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Rainer Rehberger: Selbsthilfe für Messies

Cover Rainer Rehberger: Selbsthilfe für Messies. Ursachen verstehen - Änderungen wagen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2013. 176 Seiten. ISBN 978-3-608-86033-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Thema

Beim Thema „Messie“ denken fast alle Menschen zunächst an ungepflegte und vermüllte Wohnungen. Aber auch viele andere, nach außen weniger spektakuläre Formen von Desorganisation werden von den Betroffenen mittlerweile unter diesen Begriff gefasst. Wo Menschen am Umgang mit ihrer unmittelbaren privaten Umgebung leiden, weil sie sich selbst von Dingen und Ordnungswünschen erdrückt fühlen oder Ärger mit ihrem Umfeld bekommen, fühlen sich die Betroffenen, aber auch Freund*innen, Angehörige und professionelle Helfer*innen hilflos.

Rehbergers Buch will hier Anregungen zur Selbsterkenntnis und zur Selbsthilfe geben.

Autor

Rainer Rehberger ist Facharzt für Psychotherapeutische und Innere Medizin, Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker in freier Praxis in Seefelden/Bodensee und in Berlin. Seit Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema „Messies“ und Desorganisation, führt Einzel- und Gruppen-Therapien zum Thema durch, hält Vorträge und berät Selbsthilfegruppen. Sein Buch „Messies, Sucht und Zwang“ von 2009 war bahnbrechend für das Verständnis dieser Störung.

Aufbau und Inhalt

Aus Rehbergers Sicht liegen die meisten Ursachen für das Leiden am „Messie“-Syndrom in der Kindheit. Die verschiedenen Formen von zwanghaftem und/oder süchtigem Umgang mit Gegenständen, Wohnung und Kleidung stellen einen Selbstheilungsversuch dar, der aber auf Dauer Leiden und Probleme bereitet. Vielfältig wie die Formen der Störung sind auch die Ursachen. Gemeinsam ist den meisten von Rehbergers Patient*innen eine lieblose Kindheit, die zu gravierenden Bindungsstörungen geführt hat. Die speziellen Formen der daraus entstehenden Störungen sind vielfältig:

Wo Liebe und Zuwendung nur beim Füttern gezeigt wurde, kann Esssucht entstehen. Wo Liebe und Wärme fehlten, zeugen angehäufte Gegenstände in übervollen Wohnungen von der Suche nach Geborgenheit und Zuneigung. Wo ein tiefes Misstrauen in die Verlässlichkeit von Bindung besteht, schrecken Menschen davor zurück, selbst verlässliche und treue Bindungen einzugehen. Viele heutige „Messies“ wurden in ihrer Kindheit hart bestraft, unnachgiebig erzogen oder fühlten sich aus anderen Gründen unter Druck gesetzt und gezwungen. Hier stellt ihre Desorganisation, oft in Verbindung mit zwanghaftem Widersprechen und Streiten, eine trotzige Form der Selbstbehauptung dar.

Aus Rehbergers einführenden Kapiteln wird deutlich, dass es Messies wenig bringt, mit Gewaltaktionen die Wohnung zu entrümpeln oder mit Trainings das Verhalten zu ändern. Wichtig ist das kognitive und emotionale Verständnis für die in der Kindheit erlittenen Entbehrungen, die die (oft fatalen) Lösungsversuche des Erwachsenen als „Notlösungen“ sinnhaft und verständlich machen.

Der nachhaltigste und wirkungsvollste Weg zu diesem Verständnis ist aus Rehbergers Sicht die Therapie. Aber allen, die diesen Weg (noch) nicht wählen (es gibt auch nur wenige spezialisierte Therapeut*innen), gibt Rehberger wertvolle Hinweise, die eine Annäherung an die eigene Lebensgeschichte und ein Verständnis für die Störung ermöglichen.

Die Erkenntnis, auch die in der Therapie gewonnene, führt aber nicht automatisch zu einer Verhaltensänderung. Hierfür ist ein Umlernen nötig, ein ständiges Wiederholen kleiner Schritte, ein tausendfaches Einüben, zu dem Rehberger ermuntert. Im zweiten Teil des Buches hat die Leser*in zunächst die Möglichkeit, ihre persönlichen „Notlösungen“ zu identifizieren. Dann gibt Rainer Rehberger für die verschiedenen „Notlösungen“ ganz praktische Hinweise, wie in immer wieder geübten kleinen Schritten eine Veränderung und Besserung zu erreichen ist. Wie jedes Umlernen ist dies mühselig, aber bei Beharrlichkeit auch erfolgreich. Rehbergers kleine Schritte haben wenig gemein mit den „Entrümpelungs“-Bestsellern. Deren Techniken können gelegentlich hilfreich sein, aber wichtiger ist der neu zu gewinnende Zugang zu den eigenen Gefühlen wie Ärger und Trauer, der neu zu gewinnende Zugang zum „Wollen“ statt „Müssen“ und das schrittweise Wagnis neuer Formen von Bindung und Beziehung zu anderen Menschen.

Im dritten und letzten Teil des Buches schildert Rehberger dann (wie schon im Buch „Messies, Sucht und Zwang“) Lebens- und Fallgeschichten, die noch einmal verdeutlichen, was er im ersten Teil des Buches geschildert hat.

Fazit

Rehbergers Buch ist sensibel und respektvoll. Es verharmlost nicht, aber öffnet den Weg zum Verständnis der eigenen Störung als „Notlösung“ und macht Mut zu beharrlichen und immer wieder einzuübenden kleinen Veränderungen in Einstellung und Verhalten, die das Leben schrittweise leichter, echter und schöner machen.

Das Buch ist uneingeschränkt sowohl den Betroffenen als auch der Fachöffentlichkeit ans Herz zu legen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkt "Beruf und Burnout-Prävention"
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 26.09.2017 zu: Rainer Rehberger: Selbsthilfe für Messies. Ursachen verstehen - Änderungen wagen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2013. ISBN 978-3-608-86033-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/22935.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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