezug auf ihre vorhergehenden Auflagen, indem sie sich gegen den heute inflationären Gebrauch des Begriffs „Rassismus“, der undifferenziert alles Unliebsame brandmarkt, absetzen und plädieren für Trennschärfe gegenüber „Nationalismus“ und „Ausländerfeindlichkeit“. Den Begriff des „Nützlichkeitsrassismus“ aus den vorhergehenden Auflagen ziehen sie mit diesem Argument zurück, ohne jedoch die damit gekennzeichneten Tatbestände als weniger kritikwürdig einzustufen. Im Sinne der neuen Trennschärfe stellen die Autoren die biologistische Logik des rassistischen Denkens in den Focus: die explizite Rechtfertigung der politischen und sozialen Diskriminierung von Menschen mit deren vorgeblich biologischen Eigenschaften. Dieses Grundprinzip des Rassismus wird an Klassikern wie der Rechtfertigung der Sklaverei oder Hitlers „Arier“-Theorie verdeutlicht. Anhand moderner Varianten wie Erdogans Rede vom „Türkischen Blut“ und Gaulands Boateng-Affäre sowie der Konstruktion einer „deutschen Identität“ und der Rede vom „Biodeutschen“ wird deutlich, dass rassistische Urteile kein Restbestand dunkler Vorzeiten sind, sondern ihren festen Platz in der aktuellen politischen Auseinandersetzung haben. Auch hier werden die rechten Positionen mit auf logische Widersprüche zielenden Fragen irritiert und mit Gegenthesen korrigiert.

Gängige ausländerfeindliche Argumente, denen gegenüber bisweilen auch Ausländerfreunde Verständnis aufbringen, werden im vierten Kapitel geprüft: die „Gefahr“ von „Überflutung“ und „Überfremdung“. Im genauen Nachvollzug der Argumentationen führen die Autoren aus, dass Ausländerfeindlichkeit sich nicht aus Erfahrungen mit Ausländern speise, sondern negative Urteile bereits vorliegen müssten, bevor „der Ausländer“ als „Problem“ gesehen wird. Besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei dem „Klassiker“: „Ausländer nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg“. Überlegungen zur staatlichen Ausländerpolitik, die für Ausländer besondere Zugangsbedingungen für den Arbeitsmarkt rechtlich fixiert, also Sonderregelungen wie Ausländer- und Integrationsgesetze schafft, würden auf eine entscheidende Gemeinsamkeit staatlicher und rechtsradikaler Positionen verweisen, nämlich die, dass Ausländern ganz prinzipiell ein eingeschränkter Rechtsstatus in der Gesellschaft zukomme. Daher seien die Argumente amtierender Politiker und rechter Kritiker in Bezug auf Ausländer oft kaum unterscheidbar, wie die Autoren an der insbesondere vom amtierenden Innenminister angestrengten Debatte über Toleranz, Leitkultur und Parallelgesellschaft zeigen.

Das abschließende fünfte Kapitel „Holzwege politischer Bildung gegen Rechts“ problematisiert die Konzepte gängiger Seminar- und Fortbildungsprogramme, die für Diskriminierungen sensibilisieren wollen, indem Betroffenheit und Selbstkritik evoziert wird. In diesem Kapitel wird die Vorstellung zurückgewiesen, die dem Topos „Diskriminierung durch Sprache“ zugrunde liegt, das Denken werde durch den Gebrauch einschlägiger Wörter vergiftet, so dass sich durch deren Vermeidung auf die Ansichten Einfluss nehmen ließe. Das in der Jugendarbeit und auch an Hochschulen zum Einsatz kommende Spiel „Privilegientest“ arbeite mit der Sensibilisierung der Teilnehmenden bezüglich ihrer eigenen vergleichsweisen Besserstellung und plädiere so für eine gerechte Konkurrenz und damit immanent logisch für „Hürden für alle“. Auch der „Besuch von Gedenkstätten“ wird hier kritisiert unter dem Gesichtspunkt, dass Betroffenheit erzeugt werden solle, die – im besten Fall – gefühlsmäßige Empörung hervorrufe, über diese jedoch nicht hinausführe.

Fazit

Die Grundposition des Buches, dass man um die Auseinandersetzung mit dem politischen Gehalt rechtsradikalen Gedankenguts nicht herum komme, wird überzeugend und detailliert an den Kernthemen: Nationalismus, Rassismus, sowie der Kritik unzureichender Theorien zu deren Attraktivität begründet. Man wird beim Lesen merken, in welche Holzwege man selbst im Umgang mit rechten Positionen des Öfteren abgebogen ist und bekommt eine solide Orientierung für die Vermeidung derselben. Wer sich von den Autoren überzeugen lässt, „gegen Rechts argumentieren lernen“ zu wollen, der hat mit diesem Buch ein praxistaugliches Bildungsinstrument.

In der Aufmachung präsentiert sich das Buch ausgesprochen anschaulich. Die gängigen Argumente von Rechts werden übersichtlich dargelegt. In grau unterlegten Kästchen werden nüchtern und sachlich gehaltene Fragen zur genaueren Bestimmung dieser Positionen gestellt, um ihren Gehalt präzise zu entschlüsseln. Es folgen Thesen zur Widerlegung. Bisweilen werden treffende Karikaturen vorausgeschickt, die nicht nur Gelegenheit zum Schmunzeln, sondern erste Denkanstöße geben.


Rezensentin
Prof. Dr. Jutta Hagen
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Zitiervorschlag
Jutta Hagen. Rezension vom 15.09.2017 zu: Rolf Gloël, Kathrin Gützlaff, Jack Weber: Gegen Rechts argumentieren lernen. Aktualisierte Neuausgabe. VSA-Verlag (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-89965-762-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22934.php, Datum des Zugriffs 19.10.2017.


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